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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-10 · 24 (10.6.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 Orsterrrichifchr Wochenschrift Leite 415 bensende bleiben." Als man von Neuem fragte, weshalb sie so gern nach Amerika wollten, trat eine Hausfrau mit der Erklärung hervor: „Wir betrachten unsere Existenz hier als verloren, aber wir wollen wenigstens die Zukunft unserer Kinder besser zu gestalten suchen." Sie erkundigten sich nach der Beschaffenheit des Bodens und seiner Früchte, nach den Arbeitslöhnen und den Pachtverhältnissen, und ließen dabei ebenso großes Interesse für alle Einzelheiten erkennen, wie eine gründliche sachgemäße Kenntniß von Allem was mit Ackerbau zusammenhängt. Die Commissare waren auf ihrer Durchreise durch das „Niederlassungsgebiet" von Leuten begleitet, die obgleich mit den schrecklichen Zuständen bekannt, dennoch entsetzt waren über das von ihnen täglich wahrgenommene Schauspiel. In dem Bericht sind an Stelle der wirklichen Anfangsbuchstaben von Personen und der Namen von Städten und Dörfern gewöhnlich andere gesetzt tvorden. Der Grund dafür ist darin zu suchen, daß die Personen, welche die einzelnen Fälle namhaft gemacht haben, fast alle noch in Rußland wohnen, und die Commissare tvissen genau, welchen Gefahren Leute ausgesetzt sind, deren Identität dabei nachgewiesen werden kann. Es kann fast immer behauptet werden, daß ein solches Jdentificiren gleichbedeutend ist mit dem finanziellen Ruin oder der Berbannung nach Sibirien. Bei Feststellung der einzelnen Fälle haben die Commissionsmitglieder so viel wie möglich danach gestrebt, die einfache Darstellung wiederzugeben, in der sie die Schilderungen erhielten, sie haben jede Ausschmückung vermieden, in dem Bewußtsein, daß die grausamen Ereignisse mit genügender Beredsamkeit für sich selbst sprechen. Am Schlüsse ihres Berichtes sagen die Commissare, daß sie versucht haben, die sie beherrschenden Gefühle zu unterdrücken, als sie sahen, wie man arme menschliche Geschöpfe tvie wilde Thiere behandelt, und als sie Zeugen wurden von Szenen, die ihnen unvergeßlich bleiben rverden. Die ganze Frage ist nach ihrer Ansicht noch lange nicht erschöpft, und ihre Erzählungen dürfen nicht nur für authentisch gelten, sondern auch als feststehende Thatsachen, die man bisher nur theitweise gekannt hat, und denen man nicht so leicht Glauben zu schenken geneigt ist, weil sie in der That fast unglaublich klingen. ^orreliponllmLen. Wien. (Praktischer A n t i s e m*i tismu s.) Die Geschwornen von Korneuburg hatten am 7. Juni 1892 über eine Mordthat abznurtheilen, die sich im Jahre 1880, also vor ungefähr 12 Jahren, in dem Dörfchen Hadres zutrug. Zwei Grundbesitzer dieses Ortes haben nach langen Besprechungen und Berathungen im Einverständnisse mit einem dritten Grundbesitzer und einer Frau den Beschluß gefaßt, den damals dort gebenden Kaufmann Emanuel Bruckner, seine Gattin Pauline und deren kleines Enkelkind Alfred Löwy mit Hacken zu erschlagen, um sie zu berauben und die Beute gemeinsam zu theilen. Die in Rede stehende Frau, Johanna Schnitzer mit Namen, hat vor Ausführung der Schreckensthat die Wohnung genau ausgespäht; sich überzeugt, an welcher Stelle jedes der drei Opfer schläft, wo die Wertheim'sche Casse sich befindet, welches die geeignetste Stunde zur That sei u. s. w. Erst dann hielten die Männer in ihrem Keller die „Schlußsitzung ab und bestimmten die Stunde und Wahl der Mordwerkzeuge. Einer der Mordgesellen, Leopold Scheck, wollte sich vor der That noch Math zutrinkcn — er trank aber so lange, bis er sich derart verspätet hatte, daß die beiden Anderen den dreifachen Mord schon begangen hatten, ehe er von seinem Rausche sich ermuntert hatte; als Mitwisser bekam er aber trotzdem seinen Antheil an der Beute. Dieser Mann ist der irdischen Gerechtigkeit entrückt — er ist seither nach langer Krankheit gestorben. Die Theilnehmerin an dem Morde, die oberwähnte Johanna Schnitzer, ist, in Folge steter Aufregung und Furcht, sowie auch der sie peinigenden Gewissensbisse von Wahnsinn umnachtet. Lehrreich ist die in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wiederholt vorkommende Andeutung, in welcher Weise dieses vierköpfige Mordconfortinm vor und nach der That sein Gewissen beruhigte: „Die erkorenen