Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-03 · 23 (3.6.1892) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020923--01418-3025457
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 398 Vrstrrrrtchtsrtzr Wochenfchrrst. Str. 23 „Grenzboten", ich ließ ihn ersuchen, davon abzusehen, aber cr! beharrte darauf. Die Besprechung bereitete nicht nur ihm, s auch seinem Verleger Mathy Herzeleid. Dann hatte er sein Trauerspiel „Andreas Hofer" geschrieben, ich hatte wieder vorher gewarnt, weil es leicht war den Mißerfolg vorauszuschen. Als er es doch nach Leipzig brachte, eine unförmliche Masse von kleinen Scenen, in die er sich den ganzen Tiroler Aufstand zerpflückt hatte, hielt er vier Tage lang einer Kritik Stand, die fast Nichts bestehen lassen konnte. Mit inniger Theilnahme sah ich seinen Schmerz, wenn ihm. eine liebe Erfindung nach der andern, die kleinen Blüthen seines wilden Strauches, abgerissen wurden. Er war zuletzt bleich und vergrämt, aber er blieb beharrlich. Kein Anderer hätte das ausgehalten, und am Ende mußte er hören, daß das Uebriggebliebene doch nichts Rechtes sei. Auch in anderen Dingen hatten wir nicht immer dieselbe Auffassung, aber seine Freundestreue überstand alle Kränkungen seines Selbstgefühls. Ueber Jacob Kaufmann heißt es in demselben Buch: (Band I S. 223): „Julian Schmidt hatte damals sein Lehr - amt in Berlin aufgegeben und war von dem Oesterreicher Ignaz Kuranda als Mitarbeiter für die „Grenzboten" gewonnen worden, da diesen selbst der politische Umschwung in Oesterreich nach der Heimath trieb. Den deutschen politischen Theil der Wochenschrift besorgte Schmidt, die österreichischen Correspondenzen und die Revision Jacob Kaufmann. Dieser war ein Judenkind aus Böhmen, den sein. Schicksal nach Deutschland und unter die Herrschaft seines Landsmannes Kuranda geführt hatte, einer der harmlosesten und liebenswertheften Menschen, welche je mit dem Rothstift schlechte Aufsätze lesbar gemacht haben. Er besaß ein ungewöhnliches Sprachtalent, ein merkwürdig gesundes Urtheil auch in poliitschen Dingen, gebrauchte die Feder nicht reichlich, aber sauber, fein und mit Geist, war dabei eine sinnige, heitere Natur mit einer Ader von schalkhaftem Humor. Seine Bescheidenheit und Selbstlosigkeit waren so groß, daß sie fast zum Fehler wurden, er hatte die denkbar geringsten Bäürfnifse, arbeitete und sorgte immer für den Nutzen Anderer und dachte nicht an den seinen. Natürlich wurde er überall, wo er thätig war, Liebling und guter Knabe, dem man aufpackte, und dem man auch für das Behagen seines eigenen Lebens sorgen mußte bis auf feine Cigarren, die er, wenn man ihm fteie Hand ließ, mit unleidlicher Anspruchslosigkeit rauchte. Dreiundzwanzig Jahre später war mir beschieden, seinen Verlust zu betrauem und den Deutschen von ihm zu erzählen. Als ich chn kennen lemte, war er bereits in guter Kameradschaft mtt Julian Schmidt. Und die beiden Gesellen saßen bei der Arbeit und Abends am Schenküsch in der aufgeregten Sachsenstadt neben einander wie zwei kluge Käuzlein unter dem schwirrenden und schreienden Vogelvolk. Als ich einige Monate später mit Schmidt zusammentraf, machte er mir den Vorschlag, ich möge den Eigenthumsantheil, welchen Kuranda an den „Grenzboten" hatte, übernehmen. Da dies ganz zu dem stimmte, was ich in dieser Zeit für mich wünschte, so erklärte ich mich sogleich bereit, wenn nämüch Schmidt mein Partner und College werden wolle. Er schlug ein und wir erwarben zu gleichen Theilen Eigenthumsrechte an dem Blatt." chorresMämLm. Wie», 26. Mai. (Eröffnung eines Lehrlings- Hauses.) Heute Vormittags wurde im Bezirke Alsergrund, Grünethorgaffe 26. ein neues Lehrlingshaus seiner Bestimmung übergeben, welches der Verein zur Befördemng der Handwerke unter den inländischen Israeliten errichtet hat. nachdem Herrenhausmitglied Moriz Freiherr v. Königswart er sich, bereit erklärte, die Bau- und fernerhin die Erhaltungskosten zu tragen. Das Gebäude wurde heute Vormittags feierlich eingeweiht. An der Schmalseite des Festsaakes im ersten Stockwerk stand, von prächtigen Blattpflanzen umgeben, die Broncebüste des Kaisers. Vor 7*12 Uhr hatten sich hier eingefunden: der Landmarschall in Niederösterreich Christian Graf Kinsky, Central-Gewerbe- Jnspector Hofrath Ritter v. M'gerka, Finanz-Landes-Director Hofrath Ritter v. Zimmermann, Bice-Bürgermeister