Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 414 Oestrrrrichifchr Wochenschrift Nr. 24 günstigt diesen Zweck! Bemüht euch daher, Brüder und Glaubensgenossen, bemüht euch mit allen Kräften, dieses Land ganz in eure Gewalt zu bringen, bemüht 'euch, die Christen endlich herauszudrangen aus allen ihren Berufssphären, damit ihr die alleinigen, unbeschränkten Herren des Landes werdet! Bemüht euch, all' das, was. heute noch jenen gehört, zu erhaschen und festzuhalten, und wenn ihr selbst dazu nicht die genügenden Geldmittel besitzt, so wird unser Verein euch so viel verschaffen, als nöthig sein wird. Die Sammlung von Gaben für diesen Zweck hat schon begonnen und schreitet über alles Erwarten günstig vor. Um den galizischen Boden den Händen der Galizianer zu entreißen und in eueren (jüdischen) ausschließlichen Besitz zu übergeben, betheiligen sich die Reichen der ganzen Welt an Sammlungen. Es spendet Baron Hirsch, es spenden die Rothschilde, Bleichröder und die Mendelssohne. Strengt daher, Brüder und Glaubensgenossen, alle eure Kräfte an, damit dieses Ziel, welches wir euch gesteckt haben, möglichst rasch erreicht werde." Die Alliance Israelite Universelle in Paris hatte diesen Erlaß, an welchem kein wahres Wort ist, bereits dreimal dementtrt, zuerst in ihrem Monatsbericht für Juni 1889 und dann, nachdem er in etwas veränderter Form in der athenischen Zeitschrift „Czerwonaja Rus" und aus dieser in deutscher Uebersetzung in der „Marburger Zeitung" erschienen war, in ihrem Monatsberichte für September 1889. Auch in ihrem Jahresberichte pro 1889 hatte sie diese Tendenzlügen als solche bezeichnet. Ich selber habe wiederholt in der „Oesterreich. Wochenschrift" dieses literarische Bubenstück des internationalen Antisemitismus gebrandmarkt. Bis heute hat aber die „Germania" sich nicht veranlaßt gesehen, einen Widerruf zu bringen, freimülhig einzubekennen, daß sie eine Lüge in die Welt gesetzt hat, um die Judenschast Galiziens vor ihren christlichen Mitbürgern anzuschwärzen! Ist die Wahrheitspflicht blos ein semitisches Gebot, daß die „Germania" den Juden an diese' Psticht mahnen darf, ohne sich selber in ihrem Auftreten gegen die Juden daran zu kehren? Es ist so schön, Anderen eine Moral zu predigen, die man für das eigene Verhalten als unverbindlich erachtet. Ich Sünder habe ein bischöfliches Schreiben mit dem Alter von nahezu einem Jahrtausend citirt, deffen Echtheit heute nicht mehr kritisch gesichert werden kann und darum auch angefochten worden. Das war -von mir ein Verbrechen, darob mich die „Germania" an den Pranger stellte. Sie beklagt sich „daß verleumderische Fälschungen buchstäblich von Jahrhundert zu Jahrhundert weitergegeben werden." Die „Germania" selber publicirt literarische Falsisicate, die eigens für sie erst in der antisemitischen Lügenfabrik hergestellt werden und sie empfindet darob nicht die geringsten Gewissensbisse. Wir Juden sind allerdings daran gewöhnt, daß man an uns einen strengeren sittlichen Maßstab anlegt, allein man sollte sich auch hüten, gewisse Vorrechte allzusehr zu mißbrauchen. Wim am 27. Mai 1892. Die russischen Juden als Ackerbauer. Vor Kurzem ist der officielle Bericht erschienen, den die Commission der Regierung der Bereinigten Staaten über die. ruffifchen Judenhetzen veröffentlicht hat. Dieser lehrreiche und interessante Bericht enthält das Ergebniß der Untersuchungen, welche Oberst I. B. Weber und Dr. W. Kempster über die Behandlung der Juden in Rußland angestellt; er gibt ein unparteiffches Bild, hervorgegangen aus einem peinlichen Bestreben nach Erforschung der Wahrheit. Die angestihrtm Beweise stammen fast alle aus erster Hand, und die Berichterstatter warm fast überall Augenzeugen der von ihnen beschriebenen Speit. Von dem Leben der Juden in Rußland haben sie mehr gesehen, als irgend ein Fremder vor ihnen, und ihre Berichte besitzen daher einen besonderen historischen Werth. I. B. Weber vertrat den 33. Distrikt von Newyork im 49. und 50. Congreß. Ec war Mitglied der Einwanderungs- Commission und Präsident der vom Staatssecretär ernannten Commission, welche in Europa Uiltersllchungen über die Auswanderung nach Amerika anstellen sollte. Sein College, Dr. Kempster, ist ein sehr bekannter Arzt und erfreut sich eines ausgezeichneten