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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-17 · 25 (17.6.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Rr. 25 Drstrrrrichifchr WochrnfchrW. Seite 429 Die K r e u z z e i t u n g vom Samstag den 11. Juni 1892 veröffentlicht einen spaltenlangen Artikel aus „Diplomatenkreisen", der nachzuweisen sucht, daß der Besuch des Großfürsten Constantin in Nancy die Fiction beeinträchtige, daß der Czar ein die franco-russische Verbindung mäßigendes und hemmendes Element repräsentire, daß die „friedlichen Absichten" des Czaren durch die bekannten Endziele jener Verbindung sehr problematisch erscheinen. Selbst dieser Artikel will beweisen, daß die Kieler und die Nancyer Zusammenkunft die Weltlage nicht verändern. Die Kreuzzeitung droht den deutschen Finanzkreisen es ja nicht zu versuchen, russische Werthpapiere auf den deutschen Markt zu bringen und meint es werde hoffentlich Niemand dazu den Muth haben. Demnach ist die Kreuzzeitung ein „Judenblatt" ärgster Sorte. Aber auch die antisemitische „Ostdeutsche Rundschau" vom selben Datum erklärt wörtlich: „Und gerade als ob der Czar noch ein klebriges hätte thun wollen, um ja eine Deutung seines Besuches als einer ausdrücklichen Freundschafs-Kundgebung unmöglich zu machen, entsandte er ganz zu derselben Zeit den Großfürsten Constantin, um dem bei dem französischen Revanchefeste in Nancy weilenden Präsidenten der französischen R.publik den Ausdruck seiner freundschaftlichen Gesinnungen zu überbringen. Das war doch gewiß deutlich." Mit welch' schamloser Verlogenheit die Antisemiten- Blätter Vorgehen, ersieht man immer am besten, wenn man zufällig zwei antisemitische Blätter unmittelbar nacheinander in die Hand nimmt. Die „Ostdeutsche Rundschau" zum Beispiel in Nr. 24 vom 12. Juni 1892 schreibt unter der Spitzmarke: „Der Juden Haß gegen Bismarck. Das war wieder ein gefundenes Fressen für alle Juden und Judenverhimmler, als in Rhein-Heffen zu Ende der vorigen Woche einer der höchst gepriesenen Götzen der liberalen Partei im Reiche vor einer „auserwählten Zuhörerschaft Gelegenheit nahm, über Bismarck und den Antisemitismus zu lästern. Wenn einer dazu, schon seinen „menschlichsten Eigenschaften" gemäß, nicht berufen ist, nach der Heldengestalt Bismarcks Steine aus feiger Ferne zu werfen und das brusterhebende, heilige Bolksgefühl der Deutschen, das naturgemäß den Antisemitismus gebar, zu begeifern — so ist dies der erwähnte „große Redner" — der jüdische Abgeordnete Bamberger." Dagegen das Stöcker'sche Blatt „Volk" findet die Verlobung des Grafen Herbert Bismarck mit der Gräfin Hoyos insofern bemerkenswerth, als die Grafen Hoyos dem „jüdischen Liberalismus" angehören und stark in „Judenschutz" machen. Carl Paasch hat längst den „Beweis erbracht", daß Bismarck seine Diplomatie in den Dienst der „Alliance israölite“ gestellt f)at. Die antisemitische Intelligenz glaubt Alles. Isidor Torb gestorben am 4. Juni 1892. Ueber den heimgegangenenSecretär der „Alliance Israelite Universelle“ in Paris, schreibt Prediger Dr. Jellinek: Es ist keine hyperbolische Redensart am Grabe dieses ausgezeichneten Mannes, wenn wir sagen, daß er nicht zu ersetzen sein wird, und daß sein Hinscheiden eine Lücke in Paris zurück läßt, die nicht durch einen Einzelnen wird ausgefüllt werden können, so groß waren seine hervorragenden Eigenschaften und so segensreich und mannigfach seine Thaten. Isidor Loeb war als Secretär die Seele der Alliance Israölite Universelle. Mit unermüdlicher Arbeitskraft, mit seinem bedeutenden organisatorischen Talente, mit seinem warmen jüdischen Herzen und seinem umsichtigen Geiste widmete er sich den Aufgaben dieses großen Weltbundes, welcher den Ruhm der ftanzösischen Juden bildet. Er war ihre gewandte Feder, ihr Correspondent nach allen Weltgegenden, ihr Reisender nach den fernsten Ländern. Was er unternahm und was er ausführte, that er gewissenhaft, nach den Anforderungen der strengsten Pflichterfüllung. Schon in feinem Berhältniß zur Alliance wird er schwer