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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-10 · 24 (10.6.1892) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 24 Orstrrrrichlsche Wochrnfttzrist. Sette 419 insbesondere gerade im letzten Jahre über die Juden so ungemein gestiegen sei, habe weniger seinen Grund in der Agitation der Antisemiten, sondern in dem das christlich-deutsche Bewußtsein geradezu herausfordernden Gebühren vieler Juden. Die Vorkommnisse an der Getreide- und Effectenbörse, die schmählichen Bankbrüche und Depotunterschlagungen großer, meist jüdischer Firmen, die bekannten Affairen in Hildesheim, Osnabrück, Breslau, Lanten, das jedes christliche Bewußtsein geradezu verhöhnende Untersagen des Glockengeläutes in Wildbad, die Agitation gegen das preußische Volksschulgesetz und vieles Andere müßte selbst den ruhigsten Bürger aus seinem Schlafe rütteln. Höchst bedenklich erscheine der überaus starke Procentsatz der jüdischen Schüler in den höheren Lehranstalten, indem in einigen Berliner Gymnasien die jüdischen Schüler die Hälfte der Gesammtzahl der Schüler übersteigen. Selbst in höheren Mädchenschulen in Berlin, so z. B. in der Margaretheuschule, seien die jüdischen Schülerinnen auf 43 Procent der Gesammtheit gestiegen. Auch das Verhältniß der jüdischen Schüler zu den christlichen in der Dresdener Rathstöchterschule erscheine frappant genug: denn während nach der Gesammtbevölkerung auf 100 Einwohner in Dresden nicht ganz ein Jude käme, säßen nach dem letzten Jahresberichte in der städtischen Rathstöchterschule unter 372 Schülerinnen 50 Jüdinnen. Alls dem letzten israelitischen Gemeindetage sei die erschreckende Thatsache bekannt geworden, daß 800 jüdische Gemeinden ohne Lehrer oder Cultusbeamte seien, die Religionsunterricht ertheilen könnten. Das Facit aus derartigen Thatsachen dränge sich von selbst ans. Die konservative Partei werde und müsse Alles daran setzen, um die christliche Schule und die christliche Obrigkeit dem deutschen Reiche zn erhalten und zu stützen. Damit nehme die konservative Partei nicht etwa etwas Neues in ihr Programm aus, sondern folge nur Grundsätzen, die bisher schon für diese maßgebend gewesen seien. — Auf wirtschaftlichem Gebiete gelte es insbesondere, den Mittelstand in Stadt und Land in seiner bedrängten Lage zu unterstützen; auf dem Gebiete der Concursordnung, der Abzahlungs- und Ramschgeschäfte, wie gewisser Auswüchse von Consumvereinigungen müsse Wandel geschafft werden. An den Börsen müßte das überwuchernde Spiel- und Speculationsgeschäft in die nothwendigen Schranken zurückgewiesen und der Börsenverkehr thunlichst unter staatliche Aussicht gestellt werden. Bei allen derartigen Forderungen müsse mau sich aber an das thatsäcklich Erreichbare halten." Mit dankenswerther Offenheit hat M e h n e r t verrathen, wie die konservative Partei ihr Programm hinsichtlich der Judcnfrage revidiren wird. Die „Sächs. Arb.-Ztg." begleitet die Vorträge Mehnert's mit folgender Bemerkung:' „Herr Mehnert sollte doch lieber solche Dinge nicht sagen; oder meint er vielleicht, daß es zur Hebung des Handwerks bei getrageü, wenn sein geschätzter Herr Papa den Handwerkern, die für ihn, den Bauspeculanten, gearbeitet hatten und ihr Geld verlangten, erwiderte, er zahle nicht, sie sollten ihn nur verklagen? Unv kann wohl Jemand, und sei es auch der geriebenste „Jude" noch schäbigere Geschäftspraktiken in Anwendung bringen, . wie es der Bankdirektor Karl Mehnert, Paul Mehnert's seliger Vater, sowohl Handwerkern gegenüber, als auch in noch viel größerem Maße bei seinen mecklenburgischen Gütergeschäften gethan hat. Man sieht, Herr Dr. Mehnert hätte alle Ursache, solche kitzliche Fragen lieber unberührt zu lassen." Leipzig, 26. Mai. Das „Berliner Tagblatt" bringt in seiner gestrigen Abendausgabe einen Leitartikel über den „Antisemitismus in Sachsen". Daß der Inhalt des Aufsatzes jedem Wohlmeinenden sympathisch ist, bedarf kaum der Erwähnung; doch können wir in das, wenn auch nur bedingte Lob der sächsischen Regierung leider nicht einstimmen. Ist ja Sachsen der einzige Staat in Deutschland, in welchem der Antisemitismus seit mehr als einem Jahrzent 'nicht von unten, sondern . von oben her betrieben wird. Brauchen wir Beispiele dafür zu bringen? Die Vertreibung des Deutsch-Jsraelitischen Gemeindebundes aus Leipzig dürfte wohl noch in der Erinnerung der meisten Leser Ihres Blattes sein. Für Diejenigen, welche beu Fall nicht kennen, sei kurz erwähnt, daß die sächsische Regierung, nachdem der Bund den antisemitischen Schriftsteller Egon Waldegg vergeblich durch mehrere Instanzen verklagt hatte, plötzlich einen Gesetzesparagraphen herausfand, kraft dessen sie dem Gemeindebund nach dreizehnjährigem Bestände die Berechtigung der Existenz in Sachsen absprach und dem