Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 23 (3.6.1892)
- Date
- 1892-06-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette m Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 23 Wünschen beider Richtungen entspreche; die Juden wollen gerne aus Rußland weg, die ruffische Regierung wolle sie gerne los werden." Rach den Hirsch'schen Projekten sollen sämmtliche Juden binnen achtzehn bis zwanzig Jahren aus Rußland hinausbefördert werden. Die zu diesem Zwecke nöthigen Auslandspäffe, die bisher — eine Haupteinnahme der Regierung — sehr theuer und für die Armen geradezu unerschwirwlich waren, werden in Zukunft an Juden unentgeltlich verabfolgt. Militärpflichtige Juden, die auswandern tvollen, sind von jedem Militärdienste befreit, beziehmrgsweise werden aus ihrem Dienstverhältniffe entlassen. Ebenso werden (wie schon telegrafisch mitgetheilt) de» wegen unerheblichen Vergehen zu Geld- oder Freiheitsstrafen verurcheilten Auswanderern die Strafen erlaffen. Das Hilfscomite befördert Ackerbauer und Handwerker nach Argentinien, nach denHirsch'schen Colonien, Kauf- und Handelsleute nach den Vereinigten Staaten. Solche, denen von der Unionsregierung das Landen verweigert wird, sollen nach C a n a d a gesendet werden. Wohlhabende Juden, Aerzt«, Juristen u. s. w. können für eigene Rechnung nach Belieben auswandern» erfahren aber auch dabei von der Regierung jegliche Unterstützung beim Fortkommen. Die Auswanderung geschieht theils direct von russischen Häsen (Riga, Libau, Odessa), theils durch Deutschland über Hamburg. Für die letztere Route benutzenden Auswanderer hat das Berliner Hilfscomite auf dem Auswanderer-Bahnhöfe zu Ruhleben bei Spandau große Unterkunftsbaracken mit allen sanitären Maßregeln Herstellen lassen; für Aerzte, Apotheker, Desinfektion n. s. w. ist gesorgt. Die preußischen Behörden haben ebenfalls zugesagt, das Unternehmen in jeder Richtung zu unterstützen. London, 20. Mai. Der englische Schriftsteller Arnold W Hite, welcher als Abgesandter des Baron Hirsch die Verhältnisse der russischen Juden aus eigener Erfahrung kennt, hat folgendes Schreiben an „Darkest Russia," die in London im Interesse der verfolgten Juden erscheinende Zeitschrift, gerichtet: „Ich habe kein Recht, davor zurückzuschrecken, meine Ansicht über die russische Judenfrage frei auszusprechen. So lange die jüdische Raffe so geschickt, so mäßig und so unermüdlich bleibt, wie sie jetzt ist, wird keine Politik bürgerlicher und religiöser Rechtsvorenthaltung mitsammt Vertreibung von dem Boden der Heimat (abgesehen von einigen übervölkerten Städten) eine andere Wirkung haben, als die charakteristischen Eigenschaften der jüdischen Raffe noch zu steigern. Da der Massenauszug der israelitischen Bevölkerung aus Rußland den Bankerott Rußlands zur Folge haben würde, hoffe ich noch immer, daß Rußland in seinem eigenen Interesse seine jetzige Politik in der Sache aufgiebt. Da die Juden, welche Russen sind, sich ihrer Nationalität nicht entäußern können, müssen sie in ihren Leide» mrd Gefahren nothwendig auf ihren Zaren als Helfer blicken. Würde der Kaiser sic anhören, sie würden ihm erzählen und das der Wahrheit gemäß, von dem weitverbreitetem Elend, von Vertreibung von Haus und Hof, von Trennung von Weib und Kind, von untergegangener Hoffnung der Alten, vom frühzeitigen Altern der Jungen, von