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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-27 · 22 (27.5.1892) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr 22 Arsterrrichischr WochrnschrM. Seite 383 Richter rc., der als Student wirklich studirt hat, und der daher mehr weiß als sie. Nur darum find sie Antisemiten, -welche die „Ausschließung der Juden von den öffentlichen Aemtern" als edelsten Programmpunkt ihrer politischen „Ueberzeugung" betrachten. Daß mit diesen Leuten der Stöcker und der Ahlwardt leichtes Spiel haben, versteht sich von selbst, so beschämend das auch für unsere öffentlichen Verhältnisse ist. Berlin. Wieder Einer! Aus Hoyerswerda wird uns geschrieben: Im „Hoyerswerdaer Kreisblatt" wird folgender Steckbrief veröffentlicht: „Gegen den unten beschriebenen Pastor Georg Breugst aus Spreewitz, Kreis Hoyerswerda, geboren am 19. Jänner 1860 zu Betsche, Kreis Meferitz, welcher flüchtig ist und sich verborgen hält, ist d:e Untersuchungshaft wegen Unterschlagung amtlicher Gelder verhängt. Es tvird ersucht, denselben zu verhaften und in das nächste Gerichtsgefängniß abzuliefern. Görlitz, den 13. Mai 1892. Der kgl. Erste Staatsanwalt." (Wieder ein Antisemit, den es vor dem Antisemitsmus ekelt.) Herr Morris de Jonge, zuletzt Redacteur eines antisemitischen Blattes in Hannover, tritt aus der Redaction desselben aus, weil die Behandlung, die der Judenfrage seitens der antisemitischen Parteien und insbesondere seitens der antisemitischen Presse zu Theil wird, eine u n ch r i stliche und deshalb sittlich verwerfliche sei, und er es für seine Gewissenspflicht halte, diese Auffassung in Zukunft auch öffentlich zu vertreten. Dessau, 17. Mai. Der „Anhaltische Staatsanzeiger" bringt heute folgende officielle Mittheilung: „Bei Gelegenheit einer Audienz, welche Se. Hoheit der Herzog den Herren Landesrabbiner Dr. Weiße und Commercienrath H. Souuenthal aus Dessau in Ballenstedt am 15. Mai d. I. zu ertheilen die Gnade hatte, haben Höchstderselbe seine Mißbilligung über die antisemitischen Agitationen und Bersammlungen geäußert und zugleich die Ertvartung ausgesprochen, daß die seit jeher in Eintracht lebende Bürgerschaft Dessaus diesen den Klassenhaß erzeugenden Bestrebungen fernbleiben werde." Soweit der „Staatsanzeiger." Wie man uns ferner mittheilt, ist bereits am Montag eine Antisemiten-Bersammlung in Dessau aufgelöst worden. Der Herzog von Anhalt hat stets, wie seine erlauchten Ahnen, sich als einer der humansten Fürsten bewährt. Er schließt sich der Reihe erhabener Fürsten, wie Kaiser Friedrich, die Großherzoge von Baden und Hessen, würdig an. Sein Großvater, Herzog Friedrich Franz hat die erste interconfeffionelle Schule, das Philanttopin, zu Mendelsohns Zeiten ins Leben gerufen. Aus Ostpreußen, 11. Mai. In Brokern, einem in der Nähe des russischen Grevzstädtchens Neustadt gelegenen Dorfe, verschwand kurz vor Ostern spurlos eine im Alter von fünfzig Jahren stehende Altsitzerin, Frau Buttkus. Sie bezog für sich und ihre Kinder den Lebensunterhalt von ihrem Schwiegersohn. Mit Letzterm ist sie wegen der von ihm übernommenen Verpflichtungen des Oeftern in Streit gerathen, welcher zuletzt zu offener Feindschaft sich gesteigert haben soll Die Nachforschungen nach der verschwundenen Frau wurden bis jetzt eifrig fortgesetzt. Mit dem die Untersuchung leitenden Beamten des Gouvernements haben eine große Anzahl von Personen die ganze Gegend, insbesondere aber den Wohnort der Frau Buttkus abgesucht, jedoch vergeblich. Das geheimnißvolle Dunkel, welches über dem Verbleib der Verschollenen schwebt, hat nun den russischen Antisemitismus zu rohen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in Neustadt veranlaßt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das unsinnige Gerede in der ganzen Umgegend, daß hier ein Ritualmord vorliege. In der rasch wachsenden Aufregung richtete sich der Fanatismus der Menge besonders gegen den Gastwirth Leib Aron, in dessen Local man die Frau zuletzt gesehen haben will. Hier kam es am 20. v. Mts., einem Martttage, zu einer offenen Revolte. Eine Anzahl von Raufbolden drang, von der Menge aufgehetzt, mit Knütteln und Stöcken bewaffnet, auf Aron und dessen Fran ein, demolirte Fenster und Hausgeräthe und verwundete mehrere Personen mit dem Rufe: „Gebt uns die Frau her!" Gegen die wie wahnsinnig tobende Menge wurde endlich die Militärbehörde entboten, und ihr gelang es, größeren Gewaltthätigkeiten Einhalt zu thmr. Einige zwanzig der schlimmsten Raufbolde wurden sogleich verhaftet,, jedoch nach dem Verhör wieder freigelassen. Die Judenhetze wird unterdessen von der urtheilslosen Menge eifrig fortgesetzt. Der bevorstehende Pfingstmarkt soll zu erneuerten Ausschreitungen