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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-03 · 23 (3.6.1892) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 404 Orstrrrrichischr Wochrnschrifl. Nr. 23 haben — fini) jetzt vom Schwurgerichte Hierselbst zu einem Jahre Gefängniß verurtheilt worden. In Buenos-Ayres wohnen zur Zeit 3000 Israeliten; ihr erster Borsteher ist ein sehr reicher Mann, Namens Kraemer. Die dortigen Juden besitzen ein kleines Bethaus. Außerdem befinden sich daselbst noch zwei Gotteshäuser für den aschkenasischen (deutschen) und den sephardischen (spanischen) Ritus. Die Functionen eines Mohel verrichtet bei ihnen ein Jude aus Italien. Feuilleton. Ssrah (Lieber der Tod.) Erzählung aus dem Polnischen v. Walerie Solecka. Einzig autorisirte Uebersetzung v. Herm. Löwenthal. (Fortsetzung.) Doch sie schlug nicht den Weg zur Stadt ein. O nein-' Nur flüchtig kehrte sie den grausamen Mauern ihr Antlitz zu, um mit geballter Faust eine furchtbare Verwünschung aüszustoßen. Lorchen wich entsetzt zur Seite... und sie, Sarah, hätte sich keinen Augenblick besonnen, die Brandfackel in diese verruchte Stätte zu schleudern, wenn nicht die Existenz dieses armen Wurmes, der verlaffenen Lore, der Tochter ihrer unglücklichen Jlon, ihr mit einem Male zum überwältigenden Bewußtsein gekommen wäre. „Was triebst Du denn die Zett, wo ich nicht bei Dir war", fragte sie nach einer Weile. „Ich lief in den Gaffen herum mit Berko's Kindern, ich wiegte die kleine Golde in Schlaf, — dann schlief ich selbst ein — hinterher spielte ich wieder.. " „Und zu essen gab man Dir?" ,O ja?" Unterdeffen hatten sie die Brücke überschritten und da die Nacht herembrach und die Dunkelheit überhandnahm, begann sie die Gegend zu mustern, um ein Asyl für diese Nacht ausfindig zu machen, ehe sie daran denken konnte weiter zu wandem. Der Wald ist nicht gar weit, da haust der Heger Samuel, vielleicht bietet er ihnen ein gastlich Obdach. Doch was geschieht dann, wenn er nicht mehr dort ist? Wie eine vom Jäger verfolgte Wölfin nach einem sicheren Schlupfwinkel wittert, so spähte jetzt die arme verlassene Frau nach einem Obdach für sich und ihre kleine Enkelin aus. Die Noth schärfte ihren Blick. Plötzlich gewahrte sie auf steilem Hang ein einsames, ödes, baufälliges Häuschen, das hinter dichtem Geblätter und Geranke fast ganz verschwand, so daß man seine ^istenz nur ahncn konnte. Sie erinnerte sich dunkel, daß man ihr schon einmal von der unheimlichen Behausung gesprochen, die ganz verwaist stand, settdem ihr letzter Besitzer sich erhenkt hatte. Niemand setzte seinen Fuß über die Schwelle, denn das Häuschen lag ganz versteckt da; und wer sich zufällig dahin verirrte, den jagte abergläubische Furcht vor dem Geist des Schenkten in die Flucht. Uebrigens war das Haus so morsch, so rissig, daß man jeden Moment sich aus seinen Einsturz gefaßt machen mußte. Sarah Raab bezwang die aufkeimende Angst und pochte zaghaft an die Thüre. Als Niemand antwortete, trat sie entschloffen ein und nahm Besitz von dem Häuschen. Diese Mauer wird aufrecht stehen bleiben, sein morsches Dach werden Engel stützen, denn es beschirmt das Haupt dieses armen, unschuldigen Kindes — sprach sie sich selbst Muth ein — indem sie ihr improvisirtes Lager aufsuchte. Und in der That, das Häuschen am Rande des Hügels das sich so gebrechlich von Weitem ausnahm, hatte seitdem so manchem Sturm getrotzt. Im Anfang nährte sie sich von Waldbeeren und von den durch Lorchen erbettelten Almosen, hernach beganrl sie das Gärtchen vor dem Hause zu bestellen, endlich getraute sie sich in die Stadt hinunter und da ihr Niemand ein Leids that, wiederhotte sie ihre Besuche immer häufiger, — Berko, dem sie Waldbeeren ins Haus zu bringen pflegte, um ihm Lorchens Pflege zu entgelten, gab ihr etliche Kramwaaren auf Credit, die sie nachträglich von dem Erlöse rückvergüten konnte. So nahm sie denn ihre alte Beschäftigung als Hausirerin wieder auf. Die erste auf diesem Wege erworbene Silbermünze stachelte die eigene Habgier an. Seitdem schaffte, feilschte sie unausgesetzt, unverdrossen weiter, sparte sich den Bissen vom Munde ab, und sogar die Kleine mußte darunter leiden. Sommersubermachten Waldbeeren, einiges selbstgezogenes Gemüse und