Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 366 Orsterretchifchr Wochenschrift. Nr. 21 Präsident Freiherr von Suttner erstattete Bericht über die Bereinsthätigkeit. Hieran schloß sich eine lebhafte Debatte, in der Bezirks Ausschuß Wald stein sagte, daß die antisemitische Hetze Wien mehr geschädigt habe, als zwanzig Türkenbelagerungen; durch das antisemitische Treiben sind Budapest und Berlin aus Kosten von Wien emporgeblüht. Reichsritter v. Ki szl in g erklärt, daß es nothwendig sei, daß man unermüdlich dieser Schmach des Jahrhunderts in Wort und Schrift entgegentreten müsse. In gleichem Sinne sprachen die Herren Stork und Mandl. Bezirksausschuß Thyam meint, der Verein müsse dahin wirken, daß in den unteren Claffen austlärend gewirkt werde. Freiherr v. Leitend erg er charakterisirte die antisemitische Bewegung als einen Kampf gegen das Capital, die Intelligenz und den Fleiß. Zum Schluffe der Versammlung wurden die Neuwahlen vorgenommen und zum Präsidenten Arthur Gundaccar Freiherr °* Suttner, zu Vizepräsidenten GR. Dr. Eduard Uhl und Dr. Karl Reichsritter v. Kiszling, zu Schriftführern Major Gideon Günste und F. v. Zenker, zu Vorstandsmitgliedern Ludwig Hetsey, Magisttatsrath Dr. Ferd. Kronawetter, Generalmajor a. D., Eduard Mingazzi di Mondigliano, Reichsraths-Abgerodneter Professor Eduard Sueß, Reichsraths- AbgeordneterKarl Wrabetz, Gemeinderath Dr. Karl Zimmermann; ins Schiedsgericht Gemeinderath Franz Djörup, Reichsraths Abgeordneter Hofrath Wilhelm E xner, Gemeinderath Franz Frauenberger, Herr Bincenz Chiavacci und Gemeinderath Leopold Seiler gewählt. Wie«. Der Solocellist unserer Hofoper, Professor Joseph Sulz er, ist vor Kurzem von einer sehr erfolgreichen Concert- Tournee, welche er gemeinschaftlich mit dem bekannten Componisttn und Pianisten Herrn Eugenio Pirani unternommen hatte, zurnckgekehrt. In Constantinopel gaben die beiden Künstler ein Concert, welches von einem äußerst distingnirten Publikum besucht war. Ein zweites Concert, sowie eine Production vor dem Sultan mußte unterbleiben, da der Herrn Sulz er von der Hofoperl'direction bewilligte Urlaub abgelaufen war und der Künstler in Folge deffen nach Wien zurückkehren mußte. Ueber das Conc.rt in Constanttnopel. welches in der „Teutonia" stattfand, liegt uns folgender Bericht vor: „Herr Joseph Sulzer hat sein Auditorium bezaubert. Der wundervolle Ton seines Instrumentes ist von selten reicher Fülle, die in der Cantilene besonders zur Geltung kam. Jede einzelne Nummer war ein Meisterstück der Interpretation, und es ist erstaunlich, welch tiefen Eindruck Sulzer durch den überaus innigen Vortrag von Pergolese's .Nina' auf das Publikum zu machen verstand. Es ist keineswegs übertneben, wenn wir sagen, daß das Spiel Sulzer's durch und durch vollendet ist und daß dieser Künstler in Bezug auf die souveräne Beherrschung seines Instruments keinen Vergleich zu scheuen hat. Bielen und verdienten Beifall fand auch Herr Pirani ftir den eleganten Borttag einiger seiner ansprechenden Klavicr-Compositionen." Wien, 13. Mai. (Die Arbeiter und Dr. Lueger.) Im Dreher-Saale auf der Landstraße fand gestern eine Versammlung des politischen Vereins „Eintracht" statt, zu der sich Arbeiter in größerer Zahl einzefunden hatten. Doch verweigerten die Ordner Jedem