Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-17 · 25 (17.6.1892) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020925--01448-3025489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Orstrrrrirhifrhr Worhrnsrhrifi Nr. 25 Seite 426 nur den Juden gefährlich war; konnte man demselben allenfalls noch r-uhig znsehen. Die Allianz mit den Rumänen und der preußischen Kreuzzeitungs-Partei aber enthüllt die letzten Ziele des Herrn Schneider und seiner Hintermänner. Nicht um die Juden handelt es sich, sondern die Hetze richtet sich gegen den Dualisnms gegen die verfassungsmäßigen Grundlagen beider Neichshälften. Man conspirirt mit den auswärtigenFeinden der Monarchie und der Antisemitismus ist nur noch der Deckmantel für den nichtswürdigsten Landesverrath. Wer das heute noch immer nicht begreifen will, der ist mit Blindheit geschlagen. Wie weit soll es denn in diesem Staatswesen noch kommen, wenn es schon preußischen Junkern und Journalisten möglich ist, alle staatsfeindlichen Elemente zum Sturm gegen das Gesammtreich zu führen und sich an die Spitze jener verrätherischen Horde zu stellen, die das Ansehen der Krone selbst herabzuwürdigen versucht? Wann endlich wird man den Lügen und Denunciationen des berufsmäßigen Fälschers Schneider ein Ende machen? Will man warten, bis er das Schauspiel eines Ahlwardt nachahmt und auch jene Kreise der Corruption verdächtigt, welchen die Sorge um die Ehre und Sicherheit des Staates anvertraut ist? Es ist Zeit, daß man endlich zum großen Kehrbesen greife und mit diesem Gelichter gründlich aufräumt. Antisemitisches Sodom. Das christlich germanische St. Pölten beglückt Oesterreich tnü drei antisemitischen Abgeordneten. Im Reichsrathe sind Stadt- und Landbczirk durch einen christlich-socialen und einen deutsch-nationalen Parteigenossen vertreten und im niederösterreichischen Landtage verdankt der samosc P. S ch c i ch c r dem frommen Sinne der Bewohner von St. Pölten die segenskräftige Bethätigung seines politischen Genies. St. Pölten ist gottesfürchtig, durchglüht vom heiligen Eifer, die arisch-christliche Sittlichkeit gegen die Vergiftung und Verpestung durch den teuflischen Scmilismus zu schützen. Zwar gering ist die Anzahl der Juden in St. Pölten und winzig ihr Einflns;, die Stadtverwaltung ist judcnreiu. Dafür sind die Juden anderwärts um so zahlreicher und Las sittliche Beiderbniß jener durch Juden verpesteten Städte geht den Bewohnern St. Pöltens sehr zu Herzen und sie entsenden Reichsboten, auf daß si^ mit gewaltiger Stimme gegen das durch die Juden herbeigeführte Verderbnis ein Strafgericht halten mögen. St. Polten ist eine christlich-sociale Stadt par exeeUeves und vor dem Schwurgerichte dieser Stadt wurde vom 13. bis 15. Juni ein Prozeß verhandelt, der einen wahren Abgrund sittlicher Verderbtheit enthüllte. Bor Gericht stand eine Mutter unter der Anklage, verschiedene jugendliche Mädchen, darunter ihre e i.g ene Tochter zum Laster verleitet zu haben. Außerdem erschienen scchszchn uiännlichc Angeklagte. Einige unter ihnen zählen zu den geachtetsten Bürgern der Stadt und der Umgebung, die meisten sind verheiratet und Familienväter. Sie alle waren betheiligt an den Orgien, die im Hause der erwähnten Frauensperson, der wiederholt abgestraf- Icn, 33jahrigen Handarbeiterin Theresia Maier abgehalten wurden, uno deren Mittelpunkt das dreizehnjährige Mädchen, Paulinc Maier, die in der Verhandlung