Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 26 (24.6.1892)
- Date
- 1892-06-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 442 Vestrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 26 „Ist Bismarck Antisemit? — Optimisten nach Art van Max Bewer meinen, Bismarck sei noch selbst Antisernit, würde sich vielleicht sogar an die Spitze der großen antisemitischen Partei stellen und zum Streite rufen gegen Israel. — Wir haben diese Hoffnungen nie theilen können und haben wiederholt Gelegenheit genommen, auf das Unerquickliche seines Verkehres mit Bleichröder und anderen Juden hinzuweisen. Daß wir nur allzusehr Recht hatten mit unserer Zurückhaltung, beweist folgende kleine Geschichte : Der Verleger eines kürzlich erschienenen antisemitischen Buches, in dem Bismarck wegen seines mannhaften Auftretens im Jahre 1847 lobend erwähnt ist, sandte dem Fürste» Gin prachtvoll gebundenes, für den Zweck besonders auf ganz feines Papier gedrucktes Exemplar, das nicht geringe Kosten verursacht hatte, mit Widmung und längerem Anschreiben. Fürst Bismarck nimmt bekanntlich alles an, lvas ihm geschenkt wird, und bedankt sich umgehend durch die bekannten lithographirten Briefe oder auch zuweilen durch Handschreiben. In diesem Falle aber ist keinerlei Rückäußerung erfolgt, n ich t e i n mal e i ne E mpfa ng sb es ch e i n i g un g." Das Alles konnte nicht verhindern, daß sein Name verkoppelt worden mit dem Namen des Schloßherrn von Rosenau und nennt man Schönerer, so denkt man auch gleich an Herrn V e r g a n i, Dr. Lueger und Ernst Schneider. „Hoch Bismarck", „Hoch Schönerer", „Hoch Lueger", „Hoch Schneider", also haben die heulenden Derwische des Judenhasses ihn angejohlt, als er den Fuß aus den Boden der österr. Reichs- Hauptstadt setzte, — „Hoch Ahlwardt", „Hoch Drumont" hätte noch dazu gehört — derlei Zuruse geleiteten ihn durch die Straßen und als der Studentenzug vor einem gewissen Hause vorbeimarschitte, da wurden „einem sehr natürlichen Gedankengange solgend", um mit Herrn Vergant zu reden, die Rufe laut: „Hoch den schönen Damen." Die öffentlichen Blätter unter drückten ans begreiflicher Courtoisie diese Episode, die indeß zum G.sammtbilde gehört, cs ergänzt und vervollständigt. Eine logische Gedankenkette führt von Schönerer zu V e r g a n i, zu Lueger, zu Schneider, zu den „schönen Damen." Herr: Georg Schönerer haßt aber mehr als die Juden das Kaiserthum Oesterreich, über welches er unablässig Schimpf und Schmach häuft, und der deutschnationale Pöbel, welcher die Demonstrationen beim Empfange des Fürsten Bismarck veranstaltete, war sich dessen wohl bewußt. Man rief nicht blos „Nirder mit den Juden", sondern auch „Nieder mit dem Polizeistaat", man sang nicht das Hymnelicd „O Du mein O e st e r r e i ch", sondern das Lied „Deutschland, Deutschland über Alles" nicht den „Rade tz k ym a r s ch", sondein „die W a ch t a m R h e i n!" Auch Fürst Bismarck hat im Laufe der letzten Jahre in den Spalten seiner osficiösen Blätter über seine Gesinnung gegen Oesterreich keinen Zweifel gelassen. Oesterreichs Armee ward verleumdet. Oesterreichs Bündnißtreue verdächtigt. Oesterreichs Bündnißfähigkcit in Zweifel gezogen. Beim Abschluß des Handelsvertrages sollte Oesterreich-Ungarn seine Verbündeten geradezu geplündert, den Wohlstand Deutschlands auf zwölf Jahre hinaus ruinirt habeit. Nebenbei wurde die österreichische Diplomatie verunglimpft, der österreichische Adel lächerlich gemacht. Kurz und gut,-in den publizistischen Organen des Fürsten Bismarck und seiner Helfershelfer ward eine Hetze gegen Oester-reich inscenirt, über welche unsere antisemitischen Landcsverräther große Freude empfanden. In Tetschen ermahnte er allerdings zur treuen Anhänglichkeit an das Kaiserhaus, allein die Verehrer des Fürsten Bismarck sind merkwürdigerweise von der Ucbcrzeugung durchdrungen, daß er stets anders und das Gegentheil dessen denkt als er spricht. „Sie wissen, was sie wissen." Selbst die Erklärung des Grafen Herbert Bismarck: „Seinem Vater ist das Vergnügen durch die Büberei