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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-06-03 · 23 (3.6.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WS»» MW Nr. 23 Oesterreichifche Wochenschrift Seite 391 monstration gestellt hat, früher oder später in der Criminalrubrik begegnen wird und sie für eine politische Behandlung viel zu verächtlich sind, so spricht er damit nur ans, was Tausenden auf den Lippen schwebte. Die Juden in Ungarn, wie die Inden in Oesterreich sind treue Patrioten und schon die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet den beiderseitigen Regierungen, ihnen ausreichenden Schutz gegen jenen-Feind angedeihen zu lassen, der mit dem Hasse gegen die Juden zugleich den Haß gegen die bestehende Staatsordnung predigt. Man mochte bisher glauben, daß die Verachtung, mit welcher wir über die antisemitischen Hetzapostel urtheilten, eine Folge der durch den Kampf erzeugten Leidenschaft sei. Heute liegt die innere Lumperei dieser Leute Jedermann offen zu Tage, heute erkennt man, daß es sich bei der Abwehr dieses Gesindels um die höchsten Interessen des Staates handelt. Die Selbstlvstgkeit der Nntisemiten- Führer. Man kennt die Anekdote, die anl besten zeigt, was gewisse Volksverhetzcr gewissen Wählern alles zumnthen dürfen. Da stellt sich ein Agitator auf den Tisch im Wirthshause und haranguirt die anwesenden „Gesinnungsgenossen" mit einer Rede, in der er die Qualitäten des großen Mannes schildert, der allein würdig ist „unser Vertreter" zu sein. Als die wichtigste, die bedeutendste, die unerläßlichste dieser Tugenden fordert er: „Unser Abgeordnete muß impallabel sein!" Der Redner schreit es und die Menge brüllt es nach. Er, der Redner, weiß nicht was er mit der „Jmpallabilität" seines Abgeordneten gemeint und gefordert, seine begeisterten Zuhörer wissen es auch nicht. Da sie sich aber, die Herrschaften, so verständnißinnig in dem leidenschaftlichen Wunsche nach dem „impallablen" Abgeordneten begegnen, schadet es ja nicht, daß sie nicht wissen, was sie damit wollen. Die Hauptsache ist ja, daß man sich versteht. Doch wir wollen ja nicht von der Jmpallabilität, sondern von der Corruption sprechen, und was Corruption ist, das wissen die Führer der Antisemiten ganz vortrefflich. Sie beschäftigen sich ja mit nichts anderem als mit der Corruption. Diese ist es, der sie ihre Existenz verdanken, die Corruption ist es, derentwillen sie die Organisation einer neuen Partei für nöthig hielten, die Corruption ist es, derentwillen das „Deutsche Volksblatt" eingestandenermaßen eigenst geschaffen wurde. Und die urtheilslose, voruriheilsvolle Menge glaubte den „Führern", wenn diese mit dem echten Brustton, der die falsche Ueberzeugung maskiren muß, schrieen, daß sie die Corruption — bekämpfen wollen*). Es mag ja sein, daß den Antisemitenführern die Corruption nicht immer behagt, aber dann ists die Corruption — der Anderen. Sie selber aber haben nichts vor Augen, als das eigennützige, egoistische Bestreben, ihren eigenen Vortheilen nachzujagen — wenn nicht anders, so auch auf Kosten der Gesammtheit. Einer der gründlichsten Kenner des Antisemitismus, Herr Schönerer, der seltsamerweise roch immer auf den Ruf Ritter von Schönerer hört — war es, der in seinem Leibblatte erklärte, das „Deutsche Volksblatt" habe den Gipfel der Corruption und der moralischen Verlotterung erreicht und er wird wohl Recht haben. Aber diese Conuption finden wir bei allen Führern und Häuptern der Antisemitenpartei, wenngleich sie. je nach den Bedürfnissen, verschieden sein mag. Der Eine braucht die Corruption, um seinen maßlosen Ehrgeiz zu sröhnen, der Zweite huldigt ihr, weil er seinen Geldbeutel füllen will, der Dritte verfolgt wieder andere selbstische Zwecke. Aber corrupt sind sie Alle, Alle, keiner von ihnen hat in Wahrheit das allgemeine Interesse vor Augen, jeder von ihnen denkt ausschließlich an seine eigenen Ziele und Privat-Jnteressen. In dem Momente, wo die Interessen der Allgemeinheit mit ihren kleinlichen persönlichen Angelegenheiten in Collission grrathen, flugs wird da der brave Antisemit ein Held — der