Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 26 (24.6.1892)
- Date
- 1892-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020926--01470-3025512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 Vrstrrreichischr Wochenschrift. Seite 447 Ahlwardt in's Gesicht sage, wie die deutschen Juden so eifrige Patrioten seien, daß ihr Einfluß auf die Bank von Frankreich eine Gefahr für den Kriegsschatz der Republik darstelle! Dem Rector Ahlwardt bliebe dann, um seinen Pariser Gesinnungsgenossen zu widerlegen, nichts Anderes übrig, als sich auf jenen deutschen Doctor zu berufen, der kürzlich ein zwanzig Druckbogen starkes Buch geschrieben hat, um davguthun, daß Bismarck ein ganz gewöhnlicher Judenknecht sei, der sich anno 1871 nur deshalb mit einer französischen Kriegsentschädigung von blos fünf Milliarden begnügt hätte, wiewohl Frankreich auch das Doppelte zu zahlen bereit gewesen wäre, weil — nun, weil er und sein Freund, der Jude Bleichröder, ganz gut ihre Rechnung dabei gefunden hätten, wie dies Niemand bezweifeln könne, der über den Umfang des Vermögens dieser beiden Accapareurs auch nur annähernd richtige Vorstellungen habe. Wahrlich, die Worte, die ein edler Unmuth dem Pariser Advocaten Waldeck- Rousseau anläßlich des Processes gegen Drumont auf die Lippen gegeben, sie haben volle Geltung auch auf die Antisemiten anderer Länder: „Es gibt Leute, welche Romane, Andere, welche Philosophie, wieder Andere, welche Geschichte machen. Was Herrn Drumont betrifft, so macht er Verleumdung. Er beutet den niedrigsten Trieb aus, den es in der menschlichen Natur gibt, das Glorreiche zu verunglimpfen und das Reine zu besudeln. Bon seinem Vaterlande hat er ein Gemälde entworfen, als wäre es der abscheulichste Ort ans Erden; und es gibt keinen ehrwürdigen Menschen in unserer Epoche, aus dem er nicht einen Missethäter zu machen versucht hätte." Jawohl, dieses vernichtende Urtheil paßt auf das antisemitische Gesindel in Wien und in Berlin ebenso gut, wie auf dasjenige in Paris. Es ist überall dasselbe Lumpenpack und allenthalben hat es die gleiche Sorte von Gönnern. An der Donau fälschen sie Stampiglien, an der Spree Gehaltsanweisnngen apf unbehebbare Bezüge. In Wien spielen sie sich als Anwälte des kleinen Mannes auf und bethätigen sie ihre Beschützergroßmuth, indem sie ihre wucherischen Expensnoten durch Feilbietung des letzten Bettkissens ihrer Opfer eintreiben lassen. In Paris wühlen sie gegen d:e innere Festigkeit des heimatlichen Staates, zerrütten sie consequent den socialen Frieden der eigenen Nation, um beständige Reclame zu haben für ihre Scaudalbücher, deren Erträgnisse sie in den Stand setzt, ein wüstes Sybariienleben zu führen. In Berlin ist die Gestalt eines Bismarck, der die deutsche Einheit gemacht, freilich aber auch den Hofprediger Stöcker erfunden hat, ihrem deutschen Patriotismus und ihrer antisemitischen Pietät nicht zu heilig um den genreinsten Verdacht an ihr emporranken zu lassen. Und in Paris leben sie, wie Waldeck-Ronsseau so plastisch bemerkte, „von der Verachtung, mit der sie ihr Vaterland bewerfen". Und die Gönnerschaft dieser erlesenen Gesellschaft? Sahen wir nicht in Wien einen Prinzen sich für das Mandat des Mechanikers Schneider und des Doctors Lueger exponiren? Und haben nicht Enthüllungen aus dem Lager der Berliner Antisemiten dargethan, daß auch hinter Ahlwardt das reactionslüsterne Jnnkerthum lauert? Fürwahr, der edle Marquis, dessen Arme den eben als Verleumder gebrandmarkten Drumont umschlangen, ist nur ein rührendes Sinnbild dieser Buudesgenossenjchaft zwischen der auf die niedrigsten Triebe der Massen speculirenden Judenfresserei und dem hochmüthigen Feudal-Aristokratenthum, welches jegliche Umsturzbewegung begünstigt in der Hoffnung, daß aus den Trümnlern der bestehenden Ordnung sich ein neues Mittelalter würde aufrichten lassen. Der Proceß Drumont hat den Blick Europas auf all dies gelenkt. Er ist ein Fingerzeig, den das Schicksal den Völkern ertheilt, sich abzuwenden von Denjenigen, welche die sittliche und die politische Anarchie befördern, um im Trüben fischen zu können._ An den Ufern der Theist. (Ein neues Werk über Tißa-Eszlar.) „An den Strömen Babels, dort saßen wir, . . J‘ die Worte aus dem Psalm von unübertrefflicher Schönheit tönen zu uns herüber aus der Ferne der Jahrtausende und wir wissen, daß es für Inden noch traurigere Erinnerungen gibt, als diejenigen, die an den Euphrat oder Tigris sich knüpfen. Vor neun Jahren, in