nothleidenden Hospitälern und der Unterstützung beraubter Schulen, und vor Allem würde der Kaiser zu hören bekommen von dem Verfall der Würde der Männer und Frauen der ganzen Rasse unter den Verhältnissen, worin sie gezwungen sind, zu existiren. Hub der Kaiser könnte diese Dinge mit einem Federstrich ändern. Vmmjsckter;. Wie«. (Trauungen.) Sonntag, den 29. Mai 1892 wurden getraut im Stadltempel: Herr Julius Stern mit Frl. Malvine Taster, Herr Jmri Fürst mit Frl. Irene Mandl, Herr Franz I. Kallisch mit Frl. Regine Woog, Herr Sigm. Fischer mit Frl. Sabine Heymann. Im Leopo ld städter-Tempe l: Herr Jsak Pick mit Frl. Lotti Labiner, Herr Gustav Jranyi mit Frl Malvine Löb. Wie«. Der Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender veröffentlichte soeben seinen dritten Jahresbericht. Am Ende des letzten Bereinsjahres zahlte der Verein 12 Stifter und 297 Mitglieder. Sett dem Bestände des Vereines wurden 75 Darlehen im Gesammtbetrage von fl. 8945 bewilligt und auf dieselben Rückzahlungen in der Gesammthöhe von fl. 4012-21 geleistet. Dieser Bermu, mit dessen Schöpfung Herr Gemeinderath und k. k. Baurach Wilhelm Stiaßny sich unvergängliche Verdienste erworben hat, zählt zu den segensreichsten. Leider mußte eine große Anzahl von Gesuchen um Darlehen abgewiesen wachen,—weil die Mittel des Vereines noch immer zu beschränkt sind, was um so mehr zu bedauern ist, als die Noth der Zeit gerade auf dem jüdischen Handwerker und Kleingewerbetreibenden am meisten lastet. Ein zahlreicherer Beitritt neuer Mitglieder und Zuchrß außerordentlicher Unterstützungen wäre diesem Bereine bestens zu wünschen. Eine sicherere Garantte seiner vortrefflichen Leitung kann nicht geboten werden, als durch Nennung der Namen seines Vorstandes, an dessen Spitze die Herren Wilhelm Stiaßny, k. k. Baurath, Sigm. Taussig, k. k. Baurach, Dr. Arthur Kuranda, Hof- und Gerichts-Advocat, Alfred Pollak Ritter von Rudie und Dr. Bela Taussig, Realitätenbesitzer stehen und zu Mitgliedern die Herren Gustav und Salomon Frankl, Maurice Grub er, Bernhard Kohn, Salomon Kohnberger, Leopold Quittner, Alois Reich und Carl Ta gleicht hat. Bei dem geringfügigen Jahresbeitrag von fl. 2 könnte und sollte dieser Verein seine Mitglieder nach Tausenden zählen, denn es ist dies ein Verein von wahrhaft humanitärer Bedeutung, insofern die Aufhilfe eines Armen mit einem Darlehen, daß er sich ernähren kann, eine noch größere Wohlthat als Almosengeben ist, und gerade diese Wohlthätigkeit ist leider bei uns Juden außer Uebung gekommen. Ihre Wieoereinführung ist eine Forderung der Zeit und in der Mitgliedschaft bei diesem Vereine bietet sich die schönste Gelegenheit, sie zu bethätigen. Wien. Neuerdings werden verschiedentlich Ausschreitungen egen die Juden in Griechenland gemeldet, die auf die .'endete Wahlbewegung zurückzusühren sind. In Thessalien bestehen seit dem Wahlgange ganz eigenartige Zustände, die hart an Revolution streifen; Sieger und Besiegte wetteifern dort miteinander in der Begehung blutiger Ausschreitungen und Ruhestörungen. In Trikk a l a, wo eine Judengemeinde besteht, Hausen dir Anhänger der siegreich gebliebenen trikupistischen Kandidaten H a d s ch i g a k i und H adsch i p e t r o wie in erobertem Feindcslande. Jeder Andersdenkende ist ihren Knütteln und Fäusten prcisgegeben, und selbst harmlose Leute haben unter ihrem