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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-03 · 23 (3.6.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 3SS Kestrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 23 schrittenen Saison eine anüsemitische Volksversammlung wieder einen Beschluß fassen, der dahin geht, der Führer solle sein cheures Leben schonen . . . So diplomatisch war Herr Dr. Carl Lueger nicht immer und zu seinen Gunsten wollen wir hier eine kleine Reminiscenz in der Erinnemng der Zeitgenossen wieder auffrischen. Es war im November des Jahres 1887, daß der Abgeordnete des H Wiener Bezirkes Carl Wrabetz dem Herrn Dr. Lueger in einer Vereinsversammlung einige Unhöflichkeiten sagte. Dr. Lueger wußte, daß Herr Wrabetz ein prinzipieller Gegner des Duells ist und er beeilte sich demzufolge von Wrabetz „ritterliche Genugthuung" zu verlangen. Lmtt Mittheilung des „Vaterland" kamen die Zeugen des Herm Dr. Lueger, darunter einer ein höherer Militär, einer ein Reichsrachsabgeordneter des Verbandes der Deutsch-Nationalen, in die Lage, fotzendes Protokoll aufzunehmen: „Wir Gefertigten wurden von Herrn Dr. Carl Lueger, Reichsrachsabgeordneten in Wien, aufgefordert, vom Reichsrathsavgevrdnettn Carl Wr ab etz wegen einer in einer Bereinsversannnlung vom 18. November angelhanen Beschimpfung Genugthuung zu fordern. Dr. Lueger theilt uns mit, daß er, obzwar Carl Wrabetz ihm durch sein Benehmen in seiner Affaire mit dem Abgeordneten Dr. Pattai das Recht gegeben habe, von ihm ausgehende Beschimpfungen zu ignoriren, demselben dennoch zur Vermeidung jeder Ausflucht, Gelegenheit gchen wolle, diese Angelegenheit in einer unter Ehrenmännern üblichen Weise auszutragen. Hierüber entschlossen wir uns, dem Dr. Lueger als Zeugen (laut „Bolgar" dient der Cartellträger gegenüber Jemanden, der sich bereits außer dem Rahmen der ritterlichen Satisfaction gestellt hat, jedoch nochmals Gelegenheit erhält, sich zu rehabilitiren, nicht als „Secundant", sondern lediglich als »Zeuge") zu dienen und verfügten uns heute früh in die Wohnung des Abgeordneten Carl Wrabetz, Tuchlauben 18. Karl Wrabetz, welcher sich weigerte, mit uns allein zu sprechen und zwei seiner Bediensteten herbeirief, wurdevonuns aufgefordert, demAbgeordneten Dr. Carl Lueger Satisfaction zu leisten. Carl Wrabetz erklärte: Dr. Carl L ueg erhalte schon seit Monaten wiederholt in öffentl. Versammlungen, und zwar zum letzten Male vor vier Wochen, ihn, Wrabetz dadurch schwer beleioigt, daß er ihn als Rochschildknecht, als von Rothschild oder den Juden quasi bezahlt, hinstellte. Deshalb habe er sich mit dem Advokaten Dr. Vogler am Tage jener Versammlung besprochen, ob er eine gerichtliche Klage gegen Dr. Lueger einbringen solle. Das Ergebniß dieser Besprechung sei gewesen, daß er, Wrabetz, deshalb nicht gerichtlich Nagen dürfe, weil-seine Parteigenoffen es ihm übel nehmen würden, wenn er noch einmal in einer Ehrenangelegenheit gegenüber einem Reichsrachsabgeordneten den gerichtlichen Weg beschreib. Daher habe er bei der ersten sich bietenden Gelegenheit den Abgeordneten Dr. Lueger mit dem Worte Verleumder beschimpft, damit nun dieser genöthigt werde den Klageweg zu betreten. Hierauf erklärten ihm die gefertigten Zeugen, daß er, Wrabetz, hiemit einen Weg betreten habe, auf den ihm Ehrenmänner nicht folgen können. Ausdrücklich befragt, ob er bereit sei zu widerrufen oder dem beleidigen Dr. Lueger ritterliche Genugthuung zu geben, verweigerte Carl Wrabetz Beides. Wien, am 20. November 1887." . Diese Note erschien gleichlautend in allen antisemitischen Blättem und der „Oesterreichische Reformer" des damaligen Gemeinderaches Herrn Cornelius Vetter vom 27. November 1687, welche Nummer uns zufällig noch zur Hand ist, feierte Dr. Karl Lueger als einen Helden und ritterlichen Ehrenmann und bemerkte zu dem Verhalten des Herrn Wrabetz: „Welches Urcheil ein solches Vorgehen bei Ehrenmännern findet, habm Herm Wrabetz die Zeugen schon ins Gesicht gesagt — deshalb brauchen wir es nicht zu wiederholen." „Es geht nun aber bereits die zweite Persönlichkeit in unserem Parlamente hemm, welche sich in unglaublicher Weise über die bisher üblichen Anstandsregeln in Ehrensachen hintansetzt." „Während jedoch die Fraktion Steinwender einem, in ähnlicher Weise mißliebig gewordenen Mitgliede eine Art eomMllw abeundi