den schönen und heißen Tagen des Sommers 1882, da weilte das Herz Israels an den Ufern der Theiß. Ein ungarisches Mädchen war zur Osterzelt verschwunden und Juden waren des rituellen Mordes angeklagt. Der Prozeß von Tißa-Eszlar ragt in seiner Bedeutung weit hinaus über die Judenverfolgungen und Blutanklagen von Damaskus, die nunmehr ein halbes Jahrhundert hinter uns liegen. Es hat sich in unserer Zeit der Gebrauch eingebürgert, die Ereignisse einer jungen Vergangenheit, wie sie unmittelbar an den Augen des lebenden Geschlechts vorüber gezogen, durch Rnndgemälde, sogenannte Panoramen, dem Publikum deutlich zur Anschauung zu bringen. Größten Werth hinsichtlich der Darstellung der Wahrheit besitzt das Buch, das unter dem Titel: „Der Prozeß von Tißa-Eszlar. Ein antisemitisches Culturbild von Paul Nathan Dr. phil. (Berlin, A. Fontaine und Comp. 1892)" vor uns liegt und das durch künstlerische Anordnung des Stoffes so aus unsere Sinne wirkt daß Farben und Figuren wieder lebendig werden wie damals, wo der Prozeß von Tißa-Eszlar die Gemüther bewegte. Wir fühlen uns förmlich hinein versetzt in jenes Trauerspiel mit seinem Fanatismus, der rohen Selbstsucht und der schamlosen Gemeinheit mit allen seinen Szenen und Aktschlüssen. Die Psychologie des Prozesses wird uns dargelegt, die Geheimnisse des Antisemitismus, der damals auf mitteleuropäischem Boden seine größte That vollbrachte, werden uns aufgeschlossen. Die Angeklagten wurden freigesprochen und die Ankläger wurden verurtheilt, das ist das Ergebniß dieses merkwürdigen Prozesses. Der Antisemitismus zappelt an dem Galgen, den er für die Juden aufrichten wollte. Gegen dieses Gottesurtheil ist nichts einzuwenden. Es vollzieht sich auf den Gebieten der ewigen Gerechtigkeit. Aus diesen wenigen Bemerkungen ist ersichtlich, daß wir hier nicht die Geschichte eines Prozeßes im gewöhnlichen Berichterstatterstyl vor uns haben, und daß noch weniger von einem Produkt handwerksmäßiger Schriftstellerei die Rede sein kann. Vielmehr ist Paul Nathan's „Prozeß von Tißa- Eszlar" eine Streitschrift ersten Ranges, ausgestattet mit allen Vorzügen, welche Begabung und Wissen, fleißiges und sorgsames Studium gepaart mit ernster Sittlichkeit einem Werke zu verleihen vermögen. Wenn wir das Buch als Streitschrift bezeichnen, so glauben wir zum Lobe des Buches und seines Verfassers gesprochen zu haben; denn Streiter waren alle Edlen und Großen, wenn sie auch scheinbar in philosophischer oder literarischer Objektivität sich bewegen, Streiter sobald sie mit Hen großen Weltfragen in' Berührung traten. Es ist ja nicht Anmaßung unsererseits wenn plötzlich das Judenthum wieder in den Vordergrund gestellt, ihm neuerdings wieder eine große historische Rolle aufgezwungen wird. Das ist die Schuld oder wenn man will, das Verdienst des Antisemitismus. Die Bedeutung des Buches ist durch den Untertitel: „Ein antisemitisches Culturbild" ganz richtig gekennzeichnet. Nur möchten wir den Titel erweitert sehen. „Ein Culturbild der Gegenwart" würde uns noch zutreffender erscheinen; denn der Prozeß von Tißa-Eszlar ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte unserer Zeit. In den pathologischen Erscheinungen offenbaren sich die größten Geheimnisse des organischen Lebens! Die Krankheiten und Leiden, die den Menschen verfolgen, führten hinüber zu dem Liefern Studium der Natur und nicht umsonst ist die Eule, die an den Fenstern des Krankenzimmers klagt, der Vogel der Athener. Wie die Comädie frantzaise es nicht verschmähte im Prater zu spielen, so hat auch die Weltgeschichte ihre Wanderlaunen. Sie zimmerte sich eine Bühne in Tißa-Eszlar und zeigte den Gott der Juden wie er waltet an den Strömen der ungarischen Ebene nicht weniger als an den Strömen Babylons. Es ist nicht leicht in wenigen Zeilen die Bedeutung des Buches und des ihm zu Grunde liegenden Ereignisses zu erschöpfen. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts war den Juden der Kampf um das Recht zugefallen; kaum war dasselbe ersiegt, in Ungarn erst im Jahre 1867, so wurden wir zum Kampfe um die Wahrheit aufgerufen. Die Staaten hatten anerkannt, daß die Juden alle Eigenschaften besitzen, um auf die Gleichberechtigung mit anderen Staatsbürgern vollen Anspruch zu haben und nun wurde plötzlich die Autorität und staatliche Gesetzgebung so vollständig ignorirt, daß man die abscheulichsten Anklagen gegen die Juden vorbrachte. Man nahm seine Zuflucht zur Blutlüge. Dieses Märchen ist widerlegt durch