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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-17 · 25 (17.6.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 Orsterrrichifchr Wochenschrift. Seite 437 nicht erklären. Man brauchte eben einen neuen Fetisch, und man glaubte in dem Antisemitismus das Miltelgefunden zu haben, um die Erde aus den Angeln zu heben. Georg Schönerer erwartete von seinem Fetisch wenigstens ein Ministerportefeuille oder gar die Vollmachten einer Diktatur. Die Sache ging auch Anfangs ganz gut; im Sophiensaal wie im Gemeindelokal von Gumpoldskirchen zeigte der Fetisch eine außerordentliche Kraft. Aber nach und nach wurde der Fetisch müde, mürrisch und sogar boshaft; wir glauben, er strikt. Aber Schönerer läßt seinen Fetisch nicht los; er hat eben nicht den erfinderischen Geist sich einen neuen Fetisch zu nehmen. Man begreift daher auch, daß Georg Schönerer noch immer nicht über die Rede sich beruhigen kann, die Professor Nothnagel im Verein „zur Bekämpfung des Antisemitismus" gehalten hat. Der Fetisch wurde beleidigt; wurde als ein nichtsnutziges Ding hingestellt; über einen solchen Zwischenfall kann man nicht so leicht zur Tagesordnung übergehen. Und was thut der von seinem Fetisch inspicirte Schönerer? Wenn man seinen Artikel gegen Professor Nothnagel recht sorgfältig liest, so sagt er im Grunde nichts Anderes, als daß die Inden Menschen sind wie die andern Menschen, daß sie in den verschiedenen Berufszweigen sich sortzubringen suchen, daß sie teilweise mit Glück arbeiten, daß Fleiß und Talent ihnen nicht abgesprochen werden kann. Und das soll eine Rechtfertigung des Antisemitismus sein. Und deßwegen sollte Professor Nothnagel nicht zu dem Ausspruche sich berechtigt fühlen: „Keinerlei Idee und kein noch so verschrobenes Ideal liegt der Wahrheit dieser antisemitischen Bewegung zu Grunde, kein zündender Gedanke führt sie, kein leuchtendes Ziel winkt an ihrem Ende." Als Protest gegen dieses Verdick hat Schönerer einen Schwall von Phrasen zur Verfügung; so war es immer bei ihm, die Phrase statt der Ideen, der Fetisch statt des Gottes. Und das muß man sagen, die Apparate im Fetischhäuschen des Schönerer sind recht matt geworden; der Donner grollt nur noch mit altersschwacher Stimme und wir glauben nicht, daß Schönerer durch das Maß seiner gegenwärtigen sehr reducirten Popularität sich in seiner Eitelkeit befriedigt fühlt. Und doch hatte der Antisemitismus so schön angefangen; er hatte hohe Protektoren und standen ihm Mittel zur Verfügung, wie keiner andern Bewegung. Kann der Liberalismus seinen Anhängern eine Plünderung oder blutige Orgien verheißen? kommt den Liberalen das Vorurtheil der Jahrhunderte zu Statten? Jeder der innerhalb irgend einer Berufsklasse durch einen jüdischen Concurrenten sich gedrückt fühlte, konnte seine Zuflucht zum Antisemitismus nehmen. Jeder durfte glauben, er werde bei der Plünderung eine hübsche Beute davontragen. Dabei war für Volksbelustigungen noch sehr viel zu erwarten. Und trotz dieses Appells an die Rohheit, Gemeinheit und Unwissenheit, an die niedrigsten Laster und gemeinsten Leidenschaften, beschränken sich die Erfolge des Antisemitismus auf die bekannten Leistungen im Parlamente, Landtage und in dem Wiener Gemeinderathe; diese Erfolge haben einen negativen Charakter und der Antisemitismus hat damit nur seine Unfähigkeit bewiesen. Ueber diese Dinge sollte Herr Schönerer Nachdenken, wenn er der Selbstprüfung fähig wäre. Er müßte es sich sagen, daß das Volk müde geworden ist, den Versprechungen des Antisemitismus zu lauschen. Man sieht denn doch ein, daß Plünderung und Raub nicht das Gedeihen, wohl aber das Unglück des Staates im Gefolge haben müßten. Auch sieht man ein, daß die Juden, welche zur Hebung des Erwerbslebens beitragen, wenigstens eben so nützliche Mitglieder des Staates und der Gesellschaft sind, wie Herr Schönerer. Mit dem arischen Bewußtsein allein kann man auch nicht wenig Haushalten und vergebens würden wir Herrn Schönerer um Auskunft darüber ersuchen, wie Racenbewußtsein und ein scharf ausgeprägtes Nationalbewußtsein sich mit einander vertragen sollen. „Die Träger und Verbreiter des Branntweins", ruft