Corruption, die *) Sie waren von diesem Rufe geradeso begeistert, als wenn man ihnen von der „Jmpallabilität" declamirt hätte. angeblich zu bekämpfen das Ideal seines Lebens bildet. Wenn wir concrete Beispiele hiesür anführen sollen, so ist es nur die Menge derselben, die uns in Verlegenheit bringen könnte. Hat Herr Gregorig — auch ein großer Corruptions-Bekämpffr — nicht z. B. erst vor Kurzem das schallende Gelächter Wiens erregt, als er die Gewerbe-Ausstellung einzig und allein aus dem Grunde, weil es ihm nicht ermöglicht wurde, an derselben als Aussteller theilzunehmen, euren „Tandelmarkt" genannt? Er sieht lieber den Niedergang Wiens, als daß er an sich selbst einen Moment vergäße. Ter brave Mann würde aber sicherlich jeden Tandelmarkt, auf dem er brilliren könnte, sofort als eine großartige Gewerbe-Ausstellung verherrlichen.... Nur die privaten, die eigenen Interessen, die schweben unseren Antisemitenführern vor Augen. Das bewies auch der brave antisemitische Gemeinderath Ziegelwanger mit dem Anträge, den er neulich im Gemeinderathe stellte. Er schlug vor, daß der Bahnhof der Westbahnstation Penzing, welche nach den Plänen der Regierung gleichzeitig auch für die Stadtbahn dienen soll, am äußersten Ende von Penzing, nächst dem Ameisenbach errichtet werde. Die Majorität nahm diesen Antrag an, da sie selbstverständlich voraussetzen mußte, Herr Ziegelwanger sei in Folge seiner Kenntniß der Verhältnisse der berufenste Mann zu entscheiden, was den Bedürfnissen der Bewohner von Penzing am besten entspreche. Das war aber ein schlimmer Jrrthum. Diese vom Herrn Gemeinderath Ziegelwanger proponirte Anlage des Bahnhofes entspricht nur den Interessen eines einzigen Mannes in Penzing in ganz erheblichem Maaße und dieser einzige Mann ist niemand Geringerer, als Herr Ziegelwanger selbst. Er wohnt nämlich in jener Gaffe, wo der neue Bahnhof gebaut werden soll, er besitzt dort ein Haus und Baugründe, die erst eingelöft werden müssen, wenn die ideale, selbstlose Bauidee des Herrn Ziegelwanger zur That werden soll. Für die Bewohner von Penzing liegt freilich die Sache anders. Für sie wird die „selbstlose" Idee des Herrn Gemeinderathes nur Unbequemlichkeiten im Gefolge haben, denn sie werden zu dem Bahnhofe, der die Baugründe des Herrn Ziegelwanger so werthvoll machen kann, einen hübsch weiten Weg haben. Herr Ziegelwanger gehört aber im Uebrigen zu den Rufern im Streite. Er wird weitersich als Bekämpfer der Corruption — Anderer geriren und wird sicherlich beijeder Gelegenheit betonen, daß ihm nur das Interesse der Gesammtheit vorschwebe. Und die armen, unwiffenden Wähler werden Herrn Ziegelwanger und Consorten auch fürderhin Glauben schenken, wenn sie den Kampf gegen die „Corruption" predigen, gerade so wie sie glauben würden, daß die „Jmpallabilität" des Abgeordneten das Schönste auf der Welt sei. „Mit mir sangen sty nichts an, denn ich bin ein Feigling" Dr. Lueger hat es — wenn anders eine aus Budapest hieher gelangte Nachricht sich bestätigt — wieder einmal mit einer Forderung zu thun, die sich nicht erequiren läßt. Kaum hat sich Dr. Lueger nicht mit dem Oberinfpcctor Etienne und nicht mit dem Dr. Friedjung geschlagen, kommt er wieder in die Lage, auf ein Duell dankend zu verzichten. Die Rumänen waren es, die dem Dr. Lueger Gelegenheit gaben, den Mund mehr aufzumachen, als es für Jemanden räthlich wäre, der unter Umständen für das was er sagt, auch einzutreten gewillt ist. Dr. Lueger hat den Verfasser eines Artikels des „Pester Lloyd" einen „Schurken" genannt, und nun meldet der Telegraph aus Budapest: „Der Verfasser des Sonntagsartikels im „Pester Lloyd", welcher gegen die Parteinahme der Wiener anttsemitischen Führer für die Bestrebungen der nationalistischen Rumänen gerichtet war, hatheute zw eiWien er Freunde damit betraut, gegen Dr. Lueger wegen der in der gestrigen Versammlung in Elterlein's Casino gegen den ArtikelverfaffervorgebrachtenBeschimpfungen die geeigneten Schritte zu thun." Sollte diese Meldung auf Richtigkeit beruhen, so dürfte wohl in kürzester Frist trotz der vorge-

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