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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-24 · 26 (24.6.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 448 Orstrrrrichischr Wochrnschrist. Nr. 36 die hebräische Bibel, das alte Testament; denn wer den religiösen Aufbau des Judenthums kennt, weiß, daß jede wichtige Satzung einen Anhaltspunkt in der Bibel hat und daß, was in der Bibel verpönt ist, unmöglich zu rituellem Akte gestempelt werden kann. Selbst der Genuß von Thierblut ist in der Bibel aufs Strengste verboten und dieses VerLot wird dadurch als allgemein menschliches Gesetz dcklarirt, daß es in die Urlegenden der Menschheit zurück verlegt wird. Wie konnte man also dem Judenthum die Büttfabel andichten? Dieses Märchen ist weiters widerlegt durch die Schriften des Neuen Testaments. Der religiöse Aufbau des Judenthums war damals schon abgeschlossen. Die Schriften des „Neuen Testaments" haben gegenüber dem Judenthum einen polemischen Charakter. Es ist doch gewiß, daß der Apostel Paulus, der sich selber einen „Pharisäer und eines Pharisäers Sohn" nennt, und daß die anderen aus dem Judenthum entsprungenen Autoritäten des „Neuen Testaments" eine genaue Kenntniß des Judenthums hatten. Glaubt man, daß die Evangelisten und Apostel schonungsvoll genug gegen die Mutter Religion gewesen wären, um den rituellen Mord todtzuschweigen? Die Pharisäer, die Bewahrer der jüdischen Tradition, werden doch sonst übel genug behandelt; man hätte ihnen doch gewiß nicht die schwerste Anschuldigung geschenkt, die man gegen sie hätte vorzubringen vermögen. Der Talmud und die kabbalistischen Schriften sind der christlichen Welt seit Jahrhunderten kein Geheimniß; aber gerade die größten christlichen Autoritäten, unter chnen Martin Luther haben gegen das Blutmärchen Zeugniß abgelegt. Aber das Alles hatte für die Anüsemiten keine Bedeutung. Gerade die Judengemeinde in Tißa-Eszlar hatte das Bedürfniß nach einem rituellm Mord empfunden. Es ist ausgemacht, daß vor dem Prozesse das gesammte Judenthum, die Nachbarn aus der Theißgegend ausgenommen, überhaupt keine Kenntniß von der Existenz Tißa-Eszlars hatten. Und diese unbedeutende Gemeinde wurde mit der gefährlichen Mission beauftragt, ein Ehrrstenmädchen einzufangen. Und da warteten sie bis wenige Tage vor Ostern ohne irgendwelche Vorbereitungen zu treffen bis der Zufall chnen die Esther Solimosy in die Hand führte. Und das ganze Judenchum wartete auf Sendung von Tißa-Eszlar und zwei Tage reichten aus, damit das Blut noch bis Adelaide und Melbourne in Australien, bis New-Pork und Chicago, bis Calcutta und Zentralasien verschickt werden konnte. Die ungarische Post hätte das nicht leisten können. Aber die Juden haben eine eigene Post; in Tißa-Eszlar hatten sie längst die-Geister Sabadiel, Erdakiel eingefangen und diese Geister laufen ungeheuer schnell. Man schämt sich wirklich der berghohen Dummheit, welche hier sich aufthürmte. Und dennoch wurde daran geglaubt, nicht nur von einer gedankenlosen Menge, sondern auch dort, wo man der Intelligenz sich rühmt, und einer vornehmeren Gesinnung. Wer beschreibt die Leidenschaftlichkeit, mit welcher damals die Blutfrage in Ungarn diskutirt wurde. Die besten Freunde entzweiten sich; eine ruhige Auseinandersetzung war zur Unmöglichkeit geworden. Nicht viel b^ser war es in Oesterreich. Man zuckte die Achseln; die Möglichkeit, meinte man, sei nicht in Abrede zu stellen, vielleicht existtre eine jüdische Sette, welche solche Geheimnisse habe. Es geschah damals, daß Palastdamen hohen Persönlichkeiten gegenüber sich respettswidng benahmen, weil ihr Aberglaube in verdienter Weise beurcheilt wurde. Ein General der Armee benützte sogar die Frecheit des Feldlagers, um an höchster Stelle den Fall zu Gehör zu bringen. Der kühne Versuch wurde durch eine energische Zurückweisung bestraft. Es ist begreiflich, daß auch in Deutschland, wo der Anttsemitismus sich mit großer Zähigkett behauptet, die Vorgänge in Tißa-Eszlar mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt wurden. Das Alles war möglich in unserem hochgebildeten kritischen Zeitalter, obwohl die Wahrheit ttar zu Tage lag und es nur geringes Nachdenken kostete, um das ganze Lügengewebe bis zur letzten Faser in seiner ganzen Nichtigkett zu durchschauen. Der Kampf um die Wahrheit, das ist der Beruf des