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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-24 · 26 (24.6.1892) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 456 ^österreichische Wochenschrift. Nr. 36 die Kunden mit vielleicht etwas übertriebenen Armbewegungen und mit der Haltung eines Mannes zu schaffen, der es liebt, die Vorzüge seines Körpers ins hellste Licht zu setzen. Außer ihm wirkten noch zwei Gehilfen hier; allein die ihm reicher scheinenden Kunden bediente er selbst mit einer widerwärtigen, ouchringlichen Höflichkeit, indem er von Politik schwatzte und iu kecker Weise nach dem Gange der Geschäfte oder um dem Gesundheitszustand der Kunden fragte. Im Hintergründe des Ladens saß, so früh am Morgen oder spät Abends man auch kommen mochte, an der erhöhten Caffeeine kleine schwächliche Frau mit bonnenhafter Haltung, die aber ihre bescheidenen Functionen einer Cassierin mit einem resignirtem Eifer erfüllte und von ihrem Platze aus die-Bewegungen ibres „schönen Mannes" mit Blicken wahrer Anbetung verfolgte. An ihren knotigen Händen mit den zerstochenen Fingerspitzen crkmnte man, daß sie in der Zwischenzeit auch die Küche besorgte und noch in der Nacht beim Lampenlichte mit Näharbeit sich beschäftigte. In der That, diese kleine Frau war die Seele des Hauses, das Räderwerk und der leitende Geist des kleinen Geschäftes. Ihr Geschmack war es, der den Luxus des Schaufensters, die zwei mit Blume» bekränzten Wachsbüsten so arrangirte, daß sie die Aufmerksamkeit des Vorübergehenden wachriefen. Nur dieses sanfte anmuthige Wesen konnte die Kunden mit der geckenhastigen Figur des Mannes versöhnen. Aber sie hatte für die jüdischen Kunden noch eine andere Anziehungskraft — sie war eine Jüdin, und sie besuchten diesen Laden dem Stammesgefühl zu Liebe, obwohl die Figur und das Wesen des Mannes den ungünstigsten Eindruck auf sie machte. Daß sie Jüdin war, hatte sie das Glück zu verdanken' den stattlichen Friseur zum Manne bekommen zu haben. Sie war nicht häßlich und hatte auch einige hundert Gulden, die sie sich während mehrerer Dienstjahre ersparte; aber der schöne arische Jüngling heiratete an ihr doch nur die Jüdin. Er speculirte, sich in einem Judenviertel zu etabljren und die jüdische Frau sollte die Zugkraft für die jüdischen Kunden sein. Und in der That war es so. Nur dauerte es nicht lange. Gerade wie am Freitagnachmittage sämmtliche Kunden des Ladens Juden waren, waren es am Samstagnachmittage wieder lauter Arier, und alle Splendidität jener vermochte nicht, ihn davor zurückzuhalten, mit diesen zu sympathisiren, wenn er mit ihnen allein war. So wurde er in die antisemitische Bewegung, die in diesem Bezirke besonders hoch ging, hineingezogen. Zuerst ließ er seinen Judenhaß seiner Frau fühlen, die ihr Martyrium geduldig ertrug, daß es nur für diejenigen Kunden erkennbar war, die das bleiche Gesicht studirten. Er fing an, mit ihnen zu „jüdeln". Und obwohl dies von jeher das sicherste Erkennungszeichen eines Judenfeindes ist, waren vorerst doch nur wenige seiner jüdischen Künden so feinfühlig, davon verletzt zu sein und dieses Local nicht mehr zu betreten. Aber mit zedem jüdischen Kunden, der ihm ausblieb, wuchs sein Judenhaß. Und er verflieg sich einmal zu der Brutalität, einem polnischen Juden eyte der Schläfenlocken qbzuschneiden. Der Lärm des in seinen Eigenheiten so Verletzten verursachte einen Zusammenkauf. Der Friseur hatte in dem Gejohle der Antisemiten den Lohn seiner Bravour. Aber von dieser Stunde an war sein Laden von Juden im Allgemeinen gemieden. Nur Einige, die wir in demselben Hause wohnten,' ließen uns von dem Interesse für die arme unglückliche Frau bewegen, hie und da diesen Laden noch zu besuchen. Als ich das letzte Mal dahin kam. fand ich, daß der Laden eine ungewohnte Physiognomie aufwies. Trotz der anscheinenden Ordnung der Flacons, der Bürsten und Känime, die sich alle an ihrem gewohnten Platze befanden, war der allgemeine Anblick des Lokals doch ein anderer als gewöhnlich; es mußte etwas in demselben geschehen sein, was die Atmosphäre desselben veränderte, und ich weiß nicht, warum ich ein Unglück ahnte. Trotzdem aber befanden sich die beiden Gehilfen an ihrem Platze, jeder mit einem Kunden beschäftigt und _auch die kleine Frau saß an ihrer gewohnten Stelle regungslos, die Ellbogen auf den Zohltifch gestützt, vor ihrem Hauptbuche. Aber sie befand sich heute nicht allein, eine zweite Frau saß