als Kronzeugin fungirt, bildete. Alle diese Angeklagten wurden beschuldigt, das Verbrechen der Nochzucht begangen zu haben und Einer hatte sich auch wegen des Verbrechens dcr Schändung zu verantlvorten. Aufgedeckt wurde diese ganze Affaire, welche einige Ehefrauen zu Ehescheidungen, ja bis zu S e l b st m o r d v e r s u ch e n getrieben hat, durch einen Betheiligten, welcher eine Geldfvrderung der Mlitter mit einer Strafanzeige beantwortete. Und dann wurde Theresia Maier geständig, geständig über alle Maßen. Ihr Gedächtniß fand in den Aufzeichnungen der Tochter eine wirksame Stütze. Gleichwie der Verkehr im Hause der Maier sich vcrhängnißvoll für die Angeklagten gestaltete, die unter dem Eindrücke der wider sie erhobenen Anklagen ihre gesellschaftliche Stellung einbüßten und ehelichen Zwistigkeiten ausgesetzt wurden, deren häusliches Glück in vielen Fällen wie mit Einem Schlage entschwand, ebenso verhängnißvoll ist für die Betheiligten die Rolle, welche Mutter und Tochter im Processe spielen. Sie sind die Säule»! der Anklage und belasten jeden einzelnen Angeklagten in gravirender Weise. Pauline führte mit großer Gervissenhastigkeit ein Tagebuch, in das sie die Namen und Adressen ihrer Besucher eintrug und freute sich! darüber, »vie das Schulheft, das sie zu ihren Aufzeichnungen vertuendete, immer mehr und mehr Namen enthielt und endlich ausgeschrieben war. Dieses Schwarzbuch lieferte nun alle jene' Namen aus, die die ersten Seilen der Anklageschrift füllen; man erzählt sich, daß das Schwarzbuch eine weit stattlichere Namenslifte nachwies und daß es nur angelegt worden sei, um den» sauberen Paare ^Pressungen zu ermöglichen. Angeklagt wurden: AloiS Seidl. 26 Jahre alt, ledig; Josef Benker, 38 Jahre alt, verheiratet, Seifenfabrikant; Anton Gröbl, 34 Jahre alt, verheiratet, Zimmcrmeister; Josef Seidl, 38 Jahre alt, verheiratet, Riemermeister; Alexander Slawik, 18 Jahre alt, ledig, Weinhändler; Ulrich Anzengruber, 28 Jahre alt, verheiratet, Gastwirth; Anton Zeiß, 42 Jahre alt, verheiratet, Bäckermeister; Josef T a b o r s k y, 22 Jahre alt, ledig; Rudolf Egger, 23 Jahre alt, ledig, Bautechniker; Karl Rotier, 19Jahre alt,ledig, Fabriksarbeiter; Emerich Schoinz, 32 Jahre alt, Karl Huber, 38 Jahre alt, verheiratet, Gasttvirth; Alois Bertagnoli 36 Jahre alt, ledig, Fruchthändler; Ernst Kerkow, 64 Jahre alt, verwitwet, Tapeziererund Eduard Tisch, 53 Jahre alt, verheiratet, Privatbeamter. Die Liste der „Betheiligten", die nicht angeklagt wurden, ist vielfach größer, allein das „Schulheft" Paulinen's ist »vährend der Untersuchung, man weiß nicht »vie, verschwunden.!!! Auch diese Gesellschaft, »velche im Hause der Theresia Mayer sich ainusirte, und über deren Thaten das Schwurgericht mit Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelte, ist, wie die Namen auf den ersten Blick zeigen, judenrein. In der Gemeinschaft dieses raffinirten Lasters tvurde kein Semite geduldet. Wäre die vertvorfene Mutter, welche ihr Kind dem Laster verkauft, jüdischer Abstammung, oder »väre ein Jude irgendwie, »venn auch nur entfernt, an den Geschehnissen betheiligt, »velches Spektakel hätten »vir erlebt? Ganz Europa »väre vo»n internationalen Antisemitismus aufgcrufen worden auf das Schauspiel von St. Pölten zu schauen; die Reichsrathsabgeordneten Jax und Muth hätten die Negierung interpellirt, »varum man das Niederlassungsrccht der Juden nicht beschränkt, P. Scheicher