Schönerer, „sind die Juden". Und wer erzeugt denn den Branntwein und würden Sie Herr Schönerer Ihre Branntwein-Fabrik sperren, wenn Sie eine solche besitzen würden? Der adelige Großgrundbesitzer darf den Branntwein erzeugen, das ist ganz in der Ordnung; aber wenn der Jude den Branntwein verschleißt, dann ist die Anklage fertig. Wird in jenen russischen Gouvernements, wo keine Juden wohnen dürfen, kein Branntrvein getrunken; sind nicht auch schon Antisemiten im Säuferwahnsinn gestorben? Und was soll man zu jenen Volksführern sagen, welche die Jugend zu Trinkgelagen verlockten und aus diese Art viele jugendliche Existenzen zu Grunde richteten. Gewiß, der Antisemitisnms war stets eine Gefahr für seine Anhänger. Die Probe mit dem Branntwein genügt, um den Werth der übrigen Schönerer'schen Behauptungen zu bestimmen. Solche Dinge verfangen nicht mehr. Die gesammte große Macht des Capitals wurde erst in unserem Jahrhundert geschaffen; da gibt es keinen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Millionären. Die Verjudung der Gesellschaft ist eine Fabel, nachdem die praktische Erwerbsthätigkeit gänzlich getrennt ist von den religiösen Empfindungen. Eine Fabel ist auch, wenn man von dem Glück der alten Zeiten spricht, wo endlose Kriege mit Pest und Hungersnoth abwechselten und wo man die Judenverfolgungen inszenirte, damit der Mensch erst recht als Bestie erscheine. Waren die Bauernkriege gegen die Juden gerichtet? Man nehme die zahllosen Unthaten und Verbrechen des Mittelalters in Augenschein und man wird finden, daß gerade die Juden dabei ohne Antheil sind. Das Gerede, daß speziell die Juden die Arbeitskraft ausbeuten verfängt nirgends mehr. Sind in Spanien die Verhältnisse denn so glänzend, soll man die Finanzen Portugals als musterhaft betrachten? Und doch gibt es dort keine Juden. War Spanien glücklich nachdem es sich von den „Fremden", den Mauren und Juden befreit hatte? Unaufhaltsam vollzog sich der Verfall des mächtigen Staatswesens. Die Gerechtigkeit der staatlichen Gesetzgebung unserer Tage ist das Produkt weltgeschichtlicher Erfahrungen, ist eine Blüthe der Gedankenwelt, wie die größten und tiefsten Denker sie aufgebaut haben. Man erkannte, daß der Freisinn dieser Gesetzgebung für die Wohlfahrt der Staaten und Völker eine Nothwendigkeit sei. Und nun sucht man plötzlich wieder das Heil beim Vorurtheil, beim Aberglauben und bei der Lüge. Die Juden sind alter in Europa als die Deutschen in Oesterreich und als die Ungarn in der großen Donauebene; aus welchem Grunde will man die Juden als Fremde betrachten? Man sehe in dem Juden, wie es der Natur der Dinge und den Gesetzen entspricht, den Bürger des Landes und man soll sich dann nicht darüber beklagen, wenn er gleich allen andern Bürgern seinen Platz zu behaupten vermag. Das jüdische Element bildet nur eine werthvolle Verstärkung und Ergänzung des Gesammlorganismus. Wenn man aber von einer Verjudung spricht, so ist das Lüge und Uebertreibung; wenn durch den Juden ein rationeller Betrieb angebahnt wird, so hat auch der Christ den Vortheil davon und aus den Leistungen des Einzelnen wird stets die Majorität, nicht aber die Minorität, die größten Vortheile ziehen. Herr Schönerer wird allerdings an seinem Antisemitist mus festhalten und an jenem Germanenthum, das er begreift und wie es in Saufgelagen, im Bierdunste gepredigt wird. Er kann seinen Jrrthum nicht aufgeben, wenn ihn auch das Gefühl der Jsolirung von allen besseren Elementen beschleichen mag, wenn er "sich auch in der schlechten Gesellschaft eines Ahlwardt und dergleichen findet, — ihm gegenüber hat der Fetisch seine Macht bewahrt. Der Antisemitismus steht aber mit logischer Nothwendigkeit im Gegensatz zu jeder Sittlichkeit. Denn sittlich ist es doch wahrlich nicht, wenn man die unschuldigsten Menschen zu Opfer eines blutigen Haffes machen will und sittlich ist es nicht, wenn man das Verbrechen als Volksideal hinstellt? Wo bleibt da das Gefühl der Verantwortlichkeit? Mer jeder Robespierre findet sein Ende und die Terroristen machen einen kläglichen Eindruck, wenn sie sich ihres Einflusses beraubt sehen.

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