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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-10 · 24 (10.6.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 OrKrrrrichifchr WvchrnschrW. Seite 411 Wir sehen ihn auf dem Schauplatze des 1864er Krieges in Schleswig, des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Er ist einer der angesehensten Mitarbeiter der „Times" und seine Correfpondenzen vom französischen Kriegstheater verschlingt das englische Publikum. In allen philantropischen Fragen der Zeit nimmt er das Wort: In den „Times", den „Daily News", in Blackwoods „Magazine". Er ist ein. feiner Humorist und ein eindrucksvoller Schilderer menschlichen Elends. Er wirkt als Vertreter der Cable-Company in New-Aork. Heute unterhandelt er in Geschäften mit Jay Gould und er stellt sich dumm gegenüber dem amerikanischen Goldkönig, um ihn zu überlisten; morgen nehmen ihn der esoterische Buddhismus und die theosophischen Experimente der Madame Blavatsky und des Colonel Olcott gefangen. Er findet an einer jungen Dame eine verständnißvoll^ und kühne Gefährtin seiner Wanderungen und seines Seelenlebens. Er lvar „Times"-Correspondent in Paris, als er sich * im Jahre 1872 mit Fräulein Alice Le Strange vermählte. Auch sie schwärmte für Zion. In vier Welttheilen spielt sich Oliphant's Leben ab, in dreien das seiner Gattin. Ein Odysseus war er in Hinsicht ans sein unstetes Dasein, ein Odysseus in Hinsicht ans das Ringen seiner nach dem Höchsten lechzenden Seele. Es fehlte nicht an allerlei Verirrungen; aber welchem selbstständigen Geiste blieben solche erspart? Dieser Odysseus hat nun schon wenige Jahre nach dem Tode seinen Homer gefunden. Als Laurence Oliphant im Jahre 1888 starb, wußte die Welt, daß in ihm ein Mann dahingegangen, der Alles gewesen und nichts geworden. Unter den Werken, die er schrieb, ist auch eines, das sich „Altiora peto“ betitelt — eine Novelle, die in anmuthiger Form religiöse Fragen behandelt und Angriffe gegen die moderne englische Gesellschaft enthält. Das „Altiora peto: war das Motto seiner schottischen Ahnen. Der Enkel hielt so sehr daran fest, daß er zum Mystiker und zum Schwärmer ward. Margaret Oliphant's zweibändiges, schon in vielen Auslagen erschienenes Werk über Laurence Oliphant*), ihren Namensvetter, der nicht ihr Verwandter war, liest sich stellenweise wie ein Buch der geistigen Verirrungen unserer Zeit und insbesondere der englischen Gesellschaft. Es ist, als ob diese in ihrem Reichthum und in ihrer Intelligenz, in ihren politischen Errungenschaften und in ihrem überseeischen Besitze der continentalen so sehr überlegene Gesellschaft zuweilen das Bedürfniß fühlte, der Hellen und grellen Gegenwart mit ihren praktischen Erfolgen zu entfliehen. Es ist nichts Neues, daß sich ein Sieger in einen Abgrund stürzt, daß ein Krösus sein Gold von sich wirft. So sehnt sich auch eine Gesellschaft, die sich von den Eroberungen der Naturwissenschaft in dem idyllischen Element ihres Daseins bedroht fühlt, von der blendenden Kraft der elektrischen Fluthen hinweg nach der traulichen Dämmerung der Messinglampe, bei der die Väter die Bibel lasen und die Mütter das Spinnrad trieben. Aus diesem Gefühle der Uebersättigung heraus, das sich gerade in jene Kreise einschleicht, die am meisten, sei es durch die in ihren Glücksgütern, .sei es durch die in ihrem Wissen liegende Macht, an den Segnungen des Fortschritts theilnehmen, erklärt es sich, daß auch ein so praktischer, liebenswürdiger, phantasiereicher Geist wie Laurence Oliphant zur Beute eines Mannes ward, der ihm als Vorsehung erschien und uns als Charlatan erscheint. Wir begreifen es aber. Denn wir sind ja unmittelbare Zeugen der Erfolge des „Magnets von Georgien" und der symbolistischen Charlatanerie. Der Magnetismus des „Magnets" wird im geraden Verhältnisse zu unserer Befangenheit steigen. Und der Symbolismus braucht Mystiker auf der Bühne, Mystiker im Publikum. Alt ist die menschliche Weisheit — noch älter die Thorheit. Und das soll neu sein und das soll den Gleichmuth des alten Rabbi Akiba zu Schanden machen? Und man heilt die zerrütteten Nerven unserer Gesellschaft, indem man die Nerven tödtet? Und die Bühne soll Hospital, Irrenhaus und Gespensterheim werden? Auch Oliphant ließ sich bethören. Sein Magnet war Thomas Lake. Harris, der „Prophet", der, wenn auch nicht über'eine Heilsarmee, so doch über ein Heilsbataillon verfugte. Es war ein sonderbarer Heiliger. Von seinen Gläubigern verlangte er Gehorsam, manchmal auch Armuth und mitunter sogar Keuschheit. Fast so wie Benedictus von Nursia. Oliphant hatte *) Memoir of the 1 ite of Lnurence Oliphant and. of Alice Oliphant, bis wife by Margaret Oliphant W. Oliphant. In two volnmes. William Rlactwrod. Edinburgh. 