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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-10 · 24 (10.6.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 412 Orstrrretchlsche Wochenfchrifl. Nr. 24 als mit der Sonne. Jene geht im Westen auf und geht im Osten unter. In der Mtte dämmert Halblicht. Mit der russischen Regierung hatte Oliphant wiederholt Gelegenheit Abrechnung zu machen, insofern sie die Henkerin der Polen, die Henkerin der Juden war. Scherzhaft bemerkte er einmal: „Im Jänner 1863 brach die polnische Insurrektion aus, und da ich schon einmal die Gewohnheit habe, im Trüben zu fischen, beschloß ich zu gehen und mir den Aufftand anzusehen." In den „Lpisoäes in & life of adventnre“ schilderte er seine Abenteuer in Polen, wo er in Warschau bei Lebensgefahr den blutigsten Scenen der Unterdrückung der Revolte anwohnte. Die Insurgenten hatten ihn ins Vertrauen gezogen, denn sie meinten, es würde chm gelingen, England zu einer Intervention bei Rußland zu veranlassen. Auch die italienische Revolution besah er sich aus der Nähe. Er war noch ein junger Mann, als er mit den Nizzesen und Savoyarden in Fühlung kam. Er stachelte sie zum Widerstande aus gegen die Abtretung ihrer Heimat an Frankreich. Er bereiste Savoyen und merkte wie viel Feuer italienischer Begeisterung noch unter der Asche des diplomatischen Opportunismus glimme, und an alle Mitglieder der Deputirtenkammer in Turin schickte er ein Manifest, in welchem er sie aufforderte, die parlamentarische Ratification des Vertrages, durch den Nizza und Savoyen an Frankreich fielen, zu verschieben. Vielleicht beurtheilt er Cavour so wenig günstig, weil dieser, wenn auch nicht leichten Herzens, jene beiden Provinzen an Frankreich überantwortete. Er schreibt einmal nach einem Zusammensein mit dem Piemontesen: „Er ist eine untersetzte gedrungene Gestalt mit einem großen, viereckigen Kopfe und mit Brillen — ein geschickter, mathemattscher, praktischer Kops, ohne Ritterlichkeit, Prinzip oder Genie." Er hat dieses sein Urthell später modificirt. Er verkehrte viel mit Garibaldi. Bon diesem sagt er: „Die liebenswürdigste, unschuldigste, ehrenwertheste Natur — ein Guerilla-Häuptling ersten Ranges, aber ein Kind in der Politik.^ Die Schoßkinder seiner humanen Bestrebungen waren die Juden, die in Rußland, Rumänien und der Walachei unterdrückten Juden. Wenn Oliphant heute lebte, dann würde dieser Philanthrop die Mission fördern, die Baron Hirsch mit seinem erbarmungsvollen Herzen und seinen reichen Mitteln auf sich genommen. Denn mit seiner enthusiastischen Seele schmiegte sich Oliphant so ganz an die armen Juden, die der heilige Synod in Acht chat und von Haus und Hof jagte. Oliphant hätte sie am liebsten alle aus Rußland, diesem ihrem Mizraim, weggeführt, das ihnen die Pharaonennatur Pobjedonoszeff's schon seit lange zur Frohnstätte gemacht hat. Er schätzte es an ihnen, daß sie der Versuchung widerstanden, aus Mottven des Opportunismus und des Ehrgeizes sich untreu zu werden und die Taufe zu nehmen. Wenn aber die Pforte heute der Colonisatton der Juden in Syrien» wie sie Baron Hirsch beabsichttgte, nicht geringe Schwierigkeiten bereitet, so.stieß Oliphant auf noch größere Hindernisse. Es war seine Lieblingsidee, daß auf dem Boden der Bibel, wo einst Milch und Honig stoffen, der heute unter der faulen Paschawirthschast brach liegt, wieder der Pflug seine Furchen zöge und daß die von dem heiligen Moskowittsmus proskribirten Söhne Judas hinter dem Pfluge gingen. Und er machte sich andies Werk, das Biele, und ganz besonders die jüdischen und nichtjüdischen Gönner jener Annen als Utopie betrachteten, mit der Begeisterung Desjenigen, dem der Wille Himmelreich ist. Sein Probet war, die türkische Regierung um die Concession einer Colonisirung der fruchtbaren NordhälD Palästinas zu ersuchen, ein bedeutendes Terrain am linken Jordanufer zu erwerben und außer mit osteuropäischen, auch mit orientalischen Juden zu besiedeln. Er versprach sich von solch einem Unternehmen nicht nur einen Gewiny für die Humanität, sondern auch einen wirtschaftlichen Erfolg. Und er rechnete auf die Untersuchung dieses seines Planes von doppelter Seite her: von Denjenigen, die die Aussicht auf Gewinn locken und noch mehr von Solchen, auf deren religiösen Sinn der Gedanke, das gelobte Land, den Boden der Patriarchen und Propheten, einer glücklichen Verheißung entgegenzuführen, eine gewisse Zauberkraft ausüben würde. Denn noch immer spricht Palästina mit seiner biblischen Poesie zu manchem Engländer, ob er nun Hochttrchler oder Katholik oder Jude ist, die Sprache Gottes; noch immer sehnt er sich nach der Davidsstadt und nach Zion, nach dem Gebirge * Juda und den Ufern des Jordan. Diese merkwürdigen Gefühle haben in dem Roman „Daniel