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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-10 · 24 (10.6.1892) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 416 Orsterrrichifchr WochenschrM. Nr. 24 Weiters erzählt der weise Professor: „Ms Kaiser Josef II. das berüchtigte Toleranz-Edict erließ, wurde auch den Juden gestattet, Medicin und die anderen Fachwissenschaften zu studieren, es würde aber den jüdischen Aerzten verboten,christliche Kranke zu behandeln, weil man Gefahr lief, die Juden könnten sie absichtlich vergiften; das sollte auch jetzt so sein." Merkwürdiger Weise wurde gerade dieser Mann vor wenigen Jahren aus einer schweren Krankheit durch die ärztliche Hilfe eines Juden gerettet, nachdem sich zuvor arische Heilkünstler vergebens um ihn gemüht haben. Damals zerfloß er in Dankbarkeit gegen den jüdischen Arzt. Jedenfalls steht der Commune, die ihn anstellt und besoldet, das Recht und die Pflicht zu, den antisemitischen Lehrer zu entfernen. Brokuplje, 20. Mai 1892. Bei den vielfachen Anfeindungen, welche die Juden aus mannigfachen Gründen in den westlichen, sogenannten civilisirten Ländern erfahren und bei der "" argen Hetze, die sogar Priester gegen dieselben treiben, dürften wohl folgende Mittheilungen von einigem Interesse sein, die beweisen, daß es in dem vielverlästerten Orient in Bezug auf Toleranz nicht so arg bestellt ist. Ich lebe seit vielen Jahren hier in Prokuplje und erfreue mich. trotzdem ich aus meiner Confession kein Hehl mache, stets der Freundschaft und Sympathie vieler christlicher Kreise. — Einer meiner Freunde, namens Antonacije Popoviö, Sohn eines Probstes, der ebenfalls für den geistlichen Stand bestimmt ist, forderte mich anläßlich seiner bevorstehenden Hochzeit auf, bei chm die Stelle eines Brautführers zu versehen. Nun sei aber bemerkt," daß durch dieses Amt nach serbischem Ritus auch ein Berwandtschaftsverhältniß zwischen dem Brautführer einerseits, dem Bräutigam und der Braut andererseits entsteht. Trotzdem war meine Confession tveder für den Bräutigam noch für seinen Vater irgend ein Hinderniß; um aber alle Bedenken zu zerstreuen, wurde das Consistorium in Belgrad angeftagt, und auch dieses erklärte, nichts dagegen zu haben, daß ein Jude das wichtige Amt eines Brautführers übernehme. Hochachtungsvoll Johann Habermann. Köln. In einem schwungvollen Leitartikel sagt die „Köln. «3*9": „Der Antisemitismus bedeutet für das deutsche Volk in erster Linie das Aufgeben der liberalen Ideen, für welche die besten Männer unserer Nation von jeher eingetreten sind, sodann aber die Zersplitterung im Innern und die Schädigung des Ansehens des deutschen Reiches nach außen. Der Antisemitisnms ist im Grunde nichts Anderes, als eine Vorstufe zum Kampfe gegen das Kapital. Er stellt sich nur insofern in Gegensatz zur Sozialdemokratie, als er seinen Angriff zunächst auf das jüdische Kapital beschränkt in der Ueberzeugung, daß das deutsche Volk noch nicht reif genug ist, um dem Gedanken seines Beraubungssystenls Beifall zu zollen. Die Volksmaffe sucht man durch die Verbreitung mittelalterlicher Märchen und die gebildeten Elemente durch die Phrasen von der Schädigung des Nationalwohlstandes durch die Juden zu verhetzen. Wohin dieses Streben führt, zeigen deutlich die neuesten Veröffentlichungen der antisemitischen Schandliteratur von Ahlwardt und Paasch. Da die Unwahrheit von der Behauptung der jüdischen Allmacht Jedermann in die Augen fallen würde, so ist. man genöthigt, den deuffchen Richterstand der Bestechlichkeit, die deutsche Diplomatie des Landesvenathes und hochgestellte militärische Beamte des Betruges offen zu beschuldigen. Wer beobachtet hat, mit welcher Freude man in Frankreich und Rußland die Schilderung solcher Zustände begrüßt, wird begreifen, ' daß es höchste Zeit ist, jenem schändlichen Treiben entgegenzutreten." Berlin. (Ern Pfarrer als Zeuge.) Eine herbe Kritik hat die e i d l i ch abgegebene Zeugenaussage des Pfarrers von Barnstedt, des Herrn Dr. Pietschker durch den Urthcilspruch des P o t sdamer Schöffengerichts erfahren, vor welchem der Redakteur der „Potsdamer Nachrichten" Dr. Rosenbaum gestern, des „groben Unfugs," verübt dnrch die Presse, angeklagt war und in welcher Sache Herr Pfarrer Pietschker als Hauptbelastungszeuge fungirte. ° Dieser grobe Unfug sollte verübt sein in einer Notiz des Blattes, welche die Hinschaffung der Leichen auf einen Hundewagen nach dem Kirchhofe zu Bornstedt rügte und mit der Bemerkung schloß, diese Sitte scheine in diesem Vororte erhalten bleiben zu sollen. Pfarrer Pietschker erklärte zeugen eidlich alle d lese Behauptungen für Unwahrheiten und sprach jn christlicher Liebe und Milde von B erlenmdnng und Hetzereien, während der Gerichtshof es im Gcgcntheil