Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 26 (24.6.1892)
- Date
- 1892-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26 Vesterreichifchr Wochrnfchrist. Sette 443 saßen schon Nachmittags im Hauptquartier im Prater und soffen wacker den fürtrefflichen Gerstensaft. Wenn er so in vollen Strömen hinter die Binde hinabgurgelt, da kommen uns, wie allmänniglich bekannt, die besten Gedanken. Und da ward auch der Feldzug zu Ende gedacht, denn lang erwogen war er wahrlich schon früher. Eben die Einzelheiten, die ersten Feinheiten und die letzten Grobheiten, der Schliff, will sagen die Rohheit, ermangelten noch und die ersannen wir denn dazu. Der Stoff begeisterte uns! Endlich, da wir sternkreuzhagelvoll und toll waren — ganz erfüllt von unserer hehren Mission sormirten wir uns in Reihen, ein deutscher Jüngling stützt immer den Anderen — welch' prächtig Sinnbild der germanischen Brüderlichkeit und so schwankten wir denn ungemein stramm durch die Allee und die Praterstraße. Daß wir die „Wacht am Rhein" anstimmten, brauch ich Dir liebwerther Bruder Pumpo nicht besonders zu melden. Ist selbstverständlich. Wenn ich manchmal sozusagen ein wenig nüchterner bin oder mich just in lieblichen Stadium katzenjämmerlicher Zerknirschtheit befinde, dann Philosophie und meditire ich zuweilen vor mich hin: „Ja, was geht uns denn in Oesterreich eigentlich der Vater Rhein an?!" Wie sollen wir denn den Strom bewachen und vor wem sollen wir ihn denn behüten? Die paar Schritte, die er an Vorarlberg vorbeimuscht, sind doch wohl blos ein geographisches Curiosum, wenn ich mich noch recht meiner Gymnasial-Kenntnisse entsinne. Aber das hinderte uns nicht zu brüllen: „Lieb' Vaterland kannst ruhig sein!" Man rief uns zwar aus dem Philisterpack zu, lieber selberruhig zu sein, aber was verstehen die Judenknechte von altdeutscher Sinnesart und germanischem Stammbewußtsein. Nun zogen wir zum Donaucanal und kamen zur Brücke, allwo der Semite Tonello koschere Küche führt, die Theorie von den Wirths- und Gastvölkern schmählich Lügen strafend. Ha! welch' jüdische Frechheit! Die Juden sind ein Gastvolk und kein Wirchsvolk; bei Schönerer! beim Ritter trotz Tod und Teufel! und koscher noch dazu!! Nieder Tonello! Hoch Bismarck! Die Kellner des Restaurants schwenkten weiße Fahnen (oder Servietten? Anm. d. Red.) zum Zeichen der Uebergabe und wir zogen stolz von dannen auf den Bahnhof. Der war abgesperrt! Ha! Wie ergrimmten wir! Aber die Strategen, unsere Moltkes ltnb Roons, wußten Rath. Getrennt marschiren und vereint geschlagen werden war stets unsere Losung. Standen uns doch reichliche Erfahrungen von früheren Feldzügen zu Gebote, von damals da wir dem Maria Therefien-Denkmal die Schlacht schlugen, von damals da wir dem Ritter Georg bei der Bellaria huldigten. Kurz wir waren rasch gefaßt, d. h. jetzt noch nicht — das kam erst am Schluß. Momente bangen Harrens. Endlich gelang es einigen von uns durch kühne Umgehung lästiger Hindernisse, Ueberspringung von Planken vorwärts zu gelangen. Wir lagen im Hinterhalt um gegebenen Momentes hervorzubrechen wie der Cherusker Schaaren im Teutoburger-Walde. Endlich brachte der Ortsbeweger (vennuthlich die Übersetzung des Fremdwortes „Locomotioe". Anm. d. Red.) den Zug in dem der Alt-Kanzler saß. Welch' Wonnegefühl durchbrauste mein Herz, als ich den Schlapphut des Schöpfers des großen antisemitischen Hochgedankens am Wagenfenster sah. Ganz so hatte ich mir ihn gedacht. Wir erwogen in „unserer Geistes Empfindung" wie der Papa Boß Homer übersetzend schmöckert; „Was freut wohl den ollen 77jährigen Greis am meisten in dem Moment? — und wir fanden es instinctiv. Just kletterte er von der Reise Last ermüdet, gesund ist er ja, siehe Schweninger, auch längst nicht mehr, die Stufen zmn Waggon 'runter, sich sorglich anhaltend an der Eisenstange, schon wollte er Herberten in seine Arme schließen, eine Dame hielt ein Bouquet bereit — kam aber gar nicht zur Umarmung — keine Rede von des Blumenstraußes Ueberreichung — w ir brachen los, wir umzingelten ihn, den Herrlichen, wir brüllten ihm Heil in die Ohren, wir versuchten ihm die Hände zu lecken — Herbertchen schlug abwehrend mit dem Schirm