Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-17 · 25 (17.6.1892) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020925--01450-3025491
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 428 Oestrrretchisrhe Wochenschrift. Nr. 25 Der Antisemitismus tragt noch die großen Stiefeln, aber die Sohlen sind durchgetreten und er läuft auf nackten Füßen. Die schwachsinnige Polemik Schönerer's dient nur dem Urtheile zur Bekräftigung das Professor Nothnagel unwiderrustich über dm Antisemitismus gesprochen hat. Gin Bubenstück des rzechischen Antisemitismus. Die intemationale Antisemitenbande ist unermüdlich und sie arbeitet in allen Winkeln der Erde mit denselben Mitteln, nach dem gleichen Plan, mit derselben Verschmitztheit und chre Verlogenheit und Niedertracht ist beispiellos in der Geschichte der Cultur. Vor uns liegt das czechische Blatt von Jaromir Hrnek: „Ceskä Zäjmy“ Nr. 155, Jahrgang VIII. Es enthält auf der ersten Seite ein Bild von einer Niederträchtigkeit, deren blos die verworfensten Antisemiten fähig sind. Es zeigt den „Ritualmord von Port Said". Auf dem Boden liegt ein Kind und ein Jude ist im Begriffe es abzuschlachten, ein Gefäß sicht daneben zum Auffangen des Blutes. Die Staatsbehörden haben dieses Machwerk einer Bcanständigung nicht gewürdigt und so wird denn dieses Bild in dem slavischen Theile Böhmens ungehindert colportirt. In dem Artikel, welcher das Bild erläutert, wird mitgetheilt, daß am 15. März der Jude Carmona in Port Said, Vorbeter in dem jüdischen Tempel, die vierjährige Tochter des griechischen Drogisten Andreas Hadschi Vassilios durch Zuckerwerk in sein Haus gelockt habe, und daß ein „Abfchlachten" des Kindes nur durch die Volksmenge verhindert wurde, welche das Haus stürmte und das Mädchen aus einem finsteren Gelasse befreite, wo ein „altes Jadenweib" die Kleine, der Mund und Augm verbunden gewesen seien, niederdrückte. Nun war die „Boffische Zeitung" in der Lage, die ihr im Original vorliegende neueste Note des General- Jnspectors der ägyptischen Polizei, Settle Pascha vom 15. Mai, über die Angelegenheit zu veröffentlichen. Aus derselben geht zugleich hervor, daß allerdings die Griechen un- ' schuldige Juden mißhandelt haben, und daß der griechische Consul bisher eine Bestrafung der wüsten Rotte zu verhindern wußte. Das Schriftstück lautet: „Mulstöre äe Hnterieur-Police.“ Note über die Angelegenheit von Port Said. Am 15. März 1892 sandte eine griechische Dame ihren jungen Bruder und ihre kleine Tochter in's Freie, um zu spielen. Der Knabe kam nach einiger Zeit allein zurück und erzählte, daß das kleine Mädchen, welches man einen Augenblick allein gelaffen hatte, verschwunden, und, wie es scheint, in ein benachbartes Haus eingetreten sei, welches von Israeliten bewohnt wurde (von einem Greise und deffen Stieftochter). Die in Rede stehende Dame begab sich sofort in Begleitung ihres Vaters, eines griechischen Priesters, und mehrerer anderer Personen griechischer Nationalität, welche sich dem Zuge angeschlossen hatten, in das bezeichnete Haus, deffen Thor, da es sich auf die Rufe der Menge nicht rasch genug öffnete, eingestoßen wurde. Das kleine Mädchen wurde wiedergefunden auf der Höhe der Stiege, und der alte Israelit hatte von den anwesenden griechischen Unlerchanen Mißhandlungen zu erdulden. Ein Polizeiagent, welcher Zeuge des Austrittes war, der einen gewissen Lärm hervorgerufen hatte, konnte unter Beistand anderer Agenten, welche chm zu Hilfe gekommen waren, den alten Israeliten, die griechische Mutter und das Kind und einen der Griechen, welche dl6 Hauschor eingeftoßen und den Israeliten mißhandell hatten, auf das Polizeiamt führen. Im Auftrag des Gouverneurs wurde eine Untersuchung eingeleitet, und alle Untersuchungsacten dieser Angelegenheiten