Rufes. Bei der Bertheilnng der den verschiedenen Mitgliedern der Commission obliegenden Arbeiten wurde beiden Herren die Aufgabe zngetheilt, im Norden Frankreichs, in Belgien, Holland, Preußen, Rußland, Oesterreich-Ungarn und Baiern Untersuchungen anzustellen. Die längste Zeit brachten sie in Rußland zu, und gerade der Punkt, welcher die Auswanderung der Juden aus Rußland betrifft, nimmt den größten Theil ihres Berichtes ein. Die Mitglieder der Commission haben sich auch ganz speciell mit der Frage beschäftigt, ob etwas Wahres in dem Borwurf liegt, daß die Juden nicht geneigt seien, sich mit Ackerbau zu beschäftigen, und Herr Dr. Kempster hatte in seinen Untersuchungen Special-Studien auf diesem Gebiete angestellt, indem er Abstecher nach den ländlichen Ansiedelungen in der Umgegend von Wilna unternahm. Große Besitzungen daselbst sind durch Kauf Eiqenthum von Juden geworden, welche mit vielem Geschick und Erfolg verwaltet wurden. Hier befindet. sich die jüdische Colonie Dekschni, welche als Beispiel für die in diesem Theile Rußlands herrschenden Verhältnisse gelten kann. Die Colonie besteht aus 16 Abtheilungen von ungefähr je 86 Acres Land. Den ersten Anlaß zur Ansiedelung gab Zar Nikolaus, er schenkte jedem Familienoberhaupt, das sich hier uiederließ, 200 Rubel, zum Bau eines Hauses, befreite sie für den Zeitraum von 25 Jahren vom Militärdienst und bewilligte ihnen Steuerftciheit für die Dauer von 10 Jahren. Als die Colonien eingerichtet waren, wurde befohlen, daß jede Abtheilnng sechs Arbeiter besitzen müsse, davon drei jüngere und drei ältere, und wenn zufällig eine Familie nicht die vorgeschriebene Zahl besaß, mußte sie ihren Bestand ans benachbarten Familien, die Leute entbehren konnten, vervollständigen. Mit der Zeit wuchsen die einzelnen Abtheilungen auf durchschnittlich 20 —30 Köpfe an. Im Jahre 1868 wurde jedem Oberhaupt eine jährliche Steuer von 50—60 Rubel auferlegt. Vor vier Jahren sah man jedoch ein, daß diese Steuer unmöglich aufgebracht werden könne, und reduzirte sie deshalb auf 30 Rubel, diese Summe wird noch heute gezahlt. Der Erdboden ist arm, und seine Erträgnisse werden immer geringer, so daß cs selbst in normalen Jahren unmöglich ist, gute Ernten zu gewinnen. Die Colonisten pflanzen Roggen, Hafer, Buchweizen und Gartengemüse an. Im Jahre 1890 war die Roggenernte völlig mißrathen und der Ertrag derselben konnte nicht als Brod verwendet werden. Im Jahre 1891 war die Buchweizenernte äußerst schlecht, die Kartoffeln waren zum größten Theil verfault, und es wurde nicht einmal genügend Hafer geerntet, um die neue Saat zu bestellen. Die Häuser sind so grnppirt, als ob sie eine Stadt bilden, sie haben alle gleiche Größen und Höhen, und gewöhnlich bewohnen zwei Familien ein Gebäude. Einen Ort für Zusammenkünfte gibt es nicht, auch keine Gelegenheit, wo sich die Bewohner Bier oder geistige Getränke verschaffen können. Die Colonisten unterhalten eine Schule, deren Lehrer für eine sechswöchentliche Dienstzeit mit sechs Rubel besoldet werden, und es gibt in der. Gemeinde weder Erwachsene noch Kinder in dem gehörigen Alter, die nicht hebräisch und russisch lesen und schreiben Fnneu Einige Zeit nach dem Besuch des Dr. Kempster suchten einige dieser Landleute die Erlaubnis nach, mit Zustimmung der Behörde der Colonie benachbarte Ländereien zu kaufen, weil die alten Besitzer Lust hatten, sie zu verkaufen. Das Gesuch wurde mit der Motivirung abgeschlagen, daß man den Juden kein Land verkaufen dürfe. Zum größten Theil wandern die Leute der Colonie, welche die vorgeschriebene Zahl übersteigen, nach Amerika aus. In den letzten 5 Jahren haben aus dieser kleinen Colonie allein 20 Menschen die Reise dorthin angetreten. In dem Zimmer, wo das Mitglied der Commission seine Untersuchung vornahm, befanden sich 20 Personen und alle waren genau über amerikanische Verhältniffe orienttrt. Alle erklärten, daß es ihr sehnlichster Wunsch sei, auszuwandern, aber es fehle ihnen an genügenden Mitteln dazu, ihr Land sei zu unfruchtbar, um sie zu ernähren. Auf die. Frage, ob sie nicht gesonnen seien, in den Städten Wohnsitz zu nehmen, gaben sie zur Antwort: „Niemals, wir können ebenso wenig' ohne Landbau leben, wie der Fisch ohne Wasser. Wir sind ge- - borene Landlente und wollen es bis an unser Le-