Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 22 (27.5.1892)
- Date
- 1892-05-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 380 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 32 bleibe. Eine Frucht solcher Erkenntniß ist nur bei der unbedingtesten Wahrhaftigkeit zu erwarten, wenn die große Masse des Volkes es empfindet, daß nicht Gründe der Staatsklugheit, sondern die persönliche Erfahrung der Religion als des höchsten Gutes solche Anschauung gezeitigt, wenn auch die gebildeten Kreise unsres Volkes eine positive Stellung zur Religion gewonnen haben. Unsre, der theologischen Facultäten Aufgabe an den deutschen Hochschulen ist es, den gebildeten Kreisen unsres Volkes zu der Ueberzeugung zu verhelfen, daß christliche Frömmigkeit und wahre Wissenschaft zwei nicht sich ausschließende Größen sind, eine Geistlichkeit heranzubilden, welche befähigt ist, das gesummte Leben unseres Volkes mit christlichem Geiste zu durchdringen, eingedenk des paulinischen Wortes: „Alles ist Euer, Ihr aber seid Christi". Indem wir so unfern Beruf anschen, glauben wir an der Erfüllung der Aufgabe unserer Hochschule mitzuarbeiten, welche der glorreiche und unvergeßliche Stifter unsrer Unionsität vor zwanzig Jahren so gezeichnet hat: „Wir begründen", so heißt es in der Stiftungsurkunde, „diese Hochschule, die aus dem Elsaß und aus Lothringen so viele hochgelehrte Männer empfing, und diesen Ländern wie der Welt Männer, tüchtig in allen Zweigen der Wisienschaft, zurückgegeben hat, von Neuem, auf daß an ihr im Dienst der Wahrheit die Wissenschaft gepflegt, die Jugend gelehr-t und so der Boden bereitet werde, auf welchem mit geistiger Erkenntniß wahrhafte Gottesfurcht und Hingebung für das Gemeinwesen gedeihen". (Münchner Allg. Ztg.) (famsptMtem. Wien. (Ein Familienereigniß in der antisemitischen Partei.) Vorige Woche wurde der antisemitische Armenrath im zehnten Bezi^e Johann Dostalek, Erlachgaffe Nr. 10., der zü den eifrigsten Wortführern der „Anticorruptionisten" des Bezirkes zählte, wegen Diebstahlstheilnahme verhaftet. Ein schweres Mißgeschick hat diesen „vereinigten Christen", der jederzeit für das Wohl der Armen bemüht war, betroffen, ein unverschuldetes Unglück. Er hat sich die antisemitischen Lehren zu sehr zu Herzen genommen und deren praktische Anwendung versucht — das war sein Verhängniß. Daß Raub nnd Diebstahl, Treubruch und Meineid. Betrug und Fälschung gegen Juden moralisch gestattet sei, das hat er in den Versammlungen tausendfach predigen gehört; den Juden das Geld zu entreißen, mittelst dessen sie die armen Christen knechten und ausbeuten, ist ja die heiligste Aufgabe jedes Bolksmannes! Im Sinne und im Sprachgebrauch eines Lueger, Schneider und Liechtenstein hat der Begriff „Juden!" eine weite Ausdehnung erfahren. Sueß, Menger, Nothnagel, Caprivi, Schelling, Miguel zählen zu den „Juden" oder „Judengenossen", welch' letztere bekanntlich die schlimmere und verwerflichere Sorte darstellen. Johann Dostalek hat es unternommen, die Macht der „Juden" und „Judengenossen" zu brechen. Er setzte sich mit einer Bande von Einbrechern in Verbindung, welche in den Wintermonaten und auch im Beginne des Frühjahrs in vielen Wiener Bezirken zumeist Gaffengewölbe erbrochen und daraus Waaren gestohlen hat. Die Gauner gingen auf ihren Beutezügen mit außerordentlicher Frechheit zu Werke, indem sie oft in einer Nacht in ein und demselben Bezirke zwei, ja drei Geschäftsläden ausplünderten. Trotzdem die Polizei-Agenten schon seit vielen Tagen hinter den Verbrechern her waren, gelang es diesen trotzdem, sich der Verhaftung zu entziehen. Zu Anfang des Vormonates gelang es endlich, dem Treiben dieser gefährlichen Banve ein Ziel zu setzen, indem deren Theilnehmer dingfest gemacht wurden. Die Einbrecher sitzen nun seit mehr als Monatsfrist hinter Schloß und Riegel. Die guten Leute haben mehr als dreißig Einbrüche ausgeführt und fast ebensoviele erfolglos versucht. Der Werth der gestohlenen Sachen beträgt mehrere tausend Gulden. Bei Johann Dostalek hat man nun ein ganzes Magazin von Effecten, die von Einbrüchen herrühren, als: Stoffe, Leinwand, Kleider, Wäsche, Schmuckgegenstände, weit mehr als 1000 fl. werth, in seiner Wohnung gefunden und saisirt. Was Dostalek gethan, kann in den Augen eines „unverjudeten" Ariers nichts Tadelnswerthes sein, und es ist ein »euer Beweis für die vollständige „Berjudung" der österreichischen Justiz und ein Zeugniß der Liebedienerei gegenüber dem corrupten Semitenthum, daß ein Mann von der anticorruptioniftischen Gesinnung eines Johann Dostalek wegen einer Lappalie ins Gefängniß geworfen wird. Sollte ihm, was ja bei der notorischen Uebermacht und Scrupolosität der