Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-27 · 22 (27.5.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020922--01398-3025436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sk. 22 Orstrrrrichlschr WochrnpchrM Sette 379 Gegensatz: „Wehe euch, ihr Reichen, die ihr jetzt voll seid, denn ihr werdet hungern" (6, 24 f. vgl. Matth. 6, 19 und Luc. 12, 33), und offenbar aus dieser Gedankenwelt heraus ist jenes Bild des Communismus der Urgemeinde entstanden (Act. 2, 44, 4, 33), welches mit den ältesten uns erhaltenen Nachrichten über die Urgemeinde in Widerspruch steht. Im Lause der Zeit vollzog sich dann freilich in den pharisäischen Kreisen, hervorgerufen durch ihre Lohnsucht und die rein äußerliche und mechanische Art wie sie die göttliche Gerechtigkeit auffaßten, ein Umschwung, insofern ihnen Reichthum als ein Zeichen göttlichen Wohlgefallens, Armuth als das größte Uebelgalt*); deßhalb war auch schließlich ihnen Erhaltung und Wahrung des Besitzes durchaus nicht unverträglich mit der Frömmigkeit, wurde doch das, was etwa an egoistischen Motiven dabei mit unterlief, jetzt durch die Almosen, die geradezu „Gerechtigkeit" genannt werden, wettgemacht. So waren alle Versuche einer Reform des socialen Lebens des jüdischen Volkes vom Boden des Gesetzes aus gescheitert. Doch tritt uns, ehe das Volk über die Erde zerstreut wird, noch ein eigenthümlkcher Versuch, der Schwierigkeiten Herr zu werden, entgegen, der unr so bedeutungsvoller ist, weil er der Vorläufer ähnlicher Bewegungen auf dem Boden der christlichen Kirche war. Der Essenismus, welcher einerseits nichts als der auf die Spitze getriebene Pharisäismus war, andererseits aber sich offenbar unter dem Einstuß griechischer und besonders pythagoreischer Philosophie gebildet hat, hat zuerst eine Realisirung des Communismus versucht. Die Essener bildeten enggeschlossene Gemeinschaften, gleichsam eine einzige große Familie (Jos. bell. jud. 3, 8. 3. 4), deren Mitglieder jedem Privatbefitz entsagten: wer in den Orden eintrat, überwies sein Privatvermögen demselben (Jos. Apol § 3), ebenso floß der Erlös für die Arbeit in eine gemeinsame Casse, (Apol. § 10). Der Orden dagegen sorgte für den gesammten Lebensunterhalt, überhaupt für alle Bedürfnisse seiner Mitglieder bis zum Lebensende (Apol. § 10 f., 13), so daß die Essener „leben wie Brüder, die ein gemeinsames Vermögen besitzen" (bell. )uä. 2, 8. 3). Damit waren in der That die socialen Gegensätze beseitigt und das für Israel gesteckte ideale Ziel, daß kein Armer unter ihnen sein sollte (Deut. 15, 4) erreicht, aber doch nur so, daß man vom Boden des Volkslebens sich gelöst und enggeschlossene Gemeinschaften innerhalb der großen Volksgemeinschaft gebildet hatte, um das Ideal eines vollkommen reinen Lebens — rein im cultischen Sinne genommen — zu verwirklichen. Der Communismus ließ sich zudem auch hier nur durchführen, weil sie unter strenger Disciplin lebend zu regelmäßiger Arbeit angehalten wurden, und weil sie dem Grundsatz nach Cölibatäre waren, so fehlte für den Einzelnen einer der wirksamsten Impulse zum Erwerb von Privatbesitz. Mit einem Wort, hier war eine Reihe von Factoren wirksam, ohne welche diese Lösung des socialen Problems zur Unmöglichkeit wurde, wie denn auch thatsächlich die einzige Gemeinschaft, welche jetzt über 100 Jahre den Communismus durchgeführt hat, die Shakers, Cölibatäre sind und sich durch Proseliten ergänzen. Es ist heute wohl allgemein anerkannt, daß religiöse Erkenntnisse nicht in mechanischer Weise den Menschen übermittelt werden, sondern daß sie organisch herauswachsen aus den Lebensverhältnissen und Factoren, unter deren Einfluß Gott die Menschen gestellt hat. Darum ergibt sich naturgemäß die Frage, welche Bedeutung diese oben skizzirten Erfahrungen für die religiösen Erkenntnisse Israels gehabt haben. Einer der Grundpfeiler israelitischer Frömmigkeit war der Glaube an die Gerechtigkeit Gottes, welche bei dem durchaus diesseitigen Charakter der israelitischen Religion als eine hier auf Erden sich realisirende gedacht wurde: „auf daß. es Dir wohl gehe und Du lange lebest in dem Lande welches Dir Jahve Dein Gott geben wird". Dies Wort aus dem Dekalog charakterisirt deutlich nach der einen Seite diesen Glauben. So gewiß keine gesunde Religion diesen Glauben an Gottes Gerechtig¬ *) Bgl. Wünsche. Neue Beiträge zur Erläuterung der Evangelien aus Talmud und Midrasch, 1878 S. 231, 461. 