Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 23 (3.6.1892)
- Date
- 1892-06-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 400 Oester rrtchischr Wochenschrift. Nr. 23 humane, es ist eine Simultan-Anstc.lt im besten Sinne des Wortes, nur daß für die jüdischen Kinder ein besonderer Religionslehrer angestellt ist. Man braucht übrigens nur die Namen der Spitzen dieses Vereines zu nennen, um auf sein wahrhaft hmnanes Wirken zu schließen, wir finden darunter Namen anechrunt liberaler Männer, wie z. B. der Herren Nicolaus Dumba und Prof. Dr. Lust kan dl. Die Leistungen der Taubstununeuschule dieses Vereines unter der Leitung des bewährten Pädagogen Herrn Weber sind zu wiederholten Malen im niederösterreichischen Landtag von berufener Seite anerkannt worden und es ist zu wünschen, daß dieser Verein wachse und gedeche, und wie bis jetzt auch weiter von Juden gefördert U^rde durch Beitritt wie durch außerordentliche Spenden. Wie«. (Eine Ansprache Professor Nothnagel's.) Vergangene Woche haben die Herren stad. med. Karl Pollak und Dr. weä. Sigmund Werner als Vertreter des akademischen Vereines „Kadimah", welcher in Angelegenheiten des „Medizinischen Unterstützungsvereines" die Versammlung vom 22 d. M. einberufen hatte, im Namen desselben Herrn Professor Nothnagel eine Resolution überbracht. HerrHofrath Nothnagel empfing die Deputation in liebenswürdigster Weise und erwiderte die Ansprache ungefähr mit folgenden Worten: „Es erfüllt mich mit besonderer Freude, daß Sie, meine Herren, gekommen sind, um müh der Sympathien der freisinnigen Studentenschaft zu versichern. Ich kann nur wiederholen, was ich beretts im Hörfaale sagte: Ein Jeder, möge nach seiner privaten Ueberzeugung handckr, kemrsfalls ist aber der Hörsaal der Ort, dieselbe in irgend einer Weise zum Ausdrucke zu bringen. Was mich anbelangt, so habe ich nur meine liefinnerste UeberzeugUng vertreten, und für diese werde ich auch stets, seien Sie davon überzeugt, meine Herren, am geeigneten Ohte nach wie vor einstehen. Wir Aerzte, die wir uns in den Dienst der Humanität gestellt haben, sind ja vor Allem berufen, dieselbe gegen Jederman, zu jeder Zeit zu üben und ich habe es stets als meine Aufgabe betrachtet, meine Schüler in diesem Sinne heranzubilden, und deshalb brauche ich Ihnen und Ihren Kommllttonen nicht erst zu versichern, daß ich das, was ich einmal als meine Pflicht erkannt habe, unentwegt weiter befolge« werde. Das, meine Herren, bitte ich allen ihren Kommilitonen mttzutheilen." Zum Schluffe versprach noch Herr Hofrath Nothnagel, auf eine diesbezügliche Bitte der Herren, deor neugegründeten Medizinischen Unterstützungsvereine seine Unterstützung zn leihen. Wie«. (Das Lehrlingsheim des „Vereines zur Förderung des Handwerkes unter den Israeliten.") Die betrübenden und desoluten Zustände, welche Ausnahmen zugegeben, im Lehrlingswesen im Allgemeinen und speciell in dem Wiens obwalten, sind dem großen Publikum leider noch zu wenig bekannt. Nur hie und da und von Zeit zu Zeit dringt aus dem Gerichtsfaale eine greller Nochschrei und lenkt die Aufmerksamkeit weiterer Bevölkerungskreise ans die Mißhandlungen, die die Lehrlinge erdulden müffml, in eiuem Alter, wo zärtliche Behandlung, väterliche Fürsorge und liebevolle Pflege am Platze wäre. Die Lehrbuben werden in der R^el tzrem Berufe, ein Handwerk zu erlernen, den erheblichsten Theil der Lehrzeit entzogen und zu den verschiedensten häuslichen Verrichtungen angehalten und als „Mädchen für Alles" verwendet. Dies ist das Los der Lehrlinge im Allgemeinen. Viel schlimmer gehts noch den jüdischen Knaben, die zu den arisch« Meistern in die Lehre kommen. Sie haben nebst den regulären Unbilden noch Schimpf und Spott zu erttagen, daß sie dem jüdischen Glauben, der Wurzel aller monotheistischen Religionen, angehöreu. „Judenbub", „Saujud" sind die gelindesten Schimpfnamen, mit denen sie belegt werden. Wie tief verletzt muß das Gemüth eines Knaben werden, dem im Elternhause Anhänglichkett und Verehrung der Religion, in welcher er erzogen, eingeprägt, der Religion, die ihm in der Schule von dem ehrwürdigen Rabbiner gelehrt und deren Befolgung als das höchst zu ergebende Ziel an die Seele gebunden wurde. Es ist daher ein wahrhaft gottgefälliges Werk, den geschillwrten Uebelständen überhaupt und speciell denen, die die jüdischen Lehrlinge im Besonderen ertragen müssen, in wirksamster Weise entg^en zu treten. Durch die Hochherzigkeit eines edlen Menschenfreundes, den die güüge Vorsehung noch lange, lange erhallen möge, ist es dem „Vereine zur Förderung der Handwerke unter den Israeliten" geglückt, in den Besitz eines Lehrlingsheims zu gelangen, welches dazu angethan sein dürfte, die ersten Schritte zur Beseitigung der mißlichen Zustande