ertheilt oder doch Aehnliches zu verstehen gegeben haben soll, hat sich der Deutsch - Oesterreichische CÜb bekanntlich im Frühjahre sogar mit einer vorzeitigen Kundgebung für Wrabetz blamirt und dürfte auch kaum diesmal eine correcte Haltung einnehmm." „In Englarrd oder Frankreich würde die Antwort andtts ausfallen. Ein allgemeines Boycotting würde dem Betreffenden keinen Zweifel übrig lassen, pie das Parlament in Ehrensachen denkt." So schrieb der Leibgardist des Dr. Carl Lueger, Herr- Cornelius Vetter im „Oesterr. Reformer" vom 27. November 1887. Herr Lueger hatte vor sich einen principiellen Gegner des Duells und darum spielte er den tapferen Helden, heute rvcitivt er den Vers aus dem „Armm Jonathan": „Sie, mit mir fangen Sie nichts an, denn ich bin ein Feigling." Haustrryhetze. Die Hausirerfrage kann nicht zur Rrche gelangen. Neuerlich wurde sie wieder ins Rollen gebracht. Im Abgeordnetenhause haben die Antisemiten im Vereine mit den gesinnungsverwandten Deutschnationalen am 6. v. M. eine Interpellation eingebracht, die Regierung möge nur ja schleunigst einen Gesetzentwurf für Regelung, richtiger Abmurksung des Hausirgewerbes einbringen, respective der parlamentarischen Behandlung unterbreiten. Unterzeichnet ist diese Interpellation unter Anderen auch von den Abgeordneten, die aus Provinzen entsandt sind, welche wie: Schlesien, Böhmen, Steiermark, Kärnten, Tirol, Maaren produciren, die nahezu ausschließlich auf den Vertuet» durch Hausirer angewiesen sind, oder die in ihren gebirgigen Theilen so anne Bevölkerung besitzen, daß dieselbe ohne das Gewerbe des Hausirhandels verhungern müßte. Die armen Hausirer! Alles und Jedes reibt sich an den Hausirern. Sie haben selbst nichts zum Beißen und dennoch werden sie beschuldigt, Andern das Brod vom Munde wegzunehmen. Die Gesetzgebung will sie, wie wir erst jüngst dargethan, dafür bestrafen, daß sie Hausirer sind und mit Nolh und Kummerniß ihren Erwerb finden. Allen Kleingewerben sollen beim Jnslebentreten der Steuerreform Steuernachlässe gewährt werden, nur den Haustrern nicht. Etwa weil sie Hausbesitzer sind, Latifundien ihr Eigen nennen, oder von den Renten leben! Nein, nur deshalb, weil sie das ganze Jahr hindurch, „ob schön, ob Regen", bei Wind und Wetter, Trepp' auf, Trepp' ab, kümmerlich ihr Dasein fristen, in elenden Wohnungen hausen, sich und ihre Familien nur dürftig nähren und kleiden können. Nun werden die „Enterbten der Kleingewerbe" auch noch mit neuer, schwerer Schuld belastet. In dem jüngst erschienenen Jahresberichte der Gewerbe-Jnspectoren wird unter den Ursachen, die den Niedergang der Kleingewerbe verschulden sollen, unter Anderem auch das Hausirwesen angeführt. O, du mein Gott, was hat nicht Alles für den Niedergang der Kleingewerbe herhalten müssen. Die ganze Gewerbegesetzgebung mußte dieses Vorwandes wegen von Grund aus geändert werden Man mußte sich den Luxus, der „Schmach des Jahrhunderts" gönnen, um den Antisemitismus in dem herrlichen Kaiserstaat Oesterreich einzubürge-n. Allein es half alles nichts, die Noth besteht unter den Kleingewerben weiter, nicht wegen, sondern trotz der Hausirer. Nur der Antisemitismus zeigt sich als das „Bleibende im Wechsel" und wer nicht blind ist, sieht es ja ohnehin, der incarnirte Antisemitismus, der schon bis in die weitesten Volkskreife gedrungen und auch die höheren socialen Schichten zu insiciren beginnt, der Antisemitismus ist es, der eine Gesundung und Kräftigung der Kleingewerbe nicht aufkommen läßt. Die wohlhabenden Juden ziehen sich zurück, machen keinen Aufwand rrnd beschränken ihren Haushalt thunlichst, um die Aufmerksamkeit des antisemitischen Mob in der Blouse und im Frack nicht auf sich zu lenken; wer anders büßt dies als der kleine und der Mittelmann. Viele Familien haben Wien den Rücken gekehrt, weil sie den rüden Ton, die permanente Hetze nicht zu ertragen vermögen. Aber auch Ariern fängt's in Wien an bange zu werden, der antisemitische Mob, denken sie sich, wird bei den Thüren der Juden, wo ohnehin nichts zu holen ist, nicht stehen bleiben und bei geeigneter Gelegenheit schwerlich subtil genug sein, Unterschied zwischen arischen und nichtarischem Gelde zu machen. Das sind mit die Ursachen, welche die gegenwärtige traurige Lage der Kleingewerbe verschulden, die übrigens noch durch

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