wurden zugleich mit dem beschuldigten Griechen auf das griechische Konsulat zur Urcheilsfällung übersandt. Der griechische Consul, welcher aufgefordert wocken war, die Dringlichkeit, welche dieser Angelegonheit rechtlich zukommt, wahrzunehmen, hat geantwortet, daß das Urtheil noch nicht gesprochen worden sei. Der Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, ist in Folge dessen eingeladen worden, die Frage der Bestrafung, welche über den in Rede stehenden, griechischen Unterthan zu verfügen ist, einer raschen Lösung zuzuführen. Henry H. Settle, Generalinspector der Polizei." Das Bild des „Ceskä Zäjmy0 wird aber nach wie vor colportirt. Die Lügner gegen einander. Bekanntlich ist der Gesandte der amerikanischen Regierung in Constantinopel, Excellenz Salomon Hirsch, ein Jude. Auch sein Vorgänger, Herr Strauß war ein Jude. Der New- Aorker Independent (ein kirchliches Blatt) schreibt über die Thätigkeit der beiden Gesandten im Interesse der amerikanischen Missionsschulen Folgendes: „ . . . Wenn die amerikanischen Miffionsinstitute in der Türkei vor dem Untergang bewahrt sind, so verdanken sie es unter dem Schutze der Vorsehung wesentlich der Thätigkeit des Herrn Hirsch. ... Ein anderer Punkt, der Regierungserlaß, der Herrn Hirsch in seiner Vertheidigung der amerikanischen Missionen besondere Verdienste geleistet hat, ist das erwähnte Regulativ, das sein Vorgänger Herr Strauß 1889 zu Gunsten der Missionsschulen erwirkt hat. Herr Strauß und Herr Hirsch sind Juden. Das christliche Publikum sollte in seiner Haltung gegen unsere jüdischen Mitbürger ebenso frei von religiösen Vorurtheilen sein, wie diese beiden Männer, deren persönliche Sympathien für das Schicksal christlicher Missionen in der Türkei im Wesentlichen entscheidend waren." So sind die „jüdischen" Gesandten Nordamerikas jederzeit bemüht, die christlichen Jntereffen zu schützen und die amerikanischen Missionsgesellschaften sind, wie wir sehen, auch - voll Anerkennung für deren Wirken. Dagegen brachte das „Deutsche Bolksblatt" vom 27. April 1892 einen Artikel unter der Ueberschrift „Das Judenthum in Constantinopel", der folgenden Satz enthält: „Das ausschlaggebende Judenthum steht auf der dem Dreibunde feindlichen Seit e." Herr Vergani construirte sich eine Verwandtschaft zwischen dem amerikanischen Gesandten und dem Baron Hirsch in Paris und entdeckte, daß Baron Mohrenheim ein Judenstämmling ist, der ein Judencomplott der „Alliance Jsraelite Universelle" gegen den Dreibund angezettett hat. Gegen diese „Dreibundseindlichen Zettellungen" der Juden hat damals Vergani die Aufmerksamkeit der österreichischen Diplomaten aufgerufen, um den jüdischen Agenten Rußlands das Handwerk zu legen. Lügner sollten indessen wenigstens ein gutes Gedächtnis haben. Das „Deutsche Volksblatt" vom 12. Juni 1892 hat nämlich seine stühcren Enthüllungen vergeffen und erzählt ihren Lesern neuerdings davon, wie die Juden einen deutschrussischen Krieg herbeiführen möchten, — aus Haß gegen Rußland. „Wegen der Judenausweisungen auf Rußland schlecht zu sprechen, urtheilt die Judenpresse der Kieler Zusammenkunft jede Bedeutung ab; denn sie perhorrescirt aus eben diesen Gründen ein deutsch-russisches Einverständniß, so sehr dieses im Interesse der Erhaltung des europäischen Frieden liegt, so sehr es durch das Fehlen jeder tatsächlichen Differenzen zwischen beiden Staaten begründet ist; sie wünscht aus eben diesen Gründen womöglich den Ausbruch eines deutsch-russischen Krieges, in dem Rußland wohl viel verlieren, Deutschland aber Nichts gewinnen könnte." Man braucht aber blos die anderen antisemitischen Blätter vom selben Tage zur Hand zu nehmen, um die ganze Verlotterung dieser Presse zu ermessen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.