1891. Geist, Gold mil^ eine reizende Frau — darum mußte er gehorchen, arm sein und — keusch dazu. Der Prophet trennte die beiden Gatten von einander. Dieser Harris war ein Stück Schicksal, Teosoph, Svedenborgianer, Schwindler. Der obskure Amerikaner hatte in Steinway Hall in London theosophischeBorträge gehalten. Da er sich in seiner Doctrin und in seinem Lebenswandel in Wolken hüllte, so reizte er gewiffe sensible Naturen, wie es Lady Oliphant, die Mutter von Laurence und dieser selber waren. Harris wurde mit seinen sympathetischen Kräften zum Dämon ihres Lebens. Dieser Seher, Magier und Dichter einer „Sonnendichtung" (a poem of the Sun) umstrickte mit seinen mystischen Fangnetzen die ganze Familie Oliphant, Mutter und Sohn und dessen Gattin, eine Dynastie, von sonst gesunden und edlen Geistern. Der Prophet warf um sich mit den Schlagworten „live -the life“ (das Leben leben). Das klang so Volltönend und war so schaal. Es wirkte aber; denn nichts besticht so sehr wie die Phrase. In Brocton bei Chateäugay im Staate New-Aork hatte der Prophet eine Colonie, Salem on Erieh, eine Art „Neues Jeru salem", gegründet. Dort brachten auch Oliphant und deffen Gattin ganze Jahre als Farmer hin und sie waren auf die Gnade des Propheten angewiesen. In dieser apokalt)prischen SphärelebteLaurence in der Weise dahin,wie ungefähr heute Tolstoi auf seiner Besitzung Jasnaja Poljana. Entrückt allem anregenden geistigen Verkehr, entblößte er sich für einige Zeit auch aller seiner reichen Mittel. Er sagte sich, Niemand habe das Recht die ihm durch den Zufall gebotenen Güter ganz für sich auszunützen. Er hatte das Bedürfniß, den Erdgeruch der Natur zu schlürfen uns im Schweiße des Angesichtes sich sein Brod zu erwerben. Gleich Tolstoi, den die Halbgebildeten, die ihn nicht verstehen, für einen Narren halten, so meinte auch Oliphant, der Schriftsteller. Barrister und Diplomat, es sei nicht gut, ein ausschließlich geistiges Leben zu leben, wie es ein großer Theil der Gesellschaft thnt, die kein anderes Werkzeug als eine Schreibfeder in die Hand nehmen. Wenn sich das geistige Leben nicht wie ein Blüthenkranz um ein Dasein physischer Arbeit rankt, so überreizt und ermüdet es oder nimmt gar einen banausischen Charakter an. Es wäre gewiß nur vortheilhaft, wenn Diejenigen, die die Feder führen, sich zeitweilig auch hinter dem Pfluge oder mit Spaten und Haue abmühten, auf Feld und Garten ihren Rücken krümmten, um ihn dann desto freier bei intellec tueller Arbeit und im öffentlichen Leben aufzurichten. Oliphant's ganzes Streben ist das in die Wirklichkeit gesetzte Wort „Homo aum et nil humani a me alienum puto“. Ec hatte die Gabe, sich den heterogensten Menschen zu assimiliren, sich in eines Jeden Leid hineinzudenkeu. Er kannte keine confessionellen und nationalen Schranken. Er war der Denkschablone der Gesellschaft abhold — er stand so hoch über dem Durchschnittsmenschen, der eine Rolle spielt, wie ein Stern über einem Glühlicht. Er fühlte sich solidarisch mit unterdrückten Nationen und geächteten Secten. Alle Leidenskinder der Zeit — und reich an ihnen war unser Jahrhundert — fanden in ihm einen Anwalt, der die Klagen ihrer ächzenden Gewissen vor das Tribunal der öffentlichen Meinung Englands brachte. Oliphant stand der Macht und Majorität mit Mißtrauen gegenüber und stellte sich gern in den Dienst mancher ohnmächtigen Minorität und das Recht anstrebenden Opposition. Auch mit den Armen im Geiste verkehrte er wie mit Seinesgleichen. Wo immer eine geknechtete Race oder ein gefesseltes Recht die Aufmerksamkeit Europas auf sich lenkte, war er sofort auf der Stelle anzutreffen, um die Dulder aus der Nähe zu sehen und den Folterer in flagranti zu ertappen. Er gehörte nicht umsonst der Generatton an, in der ein Palmerston seine Stimme für den von dem Pöbel Athens beraubten Malteser Juden Don Pacifico erhob, in der Gladstone, für die von der bourbonischen Regierung, „dieser Negation Gottes", gemarterten neapolitanffchen Patrioten eintrat, in der die Eltern des gewaltsam getauften und von den päpstlichen Sbirren geraubten Bologneser Judenkindes Edgaro Mortara ritterliche Schützer ihrer verletzten Gewissen fanden. England bedeutete damals und bedeutet heute die Humanität, ob es aus dem Munde der Torries oder der Whigs, ob es aus dem Munde Disraeli's und Salisbury's oder Palmerston's und Gladstone's, ob es aus dem Munde des Vertreters des britischen Katholizismus, des jüngst verstorbenen Kardinal- Erzbischofs Manning von Westminster, oder des Höchsten der Hofkirche, des Erzbischofs von Canterbury, zu Europa sprach und spricht. In London ist man auch heute mehr als anderswo der Entrüstung fähig über das Treiben in Moskau und die Art . Menschenrechte, wie man sie im Kreml proclamirt. Es ist, insofern Europa in Betracht kommt, mit der Humanität umgekehrt

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