nicht ganz Unverdächtigen den Eintritt »nd in der Versammlung kam es schon n: ch der Rede des Obmannes der Handelsgehilfen, Axmann, zu den lärmendsten Scenen. Axmann besprach nämlich die „soziale Zukunft' und richtete an die Arbeiter die Aufforderung, in einer „gut katholischen" genossenschaftlichen Organisation sich zu vereinigen. Ein Arbeiter, der Maurer Samsi n g er, meldete sich zum Wort. Die Herren von der „Eintracht" opponirten zwar und lärmten, aber Samsinger ließ sich riicht beirren und wies jede Gemeinschaft mit antisemitischen Tendenzen zurück. „Wir Arbeiter sind davon durchdrungen, daß nur wir seilst uns helfen können uckd Herr Lueger und Herr'Axmann bemühen s>ch vergebens. Sie Alle", sagte der Arbeiter, „werden sich noch uns anschließen". Auf diese Watte brachen die Antisemiten von Neuem in Rufe: „Frechheit! Herunter mit ihm!" aus. Der Lärm wurde noch größer, als ein zweiter Arbeiter sprechen wollte. Ruse: „Das is a Jud! Dös gibt's net!" schallte wirr durcheinander. Ein großer Theil »er Versammlung wieder verlangte auch für den Arbeiter Redefreiheit. Der Lärm UJucI'e immer wüster, einzelne Arbeiter wurden von den Antisemiten iusnltitt. Da bestieg Dr. Lueger die Tribüne, aber auch er konnte fick» eine Weile kein Gehör verschaffen; zornroth im Gesichte, schrie er endlich den Socialdemokraten zu: „Ist das der Dank, daß ich Euch hüteingelassen habe?" Neuer Lärm, Ruse: „Hoch Lueger!" Durch den Tmmrlt hörte man die Stiütme eines Arbeiters: „Genossen, verlassen wir den Saal!" Unter Absingung des „Liedes der Arbeit" zogen nun die Arbeiter ab. Dabei kaut es noch zu einigen Raufscenen. Inzwischen sprach Dr. Lueger weiter. Er sagte: „Die Arbeiter wissen augenscheinlich nicht, was er schon für sie gethan habe. Ueberhaupt scheinen diese Leute es darauf abgesehen zu haben, die Besttebungen der Kleingewerbetreibenden zu schädigen. Die Socialdemokaten sind ganz verjuoet und wir werden uns mit ihnen nicht mehr beschäftigen, so lange sie Juden als Dolmetsche gebrauchen. Diese Worte riefen stürmischen Beifall wach, dann schloß in später Stunde die Versammlung. Prag, 12. Mai. Das „Prager Abendblatt" meldet aus Pardubitz: Gestern kamen etwa fünfhundert Arbeiter nach Sescmitz, um bei den bevorstehenden Flußregulirungs arbeiten Beschäftigung zu suchen. Da diese Arbeiten noch nicht begonnen werden können, mußten die Arbeiter unverrichteter Sache abziehen. Sie begaben sich zum Bürgermeisteramte, wo sie Reisegeld verlangten. Als ihnen dies verweigert wurde, zogen sie in sichtlich erregter Stimmung zum Branntweinladen des Salomon Jpven, wo sie unentgeltlich Branntwein verlangten. Der Eigenthümer des Ladens schloß die Gewölbethüre, worauf mehrere Arbeiter einzudringen versuchten, was jedoch die Polizeiorgane verhinderten. Hierauf zog die Menge zu dem Krämerladen oer Eheleute Pollatschek, sechzig Personen drangen in denselben ein, zwyngen die Krämersleute, ihnen Branntwein, Taba?, Cigarren und Geld zu verabreichen und ergriffen, nachdem sie noch die im Locale befindlichen eisernen Schaufeln mitgenommen hatten, die Flucht. Dem Einschreiten der Ortspolizei und der über telegraphisches Ersuchen aus Pardubitz erschienenen Gendarmerie ist es zu danken, daß es zu keinen weiteren Ausschreitungen kam. Die Rädelsführer befinden