neben ihr, älter als sie, iu eleganter Toilette, modisch frisirt und die Finger mit Ringen geschmückt. Ueber die kleine Frau gebeugt, flüsterte sie ihr mit einer fetten Stimme leise Worte zu, die Keine Frau aber, deren Augenlider vom Weinen geröthet waren, hörte ihr mit einem verhärmten Zuge um den Mund zu und war todtenbleich, wie eiue Deliquenttn vor der Hinrichtung. Ich erkannte in der Dame mit der eleganten Frisur die Frau eines Antisemitenführers im Bezirke. Ferner erschienen von Zeit zu Zeit Nachbarn mit bestürzt thueuden Gesichtern in der Thüröffnung und warfen einen Blcck in den Laden ohne einzutreten. Sie begnügten sich mit einer stummen Frage an einen der beiden Gehilfen. Dieser nickte mit dem Kopf und sie zogen sich zurück, während man sie draußen mit einander flüstern und zischeln hörte. Endlich hielt ich es nicht mehr aus und fragte den Gehilfen, der sich über meinen Kopf machte, was denn hier vorgehe? Er neigte sich zu meinem Ohre herab und flüsterte mir zu: „Wie, Sie wissen nicht? Der Herr ist abgereist." „Abgereist?" „Ja, schon Montag." „Das sind also bereits vier Tage und fünf Nächte." „Er ist mit einem Frauenzimmer durchgegangen, mit der Bonne der Frau... ., die Sie sicher kennen." Ich war sehr überrascht. Nun begriff ich Alles. „Und seine Frau, seine Kinder?" fragte ich entrüstet. „Die hat er zurückgelaffen. Er hat den Streich schon lange geplant; er hat bereits früher Alles fortgcschleppt: seine Kleider, seine Papiere; am Montag hat er nur noch selbst fortzugehen gebraucht; er ist fortgegangen, als ob er nie hieher gehört hätte. Und nicht nur die zweihundert Gulden hat er mitgenommen, die sich in der Kasse befanden, sondern auch dreihundert Gulden, die er von dem Manne der Frau, die dort droben sitzt, und weitere dreihundert Gulden, die er von dem Kaufmaune nebenan erst jüngst entlehnte. In diesem Augenblicke trat dieser Kaufmann in den kleinen Laden. Es ist dies ebenfalls ein bekannter enragirter Antisemit. Zwischen ihm und den beiden Frauen entspann sich ein leises nervös geführtes Gespräch, von welchem ich nur einige Bruchstücke verstand, wie: „Haben Sie bereits die Anzeige bei der Polizei gemacht?" .... „Es ist ein gemeiner Betrug. ... Er ist ein wirklicher Verbrecher, ohne mildernde Umstände. . . . Mau wird seine Auslieferung verlangen können...." Sie aber, die arme, gepeinigte Frau, die verlassene Mutter hatte während dieser entsetzlich geschäftlichen Unterredung den Blick, wie flehend nach eiiuiu Punkte ins Leere gerichtet. Oh wie leicht war es diesen herzlosen Leuten, anzuklagen, zu beurtheilen, die Gerichte gegen ihn anzurufen, der ihr mehr als ihr Leben und ihr Vermögen geraubt hatte, da sie ihn noch immer liebte und er ihr Herz, ihr Fleisch und Blut war. Der Schmerz der Frau rührte mich, aber er ging auch noch dem zweiten Kunden, der sich noch im Laden befand, zu Herzen, zur Ehre der Menschheit sei es gesagt, obwohl er auch ein Arier war. Soeben war der Gehilfe mit ihm fertig geworden. Er stand von seinem Sessel auf und trat zur Kassa hin: „Lassen Sie doch die arme unglückliche Frau in Ruhe. Geben Sie die Wechsel her, ich zahle sie sofort aus, und die Frau soll mir das Geld znrückgeben, wann sie es haben wird. Ich kann Ihre Herzlosigkeit nicht begreifen. Zuerst haben Sie den Mann zu dem gemacht, was er geworden ist, zum Lumpen, der sein Geschäft vernachlässigte, der seine Kunden vertrieb, der seine Frau haßte, die ihm zu Liebe ihren Stamm verließ, der seine Kinder dem Elende preisgab, und jetzt verurtheilen Sie ihn, weil er Sie um einige lumpige paar Gulden betrogen. Wgnn werden den Verführten die Augen aufgehen, ihre Verführer zu erkennen?" Während dieser von moralischer Entrüstung getragenen Rede, öffnete er eine Brieftasche, entnahm derselben sechs Stück Hundertgulden-Noten, händigte sie der armen Frau ein, ihre Gläubiger zu begleichen und entfernte sich. Die arme unglückliche Frau schluchzte und der antisemitische Kaufmann und die antisemitische Dame mit der eleganten Frisur sahen sich gegenseitig verwundert an, fanden aber nicht den Muth zu reden. ... Ueber dem Friseurladen steht noch immer die alte Firma. Das Geschäft geht glänzend. An jedeni Freitag Nachmittags ist das Lokal wieder gedrängt voll — aber, aber an der unglücklichen Frau zehrt doch der Kummer der Vereinsamung und der Enttäuschung in dem Glauben an den Mann, dem sie Alles geopfert.

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