durch die übrigen Zeugenaussagen für erwiesen ansah, daß der Artikel auf Wahrheit beruh e und in der Form sachlich gehalten sei, ivcshalb er aus Freisprechung des angeklagten Redakteurs erkannte und die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auferlegte. Herr Pietschker fand die Kriterien des groben Unfugs hauptsächlich darin, daß ihm, dem Herrn Pfarrer, infolge des Artikels unbequeme Zuschriften ans seiner Gemeinde und von den ihm Vorgesetzten Behörden bis 511111 Ministerium hinauf zugegangen seien. Der Denunziant, Tischlermeister Klostius, mußte unter dem Zeugeneide nämlich selbst zugebcn, das; er die Leiche einer Pensionärin auf einem Handwagen, vor den oster ein Hund gespannt werde, nach dem Kirchhofe habe schaffen lassen, und Frau Sense bekundete, das; auch früher einmal in Barnstedt die Leiche einer Hanptmannsfran auf einem Wagen, vor welchem ein Hund gespannt war, nach dem Kirchhofe befördert worden sei. Herr Kirchenälrester Fehlvtv bekundete, daß auch ihm diese Thatsachen glaubwürdig zu Ohren gekommen seien und daß er sie weder vom christlichen, noch vom menschlichen Standpunkte aus schön finde. Aus dem Plaidoyer des Amtsanwalts ist hervorznheben, das; er dem Angeklagten zugestand, wenn die in dem Artikel behaupteten Thatsachen wahr seien, in deren Beurthcilung er mit dein Angeklagten übereinstimme, nicht der Angeklagte, sondern diejenigen „groben Unfug" verübt hätten, denen jene Thalsachen zur Last gelegt würden. Die Wahrheit der behaupteten Thatsachen ist jetzt gerichtlich erwiesen und die königliche Amtsanwaltschaft wird die Konsequenz ihres eigenen Standpunktes nunmehr durch die Erhebung einer nach der anderen Seite gerichteten Anklage wegen Verübung groben Unfugs ziehen müssen. Dresden. Ein neuer antisemitischer Geniestreich wird aus dem Königreich Sachsen gemeldet. Vor einiger Zeit erhielten fast sämmtliche Hoteliers im Königreich Sachsen ein Circular, in welchem dieselben aufgefordcrt wurden, eine Anzahl namhaft aufgeführter antisemitischer Zeitungen zu halten; im Weigerungsfälle würden die Unterzeichner — es waren dies etwa 150 angebliche Geschäftsreisende — fortan in den betreffenden Hotels nicht mehr wohnen. Das erpresserische Circular ist nun allerdings von den meisten Empfängern unbeachtet gelassen und einfach in den Papierkorb geworfen worden. Es blieb aber nicht aus, daß einige Hoteliers gegenüber einzelnen der „Unterzeichner", als diese trotzdem ihr altes Absteigequartier wieder aufsuchten, das Circular zur Sprache brachten, und da stellte sich denn, wie das „Berl. Tgbl." mittheilt, mehrfach heraus, daß der betreffende Reisende das Schriftstück gar nicht kannte, geschweige denn seinen Namen darunter gesetzt hatte! Jn einem Falle war es der in der Geschäftswelt wohlgelittene Leipziger Vertreter eines großen austvärtigen Hauses, dessen Name in dieser Weise mißbraucht war. Da der Herr in fast allen sächsischen Städten neben christlichen auch jüdische Kunden hat, mit denen er freundschaftlich verkehrt, stellte er Nachforschungen nach dem Verbreiter des Circulars an, um denselben zur Rechenschaft zu ziehen. Und wer war dieser Ehrenmann? Natürlich der hinreichend bekannte Herr Theodor Fritzsch in Leipzig. Dieser sah sich jetzt genöthigt, dem Herrn, dessen Namen er mißbrauchte, folgende Erklärung auszustellen: „Auf Wunsch des Herrn H. H. erkläre ich hiermit, daß nur durch einen Jrrthum dessen Name unter das bewußte, an die Hoteliers gerichtete Circular gelangt ist. Herr H. hat nachträglich wegen dieses Mißverständnisses bei mir Einspruch erhoben, jedoch war die Sache damals nicht mehr abzuändern, was ich hiermit ausdrücklich bekunde. Theodor Fritzsch, Ing." Wie viele Namen der übrigen „Unterzeichner" mag Herr Theodor Fritzsch wohl noch „durch einen Jrrthum" unter das Circular gesetzt haben? Und lvie viele der Herren „Unterzeichner" dürften von diesem „Mißverständniß" noch heute keine Ahnung besitzen? Leipzig. Der deutsch-co nservative Reichstag s ab g e or d n e te D r. P a ul M e h n e rt, der den zehnten sächsischen Wahlkreis (Döbeln) vertritt, hat dieser Tage in mehreren Orten seines Wahlkreises antisemitische rc.d en gehalten. Wie wir den „Dresdener Nachrichten" entnehmen, sagte der Redner u. A.: „Wie einst die jetzt wieder von socialdemokratischer Seite so hoch gefeierte Pariser Commune nach Hinmordung des Erzbischofs von »Paris und vieler unschuldiger Geißeln plötzlich vor dem Palais eines Rothschild Halt gemacht habe, so parire heute die Sozialdemokratie unbedingt dem Commando eines Singer. Das semitische Dreigestirn Marx, L a s s a l l e. Singer an der Spitze der Sozialdemokratie kennzeichne die Situation zur Genüge. Daß die Erregung des deutschen Volkes

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