Opfer waren — Juden! Bei dem Judengesindel ist Geld zu holen." Das waren die einleitenden Worte des seither verstorbenen Leopold Scheck. ^Ja, ja, die Juden haben a Geld," secundirte Johann Schnitzer und seine Gattin mahnte vor der That eindringlichst, man dürfe an den kleinen Judenbuben, der am Sofa schlafe, nicht vergessen, denn die Judenbuben seien gar gescheidtNach der That aber kommen die Männer mit der Beute an Geld und Pretiosen zur Johanna Schnitzer und melden frohlockend: „Das Judengesindel is' schon ab'putzt... es sind ja Juden!" Scheck blieb anfangs hartnäckig beim Leugnen; als ihm aber die Geständnisse des Ehepaares Schnitzer bekannt wurden, gab er seine Betheiligung zu. Er behauptete jedoch nur den Aufpasser vor dem Mauerloche gemacht zu haben, im Schlafzimmer der Ermordeten sei er gar nicht gewesen. Der ganze Plan sei von der Gattin Schnitzers ausgegangen, welche ihm zugeredet habe, bei der Ermordung des „Judengesindels" mitzuhelfen. Die Angeklagten wurden einstimmig zum Tode, resp. zu lebenslänglichem Kerker, verurtheilt. Es ist übrigens nicht blos für den Culturhistoriker, soitdern auch für den Staatsmann und Politiker von hoher Bedeutung, weil es gewiß nicht ein bloßer Zufall ist, daß die Mordthaten, welche die Bewohner Wiens in den letzten Jahren erschreckten, mit einziger Ausnahme des Curatdieners Buch ing er im Eurhause zu St. Stefan fast ausnahmslos in antisemitischen Wahlbezirken geschehen sind. Wir erinnern an den Mord der Handarbeiterin K r e j c z i in der Burggasie, der Eheleute E weder, Hausbesorger der Schüller schen Fabrik in der Mollardgasse; des Goldarbeiters Schütz in Währing; der Brantweinschänkerin Amalia Schramm in Fünfhaus und endlich an das jüngste Opfer in der Zieglergasse 63 am Neubau, Uhrmacherswitwe Frau Marie Sotolar, welche am 4. Juni 1892 überfallen wurde. Jene Agitationen und Hetzereien, welche die Antisemiten veranstalten, um ihre Wahlen zu erzielen, jene Stimmung, die sie brauchen, stark genug die Hetzapostel in die Höhe zu tragen, ist von einer Verwilderung und Verrohung der Massen unzertrennlich, da ist Raub und Mord an der Tagesordnung und schließlich fragt der Mörder nicht mehr nach der Rasse oder der Confession seiner Opfer. In den Versammlungen lernt er den Haß gegen Alle, die sich etwas erworben haben, gegen „Juden" und „Judengenossen", und die eingeathmete, in sich aufgenommene Wildheit sucht nach Bethätigung und übersetzt jene Hetzlehren in die Praxis in einer Art, wie sie die antisemitischen Apostel ursprünglich kaum geahnt haben. Wien. (Jüdische F e r i en c o l o n i en). Das große Interesse, welches von allen Seiten dem vor einiger Zeit in diesen Blättern veröffentlichten Aufrufe der Frau Sofie Grünfeld entgegengebracht wurde, veranlaßt uns aus einem Artikel aus .Jewish ChronieJe“ über die jüdischen Feriencolonien, welche in England schon seit Jahren activirt sind, nachstehende Stellen zu reproduciren: es werden in denselben einerseits viele Einwürfe, welche gegen die Bildung besonderer Colonien erhoben wurden, widerlegt, andererseits auch beherzigenswerthe Winke für die Einrichtung der Colonien gegeben. „Jewish Chronicle* schreibt: „Eine hochinteressante Thatsache ist das herzliche Einvernehmen, welches zwischen dem jüdischen Zweigvereine und General-Comite der Ferien-Colonien für Kinder besteht. Dies verdankt man dem Takte und Eifer von Mr. Ernest Franklin, welcher Präsident des jüdischen Zweigvereines und gleichzeitig Mitglied des Central- Comites ist. Trotz mannigfacher Schwierigkeiten ist der jüdische Zweigverein in der Lage, Hand in Hand mit der Centrale zu gehen und so die Auslagen und die Arbeiten eines eigenen Bureaus zu ersparen. Die Landleute, welche jüdische Kinder in Pflege genommen, haben ihrer guten Meinung für dieselben unverhohlen Ausdruck gegeben. Wir müssen auch der Güte vieler christlicher Geistlicher gedenken, welche oftmals dem jüdischen Comite die Wege geebnet haben in Fällen, wo auch nur die geringste Opposition von ihrer Seite die Unterbringung jüdischer Kinder gerade in sehr geeigneten Gegenden unmöglich gemacht hätte. Es ist sogar unter den Landleuten ein Bewerb um jüdische Kinder zu constatiren, und obwohl dies zum Theil auf die bessere Bezahlung seitens des jüdischen Comites, (welches das

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