Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-17 · 25 (17.6.1892) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020925--01460-3025501
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 436 Orstrrreichische Wochenschrift. Skr. 25 gierung. Das Ministerimn des Innern übernimnlt die Ueberwachung der gesammten Angelegenheit. Genf. Der berühmte Tanzmusik-Componist Anton Wallerstein ist hier gestorben. Die Wallerstein-Walzer hatten sich eines europäischen Rufes zu erfreuen. Tunis. Der Bey von Tunis hat 2 Rabbiner zu Mitgliedern des Beth Din ernannt. Einer derselben, Rabbi David Haün Guez, stammt von einer Familie, die schon seit der Judenaustreibung aus Spanien hier ansässig ist. Zu jener Zeit war Tunis ein unabhängiger Staat, dessen Herrscher hauptsächlich vom Ertrage des Seeraubes lebten, aber nichtsdestoweniger die aus Spanien vertriebenen Juden freundlich aufnahmen. Die Ankömmlinge assimilirten sich bald mit der in Tunis bereits bestehenden jüdischen Gemeinde, da sie die Kenntniß der arabischen Sprache aus ihrer Heimat mitbrachten. Heute ist die hiesige jüdische Gemeinde die größte und einflußreichste in Süd-Afrika. New-Uork. (Amerikanische Kunstmäcene.) Frau Amelia B. Lazarus in New-Aork, die Wittwe des bekannten Porträtmalers Jacob H. Lazarus, und deren Tochter, Frl. Emilie Lazarus, haben dem „Metropolitan Museum of Art" 24.000 Dollars zu einer Stiftung überwiesen, deren jährliche Zinsen zu je einem Preise für einen in der Kunstschule des Museums herangebildeten Maler verwandt werden sollen. Diese unter dem Namen »The Jacob H. Lazarus' Travelling Scholarship" gegründete Stiftung ist eine der größten ihrer Art und übertrifft durch ihren Preis den bekannten „Rompreis" der „Academie des Beaux Arts" in Paris, welcher nur 800 Dollars beträgt. Jacob H. Lazarus war am 4. October 1822 in Nelvdjork geboren und gehörte einer alten angesehenen Familie an. Seine kunstvollen Malereien erwarben ihm bald einen Namen und ein beträchtliches Vermögen. Er starb am 11. Januar 1891. Feuilleton. Familie Mandl. (Ein Blatt Preßburger Culturgeschichte.) Aus der Preßburger Jeschibah sind unstreitig berühmte Männer in allen Zweigen geistiger Größe hervorgcgangen: Dichter, Schriftsteller, Gelehrte, Professoren, Staatsmänner re., die thcils dem Juden- Ihumc treu geblieben, theils, um Carricre zu machen, von ihm abgefallcn sind. Allein in Preßburg selbst konnte kein Jude zur Berühmtheit kommen. Die Verfolgung alles profanen Wissens unterdrückt jedes aufstrebende Talent. Wer sich vom Talmudstudium zu Gunsten eines anderen Studiums abwandte, wie es Biele thatcn, die die Pforten der Schiurstube mit den Pforten des evangelischen Lyceums vertauschten oder wer auch nur neben dem Talmudstudium sich noch einer anderen Disciplin zuwandlc, war aus der Jeschibah wie aus der Gesellschast ausgestoßen. Bei all' der Einseitigkeit des Geisteslebens in der Gemeinde und der Strenge, mit der dies überwacht wurde, daß ja kein fremder Lichtstrahl hincindringe, gab es jedoch ganze Familien, bei denen r. an den Wiffensdrang n'cht unterdrücken konnte und die ihn auf irgend eine Weise zu befriedigen suchten. So die Familie Dux, aus der zwei Männer hervorgiugen, welche sich bedeutende Namen in der allgemeinen Literaturgeschichte enoorben habe», wie der im Jahre 1681 in der ungarischen Hauptstadt verstorbene Adolf Dux, welcher als Uebersetzer, besonders