Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-17 · 25 (17.6.1892) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020925--01452-3025493
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

l Seite 430 Vrstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 25 Geisteslebens in der Hauptstadt Frankreichs sich entwickelte, so letztere zur SammelstLtte, in der jüdische und nichtjüdische Gelehrte aller Länder sich fanden. Welcher Antheil Loeb an der Entwickelung der Gesellschaft und zumal als thatsächlichem Leiter an der großartigen Ausgestaltung der klassischen Revue gebührt, laßt sich dem Unkundigen nicht schildern und braucht für dm Kundigen nicht geschildert zu werden. Jedes Jahr erfreute er die Mitglieder der Societd mit einem Vortrage, jedes Heft der Zeitschrift bereicherte er mit einem oder mehreren Auftätzm, eine wahrhaft verblüffende Vielseitigkeit, eine geradezu zur Bewunderung hinreißende Fülle von Gelehrsamkeit, Scharfsinn und SammÄfleiß verrathend. Und diese geistige Productivität, die allein ein volles Menschendasein auszufüllen vennochte, rang der wunderbare Mann der knappen Muße ab, welche er den zeitverschlingenden, kräfteverzehrenden Pflichten seines unmittelbaren Berufes, der Erledigung der in's Maßlose wachsenden, treibenden Forderungen des Tages abkargte! Das physische Vermögen hat sich dieser Ueberanstrengung nicht gewachsen gezeigt; ein Märtyrer echtjüdischen Idealismus' hat er dm mcchnenden Zeichen eines aufkeimenden Leidens kein Gehör gegeben, ja, im Dienste des großen russischen Hilsswvcks eine noch gesteigettere Thätigkeit entfaltet, bis dem Unermüdlichen jenes schwere Siechthum Halt gebot, dem er nunmehr erlegen .... Ueber die Beerdigungsfeier wird aus Paris, den 6. Juni, gemeldet: Gerade durch ihre schlichte Einfachheit gestattete sich die Feierlichkeit zu einer Trauerkrmdgebung von erschütternder Gewatt. Alles, was Paris an jüdischen Notabilitäten zählt, war erschienen; mit ihnen hatten sich auch sehr viele Nichtjuden eingefunden, darunter zahlreiche Mitglieder des Institut äs France, der erlauchtesten Gelehrten-Körperschaft Frankreichs, in deren Mitte der große Todte hohen Ansehens sich erfreute. Dm Reigm der Trauerreden eröffnete der Oberrabiner von Frankreich, Herr Zadoc Kahn, welcher mit thränendurchbebter Stimme die Verdienste des Heimgegangenen, mit den ihn eine sechsunddreißigjährige innige Freundschaft verband, um die Gesammtjudenheü feierte und namentlich hervorhob, daß der Verlust um so größer sei, da er erfolge zu einer Zeit, wo wir seiner Kraft, seiner Kenntniffe und thateneisrigen Bruderliebe doppelt dringend bedürfen. Hierauf widmete Herr Narcisse Leven, Vicepräsident der Alliance israelite universelle, Namens dieser Körperschaft ihren dahingegangenen Secretär Wotte wehmüthigen Gedenkens, in denen er gelobte, daß, wie sein Name in der Alliance durch die Fülle seiner Leistungen verewigt sei, so auch die Dankbarkeit, welche die gegenwärtigen Mitarbeiter ihm zollen, unvermindert fortlebrn werde auch bei den künftigen Geschlechtern. Herr Theodor Re inach sprach als Vertreter der Socidtd des etudes juives. In eindrucksvoller, tiefergreifender Rede pries er Loeb's Verdienste um diese Vereinigung, deren Gründer und hervorragendstes Mitglied er gewesen, die er durch geistvolle, gemütherwärmende Vorttäge so sehr gefördert und namentlich durch die meisterhafte Leitung der von ihr herausgegebenen Zeitschrift und durch die Fülle von Aufsätzen, mir denen er sie geschmückt, auch außerhalb Frankreichs in jüdischen und nichtjüdischen Fachkreisen zu so hohem Ansehen gebracht habe. Auf Loeb's Bedeutung als Gelehrter übergehend, klagte Redner, daß der Tod den ftuchtbaren Forscher jäh aus einer noch lange nicht abgeschloffenen wissenschaftlichen Thätigkeit herausgerissen habe, wie er z. B. eine Geschichte des Judenthums bereits begonnm, eine reiche Fülle von sonstigen Materialien zurücklaffe. Es sei eine Pflicht der Pietät, eine Pflicht gegenüber der Wissenschaft, diesen geistigen Nachlaß der Oeffentlichkeit zu übergeben, und die Erfüllung dieser Pflicht wäre das hcnlichste Dmkmal, das dem Verblichenen errichtet werden könnte. Nachdem sodann Namens des Seminaue israelite dessen