die von dem zusehends sich entwickelnden Lorchen eingesangenen Fische ihre Nahrung aus; in der kalten Jahreszeit mußten getrocknete Morcheln, Kartoffeln und Milch herhalten. Das Mädchen hatte dafür zu sorgen, daß Sonnabend etwas Besseres auf den Tisch kommt. — Mittlerweile brachte die Alte ihre Kramwaaren an, — sich nur an einem Tag in der Woche Ruhe gönnend. Aus Pietät für das einstige Glück und den einstigen Luxus hatte sie einen siebenarmigen Zinnleuchter erworben, und wenn dann des Abends darin die weißen Kerzen aufflammten, vertiefte sie sich in die Lectüre der Bibel. Das war der einzige Luxusartikel in diesem Hause und dafür ward ihm auch eine Ehrenstelle in der Mitte des Tisches neben dem Buche zu Theil. Doch selten fürwahr! das Ziel all' dieser Plagen und Mühen, dieser selbstauferlegten Einschränkungen und Entbehrungen war keinestvegs die zur herrlichen Jungfrau sich entfaltende Lore. Wozu auch? Besaß sie doch noch ihr eigen Fleisch und Blut, ihren leiblichen Sohn! Der verschollene Abraham war das Ziel all' ihres Erlistens und Erraffens, war ihr erster und letzter Gedanke. Abraham kehrte nicht heim, doch er lebt noch .... er lebt, das raunte ihr eine innere Stimme zu, seinetwegen darbte sie, für ihn scharrte sie so gierig, so unermüdlich, so leidenschaftlich das Geld zusammen, ihm war jeder von Lori für Waldbeeren und Bänder gelöste Groschen zugedacht. O, wenn ihr vielgeliebter Abraham dann eines Tages vor sie hintritt, dann wird sie ihm einen Scheffel voll —. was da Scheffel voll — einen ganzen Sack voll Silber und Gold vor die Füße schütten. Oder sie annoncirt in den Zeitungen, wie ihr Berko gerathen, und erhält auf die Art Kunde von ihm .... doch damit hat's noch seine guten Wege .... heute geht es noch nicht .... heute reicht noch das Geld nicht .... ach lang noch nicht! In der That, was waren all' ihre Mühen und Sorgen? Das Werk einer Ameise, die plötzlich vor einem unüberwindlichen Hinderniß stockt, und das mühsam zusammengelesene Baunlaterial im Stiche lassen muß. Oefter geschah es, daß sie ihr nicht gar ansehnliches Capital in ihren Kramhandel hineinsteckte und bei dieser Speculation alles einbüßte. Da hieß es nun vom Frischen darben, sparen, sorgen. -- von vorne beginnen. Doch sie erlahmte nicht. Mit welchem grenzenlosen Neid betrachtete sie die Crystallspiegel und die kostbaren Teppiche in den Auslagen, drunten in der verhaßten Stadt, wie zitterten ihre mageren, dürren Hände beim Anblick der blendenden Juwelen und reichen Toiletten, welche die vornehmen Stadtdamen spazieren führten. O wie gerne hätte sie das Alles, Alles zu Geld gemacht, um ihres einzigen Abrahams willen . . . diese leidenschaftlichen Begierden wurden im Zaum gehalten durch die bitteren Erfahrungen ihres Lebens und durch manche Capiteln aus der Bibel, die sich besonders deutlich ihrem Gedächtnisse eingeprägt .... daraus schöpfte sie den Glauben an die ewig ansgleichende Gerechtigkeit, an die Nichtigkeit und Eitelkeit aller irdischen Dinge .... so hoffte sie im Stillen noch immer, daß nach der Zeit der Mühe und Drangsale, nach den harten Prüfungen ihr von der Vorsehung noch glückliche, sonnige Tage beschicken wären. * * Da brach der Krieg aus — einer jener Freiheitskämpfe, die Ströme von Blut fordern, die mehr Opfer kosten, als Vortheile bringen - einer jener Kämpfe, welche, wenn auch von keinem sichtbaren Erfolge gekrönt — die Nachwelt mit goldenen Lettern in die Annalen der Geschichte eintragen wird, um die Beweise von Heldenmnth, Todesverachtung und Patriotismus ihrer auf dem Schlachtfeld verbluteten Helden der Unsterblichkeit zu weihen. Ringsum sanken Dörfer und Städtchen in Schutt und Asche, der Himmel färbte sich roth vom Widerschein der Fenersbrünste, riesige Rauchsäulen stiegen in die Luft, und allerlei Raubvögel — die gewöhnlichen Vorboten des Siegers — durch - schwärmten die Gegend. Wer sein Leben rechtzeitig ^vor der mordend und sengend einherschreitenden Bellona in Sicherheit bringen wollte, suchte hinter den Wällen der Stadt, welcher Sarah das ganze Unheil, ihres Lebens dankte, Zuflucht. Der Feind hatte unfern der Festungsstadt ein Lager bezogen und die Einwohnerschaft rüstete sich zu einem verzweifel-

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