Deronda" der George Eliot einen ünstlerischen Ausdruck gefunden, und auch durch manche Schriften! Disraeli's zieht sich eine von Wehmuth durchhauchte Sympathie für das erkorene Land der Propheten und „die Stadt des großen Königs." Auch die Türkei könnte, wie Oliphant meinte, ihren Vortheil aus einer solchen Kolonisirung ziehen, denn sie würde dabei neue Steuerträger gewinnen und zu Reformen in Syrien getrieben werden. Und was nun die europäischen Mächte, insbesondere England, Frankreich und Italien anbelangt, so hätten sie schon mit Rücksicht darauf, daß Rußland .durch seine vielen Pilger und Emissäre Boden im heiligen Lande fasse, ein Interesse auch ihren Einfluß in jener ehrwürdigen, von dem Geiste der Offeubarung durchwürzten Zone geltend zu machen, wo die Ruinen des Salomonischen Tempels ihren Schatten aus das Grab Christi werfen. Oliphant's Idee fand Anklang in England und Amerika; namentlich die Lords Beaconsfield und Salisbury hießen sein Streben gut. Diese beiden Diplomaten befürworteten auf dem Berliner Congreß hie Verwirklichung der bürgerlichen und staatlichen Gleichberechtigung der rumänischen» Juden mit den Bekennern der griechisch-katholischen Staatsreligion. Der Genius Oliphant's hat die beiden Tories am grünen Tische im Kongreßsaal des Reichskanzlerpalastes inspirirt. Im Jahre 1879 machte sich Oliphaut nach dem Orient auf. Da streifte er fast einsam in den unsicheren üppigen Ostjordangebieten herum, auf den blauen Hügeln von Moab, in den Niederungen am Tobten Meere, im Hochlande von Gilead und die gut bewässerten und baumreichen Striche sah er aus als Wohnsitze für seine jüdischen Schützlinge. Da träumte er unter den Feigen- und Mandelbäumen, unter den Palmen und Terebinthen von Juda seine Träume von dem Reiche Gottes auf Erden. Unzählige jüdische Ackerbauer aus Rumänien meldeten sich als Colonisten bei ihm, denn sie sehnten sich hinweg aus einem Lande, das es im Angesichte Europas gewagt hatte, sie zu Parias zu degradiren. Das achte Decennium unseres Jahrhunderts war für die Juden von Osteuropa ein genug leidensreiches. Im neunten ward es ärger und zu Beginn dieses zehnten, dieses letzten Decenniums unseres sterbenden Jahrhunderts feierte Rußland nach der vorjährigen Oster-Ouverture von Korfu und Zante, wo man unter dem Rufe: „Christ ist erstanden!" die Juden mißhandelt?, vor unseren Augen geradezu Orgien brutalster Intoleranz, Orgien, würdig jener Judenaustreibungen, wie sie sich gerade vor vierhundert Jahren in Spanien unter der Flagge des Papstthums, der Religion, des dreieinigen Gottes vollzogen. Man hat im Jahre 1881 in Rußland und in der Walachei wieder einmal die Häuser von Leuten ausgeplündert und niedergebrannt, die kein anderes Verbrechen begangen, als Kaftans zu ttagen und nach ihrer Facon selig werden zu wollen. Da fehlte nicht Oliphant, wo zu helfen war. Die City gab ihrer Entrüstung über die Geschehnisse feierlichen Ausdruck und bot mit ihrem Mansion House-Fond den Verfolgten Unterstützung. Als Delegirten des englischen Hilfscomite's sehen wir Oliphant im Jahre 1882 in Jassy, Lemberg und Brody. Seine edle Frau, Mrs. Alice Oliphant, begleitete ihn, und diese Samaritanerin theilte sich mit ihrem Gatten in die Strapazen und in die Aufgabe, die ttostlosen Flüchtlinge aufzurichten. Wo immer Oliphant hinkam, schaarten sich die verwahrlosten Juden um ihn wie um einen Messias. Am 5. Mai 1882 schreibt er bon Jassy aus an Major Goldsmid: „Meine Frau und ich sind der Gegenstand einer Reihe von Ovationen gewesen, die uns diese armen dankbaren Menschen brachten." Schon hatte er die Unglücklichen in mehreren Zügen nach den von ihm ausgewählten Bezirken Palästinas entsandt. Aber da die türkischen Consuln in Odessa und Bukarest auf einen Wink vom Goldenen Horn her den neuen Auswanderern die Pässe verweigerten, so ging die Emigration nach dem Osten nur langsam vor sich und man wandte sich nach Amerika. Oliphant begab sich nach Constanünopel, um die Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Der Sultan war damals den Engländern so wenig grün, wie er es ungefähr im Sommer 1891 gewesen. Der britische Botschafter Lord Dufferin war damals bei der Hohen Pforte so machtlos, wie es der jüngst verstorbene Sir White eine Zeit lang gewesen. Der Großherr schaute nämlich«mit Mißttauen auf die Schutzherrschaft John Bull's in Egypten und er fürchtete in den Juden englische Emissäre, die etwa berufen wären, den britischen Einfluß auch im heiligen Lande zu stärken. So widersetzte er sich ihrer Colonisatton in Syrien. Amerika erschien nun dem ewigen Juden, hinter dem allerlei Verfolger daher trabten, als der einzige Freihafen. Daneben bemühte sich aber der Gesandte der Bereinigten Staaten bei der

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