im niederösterreichischen Landtage eine endliche Uebersetznng des Talmuds dringend gefordert, in der Wiener Volkshalle hätten Dr. L»reger und Prinz Liechtenstein vor einer Massenversammlung den Zorn des christlichen Volkes zur Hellen Gluth entflammt und ein Strafgericht gehalten über das lasterhafte Semitenthum, »velches die arischen Christen in die Berderbniß hineinzieht. Herr Geßmann hätte vierzehn Tage hindurch an die „Kreuzzeitung" in Berlin Leitartikel gesendet über die bodenlose Verkomrnenheit des österreichischen Judenthums und Herr Bergani würde »nit einem stenographischen Protokoll des Prozesses von St. Pölten ein nettes Sümmchen verdient haben! Oh, »velche herrliche Gelegenheit wäre es gewesen für alle diese Catone sich in ihrer vollen Gloire zu zeigen, auf dem dunklen Hintergrnnd unseres düsteren Lasters die tausendfachen Strahlen ihrer arischen Tugenden erglänzen zu lassen. Und Herr Stöcker, Herr Böckel, Herr Ahliv ardt ur»d ihre Genossen in Berlin mit der sittenreinen Vergangenheit hätten uns ersäuft in den Strömen ihrer sittlichen Entrüstung. Selbst das „schtvarze Heft" der kleinen Pauline, welches noch weit interessantere Vermerkungen enthalten soll, als die Anklageschrift des Staatsanwaltes ahnen läßt, »väre durch antisemitische Findigkeit zu Stande gebracht worden — um die abgrundtiefe Berrvorfenheit des Judenthums vor aller Augen zu offenbaren. „Es wär so schön gewesen, es hat nicht sollen sein." Zum Glücke »var das Laster von St. Pölten exclusiv, hielt sich streng in den Grenzen des rassenreinen Arierthums und gestattete keinem Juden einen Zutritt. Die Herrschaften tvaren dort unter sich, — kein „semitischer Baccillus" ist in diesem Conventikel zu entdecken. Die Wiener Tagesblätter publicirten aus Rücksicht der öffentlichen Sittlichkeit nur dürftige Auszüge aus der Anklageschrift, Bergani's „Deutsches Bvlksblatt" allein hat, nur seiner „Leselvelt" einen besonderen „Genuß" zu bieten, eine, „realistische Schilderung" der Vorgänge in» Hause der Therese Maier geboten. — Antisemitisches Sodom! Georg Schönerer und sein Feüsch. Der Mensch hat eine melkwürdige Begabung, die uns aus den Schilderungen afrikanischer Volkssitten ebenso deutlich entgegentritt wie in den Tiroler Volkssagen, die eigenthümliche Fähigkeit nämlich, die Kräfte übernatürlicher Wesen durch ein natürliches Mittel sich dienstbar zu machen. In Tirol schnitzt der Hirte auf der Alpweide ein rohes Holzbild, das - er als Popanz gegen Bettler gebrauchen will und dieses Holzbild wird lebendig, und dieses Höllengebilde ruht nicht, bis der Hirte sein Opfer geworden. Das ist der Tiroler Fetisch. Der Afrikaner kann ohne Fetisch nicht leben; bei allen Erscheinnngen des Lebens nnd der Natur dient ein willkürlich gewählter, nichtsdestoweniger mit Zauberkräften ausgestatteter Gegenstand als unentbehrlicher Vermittler. Der Neger läßt jedoch die Erfahrung sprechen, wenn der Fetisch sich halsstarrig erweist oder sonst nicht im Stande ist, den auf ihn gesetzten berechtigten Erwartungen zu genügen, dann nimmt sich der. Afrikaner einen neuen Fetisch, bis er endlich doch den , richtigen findet. Sieht man sich die Sache genauer an, so entdeckt man, r daß der Fetisch, die Anbetung willkürlicher, selbstgeschaffener Götzen überall eine Rolle spielt. Was war denn der Anüsemitismus? Auf vernünftigem Wege läßt sich die Bewegung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.