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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-24 · 26 (24.6.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Orsterrrichifchr Wochenschrift. Seite 445 ihre Familie in Rußland gelassen, bis sie hier erwerbsfähig geworden sein werden. Diese Leute haben wir 20 verschiedene Handwerke erlernen lassen. Unser Hilfs-Departement hat dieselben ausreichend während ihrer Lehrzeit unterstützt und viele von ihnen haben durch in dieser Weise erlangte Erwerbsfähigkeit später gute Stellen gefunden und aus ihren Verdiensten genügend erspart, nm ihre Familien hieher kommen zu lassen. Aus Vätern. Wenn Sachsen von oben bis unten vom Antisemitismus angefressen ist, so dürfen wir uns erfreulicherweise des Gegentheils rühmen. In keinem Theile unseres Vaterlandes hat, das können wir getrost sagen, diese verderbliche Seuche so wenig Boden gefaßt wie in Baiern. Tropfen des antisemitischen Giftes sind ja natürlich auch zu uns herübergespritzt — eine derartige moralische und geistige Influenza verschont ja leider keinen Theil unseres Bolksorganismus. Aber sie frißt doch nicht mit dieser ätzenden Schärfe weiter wie anderswo, sondern erstickt zumeist im Heerde der Krankheit selbst. Der scheußliche Ahlwckrdt-Skandal hat hier so gut wie keine Anhänger gefunden: es war geradezu eine Ausnahme, wenn man .in dem Schaufenster eines Bnchhändlerladens die Schandbroschüre „Judenflinten" aushängen sah, in Nürnberg soll es nicht anders gewesen sein, wie wir aus dortigen Blättern ersehen, und gekauft-sind sicherlich nicht viele Exemplare worden. Kein größeres Preßorgan hat auch nur mit einem Worte für den Ahlwardt Partei ergriffen, öffentliche Versammlungen, wie sie dieser Mensch gewerbsmäßig zum Besten seiner Tasche abgehalten hat, wären bei uns — das können wir dreist behaupten — ganz unmöglich geworden: die Neugier, diesen Wegelagerer an der Ehre seiner Mitmenschen zu sehen, wäre in dem Widerwillen gegen ihn ertödtet worden. Der Antisemitismus hat ja schwache Anläufe genracht, sich auch in Baiern zu organisiren. War es früher Stöcker, der in einigen größeren Städten des Königreichs Versammlungen abhielt, ohne jedoch tiefergehende Wirkungen zu erzielen, so haben neuerdings die Liebermann, von Sonneuberg und Zimmermann in München und Nürnberg Reden gehalten — aber im engsten Kreise ihrer Gesinnungsgenossen, nur gegen Ausgabe von Eintrittskarten und bei verschlossenen Thüren. Die Zahl der Theilnehmer an diesen Conventikeln wird höchstens einige Hundert betragen haben, und an den großen Massen sind die Reden ganz spurlos abgeglitten, da auch die Zeitungen zumeist sich auf ganz kurze Referate beschränkt haben, ohne diesen Unruhestiftern die Ehre einer eingehenden Bekämpfung anzuthun. Wir haben hier ja allerdings auch einen „dentschnationalen" Studentenverein mit antisemitischen Tendenzen, aber er muß sich begnügen, alljährlich ein paar Commerse mit den abgebrauchten Trinksprüchen abzuhalten; Versuche, irgendwie in das große studentische Leben unserer Hochschule einzugreife», hat er sich unseres Wissens überhaupt noch gar nicht zugetraut. In Würzburg und Erlangen, unseren beiden anderen Universitäten, hat der Antisemitismus nach einigen in früheren Jahren hervorgetretenen Lebenszeichen jetzt gar keine offizielle Vertretung, und der in Nürnberg be stehende Verein fristet ein klägliches und mit unverhohlener Verachtung belastetes Dasein. Wir wollen natürlich nicht in Abrede stellen, daß unter der Oberfläche des öffentlichen Lebens die Abneigung gegen die Juden auch in Baiern manche Kreise angefresien hat. Aristokratischer Dünkel, wirthschaftliche Trägheit und materielle Verkommenheit bereiten der Krankheit günstigen Boden hier wie anderwärts. In manchen ländlichen Gegenden, wo die Güterzertrümmerung und die Zwergwirthschaft um sich gegriffen haben, in anderen, wo Hopfenbau und Viehzucht die Vermittelung der Vroducte nach den Handels- und Consumtionscentren heischen, Ist man geneigt, alle Nebel den jüdischen Agenten und Zwischenhändlern äufzubürden; in einigen Städten empfindet die zur behaglichen Lebensführung, ja zur Indolenz neigende Art unserer Bevölkerung die scharf concurrirende Betriebsamkeit des israelitischen Charakters öfters als peinlichen Sporn. Bei der jüngsteil Handelskammerwahl in München, bei der ein hochangesehener Jude auf der Candidatenliste stand, versuchte man es mit einer sehr bunt zusammengewürfelten antisemitischen Coalition: trotz riesiger Anstrengungen fiel sie durch. In unserer größten Industriestadt, in* Nürnberg, weiß man, wie viel Antheil an dem Emporblühen des Gemeinwesens die jüdischen Einwohner durch ihren Fleiß unb Scharfsinn haben, nach Gebühr zu schätzen. In