Ausschüsse dieses Bundes sofort jede Thätigkeit untersagte. Mcht minder gibt sich die Stimmung der maßgebenden Kreise durch den Umstand kund, daß die israelitischen Gemeinden in Zittau, Plauen und- Zwickau in ihrem Bestreben nach Erlangung der Corporationsrechte seit Jahren auf Widerstand stoßen, trotzdem die städtischen Behörden dieser Orte die Anträge der jüdischen Gemeinden lebhaft befürworten. Unter diesen Umständen ist es nicht weiter wunderbar, wenn Leute wie Fritsch ihr Wesen ungestört treiben zu können vermeinen. Moskau Ein Jude Namens Silber heiratete im Jahre 1887 in dem Dorfe Nikolajewka. Obwohl sein Weib in diesem Orte geboren wurde und daselbst das Ansiedlungsrecht besaß, wurde Silber doch vertrieben; sein Weib durste bleiben. Sie hatte ein 18 Monate altes Kind, und nun erhob sich die Frage, ob das Kind in dem Dorfe bleiben dürfe. Die Behörden entschieden, das Kind müsse zum Status des Vaters und nicht zu dem der Mutter gehörig betrachtet werden. Der Vater wurde demzufolge gezwungen, dem Kinde außerhalb des Dorfes eine Amme aufzunehmen und es zu derselben zu geben, so daß die Mutter es jetzt nur von Zeit zu Zeit sehen kann. Silber hofft natürlich, er werde bald in der Lage sein, sich an einem Orte niederzulassen, wo er seinen Unterhalt finden und mit seiner Familie wieder vereint werde leben können. Dies ist ein ganz merkwürdiger Fall von der Austreibung eines 18 Monate alten Kindes. Kopenhagen. Wie bereits berichtet wurde, ist die Wahl des Rabbiners David Simonsen zum Oberrabbiner von Dänemark von der Regierung bestätigt worden. Oberrabbiner Simonsen wird hiedurch Nachfolger im Amte des Ende vorigen Jahres verstorbenen Oberrabbiners Professor A. A. Wolff, welchen er bereits durch 13 Jahre in der Ausübung seiner Functionen mit Eifer und Talent unterstützt hat. Der neue Oberrabbiner ist in Kopenhagen geboren und noch ein junger Mann, denn er steht im Alter von 38 Jahren. Sein Vater war Chef eines angesehenen Bankhauses und ob seiner großen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit sehr geachtet. Der junge Simonsen absolvirte die Universitätsstudien in seiner Vaterstadt und bezog dann das Rabbinerseminar in Breslau. In den Jahren 1874—1879 widmete er sich eifrig dem Studium der Theologie, der classischen und orientalischen Philologie. Nach Vollendung seiner Studien wurde er zum Rabbiner zur Unterstützung des damals 80jährigen Dr. Wolff erannt. Auf wissenschaftlichem Gebiete hat er sich durch Herausgabe her Sculpturen und Inschriften von Palmyra einen guten Namen erworben. VmniMes. Wien. (Neue Cnltusgeineindenl. Laut Erlasses der hohen k. k. n.-ö. Starthalterei vom 2. Mai 1892 Z. 26884 hat der provisorische Cuitusgemeinde-Borstand der israelitischen Cultusgememde M o d l i n g mit 1. Mai 1892 seine Amtswirksamkeit begonnen. Hievon geschieht zu Folge der Note des löblichen Magistrates der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien vom 26. Mai 1892 G. Z. 905*23/111. die Verlautbarung. Die provisorischen Cultnsgemeinde-Borstande der israelitischen Cultusgemeinden W a i d h o f e n au der Thaya und N e u n k i r ch e n habenihre Amtswirksamkeit am 2v.März resp. am 8. April d. I. begonnen. Hievon geschieht zu Folge Erlasses der. hohen k. k. n.-ö. Stalthalterei vom 14. April 1892 Z. 24336 die Verlautbarung. Der provisorische Cnltusgemeinde-Vorstand der israelitischen Cultnsgemeinde T u l ln hat seine Amtswirksamkeil am 29. April^1892 begonnen. Hievon geschieht zu Folge Erlasses der hohen k k. n.-ö. Stalthalterei vom 29. April 1892 Z. 24186 die Verlautbarung. Wien. (Trauungen). Sonntag, den 5. Juni 1892 wurden in der Wiener Eultusgeueinde geteaut: Herr Ludwig Bondi mit Frl. Jenny Fischer; Herr Emil Popper mit Frl. Helene Lichtwitz; Herr Julius Cohn mit Frl. Pnuline Bensinger: Herr Heinrich Rosenzweig mit Frl. Pauline Hecht; Herr Ludwig Fcldmann mit Frl. Rosa Fischer, Herr Max Stern mit Frl. Eamilla Mensch; Herr Bernhard Rappaport mit Frl. Levntine Kaiser: Herr Adolf Bondy mit Frl. Helene Jellinek; Herr Anton Singer mit Frl. Irene Hoffmann. Wien. (Personaln ach richten.) Der Großindustrielle Herr Carl Grün, vermählt seine Tochter Bella mit Herrn Adolf Bruckn er .in Firma Jos. Bruckner s Söhne in Wien. Am 16. Juni findet die Trauung des Herrn Ludwig Krauß mit Frl. Louise Weiner, Tochter des Herrn Philipp Weiner statt. Der Religions-Prosessvr Herr Dr. Heinrich Pollak, Sohn des hiesigen Rabbinats-Affessors Herrn M. Polln k, hat sich mit Frl. Mathilde Lamp l, Tochter des Herrn Wilhelm Lampl, Malzfabrikanten in Eisgrub i Mähren) verlobt. Am 2. Juni Abends ist aus dem Lokaldampfer „Prater" während der Fahrt von Wien nach Nußdorf der Hof- und Gerichtsadvvkat Dr. Gerson K r a n z plötzlich gestorben. Dr. Kranz, ein in t

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