Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24 Vesterreichischr Wochenschrift. Sette 413 Pforte, daß man den Juden gestatten möchte, sie wenigstens in Syrien in Dörfern mit je zwei- bis dreihundert Häusern niederzulassen. Der britische Botschafter und der amerikanische Gesandte allein unter den Diplomaten wagten es am Bosporus dort an der Grenze zwischen Abend- und Morgenland, das Banner der Humanität aufzupflanzen. So zeigte es sich wieder einmal, daß Humanität eine Blume ist, die jenseits des Canals und jenseits des Oceans besser gedeiht, als unter den trostlosen Breiten Mitteleuropas, wo auch die beredtesten Parlamentarier und Diplomaten zu lallen anfangen, oder gar stumm zu werden pflegen, wenn sie im Namen von Bedrängten und Verfolgten das ABC der Menschenrechte hercitiren sotten. In einem Briefe an ihre Schwester, einem schönen Bekenntnisse ihrer mitleidsreichen Seele, gibt Mrs. Alice Oliphant vom Bosporus aus einen Bericht über die von ihr und ihrem Gatten von Lemberg bis Constantinopel zurückgelegten Leidensstationen. Da ersehen wir, wie sparsam diese ausgezeichneten Menschen mit dem ihnen vom Mansion House zur Verfügung gestellten Reisefonds umgingen und wie sehr sie ihr eigenes Kapital in den Dienst ihrer philanthropischen Mission nahmen. Sie schreibt: „Für gelegentliche Akte der Barmherzigkeit haben wir mehrere hundert Pfund aus unserer Tasche verwendet. Ueberdies schickten wir zwischen vierzig und fünfzig von diesen armen Seelen nach Brocton, und wir wollen die Kosten ihres erstjährigen Aufenthaltes aus unseren eigenen Mitteln bestreiten, bis sie ihre Arbeit unabhängig macht. Arme Leute! — wie viele Dankesschreiben bekommen wir von ihnen. Wir haben natürlich Anstalt getroffen, daß sie ihren Sabbath feiern, ihre Speisegesetze und alle religiösen Bräuche einhalten können. Dieses Experiment in Brocton hat für Laurence ganz besonderes Interesse, denn das große Unglück und die Schwäche dieser Menschen ist, daß sie noch jetzt zum Handwerk wenig taugen; mein Mann hegt die Ansicht, daß es schon ein großer Gewinn wäre, wenn sich nur einige wenige von ihnen dort in Brocton dem Handwerke widmen und an eine cooperattve Lebensweise gewöhnen würden. Sobald sie ihren eigenen Unterhalt bestreiten, werden sie auch lernen sich in den Nutzen des Bodens theilen und zu der Würde gelangen, die aus dem Bewußtsein entspringt, ein Stück Eigenthum zu besitzen." Und so war es auch. Mr. und Mrs. Oliphant aber erlahmten nicht in ihrer Mission, die sie in Syrien fortsetzten. Im Jahre 1886 bestattete Laurence seine Gattin Alice auf dem Friedhofe der deutschen Kolonie von Haifa. Dort ruht sie am Fuße der Hügel von Galiläa. Die Wogen des Golfs von Akka bespülen ihr Grab; der majestätische Carmel schaut auf dasselbe hernieder. Laurence überlebte seine Frau nur um kurze Zeit. 8. Mz. An die Adresse der „Germania" in Berlin. Aus dem mir von unbekannter Seite zugesendeten „Westphälischen Merkur" von Dienstag den 24. Mai ersehe ich, daß die „Germania" vom 23. gegen meine Citiruag des Ulrichbriefes in Nr. 16 der „Oesterr. Wochenschrift" den Einwand erhebt: „1. Bischof Ulrich von Augsburg und Papst Nicolaus I. waren keine Zeitgenossen. Papst Nicolaus I. lebte von 858—867, Ulrich von Augsburg von 890—973; zwischen seinem Geburtsjahr und dem Todestag des Papstes Nicolaus liegen also volle 23 Jahre. Und da läßt Herr Rabbiner Bloch den Bischof Ulrich an Papst Nicolaus einen Brief schreiben!!" 2. „Der Brief selbst ist von A bis Z. d. h. von Anfang bis zu Ende und von oben bis unten eine plumpe Fälschung", wofür die „Germania" sich auf A. Menzel und Janssen beruft. Ad 1 erlaubt sich die „Germania" eine kleine Unehrlichkeit. Es gab nämlich zwei Bischöfe von Augsburg Namens U l r i ch, der eine war seiner Geburt nach ein Graf von Dillingen, saß von 923—973 auf dem bischöflichen Stuhle und wurde von Papst Johann XV. auf einer Synode im Lateran im Jahre 993 heilig gesprochen. (Vergl. Harduin t. VI. p. 1. p, 727. Chronicon Augustanum c. 10—12. ap. Pistorium Scriptor. rer. gern. t. HI. ed. noviss. 