466. keit entbehren kann, und so gewiß auch im Großen und Ganzen es sich bewahrheiten wird, daß „die Sünde der Leute Verderben ist", „die Gottseligkeit aber zu allen Dingen nütze", so gewiß bietet das Leben doch Fälle genug, welche solchem Glauben widersprechen, und welche daher den frommen Israeliten in die schwersten inneren Kämpfe Hineinstürzen mußten aus denen jene Theodiceepsalmen 37, 49 und 71, vor allen Dingen aber das reifste Product dieser Theodiceeliteratur das Buch Hiob hervorgingen. Gelang es dem sinnenden Geiste auch nicht, selbst in diesem reifsten Product, zu einer befriedigenden Lösung zu kommen, — weift doch der Verfasser des Hiob schließlich auf die göttliche Weisheit hin, welche dem Menschen verschlossen ist, für den nur eins bleibt: demüthige Unterordnung unter Gottes Walten, und sucht er doch durch Wiederherstellung des Reichthums und entschwundenen Glückes des Hiob der poetischen Gerechtigkeit zu genügen — dennoch haben diese Zeiten der socialen und damit auch der religiösen Conflicte eine herrliche Frucht gezeitigt, nämlich die Erkenntniß von dem Wesen nnd den Werth der Frömmigkeit; sah man einst in ihr die unerläßliche Vorbedingung für irdisches Glück, so wußte man jetzt, daß dieselbe, auch losgelöst von dem äußern Segen, in sich selbst von unvergleichlichem Werthe, daß sie ein alle andern Güter dieser Welt überragendes und überdauerndes Gut ist, eine Erkenntniß, die ihren clasnschen Ausdruck in dem Psalmistenwort gefunden hat, das Luther trefflich dem Sinne nach so wiedergegeben: „Herr, wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele' verschmachten, so bist Du doch, Gott, alle Zeit meines Herzens Trost und mein Theil" (73, 35 f.). Ein anderes, nicht minder bedeutsames Ergebniß der anher dargelegten Entwicklung ist der schwer zu verkennende Schritt der israelitischen zur Religion Individualisirung. Jahve ist Israels Gott, das ist das Grundbekenntniß, Israel ist der Gegenstand seiner Fürsorge, Israel sein Sohn, den er aus Egypten gerufen, Israel will er tragen bis ins Alter, immer handelt cs sich um das Volk, nicht um das einzelne Individuum. Hier mußte ein Wandel eintreten, als sich inne. halb des Volkes selbst jene Scheidung in Abtrünnige, die um äußerer Vorcheile willen den Glauben ihrer Väter Preisgaben, und in Gottesfürchtige, welche freudig Gut und Blut für die Heiligthümer ihres Volkes opferten, vollzog, wie sie schon in der Prophetie des großen Unbekannten des babylonischen Exils erkennbar ist: nicht das ganze Volk, sondern die Armen und Elenden sind das wahre Israel, welches in der Vollendungszeit zur Herrlichkeit gelangt, (Zeph. 3, 11 ff. Jes. 14, 30 ff.). Damit thut die alttestamentliche Religion einen Schritt vorwärts, auf einen Weg, dessen Ende der Gottesbegriff Christi bezeichnet. Stärker als das alte Testament hat man in neuer Zeit das Neue herangezogen und behauptet, daß dasselbe nicht nur allgemeine Grundsätze aufstellt, sondern daß aus demselben sich auch wirklich positive concrete Urtheile und Vorschriften für die Lösung der socialen Frage ableiten lassen. Es ist heute nicht meine Aufgabe, nachzuweisen wie diese Position nach allen Seiten unhaltbar ist, es bedarf ja auch nur eines eindringenden Nachdenkens über das Wesen des Reiches Gottes, des eigentlichen Kernes der Predigt Christi, um auch als Laie die Unrichtigkeit solcher Behauptung zu erkennen: was eben auf dem Boden des Alten Testaments, wo Jahrhunderte lang Religion und Staat zwei unzertrennbare Größen waren, möglich, ja nothwendig war, ist hier im neuen Bunde von selbst ausgeschlossen. Aber wenn auch von conereten positiven Vorschlägen keine Rede sein kann, wer wollte läugnen, daß das Evangelium vom Reiche Gottes socialen Gehalt im eminentesten Sinne hat, das dasselbe wie nichts anders fähig ist, den Boden^ zuzubereiten, auf dem eine Gesundung unsres Volkslebens sich vollziehen kann? Die Erkenntniß, daß mit wirthschaftlichen Maßnahmen allein nicht geholfen ist, sondern daß die Kraft und Tüchtigkeit eines Volkes sehr nothwendig durch die Gesundheit seiner Frömmigkeü bedingt ist, ist heute in weiten Kreisen unsres gebildeten Volkes anerkannt, und man stimmt mit ein in die Forderung, daß die Religion unserm Volke erhalten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.