zu ersetzen sein. Isidor Loeb war einer der bedeutendsten, vielseitigsten und fruchtbarsten jüdischen Gelehrten der Gegenwart, der auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft heimisch war und Forschungen von bleibendem Werthe hinterließ. Bibel, talmudische und rabbinische Literatur, Geschichte der Juden in politischer und socialer Beziehung, Sprachwissenschaft bildeten das Feld seiner literarischen Thätigkeit. Seine Belesenheit, seine genaue Kenntniß von Zeitfragen und sein sicheres kritisches Urtheil zeigten sich besonders in der „Bibliographischen Ueberficht", die er in jedem Hefte der „Revue des stades juives“ lieferte. Mit besonderer Vorliebe verfolgte er die Leistungen spanischer Gelehrten in Beziehung auf die Geschichte der Juden in Spanien. Seine Verdienste um die genannte Revue und deren Gedeihen wurden so allseitig gewürdigt und anerkannt, daß ihm die Ehre zutheil wurde, zum Präsidenten dieser Gesellschaft gewählt zu werden. Isidor Loeb war aber nicht blos ein großer Gelehrter in der Bücherstube und ein sehr productiver Schriftsteller, sondern auch als Lehrer thätig. Er gehörte zu den Lehrkräften der ßcole rabbinique und war der Nachfolger des Professors Josef Derenbourg an der Ecole des hantes etudes in Paris. Der „Jüdischen Presse" entnehmen wir nachstehende biographische Daten: Isidore Loeb wurde im Jahre 1839 in Snlzmatt als Sohn des dortigen Rabbiners geboren. Nachdem der frühreife Knabe durch den gelehrten Vater in die biblisch-talmudische Wissenschaft und durch tüchtige Lehrer in die profanen Disciplinen eingeführt worden war, bezog er als Siebzehnjähriger das Rabbiner-Seminar zu Metz, das er mit vielbewundertem Erfolge in sechs Jahren absolvirte. Das Verlangen, in den weltlichen Disciplinen sich weiterzubilden, veranlaßte ihn zur Ucbersiedelung nach Paris, wo er vorwiegend Linguistischen und historischen Studien sich widmete und zugleich einen Lehrerposten an der Talmud-Thora bekleidete. Nach vorübergehendem Aufenthalte in Bayonne, wo er gleichfalls der Lehrthätigkeit oblag, wurde er i. I. 1866 als Rabbiner nach St. Etienne berufen. Sein Name hatte bald weit über seinen Rabbinatsbezirk hinaus einen guten Klang, und so wurde ihm i. I. 1869 nach dem Tode Nordmann's das mühen- und verantwortungsreiche Amt als Secretär der Alliance israelite universelle übertragen, dem er, wie bekannt, mit so unerreicht wunderbarer Opferfteudigkeit und so unerreicht wunderbaren Erfolgen bis an's Ende seiner Tage Vorstand. 1976 übernahm er als Nachfolger des unvergeßlichen Albert Cohn die Professur für Geschichte an vem mittlerweile nach Paris verlegten Rabbiner- und Lehrer-Seminar, der Anstalt, in der er selbst seine Ausbildung erhalten hatte. Mit einer erschöpfenden Beherrschung des Stoffes in seltenem Verein die Kunst glänzender, anregender Darstellung verbindend, hat Loeb es verstanden, seinen Schülern nicht nur eine umfassende Vertrautheit mit unserer Geschichte zu vermitteln, sondern zugleich den Trieb und das Vermögen zu selbstthätiger Forschung einzuimpsen und so eine Schule jüdischer Historiker zu erziehen, welche bis dahin in Frankreich fast völlig gefehlt hatten. Ueberhaupt war an der Pflege und Förderung jüdischer Wissenschaft Frankreich nicht in dem Maaße betheiligt, wie sie auf anderen Gebieten geistigen Lebens und Schaffens von Gelehrten und Laien gerade dort bethätigt wurde und so reiche Ernte schuf. Es fehlte ein Mittelpunkt, eine Vereinigung, in welcher der Fachmann Anregung, der Minderkundige Belehrung finden konnte, es fehlte vor Allem ein Organ, das in der Landessprache die Früchte jüdischer Geistesarbeit aufnahm und weiterbot. In weiser Erkenntniß dieses unabweislichen Bedürfniffes schuf Loeb im Verein mit Gleichstiebenden, den Herren Oberrabbiner Zadoc Kahn, A. Darme st eter, Th. R e i n a ch und A. im Jahre 1879 die Lociete des etudes juives und dann ein Jahr später ihr wissenschaftliches Organ die Revue des 6tudes juives. Wie jene bald zum Brennpunkte jüdischen

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