Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 23 (3.6.1892)
- Date
- 1892-06-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 23 Sryrrrrdtzischr Wochenschrift. Sette 401 arbeit' i net.—Der antisemitische Schuster erhielt wegen Betteln» drei Tage Arrest. Wien. (Eine Erklärung des Generalconsuls Dr. v. Scherz er.) Dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus ist von dem Generalconsul von Genua, Herrn Doctor Carl Ritter v. Scherz er, folgendes Schreiben zugegangen: „Genua, den 20. Mai 1892. An den geehrten Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Wien. In der jüngsten Generalversammlung des Vereines ist, wie ich aus Wiener Journalen ersehe, auch die Sprache auf einen Cooperator Namens Scherzer gekommen, welcher in den für unsere sogenannte aufgeklärte Zeit tief beschämenden antisemitischen Hetzversammlungen eine hervorragende Rotte spielen und das große Worte führen soll. Als Mitglied Ihres Vereines und als warmer Anhänger Ihrer so verdienstlichen Bestrebungen lege ich einen Werth darauf, jedwedes verwandtschaftliche Verhältniß zu diesem, seine priesterlichen Pflichten so schwer verletzenden Herrn in Abrede zu stellen, indem ich einer (protestantischen) Familie angehöre, welche die Fahne religiöser und politischer Freiheit stets hochgehalten hat. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung zeichnet ergebenst Dr. Carl v. Scherzer." Berlin. Wenn man den Antisemiten überhaupt den Ehrennamen einer Partei zugestehen will, so kann man sie höchstens die Partei der katilinarischen Existenzen nennen. Alle in diese Bewegung hervorragenden Personen sind mehr oder weniger anrüchige Subjekte. Zu den vielen Beispielen kommt ein neues; die Bert. Ztg. schreibt: Der bekannte Antisemitenführer Bodeck wurde in der anl Freitag abgehaltenen Mitgliederversammlung der antisemitischen Volkspartei aus der P a r t e i a u s g e s ch l o s s e n. Die Gründe dieser Maßregelung liegen, wie wir hören, auf finanzie llem Gebiete. Dieser Bodeck spielte neben den vom Antisemitismus lebenden Leuten, den Abgeordneten, in Berlin wohl die bedeutendste Rolle. Fast in jeder Hetzversammluug führte er das große Wort. Aus Köln berichtet die „Köln. Ztg.": Eine. Anzahl von Männern in unserer Mitte ist bekanntlich der Ansicht, daß man in unserer von socialen Wirren nervös durchzitterten Zeit nichts Besseres thun könne, als die Bürger durch eine gehässige Hetze zu entzweien, zu spalten, zu verfeinden und sie in dieser Verfassung den social-demokratischen Umstürzlern gegenüberzustellen. Die Männer, welche in dieser ernsten Zeit sich diese Aufgabe stellen, haben einen deutsch - socialen (antisemitischen) Verein in's Leben gerufen. Der Begründer und Vorsitzende dieses Vereines, ein Herr Grüner, hat in der letzten Versammlung den anwesenden Polizeicomissär aufgefordert, seine Erklärung zu Protocoll zu nehmen, von jüdischer Seite seien ihm 10.000 Mark geboten worden, wenn er von der Bewegung zurücktrete. Herr Grüner hat nicht verrathen, welcher Jude auf diesen weisen Einfall verfallen sein soll; seine Behauptung schwebt also in der Luft. Umso größeres Aufsehen erregte es, daß in der letzten Vereinssitzung mitgetheilt wurde, Herr Grüner.habe sich aus Gründen, die man nicht bekanntgeben könne, genöthigi gesehen, aus dem Vereine auszutreten. Es heißt, daß eine Umschau in der Vergangenheit der Familie Grüner Dinge ergeben haben, in deren Beurtheilung die ehrenhaften Juden und Nichtjuden einig sind. Wer die Geschichte der Hetzbewegung in Deutschland verfolgt hat, wird nicht finden, daß dieser Vorgang zufällig ist. Aus Süddeutschland. 24. Mai. Der soeben ausgegebene Jahresbericht des landwirthschaftlichen Vereins für Rheinpreußen an den Minister für Landwirthschaft über die Veränderungen und Fortschritte in der Landwirthschaft im Vereinsbezirke für das Jahr 1891 enthält unter dem Abschnitt „Genossenschaftswesen" eine Kritik der antisemitischen Agitation im Kreise Wetzlar, welche mitgetheilt zu werden verdient. „Im Kreise Wetzlar ist in den letzten Jahren durch die Agitation des Dr. B ö ck e l eine große Anzahl antisemitischer Ortsgruppen entstanden, welche sich im Anschluß an sogenannte Consumvereine gegründet haben. Letztere sind auf dem Namen eines oder mehrerer Mitglieder in das Handelsregister eingetragen. Ueber die dem Lagerhalter gezahlten Geschästsantheile sind meist keine Quittungen ausgestellt worden. Diese Vereine stehen auf schwachen Füßen. Geht das Geschäft gut, so übernimmt meist der Lagerhalter das Geschäft bald auf eigene Rechnung und führt es weiter. Dieser Vorgang wird noch dadurch erleichtert, daß sich in einem kleinen Orte so leicht nicht ein anderer Lagerhalter findet. Da durch