Judenthums in den letzten Jahrzehnten unseres fottschrittsmächtigen Jahrhunderts. Wir würden der Wahrheit aus dem Wege gehen, wollten wir den Antheil verschweigen, den diese Zeitschrift und ihr Herausgeber an diesem Kampfe genommen haben. In dem Prozesse Rohling contra Bloch sah sich der Ankläger, Professor Rohling gezwungen, die Flucht vor dem Gerichte zu ergreifen, dessen Urtheil er' angerufen hatte. Er hatte an die Pforten des Gerichtssaals geklopft und schm wich er zurück, als die Pforten sich öffnen sollten. Das war eine wahre Ueberwindung und Vernichtung der Blutlüge, umso mehr als es sich hier um die Brandmarkung der Lüge selber und nicht um die Vertheidigung einzelner Personen in einem speciellen Falle handelte. Und wenn dennoch sogar im offenen Parlamente die Blutlüge immer von Neuem zur Sprache gebracht werden kann, dann ist dies, wie Paul Nathan richttg bemerkt, eine Mahnung, daß die Waffen nicht ruhen dürfen, daß in dem Kampfe um die Wahrheit ein Waffenstillstand oder Friede nicht eingetreten ist. Das Buch, „der Proceß von Tißa-Eszlar", beginnt im ersten Abschnitte mit einer allgemeinen Beleuchtung des Antisemitismus. Die Vorstellung des Verfassers hat keineswegs unsere unbedingte Zustimmung. Mag es auch dem wissenschaftlichen Standpuncte entsprechen, alle historischen Vorgänge aus den Gesetzen logischer Nothwendigkeit zu erklären, Willensfteiheit und persönliche Verantwortlichkeit demgemäß nach Möglichkeit einzuschränken, wir selber findm, daß diese Mendel; sohn'sche Mäßigung die Berücksichtigung mancher Thatsachen ausschließt, die nicht ignorirt werden dürfen. Was wollte es bedeuten, daß der hochgesinnte deutsche Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich, den. Antisemitismus auf das Entschiedenste verurtheilte? Einer herrschte damals in Deutschland und seine Autorität war gewaltig in Europa. Hätte der Hausmeister des deutschen Reichs, hätte der eiserne Kanzler rechtzeitig und ent-' schieden Stellung gegen den Antisemitismus genommen, die Bewegung wäre im Keime erstickt worden. Aber nahezu das Gegentheil ist geschehen; wenn man sagt, daß sich das aus der Bismarck'schen Weltanschauung, aus der Bismarck'schen Philosophie mit Nothwendigkeit ergeben müsse, dann haben wir weiter nichts einzuwenden. Auch in Rußland ist der Antisemttismus keine logische Nothwendigkeit, von Jgnatieff an-, gefangen, tragen Diejenigen die Schuld, welche im Gebrauche ihrer Gewalt oder ihres Einflusses nicht davor zurückschrecken, die Gesetze der Menschlichkeit mit Füßen zu treten. Klar zeigt der Verfasser, daß die von Deutschland ausgehenden antisemitischen Bewegungen äußerst verderblich auf Ungarn wirkten. In Ungarn waren noch manche locale Ursachen wirksam. Die Bedingungen der agrarischen Production hatten sich vollständig verschoben, der Kleinadel mußte der asiatischen Leichtlebigkeit und der asiatischen Freigebigkeit entsagen. Die gährende Unzufriedenheit suchte sich in 'irgend einer Weise Luft zu machen. Was war noch vor dem Jahre 1848 der Jude gegenüber einem Landedelmann? Und jetzt spielte mancher Jude den, Cavalier und hatte die Mittel dazu, während der Erbe eines' alten Geschlechtes das letzte Silbergeräth aus dem Hausschatze verpfänden mußte. Auch gibt es in Ungarn immer Leute, welche eine politische Veränderung anstreben, um selber in die Höhe zu kommen. Man hatte den Orientkrieg zu den großartigsten Demonstrationen benützt, ohne ein Resultat erzielen zu können. Jetzt griff man zur antisemitischen Bewegung als zu einem letzten Mittel. Eine Situationsskizze von Tißa-Eszlar ist dem ersten Kapitel vorangestellt. Wir sehen den Hof des Onody, des Hauptagitators in der ganzen Affaire. Wir finden auch das Haus^es Kramers Kohlmann im Dorfe Ofalu, wo Esther Solymosi zum letzten Male gesehen wurde. Die Straße führt an der Hutweide vorbei nach Tißa-Eszlar: auf der linken Seite der Straße befindet sich die Synagoge und das Haus des Schächters Scharf; nicht weit vom Dorfe erstreckt sich der Theißdamm und daneben fließt die Theiß. Die ganze Puszta wird uns gegenwärtig mit ihrer Einsamkeit und Abgeschlossenheit, wenn auch der Blick inS Weite schweift und der Horizont ins Endlose sich dehnt. Von diesem Pusztawinkel aus sollte eine politische und sociale Umwälzung*ins Werk gesetzt, sollte,

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