Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 23 (3.6.1892)
- Date
- 1892-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 23 Wien. 3. |#ni .1892. IX. Jahrgang. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthmns. ---- Eigenthümer: Keichsraths-Abgrordnrter vr. Kloch. -KWch- Erscheint jeden Freitag. K. k. -ofisxarrsssenamk Vlraringvrrkrhr Nr. 810.976. Ledartion u. Administration: W trn I, Lothenthurmpraste 39. & Man abonnirt bei allen Pnganfiatten bea In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petit;eile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Die Sühne für Tißa-Eszlar. — Der antisemitische Ansturm gegen die staatliche Ordnung in Oesterreich. — Die Selbstlosigkeit der Antisemitenführer. — „Mit mir fangen sie nichts an, denn ich bin ein Feigling." — Zur Hausirerhetze. — Judenstinten. — Zur Urgeschichte Palästinas. — Die Entstehung der Religionsschule in Wien im Jahre 1814. — Lesesrüchte. — Correspondenzen Wien, Berlin, Aus Süddeutschland, Rheydt, London. — Vermischtes: Wien, Aus Böhmen, Reichenberg, Gablonz, Budapest, Kojetein, Berlin, Köln, Braunschrveig, Marienbnrg W.-Pr., Gießen, Paris, London, Amsterdam, Newyork, Philadelphia, Bmnos-Aires. — Feuilleton: Sarah (Lieber den Tod.) — Literatur. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate. Me Sühne für Titza-Esxlar. Mit Stimmeneinhelligkeit und unter brausendem Jubel hat das ungarische Abgeordnetenhaus ani Dienstag den Beschlußantrag Jranyi's auf freie Religionsübung und Gleichberechtigung aller Confessionen angenommen. Die jüdische Religion, welche bisher nur geduldet war, erscheint durch diesen Beschluß und dessen voraussichtliche Durchführung gesetzlich recipirt, sie ist von nun ab in Ungarn gleichberechtigt mit dem katholischen, protestantischen und griechischen Bekenntniß. Es ist wohl zu beachten, daß der diesbezügliche Antrag nicht aus dem Schooße der Regierungspartei hervorgegangen ist und daß er demnach einstimmige Annahme fand. Das verleiht dem Beschlüsse des ungarischen Abgeordnetenhauses im Zeitalter antisemitischer Raserei die Bedeutung einer culturellen That und den Charakter einer einmüthigen Willensäußerung der ungarischen Nation. Einer einmüthigen Willensäußerung! Indem wir diese Sätze niederschreiben, erheben sich vor unseren Augen die Märtyrergestalten der Familie des Schächters Scharf, wird die Erinnerung an die Gräuel von Tißa-Eszlar wieder lebendig. In Ungarn flackerte die unheimliche Glut des Antisemitismus zuerst in die Höhe und der Judenhaß nahm daselbst Formen an, welche mit den politischen Bestrebungen seiner Urheber und Apostel in keinerlei Zusammenhang standen. Der Name Tißa- Eszlar ist nicht mehr auszutilgen aus der Geschichte des modernen Ungarn und seine Schrecken werden noch auf Generationen fortwirken. In Tißa-Eszlar brachen alle Pestbeulen des Staates und der Gesellschaft auf: die abergläubische Dummheit der Bevölkerung, die schamlose Niedertracht der Gentry, die Coruption der Comitatswirthschaft, die Bestechlichkeit der Richter. In Tißa-Eszlar hat das avitische System eine fürchterliche Orgie gefeiert, aber gleichzeitig ist allen Gebildeten der Nation und allen ehrlichen Männern klar geworden, daß Ungarn so lange keinen Anspruch habe, in die Reihe der civilisirten Staaten einzutreten, solange solche Zustande möglich und ein solcher Prozeß mit all' seinen traurigen Begleiterscheinungen nur denkbar ist. So wurde denn Tißa-Eszlar der Ausgangspunkt für eine politische Reform an Haupt und Gliedern und für culturelle Fortschritte, welche den ungarischen Staat und die ungarische Gesellschaft auf eine völlig veränderte Grundlage gestellt haben. Auch hier war es wieder der Jude, aus dessen Martyrium der Segen für die Zukunft erwuchs. Der Schächter- Scharf und sein Knabe sind heute ebenso verschollen, wie fein vermeintliches Opfer Esther Solymossy. Jener Geza Onody aber, welcher damals das blutige Bild der geschlachteten E-sther zur Schau gestellt, der im Gerichtssaale von Nyiregyhaza den Gerichts-Präsident^, selbst zu terrorisiren gewagt hatte, Geza Onody, der Repräsentant der bornirten, ungebildeten, gewissenlosen und brutalen Gentry, Onody, der Vorkämpfer eines Lueger und Schneider im Volksbetruge, der lebt noch und war am Dienstag Zeuge des Beschlußes der ungarischen Volksvertretung. Dieser Beschluß war nur die unausweichliche Consequenz jenes fortschreitenden Modernisirungs-Processes, der sich in Ungarn seit den Tagen von Tißa-Eszlar vollzieht. Die Comitatswirthschaft ist beseitigt, die Justiz geordnet, die Volksaufklärung im großen Maßstab organisirt worden; ja selbst das Oberhaus mußte, sich eine Säuberung mit eisernem Besen gefallen lassen, als es der Einführung der Mischehe widerstrebte. Licht und Luft haben sich über das tief in Vorurtheilen und in Gesetzlosigkeit versunkene alte Ungarn ergoffen, und die Reception der jüdischen Religion ist nur der Schlußstein an dem großen Reformwerke, das die erleuchteten Männer der Nation in die Hand genommen, nachdem ihnen der Prozeß von Tißa-Eszlar die unermeßliche Tiefe des Abgrundes enthüllt hatte, an welchem ihr Vaterland stand. So ist die nunmehr gesetzlich sestgestellte Gleichberechtigung der jüdischen Confession im vollsten und directeften Sinne des Wortes die Sühne für Tißa-Eszlar, und als der Präsident des ungarischen Abgeordnetenhauses den einmüthigen Beschluß desselben verkündete, da standen unsichtbar die greisen Märtyrergestalten von Tißa-Eszlar neben dem Präsidentenstuhle, demüthig den Hut in der Hand, aber leuchtenden Antlitzes. Denn aus den maßlosen Leiden,