Dr. Borschke, Reichsraths-Abgeordneter Wrabetz. die Gemeinderäthe Simon, Baurath Stiaßny, Dr. Stern, Scheuzl und Ta gl eicht, der Polizei-Bezirksleiter des H. Gemeindebezirkes Polizeirath Wohl, der Bice-Präsident des Niederösterreichischen Gewerbevereins Harpke, der Obmann des Lehrlmgsheims Nisser und viele andere geladene Gäste, sowie Bertteter von Wohlthätigkeits- und Gewerbevereinen. Um halb 12 Uhr erschien Herrenhausmitglied Baron Königswarter mit seiner Familie. Die Feier wurde mit einem Choral eröffnet, welchen Obercantor Singer dirigirte. Secretär Dr. Reiß brachte vorerst Telegramme vom Herrenhausmitglied Nikolaus Dum ba, Prediger Dr. Jellinek. Gemeinderath Ferdinand De hm, Gemeinderath Matlhies und dem ungarischen Reichstags- Abgeordneten Dr. Armin Neumann namens des Ungarischisraelitischen Ackerbauvereins in Budapest zur Verlesung, in welchem die Herren ihr Bedauern über ihr Fernbleiben ausdrücken und dem Hause Glück wünschen. Commerzialrath Leinkauf gab hierauf eine Darstellung der Geschichte des Baues und des Vereins. Zur Zeit zähle der Verein schon 1300 Zöglinge. welche mit Kleidungsstücken und Schuhen versehen werden. Am Schluffe drückte der Redner dem Baron Königswarter für die hochherzige Stiftung den Dank aus. Oberrabbiner Dr. Güdemann wendete sich in seiner R:de gegen den Vorwurf, daß die Israeliten arbeitsscheu seien, und sprach dann den Dank- und Weihespruch. Vice-Bürgermeister Dr. Borschke hob in lobendster Weise die Freigebigkeit des Stifters des Hauses hervor; namens der Stadt Wien wünsche er dem Lehrlingshause eine glückliche Zukunft und füge den Wunsch bei. daß aus diesem Hause brave Handwerker, tüchtige Bürger und Patrioten hervorgeheu mögen. (Beifall.) Central-Gewerhe-Jnspector Hofrath Mitter v. Migerka betont, mit wie großer Genugthuung es ihn erfülle, daß eine Zeit, die zündenden, zerstörenden und vernichtenden Haß in alle Gassen schleudere, ein solches Werk hervorgerufen habe; es sei kein Grund zum Verzagen da, denn der Mensch müffe sich im Innersten erfreut fühlen, wenn er eine solche Betätigung der Menschenliebe und der die Gesellschaft erhaltenden Kraft sehe, die alle Schäden heilt und bessert, und durch opferbereite Mitwirkung nützliche und kräftige Leute der Gesellschaft zuführe. Redner beglückwünscht den Verein und schließt mit den Worten': „Halten Sie fest auch weiterhin die Fahne des Fortschrittes und tragen Sie sie weiterhin für und für!" Hierauf richtete der k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny, namens des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde, an die Versammlung nachstehende Ansprache: Hochgeehrte Versammlung! Durch mich begrüßt der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde den allverehrten Stifter dieses neuen Arbeiterheims. Durch die Errichtung dieses Hauses haben Sie, hochgeehrter Herr Baron, einen neuen Blüthenzweig eingefügt in den reichen Kranz von Werken der Wohlkhätigkeit, den Sie, sich selbst zum Ruhme, unserer Gemeinde zur Ehre, seit langen Jahren geflochten haben. Wie Sie vor mehr als zwei Decennien das von Ihrem edlen, in Gott ruhenden Vater begründete Blindeninstitut mtt unbegrenzter Muuificenz weiter geführt und vollendet, so haben Sie seitdem in jedem Jahre durch großartige Stiftungen Ihre Menschenfteundlichkeit, Ihren warmen Sinn für unsere Glaubensgemeinde, Ihre Anhänglichkeit an unsere gemeinschaftliche theure Vaterstadt Wien bethätigt. Sie gedachten der Kranken, indem Sie das Spital unserer Gemeinde, sowie der hochwürdigen Barmherzigen Brüder reich beschenkten. Die Institute zur Erziehung der Blinden, wie der Taubstummen, die Besserungsanstalten für verwahr losten Kinder, wie die Speiseanstalten für arme Schulkinder, zahlreiche Schüler aller Hochschulen und K u n st a k a d e m i e n, sie alle nennen dankend Ihren Namen als den eines großen Wohlthäters. Auch der ärmsten aller Armen, der Hungernden und Frierenden, haben Sie sich in Barmherzigkeit und wahrer Menschenliebe angenommen. Durch die Errichtung dieser Heimstätte für Handwerkszöglinge haben Sie aber auch Ihrer Hochachtung vor der Arbeit bleibenden Ausdruck gegeben. Sie sind dabei dem Beispiele der weiseil Männer aller Zeiten und Völker gefolgt, welche die Arbeit als ein köstliches Gut der Menschheit betrachtet und geehrt haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.