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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-10 · 24 (10.6.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 41Ö Krstrrrrichtschr Wochenschrift. Nr. 24 Existenzen, die durch den Antisemitismus ruinirt werden, ohne daß die Oeffeutlichkeit von ihnen Notiz nimmt, ohne daß jemals die innerste und letzte Ursache des Unterganges näher bekannt wird. Slama war ja noch eine Größe der Partei; die Klemen und Kleinsten 'aber, die den lockenden Zauberliedern der modernen Rattenfänger gelauscht, die auf die stolzen Versprechungen der Führer vertraut, die sich in nie erfüllbare Hoffnungen gewiegt — sie Alle envachen eines Tages aus ihrem Taumel zur furchtbaren Wirklichkeit und erkennen, daß man sie getäuscht und belogen hat. Das Unheil aber hat sich verdoppelt, denn zu der Sorge um das tägliche Brot hat sich auch die Unlust zur Arbeit und in vielen Fällen gar noch die Trunksucht gesellt. Von diesen armen Thoren, von diesem Kanonenfutter des Antisemitismus spricht weder Herr Vergani in feinem Blatte, noch Herr Lueger im Parlamente. Aber die Redaction des Ersteren und die Kanzlei des Letzteren kennen um so besser die fragwürdigen Gestalten, die da Hilfe fordern und an uneingelöste Versprechungen mahnen. Von Leopold Slania hat Herr Lueger solche Unbescheidenheit und Aufdringlichkeit nicht mehr zu fürchten. Der ist unschädlich geworden, das Gewissen des Dr. Lueger aber ist elastisch und wird durch solche kleine Zwischenfälle, die im Jrrenhause oder manchmal auch im Zuchthause enden, nicht sonderlich bedrückt. Wie sagte er doch zu dem armen Tramway-Conducteur: „Schaut's nur Leutl'n, daß recht viel Geld z'sammkommt". Laurence Oliphant, der Streiter für Zion. P. L. Es tobt ein Streit durch die Welt zwischen „Zionisten" und „Amerikanisten". Der Czar und Pobjedonoszeff haben ihn heraufbeschworen. Was soll man mit den vielen Inden machen, welche die Laune des weißen Väterchens und seines Hohepriesters aus dem moskowitischen Reiche verbannt hat? Anläßlich der Eröffnung einer lmrdwirthschaftlichen Farm verkündigte vor einiger Zeit der Stadthauptmann von Odessa — es war ernst gemeint und klang ironisch —, es sollen die Juden in Rußland bleiben und sich der Bodencultur widmen, nicht aber auf's Ungewisse auswandern. Sie sind bereits' ausgewandert — ausgewandert zu vielen Tausenden. Manche von ihnen sind im Orient gelandet, die Meisten in Amerika. Hunger und Krankheit haben die Armen decimirt. — Andere wieder irren unstät durch die Welt. Im milden Geiste unserer Zeit ist es gelegen, daß man nun auf Diejenigen, die gefallen — gefallen nur durch ein allerhöchstes Faustrecht —, noch Steine wirft. Auch die Menschenliebe ist nur eine Mode — wie die Krinoline. Heute fällt der Reifrock und mit ihm die Humanität - - morgen kommt in Ehren, was gestern verpönt war. Alle Gebete, die durch Weihrauchwolken Tag für Tag von Warschau bis Batum für den Czar zum Himmel aufsteigen, können nicht wettmachen, was er an Jammer stiftet, indem er Anschuldige in Tod und Elend jagt. Der Herrscher aller Reußen sühnt es hienieden, denn er, der andere verfolgt, ist selber verfolgt und findet keine Ruhe. Elender als sie fortgegangen, sind Biele von den Ausgewanderten wieder aus Ämerika zurückgekehrt. Zu rosig waren die Hoffnungen, welche die vertriebenen Stiefkinder des Czarenreiches an das Silberland am Plata knüpften. Vierhundert Jahre sind es gerade her, daß die Juden, an denen damals die spanische Inquisition die Mission übte, die heute der große Synod an ihnen vollzieht, im türkischen Reiche eingewandert sind. Das Scepter Abdul Hamid's, der nur Moslem ist, waltet auch heute noch milder über Andersgläubigen, als manches christliche Scepter. Nun meinen die romantischen Zionisten, es sei in Palästina oder besser in Syrien Raum genug für die Unglücklichen, welche die Peitsche des Verfolgers in die Fremde gejagt hat. Andere nüchterne Beurtheiler der Lage weisen die Emigranten ausschließlich nach dem Westen, und trotz aller schlechten Erfahrungen besonders nach der argentinischen Republik. Zion oder Amerika? Der Streit ist noch nicht ensschieden. Zion winkt jenen Armen wie ein Gruß des Psalmisten und der Propheten. Erst wenn sie nur mit heiler Haut fast vor den Thoren Jerusalems angelangt sind, scheucht sie die türkische Wirklichkeit aus ihrem biblischen Sehnen. Vor einiger Zeit hat der Pfarrer der englischen Christuskirche in Jerusalem, Mr. Hastings-Kelk, in den „Times" die russischen