Juden nicht ausgeschlossen ist, etwas Unangenehmes paffiren, so gedenken di e Antisemiten Wiens — ihm einen Lorbeerkranz zu überreichen, oder, insofern ihm das passive Wahlrecht nicht aberkannt werden sollte, mit einem Mandat für den niederösterreichischen Landtag zu entschädigen. Neben Ernst Schneider dürfte Dostalek Figur machen. (Uriheile der Antisenriten über den An t isemitismus.) Die „Westfälische Reform", ein antisemitisches Organ Liebermann'scher Richtung, bringt folgende durch fetten Druck hervorgehobene Bekanntmachung: „Herr Rector Ahlwardt theilt uns mit, das; er vom 18. Mai an zur Verfügung der Antisemiten Rheinlands und Westfalens stände. Wir ersuchen deshalb die Gesinnungsgenossen in den Ortschaften, in welchen Herr Ahlwardt zum Vortrage gewünscht wird, uns umgehend Mittheiluug darüber zngehen zu lasten, ob und wann Herr Ahlwardt verlangt wird. Bemerken muffen wir noch, daß wegen des Umfanges des Agitationsgebietes die Dispositionen über Ort und Zeit der Vorträge nur auf einer Seite getroffen werden können, und haben wir deshalb auf Wunsch des Herrn Vortragenden die Tour festzusetzen uns bereit erklärt." — Und da haben, so bemerken die „Mittheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" mit Re ht, die antisemitischen Führer noch die Unverfrorenheit, die Verantwortung für das Treiben Ahlwardt's abzulehnen. — Nicht ohne Interesse ist eine Auslassung Boeckel's über die Ahlwardt'schen Hetzreden. Herr Boeckel spricht jedenfalls auf Grund der Erfahrungen, die er selbst als antisemitischer Agitator gemacht, wenn er schreibt: „Daß die Menge in den Großstädten uriheilslos den Versammlungen, wo nach Art von Zirkusvorstellungen solche „Enthüllungen" zum Besten gegeben werden, zuströmt, daß sie jubelt, je tollere Behauptungen ausgestellt werden, ist eine allbekannte Erfahrung. Der Großstädter leidet an der raffinirtesten Uebercnltur. Gediegene Geisteskost lockt ihn nicht mehr, er will ordentlich gekitzelt sein. Deshalb kommt ihm der Skandal, von welcher Seite immer angeregt, eben recht. Die Skandalsucht und nichts weiter ist es, was heute die Massen in Ahlwardt's Versammlungen treibt, dieselben Mast?», die jeder Zeit dabei sind, wenn etwas Besoßderes „los" ist. Man irrt, wenn man aus solchen Zuläufen auf wirkliches Interesse für unsere Partei schließt. Der Mob langweilt sich zuletzt, verläuft sich und der Spuk ist zerstoben, wie er gekommen war. Solche Erregungen Hallen niemals oder selten vor. Aber sie hinterlassen doch ihre Spuren und zwar recht bedenklicher Art. Je größer solcher Skandal, desto mehr steigt der Appetit nach neuen „Enthüllungen". Nichts ist zuletzt mehrheilig, nichts mehr zu edel, es muß etwas davon „enthüllt" werden, um Sensation und sich einen Namen zu machen." — Offenh rziger hat wohl noch Niemand aus der antisemitischen Schule geplaudert! (Geschich tsparal lelen.) Am Anfänge des XLV. Jahrhunderts war in Egypten unter dem Herrscher Nasir Muhamed ein. eigenthümkicher Zustand eingetreten; der Herrscher schützte und begünstigte, zum Theil in Folge diplomatischer Unterhandlungen die Christen, während der durch die Geistlichkeit geschürte Fanatismus sich dagegen erhob. Da entstand ein Brand in Cairo; man beschuldigte Christen der Brandstiftung und durch Anwendung der Folter brachte man Einige zum -Bekenntniß dieses Verbrechens. — Was bekennt man nicht alles unter der Folter! — D's bewirkte eine solche Bewegung, daß die Christen es nicht wagten, sich öffentlich sehen zu lassen; diejenigen, welche dringender Geschäfte halber ausgehen mußten, verkleideten sich durch Aussetzung eines gelben Turbans als Juden. — Die Quelle dieser Erzählung ist „Weibs Geschichte der Abbassioischen Chalifen in Egypten." Ein ähnliches Ereigniß der Anklage von Christen fand in Damaskus im Jahre 1340 statt. Das Protokoll darüber enthält eine arabische Handschrift in Leyden. „Ein jüdischer P o st s e c r e t ä r" in Hamburg der wegen Unterschlagungen zu Gesängnißstrafe verurtheilt ist, macht seit Wochen die Runde durch die antisemitische Preffe, welche dabei die üblichen Commeniare zum Besten gibt. „Es ist ein wahrer Segen", schreibt eins dieser Demagogenblatter, „daß die Reichspost" vom Judenthum noch nicht so überfluthet wird, wie z. B. der Juristen stand. Das könnte uns gerade noch fehlen, bei der Wichtigkeit der Interessen, welche in den Händen der Post liegen." — Eine ärgere Speculation auf die Dummheit der Leser kann es nicht geben. Nach der obigen Logik müßten ja auch die Christen vom Dienste in der Reichspost ferngehalten werden; denn die wegen Untreue verurtheilten Postbeamten gehören ja doch — was in der Natur der Sache liegt — fast ausnahmslos dem Christenthum an.