Petösts und Arany's die ungarische Literatur den Deutschen vermittelte, und dem trotz alles Antisemitismus in Preßburg von der ungarischen Gelchrckengesellschaft an seinem Geburtshause am Schloßberg in feierlichster Weise eine Gedenktafel gesetzt wurde, und daun der vor zwei Jahren in hohem Greisenalter in Wien verstorbene Leopold Dux, der als Kenner und Kritiker der jüdischen Literatur einen Weltruf genoß. Eine andere solche Preßburger Familie, in welcher der Wissensdrang sich vererbte, war die Familie Mandel. Es ist rührend, wie der Geist der Verfolgung gegen alles profane Wissen, der in der Preßburger Gasse herrschte, auf dem Wiffensdrang in dieser Familie so schwer lastete, daß er bei ihren Gliedern alles Lickensglück zerstörte, alle Lebensfreudigkeit benahni und sie so zu Pessimisten machte, die kein weltliches Streben mehr kannten, keinen Ehrgeiz halten, sich einen Namen zu schaffen, keine Neigung, sich Güter zu erwerben, und das Leben zu genießen, sondern au Entbehren und Entsage« sich gewöhnten und still und vereinsamt ihr Dasein verbrachten, während Andere von ihrem Wiffen zehrten. Adolf Dux envähnt in seinem Werke „Aus Ungarn" eines Preßburgers, der in den 90-er Jahren des vorigen Jahrhunderts von heißem Wiffensdrang getrieben, aus seiner Vaterstadt entfloh, um in Paris aufzutanchen mrd dort eine Rolle als hervorragender Gelehrter und Sonderling zu spielen. Es war dies David Mandel, ftanzösirt Manteli. Er lebte mit dem französischen Dichter Charles Nodicr unter einem Dache, in einer Wohnung, sprach zahllose Sprachen, alte und neue, nährte sich nur von Brot und Kartoffeln, lebte von 100 Francs jährlich und starb, als er sich, seiner Gewohilheit gemäß, zur Seine begab, um seinen Krug mit Wasser zu füllen, dabei in den Fluß stürzte und ert.ank. Die Manuskripte dieses „ungarischen Diogenes", lvie man ihn in Paris nannte, wurden von der französischen Regierung versiegelt, und man weiß nicht, was aus ihnen gelvordetr ist. Ohne der „großen Nation" nahe treten zu wollen, muß doch die Verniuthung ausgesprochen werde», daß an diesen Manuskripten ein Plagiat begangen worden ist, vielleicht sogar von dem eigenen Stubengeuvssen Mandels. CH. Nvdier, der erst 1814 starb, hat die besten und volksthümlichstcn seiner Lieder erst in den letzten Jahren seines Lebens veröffentlicht, und wenn man diese Lieder genau studirt, wird man darin Anklänge an die Makamen des Charisi und anderer jüdisch-spanischer Dichter finden. Jedenfalls dürfte dieser so ganz anspruchslose und weltverachtende Mandel von seinem Witz und Geist seinem Stubengenoffen Nodier, der ganz Franzose war und für Gloir lebte, manches geborgt haben. Es wäre auch sonst gar nicht erklärlich, was den Franzosen und Lebemann Nodier bewogen haben sollte, mit dem Juden und weltfremden Menschen lange Jahre unter einem Dache zu wohnen und stine sonderliche Eigenheiten zu cikragen. Es mußte eine geistige Gütergemeinschaft unter ihnen geivesen fein, von der natürlich nur Nodier und nicht Mandel prosilirte. Ein anderes Original dieser Familie Mandel in Preßburg ist der Brudersohn des Vorigen: Mord che Schmül Mandel, eine Type Prcßburgs zwischen den 30-er und 70-er Jahren. Der Wissensdrang trieb diesen Mordche Schmül Mandel zur Ergreifung eines Gewerbes, das verwandt mit der Literatur ist — er wurde Bücher-Antiquar. Er verstand