ausersehen sein. Da jedoch die Militärbehörde den Ruhestörern gegeuüber eine energische Haltung beobachtet, so iwht zu erwarten, daß die Bevölkerung vor weiteren Angriffen bewahrt bleiben wird. London, 17. Mai. Sonntag den 16. Mai find hier aus sämmtlichen englischen Provinzstädten die Rabbiner oder hier zu Lande unter dem Namen Revrend gentleman oder Minister genannt , angelangt, um gemeinschaftlich mit den hiesigen Ministers, unter Vorsitz des Chief Rabbis Dr. Hermann Adler, Berathungen zu pflegen, welche von Montag den 16. Mai von 10 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends in der Kanzlei des Chief Rabbis Jurisbury Synare bis Donnerstag den 19. Mai täglich stattfinde». In der Londoner Gemeinde war seit Jahren stets der orthodoxe Ritus maßgebend: es gährt aber unter den meisten größeren West-End Synagogen und namentlich in allen größeren Synagogen, die zur United Synagogue gehören, Es sind nicht die Mitglieder der einzelnen Gemeinden, die eine Reform anstreben, oder an eine Reform gedacht hätten, unsere Minister waren es hier, die die erste Anregung gegeben haben zur Verbesserung des Gottesdienstes, öffentlich von der Kanzel herunter wurde es in einigen Synagogen gepredigt, daß unsere Gebete, dem alten Rittrs nach, der jetzigen Zeitströmung nicht passend, auch keine Andacht erwecken und zu lange dauern. So kam cs, daß durch eine solche Anregung der Minister «Rabbiner) unter den meisten Mitgliedern dieser Synagogen, jetzt eine förmliche Umwälzung verlangt wird. Da aber keine einzige dieser Gemeinden, welche zum Verbände der United Synagogne gehören, in ihrem Ritus ändern dürfen oder können ohne Bewilligung des Chief Rabbis Dr. Hermann Adler; so ist diese Rabbiner - Versammlung einberusen, um die Beschwerden und Vorschläge jeder einzelmn Gemeinde anzuhören. 6. Argentinien. Wie Herr Dr. Löwenthal in einer Zuschrift versichert, haben die russischen Juden sich trotz außergewöhnlicher Ansangsschwierigkeiten durch vorzeitige Hinübersendung der Leute nach Argentinien, im großen Ganzen sehr gut bewährt. Sie sind mäßig, arbeitsam und lernwillig. Die Handwerker unter ihnen sind geschickt und fleißig: die von ihm m der ersten Kolonie „Mauricio" für die Bedürfnisse der Kolonie eingerichteten Werkstätten (Schmiede, Schlosserei, Bäckerei, Schusterei. Bautischlerei, Klempnerei) haben ganz hervorragend gute Resultate ergeben. So wurden z. B. von Mitte September bis Dezember 1891 in der primitiv mit einem einzigen Feuer eingerichteten Feldschmiede sämmtliche Werkzeuge für die anderen Werkstätten und alle Reservetheile und Reparaturen für zahlreiche landwirthschaftliche Maschinen allgefertigt, — im Ganzen 817 Stück. Die kurz vor meiner Abgabe der Geschäfte eingerichtete Klempnerei lieferte die Koch- und anderen Blechgeschirre zu etwa einem Drittel des in Buenos-Aires dafür bezahlten Preises, bei tadelloser Ausführung der Arbeiten. Aber auch in die ihnen fremde Landarbeit haben sich die russischen Juden gern und schnell eingelebt. In Mauricio selbst waren 30 Mann bei den Vermessungsarbeiten, 20 beim Vieh und 100 bei der Erntearbeit der von früheren Colonisten angebauten etwa 1600 Hectar Weizen angestellt: ebenso arbeiteten während der Weizenernte im Dezember 80 bis 100 Mann als Tagelöhner auf den benachbarten Gütern. Sie haben sich,an allen diesen Orten ganz vorzüglich bewährt, nach kürzester Lernzeit; so zwar, daß Dr. Aguilar, Arzt am Hospital San Roque in Buenos-Aires und Besitzer des Gutes Settimo neben Mauricio, welcher während der Ernte etwa 20 Mann ans seinem Gute beschäftigt hatte, aus eigenem Antriebe einen Bericht über die vortreffliche Führung und hervorragende Arbeitsleistung der russischen Juden in der „Nacion" veröffentlichte. So war es den russischen Juden in Mauricio innerhalb dreier Monate gelungen, durch die That die landläufige — natürlich auch in Argentinien Anfangs laut gewordene — Behauptung: „Russische Juden können nur schachern, aber nicht arbeiten", glänzend zu widerlegen. Auch die beliebte Annahme von der körperlichen Unfähigkeit der russischen Juden zu schwerer Arbeit, hat sich als vollständig unbegründet erwiesen. Sie handhabten in Mauricio den Schmiedehammer mit mindestens derselben Wucht und Gelenkigkeit, sie bewiesen bei der sehr ermüdenden Arbeit an denMäh- und Dreschmaschinen in südamerikanischer Sommerhitze mindestens die gleiche Ausdauer, wie Arbeiter irgend einer anderen Nationalität. Ich bin sogar auf Grund meiner ärztlichen Beobachttmgen davon überzeugt, daß sie im großen Ganzen befähigter zu andauernde^ Arbeit sind, weil bei ihnen die zwei großen Feinde des Arbeiter». der Alkoholismus und die Syphilis, die Elter, > nicht geschwä^j

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