Direktor, Herr Rabbiner Josef Lehmann, dem verdienstvollen Collegm Worte des Dankes nachgerufen, wurden die sterblichm N^ste der Erde übergebm. Kein Auge blieb thranenleer, als die Gruft sich schloß über den herrlichen Mam/ dessen Hintritt eine so breite, unausfüllbare Lücke gerissen hat' Nachträge von G. Wolf. Es sei mir gestattet, zu dem Artikel „Die Entstehung der Religionsschule" in Nr. 23 d. Bl. einige Ergänzungen und Be-, merkungen beizufügen. Vielleicht interessirt es, wenn ich die Namen der Lehrer' welche an dieser Schule wirkten, mittheile. Die Reihenfolge beginnt mit Salomon Herz und Abraham Kohn. Letzterer war jedoch blos Gehilfe und ertheilte Unterricht im Schreiben. Bon Zeit zu Zeit hielt er auch Borträge im Style jener Zeit in dem damaligen Bethause zum weißen Stern im 1. Bezirke, Sterngaffe. Bon den Trauerreden, die er gehalten, sind zwei gedruckt. Herz starb im November 1824. Hierauf wurde Mannheimer als Religionslehrer berufen (den Titel Prediger durfte er nicht führen) und erhielt den Titel „Director der k. k. genehmigten öffentlichen israel. Religionsschule in Wien." In Folge der Ueberbürdung, die ihm das Doppelamt als Prediger und Religionslehrer auferlegte, sah sich Mannheimer genöthigt, im Jahre 1829 vom Lehramte zurückzutreten. An seine Stelle kam Dr. Josef Lewin Saalschutz. Mannheimer führte von nun an bis zur Märzrevolution im Jahre 1848 den Titel „Erster Religionslehrer." Im Jahre 1834 kam Saalschütz als Prediger nach Königsberg in Preußen (später wurde er auch Professor an der dortigen Universität) und Leopold Breuer wurde zum Religionslehrer berufen. Bevor wir weiter schreiten, wollen wirFolgendes bemerken: Die Stelle eines Gehilfen beziehungsweise eines Schreiblehrers wurde, wie es scheint, nach dem Tode Abraham Kohn's (worüber wir nichts näheres wiffen) aufgehoben. Mindestens ist so viel gewiß, daß zur Zeit Saalschütz' kein Schreiblehrer an der Schule wirkte. Die Inden legten nämlich damals selbst keinen Werth darauf, daß die Kinder die jüdisch-deutsche Cursivschrift erlernen, da insbesondere das Heranwachsende Geschlecht sich bestrebte, der deutschen Sprache in Wort und Schrift mächtig zu werden. Wir haben über die Classeneintheilung ausführlich in unserer „Geschichte der israel. Cultusgemeinde" berichtet (S. 122). Hier wollen wir nur kurz hervorheben: Es bestanden 4 Classen. Die 1. Classe umfaßte die Schüler der Volksschule, die damals aus 3 Classen bestand. Die 2. Classe umfaßte die Schüler der 1. und 2. Gymnasialclasse und die Schüler des 1. und 2. Jahrganges der 4. Classe, aus welcher dann die Unterrealschule hervorging. Die 3. Classe umfaßte die Schüler der 3. und 4. Gymnasialclaffe und jene des 1. und 2. Jahrganges der Realschule, aus welcher dann die Oberrealschule entstand. Die 4. Classe umfaßte die Hörer der Pädagogik und die Schüler der Humanitätsclassen (die 5. und 6. Gymnasialclasse). Das Gymnasium bestand damals nämlich aus 6 Classen. Die Hörer der damaligen Philosophie, die aus zwei Jahrgängen bestand, wurden erst im Jahre 1837 verpflichtet Religionsunterricht zu genießen. Dieser bestand zunächst darin*), daß die Studirenden verpflichtet waren an Sabbathen den Gottesdienst zu besuchen und setzte ihnen Prediger Mannheimer dann die religiösen und ethischen Momente der von ihm gehaltenen Predigten auseinander. Wie heute bildete auch damals der Lehrplan das Schibolet der streitenden Parteien und wurde derselbe auch wiederholt geändert. Bald hat man dem Unterricht der Bibel im Urtext mehr, bald weniger Raum gegönnt und dasselbe war auch der Fall in Betteff des Gebetbuches, das zu Zeiten ganz eliminirt war. Als Lehrtext wurde außer der Bibel und dem Gebetbuche das Bne Zion verwendet. Nachdem jedoch Saalschütz das Buch: „Grundlage zur Katechisation über die israelit. Religion" (Wien, Gerold 1833) veröffentlicht hatte, wurde dieser Lehrtext eingeführt. *) Prediger Mannheimer hielt diese Borträge bis zum Jahre l 1848. Bei der Neuorganisation der Gymnasien, wurden diese zwei Jahr- I gänge der Philosophie mit ei »bezogen, so daß das Gymnasium 8 Classen hatte, die sämmtlich beim Neligivnslehrcr Breuer Unterricht erhielten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.