Emigranten vor Täuschung . auch betreffs Palästinas gewarnt. Gewisse Efendis haben es nämlich von der Regierung am Goldenen Horn erwirkt, den Juden die syrischen Häfen zu verschließen. Gleichwohl hält der Gewährsmann des City-Blattes Palästina noch immer geeigneter für die jüdische Colonisation, als Südamerika und er forderte den Gönner der Unglücklichen, den Baron Hirsch auf, nochmals an die Weisheit der Hohen Pforte zu appelliren und mit ihr ein Abkommen zu treffen, um sie für Duldung der russischen Juden in dem paradiesischen Gebiete jenseits des Jordans zu gewinnen. Also auch dieser Reverend ist Zionist. Stärker als anderswo ist in England die zionistische Be wegung. Ein Brite, Laurence O l i p h a n t, ein mehr als guter Christ, predigte schon vor einem Menschenalter, man möchte die bedrängten Juden von Osteuropa nach Palästina befördern. In ihm hatte die Idee von der Aufrichtung Zions einen hervorragenden Vertreter. Sein Verhältnis zu den Juden wuchs aber aus seiner ganzen philantropischcn Gesammtbethätigung heraus. Das ist nur eine Episode, wenn auch die packendste, in einem Leben, das eine Odyssee war. Ehe er für die Juden eiutrat und vor Zion Halt machte, hatte er bereits mehrere Welttheile mit dem Wanderstabe durchmessen. Seine Biographie ist mit Rücksicht auf die Emigration der russischen Juden ein zeitgemäßer Roman. Die Wirklichkeit ist doch zuweilen die fesselndste Dichtung. Wenn man d^n Abenteurer Casanova, diese banale Seele des vorigen Jahrhunderts, ins Ideale und in unser Jahrhundert überträgt, so mag sich aus ihm die Gestalt des Engländers Laurence Oliphant entwickeln. Dieser war einer der größten Abenteurer unserer Tage. Nur war es mehr die moralische Wirkung neuer und ungewohnter Situationen auf den menschlichen Geist, die er anstrebte, und nicht der theatralische Effekt, der vielmehr sein reich entwickeltes inneres Leben unberührt ließ. Schon in seinem äußern Dasein spiegelt sich der vielfältige Wechsel seines Berufes und seiner Neigungen. In Afrika stand seine Wiege — in Europa ist sein Grab. 1829 war er in Kapstadt geboren; 1888 starb er in dem Themsedorfe Twickenham bei London. Auf Ceylon verbringt er als Sohn des Justizchefs dieser .Insel unter den Singhulescn von Colombo seine Jugend. Dann kommt er auf die Schulbänke von Cambridge und Oxford. EZ duldet ihn aber nicht lange, und er geht mit dem indischen Prinzen Jung Bahadour, den es dürstet, westliche Kultur am Fuße des Himalaja anznpflanzen, nach Nepaul, und auf dem Wege dorthin jagt er Elephanten. Wie er am Abend seines Lebens, angetrieben von seinen judenfrenndlichen Bestrebungen, das Hebräische Pflegte, so studirte er als Jüngling das Hindustaui, um den Verkehr mit den Rajahs zu genießen. Dann sehen wir ihn als Mitglied des schottischen Barreaus in Edinburgh thätig. Der Barrister findet seinen Weg in's Unterhaus. Aber er sieht, wie Disraeli dieselbe Reform-Bill, über dieGladstone gestrauchelt ist, vor's Haus bringt. Es wird ihm schwül ums Herz in dem Dunstkreise dieses parlamentarischen Lebens, das ein Duell zwischen zwei ehrgeizigen Führern ist, die dasselbe wollen. Er sucht Erholung an den Ufern des Dons und der Wolga und in den Steppen Rußlands.Mit Lord Elgin, dem Generalgouverneur von Kanada, sehen wir ihn als Secretär und dann als „Superintendent-Generalof Indian Affairs". In Ottawa tagt der Senat, und in diesem parlamentarischen Stillleben des halbsouveränen Bundesstaates,schaukeltsich derjungeBritebehaglich anfseinem Regierungsfauteuil. Schamyl, der tscherkessische Prophet, Ritter und Bandit, lenkt; dann Oliphant's Aufmerksamkeit auf sich, und mit diesem Condottiere wäre er fast zum Entsätze der von den Russen bedrohten Ärmenierstadt Kars ausgezogen. Es kommt nicht dazu. So begibt er' sich nach Circassien und schließt sich Omar Pascha, dem türkischen'Befehlshaber im Krimkricge, auf einigen Expeditionen als Freibeuter an. Dann begleitete er den Lord Elgin nach China, als dieser als Bevollmächtigter der englischen Regierung nach dem himmlischen Reiche aufbrach, und Oliphant hatte seinen Theil an dem Zustandekommen des Vertrags von Tien-Tsin im Jahre 1858. Damals schien es, als ob er nicht mehr der diplomatischen Laufbahn entsagen sollte. Als Geschäftsträger nach Peddo entsandt, wäre er aber fast in dem Reiche des Mikado im Jahre 1861 einem Mordanschlage erlegen. Schwer verwundet, reiste er nach Europa ab, und nun folgte ein Jahrzehnt europäischer Wandeijahre.

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