Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 23 (3.6.1892)
- Date
- 1892-06-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Sette 405 ten Vectheidigungskampfe. Kleinere Soldaten - Abtheilungen, welche zur Reeognoscirung der feindlichen Posten ausschwärmten, wurden mit großen Verlusten znrückgedrängt. Die Sicherheitsvorkehrungen in der bedrohten Stadt wurden von Tag zu Tag verschärft und die ouf den Wällen postirten Schildwachen verwehrten jedem in Unkenntniß der Losung befindlichen Civilisten den Eintritt. Aus der Stadt selbst ins Freie zu gelangen hielt schwer. Waghalsige, welche dem Tod in's Auge zu schauen gewohnt waren, vermochten nicht den Sicherheitscordon zu durchbrechen. Man war vor Spionen überall auf der Hut. Die Wogen des allgemeinen Schreckens und Wirrwarres schlugen uicfjt bis zu dem einsamen Häuschen hinauf. Im Gegentheile, da drüben herrschte jetzt fröhliche Stimmung. Sarah war in der durch ihre natürliche Lage geschützten weltentrückten Behausung wohlgeborgen. Dies schien jetzt der geheuerste Zufluchtsort vor dem Feinde. — Uebrigens, was hatte die Alte denn auch zu fürchten? Hinsichtlich ihres kleinen Schatzes, den sie sorgsam in die Erde versenkte, konnte sie ruhig sein. Nur hin und wieder weckte sie das Echo der Kanonenschüsse und das laute Schluchzen der zu Tode geängstigten Lore aus dem Schlafe. Pah Närrchen, wovor fürchtest Du Dich? Was können sie uns anbaben? Hierher werden sie sich schwerlich berirreu . . Ei was denkst Du . . Diese großen Herren und Krieger scheeren sich einen Pfifferling um zwei so arme Jüdinnen! Laß das Greinen, Thvrin l Still! Bleib nur den ganzen Tag hübsch zu Hause, weiche auf keinen Fall von der Schwelle, damit Dich die Herren Offiziere nicht erblicken, weiter nichts ... Die Alte erbebte unwillkürlich bei der Erinnerung an die goldenen Epauletten, welche eine so verhängnißvolle Rolle in dem Leben ihrer Tochter gespielt. Na was zitterst Du denn noch Lorchen? Was quält Dich? Jetzt ist die gute Zeit für uns angebrochen — eine goldene . Zeit! Weißt? ich mache jetzt drüben Geschäfte, glänzende Geschäfte. Noch nie zuvor habe ich mich so wohl befunden .... und noch günstiger wäre es, wenn Du mir draußen an die Hand gingest . . Doch für Dich heißt es jetzt das Haus bewachen und jeglicher Uniform sorgsam aus dem Wege gehen. O ein glänzendes Geschäft! Das Geld liegt förmlich auf der Straße! Na hör nur ... ich bringe meine Waare bei Freund und Feind an . . . Tabak, Zigarren, Rum, Wein, rothes und graues Tuch, überhaupt alles, was ich aus der Stadt hinaustragen kann . . . und die ganze Waare schwärzt Samuel, der drüben im Walde haust, in des Feindes Lager hinüber und findet auch seine Rechnung dabei . . . Ich bin auch überzeugt, daß der Kerl mich bemogelt . . doch dagegen läßt sich eben nichts thnn ... ich übervortheile Niemanden . . . erst gestern habe ich die Bauern aus Rybrik und vier Proviantwagen hinübergeführt . . Es wird sich schon machen . . nur laß das Plärren . . fasse AHlth und entferne Dich nicht von hier. . um keinen Preis! Du brauchst keine Angst zu haben . . . Adonai ist groß ... In der That trieb sich Sarah zwischen dem feindlichen Lager und der Festung geschäftig hin und her, da sie ja die ganze Gegend, alle Stege und Wege von Kindesbeinen an kannte, und versorgte die belagerte Stadt mit Proviant. Oft traf es sich, daß sie an einem Tage mehrere Meilen zu Fuß zurücklegte ... doch so ein Gang lohnte sich . . . sie heimste ein gut Stück Geld ein. Sie schaffte unermüdlich, ohne sich die geringste Erholung zu gönnen. Sie verstand es trefflich, der Gefahr auszuweichen, den Feind rechtzeitig zu wittern und wenn es schon einmal kein Entrinnen mehr gab, da war sie nie um eine schlaue Ausflucht verlegen. Da sie auch dem Feinde Proviant zustellte, genoß sie eine gewisse Freizügigkeit. Entsetzen packte sie nur dann, wenn sie an grausigen Menschencadavern, mit steifen, vertikal gegen den Himmel ragenden Armen vorüberschreiten mußte. Einmal wandelte sie schon die Lust an, eine goldene Uhr, die ihr aus der Tasche eines Erschlagenen verlockend entgegenblinkte, an sich zu nehmen, doch als sie sich schon über die starre Leiche beugte, durchschauerte es sie eiskalt, sie fuhr entsetzt zurück und floh wie ein gehetztes Wild, nur von dem Gekrächze der Todtenvögel verfolgt. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Predigte» aus dem Nachlaß von Dr. M. Joel, Rabbiner der isr. Gemeinde zu Breslau. Herausgegeben von Dr. A. Eckstein Rabbiner in Bamberg und Dr. B. Ziemlich, Rabbiner in Nürnberg. 