Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 23 (3.6.1892)
- Date
- 1892-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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PTEfflffTM Seite 390 Orflerrrichischr Wochenschrrkft die sie erduldet, ist die Saat entsprossen, die heute erfreulich in die Halme schießt: der Triumph ihrer Glaubensgenoffen, der Sieg des Humanitätsgedankens im magyarischen Volke und des gleichen Rechtes im ungarischen Staate. Wir aber wollen nicht richten darüber, ob die Sühne auch der Größe der Schuld entspricht. Wieder einmal hat jene Gerechtigkeit, die über den Sternen waltet, ihre unerschöpfliche Macht bewiesen und auch hier, im Kleinen wie im Großen, waren die Kinder Israels berufen, die Märtyrer und Bahnbrecher des culturellen Fortschrittes zu sein. Drq antisemitische Ansturm gegen die staatliche Ordnung in Oesterreich. Die Herren Lueger und Schneider sind unter die Humanitätsapostel gegangen, sie haben für die unterdrückten Rumänen unserer östlichen Reichshälfte Partei genommen. Mit schmetterndem Pathos erklärte der Tribun von Margarethen, daß er sich deshalb an die Seite der rumänischen Deputation aus Siebenbürgen stelle, weil er überall und jederzeit das Recht des Schwächeren gegen den Stärkeren vertrete, und Ritter Stampiglius fand gar, daß es ein menschenftermdliches Werk sei, die armen Rumänen gegen die übermächtigen Juden in Schutz zu nehmen. Den wallachischen Advocaten und Bauern, die nach Wien gezogen sind, um bei dem Kaiser von Oesterreich über die Regierung des Königs von Ungarn Klage zu führerr, hat der in den Künsten der Mechanik so vielerfahrene Vertreter von Sechshaus mit dieser Begründung gewiß eine große Ueberraschung bereitet. In der rumänischen Bevölkerung Siebenbürgens besteht ein mächtiger Zug nach denr benachbarten Stammlande; Sprache, Sitten und Gewohnheiten sind dieselben wie in der Wallachei und man hat in Transsylvanien für die Judensrage genau dasselbe Verständniß, wie im Königreiche Rumänien. Herr Lueger behaup!et für die Unterdrückten einzutreten und Herr Schneider bedauert das rumänische Volk, das unter dem Drucke der Juden seufzt. Das gute Her^ der Wiener Antisemitenführer bethätigt sich wieder einmal in der herrlichsten Weise. Wohl weiß alle Wett, daß in Rumänien auch heute noch kein Jude Grund und Boden erwerben darf, daß daselbst die Juden unter Ausnahmsgesetzen der drückendsten Art leben; wohl weiß man ferner, daß Rumänien bis vor Kurzem noch das Eldorado der Judenverfolgungen war, daß daselbst die Bekenner des mosaischen Glaubens jeder Willkür preisgegeben waren, daß man sie zu Tode prügelte, int Wasser ersäufte und wie die Hasen auf dem Felde niederschoß; wohl weiß man endlich, daß es für die rumänischen Juden auch jetzt noch weder ein Recht noch ein Gericht gibt—dem „dummen Kerl von Wien" aber spricht Herr Schneider von der Uebermacht der Juden und Herr Lueger weint blutige Thränen über die Bedrückung der Rumänen. Die Humanttät der Wiener Antiscmitenführer kennt keine Grenzen. Sie lassen dieselbe den 31/,, Millionen Czechen Cisleichaniens, wie den 6 Millionen Slaven der jenseitigen Reichs- Hälfte zu cheil werden, sie nehmen sich der 2 Millionen Croaten und Slovenen mit eben solcher Liebe an, wie der 3 Millionen Rumänen; nur gegen die eine Million Juden, welche die österr.-ungar. Monarchie bewohnen, utobilisiren sie die übrigen 36 Millionen des großen Habsburgerreiches. Den Juden gegenüber ist vom Rechte des Schwachen nicht die Rede, den Juden gegenüber ist das Köpfen und Hängen am Platze. Es war offenbar gleichfalls ein Act der Menschenfreundlichkeit und Aufopferung für die Unterdrückten, als Herr Lueger den armen Gewerbsleuten des Rudolfsheimer Sparvereines die Belten und den Herrgott wegpfändete und der Herr Schneider im Parlamente durch Fälschung der Stimmzettel das Wahlresultat zu Gunsten der armen unterdrückten Minorität zu beeinflußen suchte. Das Progmmm der Antisemiten, welches sie in tausenden Versammlungen proclamirten, hat immer