sich in Haft. Graz, 11. Mai. Der antisemitische Finanzweise Professor Schlesinger hat bekanntlich sein Project für Tilgung d.er Staatsschulden Oesterreichs und seine auf Nichteinführung der Goldwährung abzielende „Resolution" allen Gemeinden zugeschickt, um sie zu Petitionen in diesem Sinne zu veranlassen. Im Grazer Gemeinderathe referirte gestern Director v. Schmidt über dieses Ansinnen Schlesinger's und sagte: „Herr Abgeordneter Schlesinger ist Professor an der Hochschule für Bodeucultur uns hat sich bisher durch Vorträge über den Raum und über die Unsterblichkeit der Seele bemerkbar gemacht, welche Vorträge durch ihre Unverständlichkeit einen gewissen Ruf erworben haben. Seit nun Professor Schlesinger Reichsraths-Abgeordneter ist, hat er sich auch ans finanzielle Studien geworfen." Der Stadtrath hatte ein Gutachten der Handelskammer eingeholt und diese äußerte: „Schlesinger ist ein Mitglied der Reichsvertretung, des Wortes mächtig uns Mitglied einer rührigen Partei; möge es ihm überlassen sei:,, seine Ansichten im Neichsratye zu vertreten." Ohne Debatte ging der Grazer Gemeinderath über die krausen Vorschläge des antisemitischen Finanzgenies zur Tagesordnung über. Daß doch Niemand — ausgenommen etwa das „Volksblatt" Bergani's — die erleuchteten Finanzwursteleien Schlesinger's ernst nehmen will! Berlin. Das Oberverwaltungsgericht hat über die Frage der Heranziehung zu Synagogenbeiträgen entschieden. Der Rentier L., welcher im Jahre 1891 von Hamburg nach Berlin übersiedelt war und hier zu den Abgaben der jüdischen Gemeinde für das vierte Quartal 1891 herangezogen wurde, klagte nach fruchtlosem Einspruch auf Freilassung von der Abgabe, weil er seit mehreren Jahren bereits beitragspflichtiges Mitglied der israelitischen Synagogengemeinde (Adass Jisroel) sei und in zwei Gemeinden beizutragen nicht verpflichtet sein könne. Gegen das abweisende Urtheil des Bezirksausschusses zu Berlin legte L. Berufung ein und machte noch geltend, daß er Hamburger Unterthan sei, da er seine dortige Staatsangehörigkeit weder aufgegeben noch die preußische erworben habe. Das Oberverwaltungsgericht (II. Senat) erkannte am 5. April cr. aus Bestätigung der Vorentscheidung, indem es begründend ausführte: Nach § 1 des Statuts für die Berliner jüdische Gemeinde vom 23. Mai 31 August 1830 seien Mitglieder derselben alle innerhalb des Communalbezirks Berlin und den zum weiteren Bezirke des Berliner Polizeipräsidiums gehörigen Ortschaften wohnhaften Juden. Da der Kläger innerhalb dieses Bezirks wohne, gehöre er auch der beklagten Gemeinde an und sei in derselben steuerpflichtig. Auf die Frage der Staatsangehörigkeit komme es dabei gar nicht an. Ebenso wenig sei es von Erheblichkeit, ob Kläger thatsächlich, wie er behaupte, Mitglied der Gemeinde Adaß-Jsroel sei. Wenn er dieserhalb der allgemeinen jüdischen Gemeinde nicht hätte beitteten wollen, so Hätte er das bei seinem Umzuge nach Berlin ausdrücklich erklären müssen. Fceiburg im Breisgau. In Freiburg im Breisgau wurde der ehemalige Landtagsabgeordnete Gsell von der Strafkammer wegen Sittlichkeitsverbrechens zu 32 Monaten Gefängniß und 3 Jahren Ehrverlust verurtheilt. — Ferner wird gemeldet: Nachdem erst vor einigen Monaten ein katholischer Pfarrer im Kanton Metz wegen Sitttichkeitsver- /