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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-10 · 24 (10.6.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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W Ur. 24 Wien. 10. Krmi 1892* i: Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. _ P A. k. Pogsxsrrsgrni Elraringvrrkrtzr Nr. 4^0.976. Ledsrtion «. Adminiflrstton: Wien I . Avlhrnthurmfirstzr 39. für Eigentümer: Reichsralhs-Adgeor-neter Dr. KLoch. -ES- Erscheint jeden Freitag. Man sdomnrt bei aU«a VofinngsUrn dr» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 ü. Einzelexemplare 25 ir. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 Ir. K° Inhalt: Leitartikel: Ter „Fall" Slama. — Laurence Oliphant der Streiter für Zion. — An die Adresse der „Germania" in Berlin. — Die russischen Inden als Ackerbauer. — Correspondenzen Wien, Mannersdorf, Brünn, Prag, Budapest, Czernowitz, Prokuplje (Solu, Berlin, Dresden, Leipzig, Moskau, Kopenhagen. — Vermischtes: Wien, Teschen, Proßnitz, Marienbad, Nimburg, Budapest, Breslau, kanten, Greiwitz, Thorn, Bielefeld, Crefeld, Paris, London, Bern, Moskau, Petersburg. — Feuilleton: Sarah (Lieber den Tod.) — Wöchenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Der „Fall" Slama. Vor zwei Jahren konnten wir in diesem Blatte die wirthschaftkichen Segnungen des Antisemitismus an einem drastischen Beispiele veranschaulichen. Die bezaubernde Melodie, welche die Führer der aufhorchenden Menge vorsangen, die Melodie von wirthschaftlichen Reformen, durch welche der bedrängte Gewerbestand mit einem Schlage aller Noth entrinnen sollte, das gleißende Trugbild von einer baldigen Ausgleichung der socialen Gegensätze hatte auch einen armen Gewerbsmann auf der Landstraße verführt. Tag und Nackt widmete er sich nun politischer Thätigkeit, in jedem Wirthshause, wo es ein antisemitisches Conventikel gab, war er zu finden. Er war der eifrigste Agitator bei den Wahlen, der unermüdlichste Werber für die „christlich-sociale Sache". Je rascher die Partei in die Höhe kam, umso eher mußte ja auch er zu Reichthum und angesehener Stellung gelangen. Und darum vernachlässigte er sein Handwerk und zog von Bezirk zu Bezirk, um für Lueger und Schneider Bravo zu schreien und für die antisemitische Idee zu trinken. Das ging so eine Weile ganz prächtig, bis der Mann eines Tages gewahr würde, daß er die alten Kunden verloren und neue nicht gewonnen hatte. Nun flogen Mahnschreiben, Zahlungsauflagen und Pfändungen in's Haus und der Concurs stand vor der Thüre. In seiner Noth wandte sich der arme Mann an Dr. Lueger, den prädestinirten Anwalt des kleinen Mannes. Dieser hatte jedoch für den abgewirthschafteten Genossen nur ein gleichgiltiges Achselzucken. Das Unglück brach denn auch wirklich herein, und heute nmß das bedauernswerthe Opfer der antisemitischen Propaganda als Gehilfe sein Brot suchen, nachdem er jahrelang als Meister sein gutes Auskommen gesunden hatte. Die Geschichte hat öfter ihre Wiederholung gefunden, Wiederholungen, welche die verheerenden Wirkungen der antisemitischen Heilslehre auf minder entwickelte Gehirne noch viel ausdrucksvoller veranschaulichen. Diesmal indessen hat die Nemesis einen Mann erreicht, der zu den Mandatsträgern der Partei zählte und berufen war, für die Verwirklichung der neuen Heilslehren zu arbeiten. Der antisemitische GemeinderathLeop old Slama hat vor wenigen Tagen sein Mandat ni ed erg el egt, weil sich an ihm bedenkliche Störungen der geistigen Functionen bemerkbar machten, welche mit den Symptomen des Sänferwahnsinnes ziemlich identisch sind. Herr Slama ist damit am Fuße jener schiefen Ebene angelangt, auf welcher er schon seit Jahren unaufhaltsam und unrettbar abwärts glitt. Herr Slama betrieb vor Jahren eine sehr bedeutende Fabrik von Goldketten, welche namentlich im Osten der Monarchie und nicht zum wenigsten unter der jüdischen Bevölkerung Galiziens ihren Absatz fanden. Das Geschäft blühte und Herr Slama wurde ein wohlhabender Mann. Da gelang es den antisemitischen Agitatoren, in dem eitlen Mann den Ehrgeiz zu stach« ln. Man versprach ihm ein Gemeinderathsmandat, und Slama verschrieb sich mit Leib und Seele den Aposteln der Judenhetze, die er an fanatischer Leidenschaftlichkeit bald übertraf. Was den Führern nur Sache kühler Berechnung war, das wurde ihm, dem minder Intelligenten, bald zu einer wahren Herzenssache, deren Vertretung ihm höher stand als seine persönlkchen Interessen. Für die sogenannte ethische und sociale Bedeutung des Antisemitismus, über welche die Volksbettüger, die an der Spitze der Bewegung stehen, so herrlich zu dcclamiren verstehen, hatte er keine Zlhnunger war der „betrogene Betrüger" und in dem blutigen Haffe gegen die Juden erschöpfte sich ihm der Antisemitismus ganz und gar; so begreift es sich, daß der bethörte Mann die Beziehungen zu seinen sämmtlichen jüdischen Kundschaften abbrach und eines Tages den großartigen Ausspruch that: ,,EH' ich für Juden arbeite, sitz' ich lieber im Wirthshaus und saust!" Slama hat sich buchstäblich an diesen edlen Borsatz gehalten. Er trank und trank und sein Ansehen stieg gewaltig unter seinen Parteigenossen, denn hier ist der Durst ein vollwerthiger Maßstab für die Reinheit der Gesinnung. Es gab keine antisemitische Versammlung, in deren Honoratiorenliste nicht der Name Slama's paradirt hätte. Noch bei der Letzten Reichsrathswahl in Margarethen sahen wir chn von Kneipe zu Kneipe ziehen und die Agitatoren durch reichliche Libationen ermuthigen. Aber schon damals zog sich über dem Haupte des Unglücklichen finsteres Gewölke zusammen. Mit unheimlicher Raschheit war sein Geschäft rückwärts gegangen und zugleich mit den jüdischen hatten sich auch die christlichen Abnehmer verlaufen. Während Slama früher 18 Gehilfen beschäftigt hatte, arbeitete er zuletzt nur mit einem oder zwei Lehrjungen, und die Noth stieg so hoch, daß er, der es einst verschworen hatte fürJudenzuarbeiten, anseine einstigen jüd i sch en Geschäftsfreunde in Galizien Briefe mit der Bitte ausschickte, ihm wieder Aufträge zuzuwenden. Slama's Verhängniß hat sich nunmehr erfüllt, der Mann fällt als das Opfer eines gewissenlosen Volksbetruges. Aber er ist ein Typus für Tausend Andere. Er stand auf sichtbarer Höhe, ihn beachtete man, sein Schicksal ließ sich Schritt für Schritt verfolgen. Es gibt jedoch Hunderte und Tausende von \y ■tl ’ ’i'? i

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