1731 f. p. 668—673.) Weitläufig handelt von diesem Ulrich 8igisrn. Calles Annales Ecclesiastici Germaniae t. IV. Viennae 1758 Index v. Udalrici. Außer diesem gibt es noch einen altern Bischof Ulrich, der aus der Familie des Grafm von Kilburg und Dillingen stammte und ein Sohn Hupalds und der Diapurga, Herzogin von Schwaben, war. Geboren um 817 wurde er Bischof um 860 und starb 900. (8. Cave Hist. lit. vol. II. p. 52. und Pantaleonis de vir. illustribus Germaniae part. H. p. 52.) Alle älteren Schriftsteller als Jacobus de Voragine, Onnphrius Panvinns, Aeneas Silvius (Pius II.) geben von diesem Bischof Ulrich von Augsburg Nachricht. 8. Wolf“, lect. mein p. 243. In der compilatio historica, welche 1583 von Pistorius herausgegeben wurde, werden ebenfalls zwei Ulriche als Bischöfe von Augsburg genannt, von denen der eine 850—900 das Bisthum verwaltete. Helvetische Kirchengeschichte von Ludw. Wirz, Th. 1. Zürich 1808. 8 p. 105. 106. Allerdings kommt in dem Register der Augsburgischen Bischöfe der andere Ulrich nicht vor; man hat diesen Namen eliminirt eben wegen seines compromittirenden Schreibens an Papst Nicolaus I. Ad 2. Ueber Echtheit und Unechtheit dieses Ulrichbriefes welcher bereits in der Zeit vom neunten bis zum elften Jahrhundert vielfach cilirt und angerufen wurde, mich zu äußern, habe ich keinen Anlaß, es war auch gar nicht die Absicht, in den gelehrten Streit einzutreten, ob die Geschichte von den Kinderköpfen historisch oder eine feindselige Erdichttmg sei, wie etwa die von der Ermordung des Knaben Simon von Trient durch die Juden. Ich führe keinen Kampf gegen die katholische Kirche. Für mich galt es blos, den anttsemitischen Geistlichen in Wien P. Scheicher und P. Schnabl, welche in der niederösterreichischen Landtagsstube im Vereine mit Meister Stampiglius, dem bekannten Zeugnißsälscher, auf Grund von Mittheilungen zweier „Gewährsmänner", von weichender eine, August Rohling, des Meineides gerichtlich überführt worden, der andere, Aron Briman, wegen Fälschung und Betrug beim k. k. Wiener Landesgerichte eine Strafe abgebüßt und des Landes verwiesen worden, eine Interpellation an die Regierung voll lügnerischer Anklagen und Schmähungen gegen die jüdische Religion richtete, um den unwissenden Pöbel gegen uns Juden aufzureizen — diesen geistlichen Hetzern gatt es zu zeigen, was mit Hilfe einer nur geringen Conceffion an diese antisemitische Lehrmethode, auch in entgegengesetzter Richtung vorgebracht werden könnte. Wenn man mir den pseudographischen Charakter des Ulrichbriefes entgegenhält, so erlaube ich mir die Anfrage, ob denn die Herren in der Redaction der „Germania" nicht wissen, daß Wagenseil, einer der gründlichsten Gelehrten seiner Zeit, trotz seiner unüberwindlichen religiösen Antipathien gegen die Juden in einer eigenen Schrift die angebliche Ermordung des Knaben Simon von Trient durch die Juden als eineLüge nachweist, daß ferner der Doge von Venedig, zu dessen Zeit die Ereignisse vor fich gingen, in einem Erlaß erklärte, „daß das Gerede von dem ermordeten Knaben erlogen und ein Kunstgriff sei" und Sixtus IV. eine apostolische Breve erließ, in dem der Cultus verboten wurde, welchen dem erwähnten heiligen Simon seine Mitbürger zollten. Trotz alldem und alldem haben die geistlichen Hetzer in Oesterreich es sich nie nehmen laffen, in den Volksversammlungen den Knaben Simon gegen die Juden auszuschrotten. Noch eins! In einem zu Krakau 1890 in der Vereinsdruckerei erschienenen katholischen Gebetbuche wird Nachstehendes den Andächtigen mitgetheilt: „Die Zeitung „Germania" und nach derselben polnische Blätter veröffentlichen den neuesten Aufruf der Pariser „Alliance Israelite“, welcher im Jahre 1889 an alle jüdischen Gemeinden Galiziens verschickt wurde. Dieser Aufruf lautet: Brüder und Glaubensgenoffen! In der ganzen Welt gibt es gewiß keinen Erdenwinkel, der sich dazu, daß wir uns seiner bemächttgen und die ausschließliche Herrschaft daselbst erlangen, so gut eignen würde, wie gerade das Land Galizien Dieses Land muß unser (jüdisches) Land sein — Alles be-