Nebermuthe zu leiden. Das Regierungsorgan „Palingenefia" führt Nachstehendes an: „Anr Tage nach der Wahl griff' ein Haufen Anhänger des Hadschigaki (Trikupist) das Haus des Vorstehers der Judengemeinde, Herrn Jakob S i d y an, und zerstörte darin Alles, was nicht niet- und nagelfest war; einen ähnlichen Besuch erhielten die Häuser der Gebrüder Giannosopulo, Bankiers, der Kaufmann Jakobaki, Bekopulo und Telopulo, des Grundbesitzers Simi u. A. m.; überall wurden Möbel, Fenster und Thüren zerstört. Eine andere Bande wieder machte das Haus eines armen Juden, Namens Pata, dem Erdboden gleich. Bemerkenswerth ist, daß sofort nach dem Wahlsiege des Hadschigaki große Angst in der Judengemeinde herrschte' die genannten Ausschreitungen wären daher, bei einiger Voraussicht, zu vermeiden gewesen." Wien. Wie man uns mittheilt, ist als erste Opern-Novität der nächsten Saison Brüll's einaktiges Werk „Gringoire" in Aussicht genominen. Direktor Jahn der, wie bekannt, die Oper, nachdem er deren Aufführung in der Wiener Hofoper abgelehnt, in München zu sehen Gelegenheit halte, will nun doch Brüll's Werk auch in Wien dem Publikum vorführen. Diese Oper wurde auch von der Hofoper in Berlin, von den Hoftheatern in Coburg-Gotha und Mannheim zur Aufführung erworben. Aus Böhmen. (Fortbildungskurs für isr. Lehrer und Religionslehrer). Ueder Ansuchen des Vorstandes des isr. Lehrervereines in Böhmen hat die Prager isr. Cultusgemeinde-Repräsentanz in ihrer Sitzung vom 1. Mai l. I. beschlossen, einen Fortbildungskurs auf dem Gebiete der Religionswissenschaften für Lehrer und Religionslehrer, in Böhmen zu errichten u. zw. im Anschlüsse an die Talmud-Thora-Schule für die Dauer von 6 Wochen in den Monaten August und September. Diese so nothwendige Institution tritt vorläufig versuchsweise und nur dann ins Leben, wenn bis zum 30. Juni l. I. mindestens 15 Theilnehmer an diesem Curse vom Vorstände des Lehrerveieines bei der Cultusgemeinde-Repräsentanz in Prag angemeldet werden. Diese Anmeldungen sind demnach bis längstens 20. Juni l. I an den Bereins-Obmann (Rabbiner L. Thorsch in Schlan) zu richten. Reichenberg, im Mai. Unser neuer Rabbiner, Dr. Emil Hofmann, welcher am 29. November 1891 gewählt worden, hat am 1. Mai d. I. sein Amt übernommen. Am 6. d. M. vor Beginn des Abendgottesdienstes wurde derselbe feierlich installirt. Am 7. d. M. hielt er seine Antrittsrede, die ungetheilten Beifall fand. Gablonz, a. d. Neiffe, im Mai. Herr Dr. Hermann B a n e t h ist einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. Derselbe hat seine Ausbildung an dem unter Leitung des Herrn Dr. Hildesheimer stehenden Rabbiner-Seminar erhallen. Budapest. (Spenden.) In der gestern stattgehabten Ausschußsitzung der Pester israelitischen Religionsgemeinde meldete Präsident Herr Reichstagsabgeordneter Moriz Wahrmann den Eingang folgender Stiftung, Legate und Spenden, und zwar: die Stiftung des Herrn Sigmund B. Geiger und dessen Gattin Therese für den israelitischen Gemeindeschulsond von 1000 fl„ die Legate weil, des Herrn I. S. Oppenheim für das Knabenwaisenhaus, Taubstummeninstitut, den israelittschen Frauenverein und das Siechenhaus je 200 fl., ferner folgende Spenden: von Herrn David Milch und dessen Gattin Rosa zur Armenunterstützung 150 fl., für das Knaben- Waisenhaus, Taubstummen-Jnstitut, den israel. Frauenverein und