Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 26 (24.6.1892)
- Date
- 1892-06-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 26 Vrkrrrriltzijrhe Wortzrnfchrifi. Seite 449 um mit Dr. Stöcker zu reden, „Juda um ein Jahrtausend in sein verdientes sociales und polnisches Nichts zurückgeschleudert werden." Die Antisemiten hatten damals starke Worte. Die Reflexe, welche die Afsaire von Tißa-Eszlar damals ip einem Centrum der Civilisation, im! och gebildeten Deutschland erzeugte, sind eigentlich weil interessanter als die Vorgänge in Ungarn. Zwei Saisonen kennt man in Tißa- Eszlar, den Winter, wo man Schuhe trägt, und die unbeschuhte Saison, den Sommer. Und dieses unbeschuhte Volk von Tißa-Eßlar erscheint noch immer gemäßigt, besonnen, tolerant neben den Stimmführern in Berlin, neben dem Hofprediger Dr. Stöcker, neben dem Minister von Puttkammer, der einen heuchlerischen Brief an den Vorstand der Berliner israelitischen Gemeinde, den Geheimen Commerzienrath Mayer Magnus schreibt und in seiner Loge den Versammlungen des Tr. Stöcker beiwohnt, damit der Antisemitismus von Oben sich ermuthigt und gekrästigt fühle. Damals sprach Dr. H e n r i c i in einer Berliner Volksversammlung : „Mag es biegen oder brechen, wir weichen und wanken nicht, bis wir den Fuß vom Nacken herunter gestoßen, bis wir die Juden mit ihrem blutigen Schächtermesser in den Staub geworfen haben, in den sie gehören." Auf dem antisemitischen Congreß aber donnerte der Ungar Simonyi noch stimmkräfüger: „Die Juden verhängen ihre Absichten mit den Lumpen und Papieren der Wechsler und mit den bluttriefenden Röcken der Rabbiner." In Volksversammlungen und im Parlamentsfälen, in Büchern und Zeitungen wurde die öffentliche Meinung bearbeitet, ein aus der Phantasie gemaltes Bild der Esther Solymosi sogar wurde von Onody nach Deutschland gebracht, bis man endlich in den Gerichtssaal von Nyiregyhaza gelangte. Und nun entwickelte sich ein Bild, das in vielen Zügen an die Gerichtsverhandlung erinnert, welche Baron Joses Eötvös in seinem „Dorfnotar" schildert. Nur bewegen sich die Dinge in größerem Stil und handelt es sich hier um die Ehre des Judenthums und nicht nur um das Schicksal einer kleinen Compagnie, die aus einem Juden, einem Zigeuner, einem Räuber und dem biedern Dorfnotar sich zusammensetzt. Willkür, Terrorismus, der Uebermuth der Gentry, die Unterdrückung des Gerechtigkeitsgefühles überragten jedoch 1882 die Erfahrungen, welche Baron Eötvös vor dem Jahre 1848 zu sammeln Gelegenheit hatte. Vor einem Comitatsgerichte also, von der Beschaffenheit, wie Eötvös es schildert, sollte das Schicksal des Judenthums entschieden werden. Das Buch des Paul Nathan gewinnt ein packendes Interesse; auch Derjenige, der den Prozeß in seinen Details verfolgt hat, gewinnt selbst bei einem guten Gedächtnisse Mts dem Buche neue Aufschlüsse, neue Lichter. Der Verfasser malt gut, treu, ist zugleich ein tiefer Psycholog und ein scharfsinniger Beurtheiler aller Erscheinungen, die mit dem Prozesse im Zusammenhänge stehen. Manches macht jetzt einen humoristischen Eindruck, was vor neun Jahren uns in Aufregung versetzte. Bor unseren Augen vollzieht sich die Wandelung; Vertheidiger und Staatsanwalt werden von den Antisemiten insultirt und bedroht, dann sehen wir wie die Antisemiten immer kleiner werden, wie ihr Protector, der Justizminister Dr. Pauler immer mehr den Boden verliert, bis endlich die Wahrheit den Sieg erringt und die Freisprechung erfolgt. Zu den interessantesten Figuren gehören die Juden von Tißa- Eszlar, gehört namentlich der Knabe Moriz Scharf, der Sohn des Schächters, der durch einen Gerichtsbüttel zu seiner Zeugenschaft erzogen worden war. Dieser unreife Knabe, der als ein Ausbund der Lasterhaftigkeit und Ruchlosigkeit sich präsentirte, war der Hauptzeuge im Prozesse. Ein verwahrloster Judenbube sollte als Werkzeug dienen zur moralischen Vernichtung einer Religion, aus welcher das Christenthum hervorgegangen?) Die armen *) Interessant ist der traurige Ausgang, den beinahe sämmtliche Acteure dieses Processes schließlich gefunden haben: Der königliche Staatsanwalt B o t h, welcher die folgenschwersten Ungesetzlichkeiten im Laufe der Untersuchung eingeleitet hat und für die Auslieferung des Knaben M. Scharf an den Häscher Peczel y hehuss Dreffirung zur Zeugenaussage in erster Linie verantwortlich