nach uns, denn er ist sehr schlagfertig; wir rannten indeß weiter zum Wagen des trefflichen Schöpfers von All-Deutschlands Einheit und saßen schon ein paar von uns d'rin, ehe er selbst einsteigen konnte. Die Commilitonen mußten erst sachte 'rausgeschmissen werden. Da war einer im gelben Ueberrock der war gar nicht loszukriegen, so fest hatte er sich verbissen. Er urußte aus dem Wagen gehoben werden. Er verließ ihn auch in gehobener Stimmung. Herberten hättest Du da sehen mögen. Der nahm die Sache ecklich krumm und ist lang nicht so gutmüthig wie sein Alter. Die Fürstin schlug sich derweilen noch drinnen durch'» Ge-, wühle. Die braven ollen Leute müssen doch 'ne rechte Herzensfreude gehabt haben, wie sie uns stramme, allweg deutsche Männer („?" Fragezeichen der Red.) sahen und unser reifes, würdiges Benehmen erkannten. Das find wackere, junge „Patrioten" soll der Fürst sich tags darauf geäußert haben. Auch nach Schönerer, Krautmann und Türk hat er angelegentlichst den Grafen Lamezan gefragt, wie er ihn auf der Soiree traf. Ja, wir hatten ihm eine große Freude bereitet. Dies Bewußtsein entschädigt uns für alle Hiebe, die wir denselben Abend von der die Strauchgasse säubernden Wache erhielten. Und Tags darauf! Empfangen wurden wir zwar nicht, nein, das keineswegs — inr Gegentheil! — aber Vorfahren thaten wir denn doch wacker und Sträußchen sandten wir denn doch, und Visitenkarten mit Kornblümchen und unserer genauen Adresse schickten wir doch Alldeutschlands Wiedererneuerer ins Haus. Zudringlich waren wir nicht, denn Zudringlichkeit ist eine semitische Untugend. Alles wurde zwar mitsammt den duftigen Blumengrüßen in den Hof gefegt — .genirte uns wenig. Gefreut hat es ihn sicher als, daß er uns nicht empfing. Die Erinnerung, die er von uns mitnimmt, die bildet unseren Stolz. Ich habe auch eine schöne Bismarck-Lchramme quer über's Gesicht gekriegt und den Buckel voll Prügel. — Rieder mit Bismarck, Heil Tonello! Ich bin ganz confus! U D. G. Dein Teutobold. Russische Juden in Connrrtirut in den Neuenglandstaaten. (Eine blühende Calonie acht Meile« von Norwich.) N o r w i ch, April 25. Die Colonie der russischen Inden in Chesterfield, in diesem Bezirk, die größte und wichtigste, welche aus den Mitteln des Baron Hirsch begründet wurde, hat einen 2000 Dollar kostenden Tempel (tabernacle) bei» nahe vollendet, und derselbe wird bald eingeweiht werden. Die Feierlichkeiten werden zwei Tage dauern und Tausende Landleute und Gäste aus New-Aork und Connecticut werden derselben beiwohnen. Die Chesterfield-Colonie, welche beiläufig zwei Jahre alt sein mag, ist ein merkwürdiges sociales und industrielles Experiment auf den öden und unfruchtbaren Hügeln des Nutmegstaates (Nutmeg Nrußkatuß) und ist eine eben so große Merkwürdigkeit in der Puritanischen Gesellschaft, die da lebt, als wie einst die ersten Fremden ebenda erschienen. . Chesterfield ist ein typisches Bauerndörfchen. Es liegt in einem lieblichen Thale der stolzen Hügel der Stadt Montville, 8—9 Meilen südwestlich dieser Stadt und ebensoweit von andern wichtigen Städten und Eisenbahnen. Es gibt da 15 oder 20 weiß angestrichene altmodische Bauernhäuser längs den Ufern eines über felsenhüpfenden Forellenbaches. Eine Mehlmühle, eine Sägemühle, eine oder zwei Kaufläden, ein Postamt und eine bescheidene weiße Kirche mit einem viereckigen Thurm auf dem grünen Rasen des Dorfes. Umgürtet von entfernten Hügeln und entfernt von dem dichten Menschengedränge, ist das Dörfchen ebenso bevölkert als hübsch und anziehend und während der letzten 150 Jahre ist der Lebensstrom dort dahingeflossen so still und so unereignißreich, wie ein Märchen, „des glücklichen Thales" von Raffelas. Aber seit der Ankunft der fleißigen und regen russischen Juden vor zwei Jahren ist ein merkwürdiger Umschwung in dem socialen und industriellen Charakter Chesterfield» enfftanden. An der Stelle der ruhigen, selbstzuftiedenen und in mancher Hinsicht nachlässigen Aankeebauern, der ftüheren Besitzer der weiten Chesterfield Aecker, find jetzt schlanke, hagere, dunkelhäulige, bärtige Fremde, welche herumtreten im Dorfe mit beinahe hungerigen Blicken; an der Stelle eines Dutzend alter Mehl-