1. Band: Festpredigten. Bresla u, Schlesische B n chd r u ck e r e i, Kunst- und Verlags-Anstalt, vormals S. Schottlaender 1892. Die sicherste Probe aus den Werth von Predigten ist — man verzeihe den etwas blasphemischen Vergleich — wie bei Theaterstücken. Die Leseprobe. Predigten, die nur gehört, aber nicht gelesen werden dürfen, sind in der That die Druckerschwärze nicht werth, die aus sie verwendet wird und auf die vorhandene Uebersüüe solcher gedruckter Predigtet! paßt mehr als wie auf jedes andere Lileraturgebiet das Diktum des Koheleth: „Das Machen vieler Bücher ist zwecklos." Die hier angezeigten Predigten des unvergeßlichen Dr. Joel athmen jedoch Leben und Kraft auch aus dem todten Buchstaben. Es sind religiös-philosophische Abhandlungen in der Form von Predigten, theils die materialistischen Anschauungen bekämpfend, theils die jüdische Lehre im Lichte der Kritik der reinen Vernunft zeigend, der sie nicht nur Stand hält, sondern durch die sie nur noch glänzender strahlt. Joel geht mit der größten Freiheit an die schwierigsten Probleme, des menschlichen Denkens und behandelt dieselben mit einer Exaktheit, die jede wissenschaftliche Prüfung auszuhalten verniag, für deren Popularisation es aber keine beqere Form als die Predigt gibt, allerdings Predigten Joel's, mit ihrer Kürze und Knappheit der Form, der Gedrungenheit und Kernhaftigkeit der Diction, ohne wohlfeile Redeblumen, ohne Angriffe und Sticheleien, ohne Anstürmen auf das Gefühl, wenn auch darin die Seelenvorgänge in einer jedes Menfchenherz tief ergreifenden Weise geschildert werden. Sie bezeichnen neue Bahnen der jüdischen Kanzelberedsamkeit. in welcher derzeit noch immer einerseits noch mit hagadischen Kunststücken und dem Spiel mit der „scharfsinnigen" Auslegung des Schriftwortes brillirt wird und andererseits eine Verflachung eing.treten ist, in der löneude Phrasen und leeres Wortgeklingel den j n d isch en Charakter der Predigt ganz vergessen lassen. Die Herausgeber haben mit der Veröffentlichung dieser Predigten, welchen noch zwei weitere Bünde folgen werden, in erster Linie ein Werk der Pietät für ihren verstorbenen Meister üben wollen, allein sie haben dainit dem Judenlhnme einen Dienst geleistet. In den Kreisen unser r Glaubensgemeinschaft werden diese Predigten überall, wohin sie dringen, zur Berinner-ichung und Vertiefung des väterlichen Glaubens beitragen und nichijndische Kreise, denen sie zu Gesichte kommen, werden ans ihnen erkennen, wie im Jndenthume Licht und Glaube vereint sind uild dasselbe daher unverwüstlich ist für ewige Zeiten, mag auch die Vernunft zur vollsten Herrschaft in men. Fest-Predigten für die Hauptfeiertage des Jahres von Dr. Adolf Schwarz, Stadt- und Conferenz-Rabbiner in Karlsruhe. N e n e F o l g e. Karlsruhe. I. B i e l f e l d s B e r l a g. 1892. Preis 6 Mark. Die vierunddreißig Predigten, die diese Sammlung enthält, reihen sich in ihrer elastischen Diction und ihrem Gedankengehalt würdig den vom Berfafser bereits früher erschienenen an. Es sind durchgehends Musterstücke moderner jüdischer Kanzelberedsamkeit, wie sie sich aus der Verbindung der alten Torafcha mit den Gesetzen der Homiletik herausgebildet hat und gleichweit entfernt ist von der „geistreichen" Auslegung der mit den Haaren herbeigezogenen Midraschim wie von der Seichtheit und trockenen Moral in den Predigten auf anderen Religionsgebieten, denen auch wir leider am Anfänge der Resormära sklavisch nachzuäffen begannen, aber glücklicherweise bald davon abgekommen sind. Die Predigten des Dr. Schwarz sind wahrhaft jüdische Predigten — jüdisch, indem sie jeden Gedanken mit einer Schrift- oder Agada-Stelle belegen, nur daß diesen Stellen keine Gewalt angethan wird, sie in den Gedanken hineinzuzwängen; jüdisch auch, daß sich diese Predigten kühn an Probleme wagen, die in Predigten anderer Confessionen kaum gestreift werden dürfen, weil sie Dogmen erschütterten. Und Dr. Schwär; versteht es, wie nur Wenige, solche Probleme zu lösen und mittels derselben das jüdisch - religiöse Bewußtsein zu heben und zu kräftigen, so daß seine Predigten ein gebildetes Publikum belehren und erbauen, aber auch durch ihre Wärme das GeMüth befruchten. Die weite Verbreitung, die die Dr. Schwarz'schen Predigten, von denen bereits sechs Bände erschienen, gefunden, ist ein erfreuliches Zeugniß von dem religiösen Fond, der noch in Israel vorhanden ist, trotz aller Klagen über Jndifferentismns, und eine sichere Bürgschaft, daß auch diese neue Folge ihren Weg durch die jüdischen Gemeinden machen wird, so weit die deutsche Zunge erklingt. Minchath Kohe». Eine bibelwissenschastliche Studie über Orts- und Personennamen im biblischen Schriftthnm. Bon Selig Lauterbach. Drohobycz, im Selbstverlag des Verfassers. 144 Octavseiten. 1893. Der reichbelesene und gelehrte Verfasser hat in seiner hier angezeigten neuesten Schrift einen für die gründliche wissenschaftliche Bibelexegese höchst werthvollen Beittag geliefert. Denn für die tiefeingehende Durchforschung der Heiligen Schrift — und theilweise auch des mit ihr im Zusammenhänge stehenden anderweitigen großartigen Schristthums — bildet die genaue Kunde der alten biblischen Geographie ein hochwichtiges und unentbehr-