Juden von Tißa-Eszlar sollten dafür büßen, daß die Juden in den civilisirten Staaten sich eine soziale und politische Stellung errungen hatten. Paul Nathan ist im Rechte, die bodenlose Unsittlichkeit, der Verbrecher-Charakter des Antisemitis- Mtts wird durch diesen Prozeß aller Welt klar gemacht. Wir aber fragen: „Wo stehen wir?" Gegenüber jenen Strömungen und Stimmungen, wie sie vor neun Jahren herrschten, ist unbedingt ein Fortschritt zu verzeichnen. In Ungarn ist der Antisemitismus wenigstens politisch ein überwundener Standpunkt; in Deutschland ist Stöcker seines Amtes entkleidet und man weiß in Deutschland wie in Oesterreich, daß der Antisemitismus nur noch die Bestimmung hat, die Massen für den Anarchismus vorzubereiten. Die Sittenlosigkeit der einzelnen Stimmführer steht in Uebereinstimmung mit der Unsittlichkeit des ganzen antisemitischen Bekenntnisses. Aber auf mancherlei Ueberraschungen müssen wir gefaßt sein. Das antisemitische Dynamit zur Zersprengung und Zerklüftung des bitduugsfreundlichen Bürcerthums hat sich einigermaßen bewährt und den rückwärtsstrebenden, bürcerfeindlichen Parteien bildet es eine starke Verlockung, gerade weil ihnen jeder Glaube und jede Sittlichkeit fehlt, appelliren sie gern an den religiösen Fanatismus und an das religiöse Vorurtheil. Das Judenthum hat aber nicht nur die Psticht, seine Ehre zu vertheidigen, sondern auch Angesichts einer duntln und verhängnißschweren Zukunft den Glauben an das Hohe und Gute in seiner Mitte zu bewahren. Das Buch, „der Prozeß von Tißa-Eszlar" hat als Einleitung eine Abhandlung, welche sich mit dem Freiherrn von Wackerbrath-Lindrrode beschäftigt. Der Genannte hat in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 19. März 1892 mit Bezug auf die Vorränge in .1'anten eine Rede zur Auffrischung des Blutmärchens gehalten. Die interessante und wissenschaftlich gediegene Abhandlung unseres Autors würde eine Besprechung für sich verdienen. In dem Kampfe um die Wahrheit behauptet das Buch Paul Nathans einen Ehrenplatz. Es sei Allen, die mit den Zeitfragen in Berührung bleiben, ein deutliches Bild ihrer Zeit sich zum Bewußtsein bringen wollen, auf das Wärmste und dringlichste empfohlen. ist, erschoß sich noch während der Untersuchung, u.;w. wegen Unregelmäßigkeiten in seiner Handcassa. Adamovics, der kath. Geistliche von Tißa-Eszlar, von dem die dortige Blutlüge ersonnen, im Volke genährt und weiter verbreitet wurde, starb in seinem 44. Lebensjahr an einer langen, qualvollen Krankheit einige Jahre nach demFiasco.— Der SicherHeits-Commiffär Georg Bay der gelegentlich dieses Processes alle Schrecken mittelalterlicher Torturqualen heraufbeschworen, eine wahre Hünengestalt, insultirte nach dem Processe den kleinen und schwächlichen jüdischen Vertheidiger Tr. Henmann auf offener Straße, was ein Duell nach sich zog. in dem jener Goliath so arg zugerichttt wurde, daß er auf einem Wagen vorn Kampfplatz geführt werden mußte. Zwei Jahre später starb er an den erlittenen Verletzungen. Als Ursache der Jnsultirung des Advocaten Heumann gab Bay an, daß er dem „JudenAdvocat gerne die Nasenspitze abhauen möchte". — Er war eben ein vorzüglicher Fechter. Dr. Heuman blieb unverletzt. Sein Spießgeselle, der andere Häscher, (vulgo Recsky Bandi.) Sicherheilskommissär Andreas Recsky der mit der Peitsche die Zeugen präparirte, wurde vor fünf Jahren wahnsinnig und einige Monate nachher zum Selb st Mörder. P ä c z e l y, bei dem der kleine Moriz Scharf bis zn seiner Einvernehmung in Verwahrung blieb und von dem er zur falschen Zeugenschaft gegen seinen Vater präparirt wurde, entleibte sich. Maurer, der damalige Redakteur des Localblattes in Nviregyhszü (Sitz des urtheilenden Gerichtshofes), der durch seine Hetza.tikel gegen die Juden den Gerichtshof terrorisiren wollte, starb als sehr junger Mann Ende der 8ver Jahre. B e r h o d a y, der damals das berüchtigte antisemitische Tagblatt: Függetlenssg redigirte und jenes Provinzblättchen in der journalistischen Klopsfechterei übertreffen wollte, verwendete bekanntlich ein Jahr nach dem kläglichen Ausgang des Prozesses die in seiner Redaktion eingeflossenen Spenden zur Repatriirung der Csängomagyären — für seinen eigenen Säckel. Er wurde oerurtbeilt. eingesperrt und als er nach einigen Wochen das Gefängnis verließ, betrieb er eine Zeit lang ein Wirthsgeschäst.