unserer Beamtenschaft im Offizierskorps tritt der Antisemitismus sehr selten offen zu Tage; soviel wir wissen, dient im baierischen Heere auch ein Jude als activer Offizier. Freilich gibt es auch bec uns einige Blätter, die aus dem Gifte des Racenhaffes Kapital für ihren Beutel zu ziehen versuchen; das „Baierische Vaterland" und das „Münchener Tagblatt" sind derartige Preßerzeugnisse, und auch manche klerikale Blätter verschmähen es nicht, hier und da etwas Geifer auszuspritzen. Aber so derb auch oft solche Auslassungen klingen, so soll man fie doch nicht in ihrer Wirkung überschätzen. Unsere Bevölkerung ist einmal an stark gepfefferte Kost gewöhnt, man liebt sehr muskulöse Scherze, belacht und — vergißt sie. Und von dem bösartig aufreizenden Tone der norddeutschen Antisemitenpresse sind die unfeinen „Witze", die hier gang und gäbe sind in manchen Blättern, doch himmelweit entfernt; da ist immer noch ein Unterschied wie zwischen Scheidewasser und Fuselschnaps. Selbst unter den baierischen Conservativen, ein kleines Häuflein gesinnungstüchtiger Stöckerfreunde in Mittelsranken ausgenommen, das in der Kammer drei Vertreter, im Reichstag einen Abgeordneten aufweist, hat man es nicht dazu gebracht, den Antisemitismus in sein offizielles Parteiprogramm auszunehmen. In ihrem Blatte zwar, der „Süddeutschen Landpost", nimmt man gern die Allüren der „Kreuzzeitung" an, wenn wir auch keines Falles uns erinnern, wo man sich erdreistet hat, Hie Unparteilichkeit unserer jüdischen Richter und Staatsanwälte anzuzweifeln. Aber auf dein konservativen Parteitage in Nürnberg fielen die Versuche, das Programm in judenhetzerischer Richtung auszubauen, platt zu Boden, als der Reichstagsabgeordnete Lutz, der bekannte „Renommirbauer" der deutschkonservativen Fraktion, rundweg erklärte, er werde nicht mehr mitthun, wenn man die Hände nicht davon lasse. Die Centrumspartei läßt in dieser Hinsicht wohl manchmal ihrer Presse freien Spielraum, aber man kann nicht sagen, daß die leitenden Persönlichkeiten irgendeine zum Antisemitismus hinneigten. In unseren Kammern sind Judendebatten, wie sie die Geschichte des preußischen Abgeordnetenhauses und des Reichstages leider aufweist, noch nie vorgekommen;. Herren ä la Wackerbgrth kennen wir — Gott sei Dank — dort nicht. Peinliches Aufsehen hat es erregt, als bei der letzten Reichstags-Ersatzwahl in Bayreuth, wo der alte Herr v. Fenstel einen Nachfolger erhielt, aus nationalliberaler Seite vereinzelte Angriffe gegen unsere jüdischen Mitbürger fielen: der Parteileitung sind solche Vorkommnisse sehr gegen den Strich gewesen. Im Großen und Ganzen kann man es mit Freuden constatiren, daß in Baiern die Bevölkerung einen viel zu gesunden und tüchtigen Sinn besitzt, um den Bolksverführern auf die schlimmen Wege des Antisemitismus zu folgen. Das ist bis jetzt so gewesen, und wir hegen die hoffnungsreiche Zuversicht, daß auch in Zukunft das Bemühen, dies giftige Unkraut unter den Weizen zu säen, umsonst bleiben wird. Frl. Bach in Augsburg,und Pfarrer Hansjakob in Frriburg. In Augsburg wurde von einer Gesellschaft Damen der Beschluß gefaßt, für die russisch-polnischen Juden Etwas zu thun; nach viele,y Hin- und Her-Ueberlegen kamen sie zu dem Entschluß, die Unterschriften höchster Persönlichkeiten zu sammeln, um sie wieder zu verkaufen. Der Gedanke war großartig und siel zu Gunsten der russischen Juden vortrefflich aus; unter Anderem schrieb eine junge Dame auch an Pfarrer Hansjakob in Freiburg und erhielt die folgende Antwort: Verehrte Dame! Ich komme erst heute dazu. Ihre Verse vom 9. d. M. zu beantß warten! Ich bin ausgesprochener Antisemit und der Ansicht, dan unsere Juden, die Geld in Hülle und Fülle haben, ihre russische- Brüder unterstützen sollen. Zudem bekämen Sie für eine Selbstschrift von mir nicht so viel, um einem russischen Wickelkinde jüdischer Abkunft auch nur eine Maß Milch kaufen zu können. Uebrigens glaube ich gar nicht, daß die Augsburger Herren und Damen so übertrieben sentimental sind^ um für russische Juden zu sammeln, während es bairische Christen genug gibt, die diesen Winter über Hunger leiden. Ihre Judengeschichte hat offenbar nur den Zweck, zu meiner Selbstschrist zu kommen, und die soll Ihnen werden, weil Sie Ihren Namen unter die Verse gesetzt, und nicht wie so viele Ihres Geschlechtes schon anonym an mich geschrieben haben. Ihre Bersekunst bewundere ich , kann sie Ihnen aber nur verzeihen, wenn Sie in der Kochkunst ebenso erfahren und gewandt sind. Es erscheint dieser Tage eine neue Schrift von mir mit dein Titel: „Schneeballen". Ich habe eben noch keine Exemplare zur Hand, sonst würde ich Ihnen eines für Ihr Kränzchen bei-

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