Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 26 (24.6.1892)
- Date
- 1892-06-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 450 Vryrrrrktztsthr Worheuschrist. Nr 2« Ein Lärm, wie in einer Iudenschule. Seit frühester Zeit verwendeten bekanntlich die Inden auf die Erziehung und den Unterricht der Jugend die größte Sorgfalt. Bei den alten Griechen waren es die Sclaven, welche den Unterricht versehen mußten, bei den Juden hingegen unterzogen sich die ausgezeichnetsten Gelehrten mit Liebe und Eifer dieser mühevollen Aufgabe. Nicht nur zur Zeit, als die Juden in ihrem eigenen Lande lebten, sondern auch im Exil wurde das Studium der Gotteslehre trotz aller Drangsale auf's Eifrigste betrieben. Um die hervorragendsten Schristgelehrten fchaarten sich wißbegierige Jungen, um aus dem unerschöpflichen Born der Thora zu schlürfen. Daß es in diesen Rabbinerschulen bei den Disputationen in der Hitze des Wortgefechtes mitunter sehr stürmisch zuging, ist wohl leicht zu begreifen, denn der Eine wollte seiner Meinung nach durch's Schreien mehr Geltung verschaffen, der Andere wieder durch's Poltern und Gesticuliren, kurz alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, um seinen Gegner zu capacitiren. Tüchtige, namentlich im Talmud sehr bewanderte Rabbiner verließen eine solche Schule, uns bekannt unter dem Namen: „Jeschibah", welche aber in neuester Zeit in wohlorganiflrte Rabbiner-Seminare umgewandelt werden. Auch für den Unterricht der zarteren Jugend wurde seit jeher bei uns Juden gesorgt. Sobald sich mehrere Juden in einem Orte angesiedelt, wurde jemand mit dem Unterrichte der Kinder betraut. Die Eltern selbst konnten nicht erfüllen das Gebot: „Dw sollst die Lehre einschärfen deinen Kindern, wenn du sitzest zu Hause.... da sie zumeist während der ganzen Woche auf dem Wege waren, und erst Freitag vom Hausiren nach Hause kamen. Freilich ließen in damaliger Zeit nicht nur die Methode, sondern auch die Schul-Localitäten vieles zu wünschen übrig. In einem kleinen Stübchen (Cheder) saßen die Kleinen eingepfercht. > Das eine Kind fing erst zu lesen an, das andere konnte schon buchstabiren, das dritte lernte Bibel, das vierte Talmud, kurz so viele Kinder, so viele Klaffen. In einem Zimmer so viele Klaffen zu beschäftigen und dabei noch Disciplin zu erhalten, war ein Ding der Unmöglichst, zumal die Pädagogik dazumal noch in den Windeln lag. So war in der Judenschule immer ein Heidenlärm. Und nur in der Judenschule war ein solcher Lärm, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil im ganzen Orte keine andere Schule existirte. Während die Bauernburschen tagsüber je nach ihrem Alter Gänse, Schafe und Kühe weideten, saßen die Judenkinder von Früh bis Abend in der Schule. So kam es häufig vor, daß im ganzen Orte Niemand, nicht einmal der Richter seinen Namen unterschreiben konnte, das ärmste Judenjüngel aber des Schreibens und Lesens kundig war. Diese so vielfach verlästerten und geschmähten Judenschulen, in denen das Hauptgewicht auf das Hebräische gelegt wurde, waren von größter Tragweite für das Judenthum. Einer der Hauptsactoren, welcher dazu beigetragen, daß das Judenthum sich bis auf den heutigen Tag erhalten, und nicht aufgegangen m den andern Völkern, war, wie unsere Weisen sehr treffend bemerken, daß die Juden die hebräische Sprache gepflegt und erhalten haben, denn die hebräische Sprache war der einzige geistige Kitt, welcher alle Juden, wenn auch zerstreut in allen vier Enden der Erde, zusammengehatten. Mit dem Jnslebentreten von öffentlichen, geregelten Schulen in netterer Zeit, war es auch in erster Reihe die jüdische Schule, welche in einem solchen Maße den Anforderungen der Neuzeit entsprach, daß in vielen größeren Städten, wo drei confeffionelle Schulen bestanden, u. zw. eine katholische, eine protestantische und eine jüdische Volksschule, die intelligenteren Katholiken und Protestanten ihre Kinder in die jüdische Volksschule schickten. Diese Eltern hatten gewiß ihren guten Grund, warum sie ihre Kinder in der Judenschule