Latein, Griechisch, Arabisch, Türkisch, Französisch, Englisch, Jtallenisch nnd noch Anderes, sprach aber nur eine einzige Sprache — den Jargon der Preßburger Gaffe, diesen handhabte er jedoch so meisterhaft, daß er unerschöpflich an Witz in Wortspielen war. Mandel hatte keinen offenen Laden, sondern kramte die Bücher jeden Morgen auf einige Bretter, die ans Schrägen lagen, auf der Straße aus. Sein Standplatz war gegenüber dem Edelhofe, in nächster Nähe der Schiurstube, so daß alle Bachurim, für welche diese Bücher doch verbotene Früchte waren, vor ihm vorbei passiren und viele die Qualen des Tantalus verspüren mußten und von da aus vielleicht den Reiz, von den fremden Wissenschaften zu naschen, empfingen, der sie dann dem Talmudstudinm abtrünnig machte. Gegen Mittag packte er seinen Kram wieder in Kisten ein und Nachmittag sah man seine possirliche Figur mit dem hohen Cylinder und dem langen Rock, Bücher-Pücke unter beiden Annen in der Stadt Kunden besuchend, henimlaufen. So vernachlässigt und schmutzig sein Aeußercs auch war, wurde er bei den Professoren, Gelehrten und Beamten doch gerne gesehen, wenn sic auch just kein Geschäft mit ihm zu machen hatten, denn er unterhielt sie mit seinen Witzen, und gerade die größten Judenfeinde, an denen Preßburg von jeher so reich ist, wußte er mit seinem Witze zu schlagen, daß die anderen lachten, wenn sie sich auch selbst dabei getroffen fühlten. Eines seiner bekanntesten Stücke ist folgendes: Einem Apotheker, der sich als Judenfeind besonders hervorlhat und bei jeder Begegnung mit Mandel diesem auftrug, ihm einen „Judenspiegel zu verschaffen, sagte er eines Tages, er habe schon einen solchen, der Herr möge nur morgen gegen drei Uhr Nachmittags in seine -Wohnung kommen, ihn zu besichtigen. Mandel bestellte auch Jakob Trägler, den dicksten Mann der Gaffe, auf diese Stunde zu sich. Als der Apotheker kam, bat ihn Mandel nach der ehrerbietigsten Bewillkommnung in das zweite Zimmer zu treten, in welchem aber Jakob Trägler in rechtwinkeliger Stellung, mit seinem entblößten Hintertheile der Thür zugewandt stand. „Da haben Sie den „Judenspiegel", den Sie so gern zu sehen wünschten!" Am nächsten Tage wußte es die ganze Stadt. Der Apotheker selbst konnte sich nicht enthalten, es publit zu machen. Bei all seiner Geschäftigkeit hatte Mandl doch oft kein Brot zu essen. Er trieb keine der gewöhnlichen Praktiken der Buchhändler und Antiquare. Wenn ein Blatt in einem Buche fehlte, verheimlichte er es nicht dem Käufer und er riß nie das Titelblatt aus einem Buche, um eine alte Auflage für eine neue verbesserte auszugeben. Armen Studenten verkaufte er Bücher ohne jeden Gewirm, nicht selten schenkte er sie ihnen. Und trotzdem er Jahrzehnte lang der einzige Antiquar in Preßburg war, blieb er bis an sein Lebensende der Aermste der Preßburger Gaffe, während die, die nach ihm kamen, in wenigen Jahren reiche Leute wurden. Mandel hatte drei Töchter, die ledig blieben. Er machte auf eigene Kosten den Witz: „Ich gebe eine ohne die andere nicht her!" Die Mandel'schen, wie man diese alten Fräuleins nennt, gehören ebenfalls der Preßhurger Culturgeschichte an. Sie führen eine kleine Leihbibliothek von aus der Mode gekommenen Romanen. Und wenn ein Vater sicher gehen will, daß seine Töchter nichts Verderbliches lesen, muß er sie nur bei den Mandel'schen abonniren lassen. %

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.