anzubahnen. Ganz und voll wird der Verein das schöne Ziel, das er sich gesteckt und die edlen Zwecke, die er erstrebt, jedoch erst dann zu verfolgen im Stande sein, wenn es ihm gelingen wird, das Lehrlingsheim, welches dieser Tage in solenner Weise eingeweiht und seiner Bestimmung zugeführt wurde, mit einer Handwerkerschule zu verbinden, einem Internat, in welchem die jüdischen Knaben thatsächlich und ausschließlich handwerksmäßigen Unterricht genießen, wo sie in der Lage sind, die Lehrjahre ausschließlich der Pflege des Handwerkes zu widmen, ohne den größten Theil derLehrzeit zu Dienstbotenverrichtungen angehalten zu werde« und für die Gesellen den Privatdiener zn machen. Eigentlich systematischer Unterricht wird dem Lehrling beim Meister ohnehin nicht beigebracht, er muß alles dem Gesellen abgucken und ist im wahren Sinne des Wortes auto didact. Von hoher Wichtigkeit für die Vereinszwccke stellt sich jedoch die Nothwendigkeil der Creirung eines Lehrlingsinspectorates heraus, zum Zwecke der Controle in Bezug auf Behandlung und Fortschritt der Lehrlinge. Diese Einrichtung dürfte von den besten Folgen begleitet sein, die Lehrlinge zu erhöhten! Eifer anspornen und dieselben intellectuell heben. Auch seitens der Meister wird das Lehrlingsinspectorat — wenn es mit Tact gehandhabt wird — mit Freuden begrüßt werden, denn es wird ihnen Gewähr bieten, daß die Lehrlinge zu Fleiß und Sitte angehalten und angeeifert werden. Ed. Beer. Wien. (Eingesendet.) Die am 6. März d. I. statt» gefundene General-Versammlung des Wiener Chewra Kadischa- Vereines, welche in Folge der in derselben gehaltenen glänzenden Reden des Präsidenten Wilhelm R. v. Gutmann, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Dr. Marcus Spitzer, Dr. Gustav Kohn, Wilhelm Stiaßny, S. Heit, M. Karpeles, Heinrich Herrnfeld, Dr. Gustav R. v. Schlesinger, Leopold Fried, Leopold Weiß, G. Simon und Chacham Papo, so erfreuliches Auffehen nicht nur in der Wiener Cultusgenleiude, sondern auch in ganz Oesterreich machte, ist noch lebhaft in Aller Erinnerung. Eine namhafte Zahl Gemeindemitglieder wäre auch thatsächlich von denr Wunsche beseelt, diesem humanen Vereine beizutteten, wenn die hohen Jahresbeittäge und die enormen Jncorporationsgebühren nicht davon abhalten würden. Ein Jahresbeitrag von 10 fl. 50 kr. ist für Neunzehntel der Wiener Juden unerschwinglich, die Jncorporationsgebühr von 50 fl. aber ein relativ großes Capital, das die Allerwenigsten besitzen, resp. entbehren können, eine Thatsache, welche Jeder zugeben wird, der die mißlichen Verhältnisse, unter welchen die JudenWiens leiden, kennt. Die Chewra Kadischa ist aber ein in seinen Zwecken,. Zielen und Satzungen vornehmlich demokratischer Verein und sollte daher der Beittitt den breiten Volksschichten durch mäßige Jahresbeittäge — die Jncorporationsgebühr könnte füglich ganz wegbleiben — ermöglicht werden. Zu diesen Bemerkungen gibt das Rundschreiben des Vereinsvorstandes der Chewra Kadischa Anlaß, welches an die Cultusmitglieder behufs Beitrittes in dem Vereine gegenwärtig versendet wird, welches jedoch unter den obwaltenden Umständen kaum de» gewünschten Erfolg haben dürste. Es dürfte sich vielmehr empfehlen, die Bereinsstatuten in dem Sinne zu ändern, daß auch den nicht von reichen Glücksgütern Gesegneten die Möglichkeit geboten erscheint, einem Vereine, der eine so menschenfreundliche, segensreiche Thätigkeit entfaltet,, beizutteten und so mittelbar an dessen gottgefälligen Werken theilzuhaben und einem Herzensbedürfnisse nachzukommen, das sie. nicht aus eigener Schuld, sondern weil ihn« Taxen und Jahres-Beiträge unerschwinglich sind, nicht zu befriedigen in der Lage sind. Die Stimmung in der Cultusgemeinde ist factisch derart, daß lebhaft bedauert wird, der Chewra Kadischa wegen der hohen Gebühren und Taxen nicht beitteten zu können und dies möge dem Vorstande zur Direktive dienen. E. B. Wie« (Ein antisemitischer Bettler.) Mit sechs anderen Schicksalsgenossen hatte sich der Schuhmachergehilfe Josef Mercizka wegen Bettelns zu verantworten. Alle waren geständig und erzählten dem Richter die alte traurige Geschichte von Noth und Arbeitsmangel. Auch Mercizka leugnete nicht, die Mildthätigkeit seiner Mitmenschen in Anspruch genommen zu haben. Richter Dr. Dobrzanski: Gewiß, es ist ttaurig, Noth zu leiden; haben sie sich aber redlich bemüht, Arbeit zu finden? — Angekl.: Ja . . . aber sür ein' Jud'n arbeit' i nimmer. — Richter: Sprechen Sie anständig. — Angekl.: Ja, aber für 50 kr. ' arbeit' i kein' Jud'n. — Richter: Andere wären froh, sich in einer Nothlage 50 kr. zu verdienen, von wem immer. — Chor der Bettler (zustimmend): Gewiß. — Angekl.: I bin a froh, wann i mir 50 kr. verdien', aber von kan Jud'n; für ein Jud'n