gelautet: „Nicht Nr. 23 Jedem das Gleiche, sondern Jedem das Seine". Heute schmähen sie Ungarn und beschimpfen es, weil es seine staatlichen Interessen nicht den Rumänen opfert, heute fordern sie — Gleichberechtigung für Alle. Der Haß gegen Ungarn, welches die Schmach abgewaschen, mit welcher Tißa-Eszlar seinen Namen befleckte und jene düstere Episode hochherzig gesühnt hat — der Haß gegen das hochherzige freiheitliche Ungarn treibt den . internationalen Antisemitismus zur Verleugnung seiner eigenen Principien. Der warme Brustton des Menschenfreundes, den Herr- Lueger bei der Begrüßung der Siebenbürger Rumänen anschlug, hat aber einen sehr häßlichen Nachklang. Man muß sich die politische Bedeutung der Rumänen-Demonstration vergegenwärtigen. Die Wallachen aus Siebenbürgen sind Unterthanen der Stefanskrone, und ihre Klagen über die innere Verwaltung gehen ausschließlich die ungarische Regierung an. Ihr Zug nach Wien hat einen laudesverrätherischen Charakter. Nicht an den constitutionellen König von Ungarn, sondern an den Kaiser von Oesterreich wenden sie sich mit ihrer Beschwerde und sie demonstriren damit direkt gegen den Dualismus und gegen die staatsrechtlichen Grundlagen der österr.-ungar. Monarchie. Vergebens betheuern sie ihre Liebe zu Kaiser und Reich — sie strafen sich selbst Lügen, indem sie die Gesetze ihres Vaterlandes mißachten und die Unterstützung fremder Unterthanen gegen die eigene Regierung anrufen. Der Musterpatriot Lueger würde gewiß Zeter und Mordio schreien, wenn die Deutschen in Oesterreich sich an den deutschen Kaiser um Abhilfe ihrer Beschwerden wenden würden. Genau dasselbe aber ist cs, wenn die ungarischen Rumänen sich an die Wiener Antisemiten wenden und wenn Herr Vaschaty namens der Jungczechen mit der Rache des heiligen Rußland droht. Aber so wenig der Haß gegen die Magyaren Herrn Lueger seinerzeit hinderte, mit dem V erh ov ay, Onody und Simonyi gemeinsame Sache zu machen, so wenig hindert ihm sein Musterpatriotismus, allen staatsfeindlichen Elementen in Oesterreich-Ungarn die Hand zu reichen. Er ist der Verbündete der panslavistischen Jungczechen, der Schwärmer für Groß-Croatien und der Romania irredenta in Siebenbürgen. Und in dieser Thatsache liegt mehr als eine der vielen Inkonsequenzen des „Boulanger von Margarethen"; es liegt darin der Beweis, daß der Antisemitisnms in Wien als sociale Bewegung in unaufhaltsamem Niedergänge begriffen ist und daß er eine rein revolutionäre Bewegung zu werden scheint, welche ihre Stütze direct gegen die Existenzbedingungen der österreichisch-ungarischen Gesammtmonarchie richtet. Indem die Wiener Antisemitenführer sich mit allen revolutionären Mächten des Staates verbinden, bekennen sie selbst den staatsfeindlichen Charakter ihrer Agitation ein, bekennen sie, daß sie keine Hoffnung mehr hegen mit Hilfe der Ordnungsparteien ihreZiele zu erreichen,daß die Elemente der Zerstörung ihre letzte Zuflucht bildeten. Das hat schon der Streifzug deutlich gemacht, den Hen' V ergani seinerzeit zu den deutschen Agrariern unternahm, um mit denselben eine große gemeinsame Action gegen die Handelsverträge zu vereinbaren; das hat ferner die Reise Schneiders zu den Jungczechen nach Prag deutlich gemacht, und die Allianz, welche nunmehr Herr Lueger mit den siebenbürgischen Rumänen abgeschlossen hat, behebt jeden Zweifel darüber, daß es sich heute nicht mehr um die Bekämpfung der Juden, sondern um die Zertrümmerung der gegenwärtigen staatlichen Ordnung handelt. Alls derselben Erkenntnis; heraus haben die französischen Antisemiten sich dem Anarchisnms in die Arme geworfen und ihre Wiener Genossen sind nicht mehr weit davon entfemt. Die Juden in Wien und in Oesterreich aber können aus diesen Vorgängen der jüngsten Zeit einen großen Trost schöpfen. Der wahre Charakter der antisemitischen Propaganda und der antisemitischen Hetzapostel tritt endlich greifbar zu Tage, und wenn der „Pester Lloyd" schreibt, daß man dem antisemitischen Lumpenpaar, welches sich an die Spitze drrDe-