halbwüchsiger Jungen verdorben worden, die sich eine kleine Demonstration vergönnten", und die Aeußerung des Fürsten selber gegenüber dem Wiener Bürgermeister, wie er über diese sträfliche Demonstration entrüstet ist, wird an der Sache nicht viel ändern. An der Verwilderung und Zügellosigkeit, die sich im Laufe der letzten^ Jahrzehnte ausgebreitet haben in allen Theilen Deutschlands und unserer Monarchie, trägt ja auch Nieinand größeres Verschulden als gerade Fürst Bismarck, der in allen diesen Erscheinungen sein eigenstes Werk s e h e n d arf. Das „Deutsche Volksblatt" vom 20. Juni 1892 dessen Schriftleiter „eine fünf Centimeter lange kl.affende Wunde" beim Zusannnenstoß mit der Polizei zum Andenken erhielt, beklagt sich über das Verhaltender Polizei. Es war ja nichts geschehen, als daß „eine nach Tausenden zählende Menschenmenge dem Schöpfer des deutsch-österreichischen Bündnisses, das als Hort des Friedens sich die Anerkennung aller Friedensfreunde erworben hat, eine seiner Be-' geisterung und Dankbarkeit entsprechende Ovation darbringen wollte." Als ob der studentische und nichtstudentische Pöbel, welcher die „Wacht am Rhein" johlte und „Hoch Schönerer" rief, lediglich das deutsch-österreichische Bündniß habe feiern wollen. Gerade diejenigen Kreise, welche das deutsch-österreichische Bündniß zu hüten berufen sind, haben im Interesse der Fortdauer dieses Bündnisses und des guten Einvernehmens mit dem deutschen Reiche und dem deutschen Kaiser jede Begegnung mit dem Fürsten Bismarck gefließentlich gemieden. Die Demonstranten wissen ganz gut, daß die Spitzen des deutschen Reiches diese Demonstrationen nur mißfällig ausnehmen können. Der Schlachtruf „Heil Bismarck" — „Hoch Schönerer" ist absolut nicht mehr zweideutig, wie denn auch der Akademische Gesangsverein in seiner Mitte ausschließlich „Schönerianer" zählt. Alle von dieser Seite dem Fürsten Bismarck dargebrachte Huldigung hat ihren bestimmten unverwischbaren Charakter. Als den geistigen Urheber des Judenhasses und als die Verkörperung jener großdeutschen Idee, welche die deutschösterreichischen Provinzen dem Sceptcr der Hohenzollern ausliefern will, ist Fürst Bismarck in Wien begrüßt worden. Es ist kein neidenswerthes Schicksal dieses Gewaltigen unseres Jahrhunderts, seinen Namen zugleich mit jenem eines Schönerer durch die Straßen schleifen zu sehen. Der Antisemitismus preist ihn als seinen Begründer und Nährvater, und der Judenhaß schreibt diesen Namen aus sein schmutziges Banner. Als die tobende Meute seinen Wagen umbrauste, als ihm die Hochrufe auf Schönerer und der Ruf „Nieder mit den Juden!" in die Ohren dröhnten, da mochte dem eisernen Mann doch eine Ahnung überkommen haben, daß dem ungeheuren Verdienste, das er sich mit der Einigung des deutschen Volkes erworben, doch unsühnbare Vergehen an der Freiheit und Menschlichkeit gegenüberstehen, welche sein Charakterbild auch in den Augen künftiger Geschlechter trüben werde. Die Propheten des Rassenhasses härrgen sich an ihn, und er vermag sie nicht abzuschütteln. Fürwahr, wir beneiden den Fürsten Bisnrarck nicht ilin - die Begrüßung, die ihm hier zu Theil geworden. Als sich in die Hochrufe auf ihn die „Hepp-Hepp-Rufe" mrd der Schönerer- Jubel mischte, da mußten wir der Worte gedenken, die wir an die Spitze dieser Zeilen gesetzt haben. Mit sich schleppen wird Fürst Bismarck durch die Ewigkeiten der Geschichte diese Namenskameradschaft. Eine schwere Strafe, aber keine unverdiente. Schreiben des deutsch-nationalen Studiosus Tentobold an seinen Freund in Berlin. Wien, am Bismarcktage 1892. Liebwerther Pumpo! Heil Bismarck! Hoch Schönerer, Lueger, Schneider, Liechtenstein, Pattai, Gregorig u. dgl. mehr! Nieder mit Tonello, der die Juden so trefflich nährt mit ritueller Kost, auf daß sie stark werden und uns Germanen widerstehen können. — Ich; bin noch ganz wirre unter dem Schädeldach von dem herrlichen Randal, den wir in's Werk gesetzt haben. Bei Wodan! es war ein großer Moment. Laß' dir berichten, altes Haus und erstaune dich wacker. Wir strammen deutschen Bursche