Bildung einer eingetragenen Genossenschaft den Lagerhaltern von vornherein die Uebernahme des Geschäftes auf eigene Rechnung abgeschnitten wird, so sind dieselben gegen die eingetragenen Genossenschaften. Es kann hier nicht verschwiegen werden, daß nach allen äußeren Anzeichen der Antisemitismus im Kreise Wetzlar weniger den Zweck und die Wirkung hat, die Leute aus den Händen von Wucherern zu befreien und dadurch wirthschaftlich in die Höhe zu bringen, als vielmehr die Begriffe über das, was gut und nützlich ist, zu verwirren. Seine Apostel bekämpfen nicht allein den jüdischen Wucher, sondern richten ihre W-ffen auch gegen gemeinnützige Einrichtungen, deren Erfolge durch die Erfahrungen eines halben Jahrhunderts außer Zweifel gestellt sind und von allen urtheilsfähigen Leuten rückhaltlos anerkannt werden. Einen ganz besonderen Haß scheinen sie aus das Wanderlehrthum geworfen zu haben, wohl deshalb, weil dadurch die Leute über den Werth der Schöpfungen des Antisemitismus am ehesten aufgeklärt werden. Wenn der Antisemitismus an sich schon eine fragwürdige Erscheinung ist, so verdient die Art und Weise seiner praktischen Bethätigung im Kreise Wetzlar von allen wohlgesinnten Leuten auf das Entschiedenste bekämpft zu werden. Der Vorsteher der landwirthschaftlichen Casinos, deren Urtheil jedenfalls die Grundlage zu obiger Kritik des Antisemitismus bildet, sind außer je einem Schmied, Schreiner und Wirth sieben Landwirthe, sechzehn Ortsvorsteher und sechs Lehrer, also Männer, welche mitten im Volke stehen, aber zugleich durch ihre Stellung ganz besonders befähigt sind zu einem fachgemäßen Urtheil. Rheydt, 21. Mai. Die „Rheydter Ztg." veröffentlicht nachstehenden Aufruf: Neuerdings wird auch in unsere Stadt eine antisemitische Agitation von auswärts hereingetragen. Wir erblicken in dieser den Grundsätzen des Christenthums zuwiderlausenden und mir unserer ganzen staatlichen Entwickelung in Widerspruch stehenden Bewegung eine große sociale Gefahr, da sie in ihren Endzielen — wenn auch vielleicht ihren Führern unbewußt — dem Anarchismus in die Hände arbeitet. Namentlich hier in Rheydt fehlt der gewaltsamen Störung des confessionellen und bürgerlichen Friedens jeder Schein einer Berechtigung. Sind wir doch von unseren israelitischen Mitbürgern niemals, weder in unseren politischen Rechten verkürzt, noch in unserer socialen Stellung eingeengt, noch durch anmaßendes Gebühren verletzt oder herausgefordert worden. Darum richten wir an unsere Mitbürger der christlichen Confessionen die dringende Bitte, sich nicht allein jenem hetzerischen Treiben fernzuhalten, sondern demselben auch mit allen Kräften entgegenzutreten, damit von unserer Stadt der Makel religiöser, socialer und politischer Unduldsamkeit abgewandt werde. Rheydt, den 20. Mai 1892. Ad. Andrießen sr., Fabrikant. Baltzer, Oberrealschullehrer. Fr. Dan. Busch, Fabriksbesitzer. A. Croon, Beigeordneter. A. Deiters, Fabriksbesitzer. Ernst Deußen, Fabrikant. Arthur Dilthey, Fabriksbesitzer. Fritz Dilthey, Kaufmann- W. Dilthey, Stadtverordneter. Aug. Erckens, Fabriksbesitzer. Carl Erckens, Färbereibesitzer. Ed. Erckens, Färbereibesitzer. Herm. Giesen, Fabriksbesitzer. Peter Giesen, Fabriksbesitzer. Heinrich Goeters, Stadtverordneter. G. Goldberg, Fabrikant. Dr. Greeven, Oberlehrer. Walther Greeven, Fabrikant, van Haag, Oberlehrer. Adolf Hohnholz, Stadtverordneter. Aug. Junkers, Fabrik»besitzer. Wilh. Junkers, Fabriksbesitzer. Richard Junkers, Kaufmann. Jacob Kaarsch, Fabriksbesitzer. Johann Keller, Stadtverordneter. Wilhelm Keller, Fabriksbesitzer. Klaas, Oberlehrer. Reinhardt Klingelhöffer, Fabrikant. Ernst Küppers, Fabrikant. R. Leendertz, Stadtverordneter. Theod. Martin, Beigeordneter. A. Morkramer, Fabrikant. H. Mühlen- Nolte, Kaufmann. Johs. Mühlen, Fabriksbesitzer. Älb. Oechelhaeuser, Fabriksbesitzer. G. Peltzer, Kaufmamm. I. C. Pungs, Fabriksbesitzer. G. Quack, Fabrikant. H. Quack, Fabrikant. Dr.' Med. Rings. Herm. Sasserath, Stadtverordneter. Dr. Schäfer, Kreisschulinspector. Heinr. Scheuten, Fabrikant. I. W. Schiffer jr., Fabriksbesitzer. Gust. Schippers, Fabrikant. Martin Schippers, Prokurist. Carl Schmölder, Fabriksbesitzer. Paul Schmölder, Kaufmann. Max Schorch, Fabriksbesitzer. Wilhelm Schnitze, Postcasfirer. Dan. Schürmann. Kaufmann. Emil Borster, Banquier. E. Wiedemann, Fabrikant. Emil Wienandts, Kaufmann. Dr. E. Worms, Oberrealschullehrer. Petersburg. Wie der Kreuzzeitung aus Petersburg berichtet wird, ist die erzielte Einigung über die jüdische Auswanderung zwischen der russischen Regierung und dem Baron Hirsch, beziehungsweise dem jüdischen Comite, eine vollkommene, was die Kreuzzeimng nicht verwunderlich sinder, „insofern die Tendenz den