unterrichten ließen: Wenn nun die Antisemiten es sogar wagen, Hand zu legen, an eine der größten Errungenschaften unserer Zeit, die Neuschule, und » tous prix die Kinder nach Confessionen getrennt unterrichtet wissen wollen, so hätten wir Juden am allerwenigsten dabei zu verlieren. Philipp Kun. (l^m'responäenLen. Wie». (Zum Slama") Der frühere Gemeinderath Herr Slama theilt uns in einer Zuschrift mit, daß die in unserem Berichte, betreffend seine Erkrankung, angegebenen Umstände in vielen Punkten einer Richtigstellung bedürfen, und daß auch seine Erkrankung nicht derart ist wie sie, allerdings auf Ausstreuungen antisemitischer Parteigenossen, mitgetheilt worden. Herr Slama leitet seine Goldkettenfabrik seit 25 Jahren, in letzter Zeit allerdings im reduzirten Maßstabe. Als Eigenthümer des Hauses Stolz ent Haler gaffe 5 besitzt er noch Vermögen genug, um sein Geschäft in anständiger Weise fortführen zu können, ohne von Jemanden abhängig zu sein. Sein Gemeinderaths-Mandat legte er zurück und sagte sich von der Antisemitenpartei los, deren Treiben zu durchschauen er genugsam Gelegenheit gehabt hat. In der That war es ein antisemitischer Gemeinderath, welcher, zweifellos aus Aerger über die Absage Slama's die Gerüchte über das ungünstige körperliche Befinden und die unsichere finanzielle Situation des Herrn Slama in Umlauf gebracht hat, von welchen auch die „Oesterreichische Wochenschrift" Notiz genommen. Herr Slama spricht sem lebhaftestes Bedauern darüber aus, jemals mit den Antisemiten Gemeinschaft unterhalten zu haben. Diese Erklärung, an deren Aufrichtigkeit wir nicht zweifeln wollen, nehmen wir mit aller Befriedigung zur Kenntniß und können nur wünschen, daß das Beispiel Slama's eifrige Nachahmer fiuden möge. Wien. Ein „jüdischer Schwindler" unter dieser Ueberschrift bringt das „Deutsche Volksblatt" am 18. d. M., eine Notiz über August Bretter, welcher dieser Tage nach Verübung von Betrügereien Wien den Rücken kehrte. Mit welcher bodenlosen Frechheit dieses Blatt jeden Schwindel, den Juden in die Schuhe schiebt, ist Ihnen wohl bekannt, und es ist ein Trost darin, daß es noch unparteiische Blätter gibt, die eine solche Lüge in geeigneter Weise zu brandmarken wissen. Jener Schwindler, diente im Jahre 1875 bis 1876 mit mir im k. k. 28. Lin.-Jnft.-Regiment Ritter v. Benedeck, sowohl in Wien, als auch in Budweis in der Charge eines Cadet- Offiziers-Stellvertreter und ist damals C h r i st gewesen — dürfte seitdem kaum zum Judenthum übergetreten sein. Derselbe wurde auch damals aus dem Militärverbande wegen diversen unzukömmlichen Sachen entlassen. Hochachtend A. Steiner III., Hauptstaße 109. Wien, 19. Juni. (Kathrein, Steinwender und Jokai.) Die vorletzte Nummer des Psenner'schen „Volksfreund" fällt wieder über Dr. Kathrein und Dr. Steinwender her. Dem Tiroler Abgeordneten wird der Orden vorgehalten, der ihm jüngst verliehen wurde, und eine „Politik der Ohnmacht und würdelosen Selbstentäußerung gegenüber jedem Winke der Regierung" zum Borwurfe gemacht. Steinwender wird nicht nur der Unfähigkeit zu einer führenden Rolle geziehen, sondern auch der Sucht „von der Regierung einen fetten Bissen zu erhaschen". Ueber Jokai ist das Organ der rumänischen Jrredentisten empört, weil er anläßlich des Krönungsjubiläums im „Nemzet" einen schwungvollen Artikel veröffentlicht hat, in welchem der Satz vorkommt: „Der Geschichtsschreiber wird mit den Namen Franz Josef I. und Elisabeth das Zeitalter bezeichnen, in welchem Ungarn neugestaltet und kräftig gemacht wurde, und ihr Name wird gesegnet sein, so lange ein Ungar lebt." Das muß an dem berühmten Schriftsteller gerächt werden, und so tischt denn Psenner neuerdings die schon oft widerlegte Lüge auf, daß Maurus Jokai ein Jude sei, der ursprünglich Moses Jokl hieß, und bezweifelt die Aufrichtigkeit dieses „Zeitungsjuden". Die Antisemiten machen nicht nur aus Verbrechern und Narren, sondern auch aus bedeutenden Männern, wenn ihnen dieses gerade paßt, Juden. Nicht nur Ravachol und Louise Michel, sondern auch Garibaldi, Mastai-