Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 21 Drstrrretchlschr Wochensttzrist. Sette 367 brechen zu vierjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden ist, wurde am Mittwoch wieder ein Weltgeistlicher wegen des gleichen Vergehens aus dem Kanton Berny in das Untersuchung»- gefängniß nach Metz gebracht. Im Kanton Delme schwebt schon seit einiger Zeit eine ähnliche Untersuchung, doch ist der Angeklagte, obgleich snspendirt, noch auf freiem Fuße. Wie würde es nun den reinen „Ariern" gefallen, wenn die „Semiten" _ aus solchen beklagenswerthen Vorkommnissen einen Rückschlüß zögen auf die sittliche Verwahrlosung der arischen Christen? Sie würden mit Recht einwenden, daß dies unzulässig sei, daß man fürdie Missethaten eines Einzelnen nimmermehr eine Gesammtheit von Personen verantwortlich machen dürfe. Die Antisemiten freilich thun das. Hamburg, 9. Mai. Im israelitischen Tempel fand gestern die Gedenkfeier an den großen Brand in festlicher Weise statt. Der gesammte Vorstand, alle Repräsentanten des Tempelverbandes, zahlreiche Ehrengäste aus der deutsch-israelitischen, portugiesischen Gemeinde und viele Christen waren erschienen, um in dem hell erleuchteten, schönen Gotteshause, das bis auf den letzten Platz gefüllt war, andächtig zu sein. Der e-ste Prediger Herr Dr. Leim dürfe r, bestieg nach dem Bortrage von Psalmen npd einem herrlich executirten Chorgesang des Tempelchores unter Leitung des Herrn Musikdirectors Mehrkens die Kanzel und sprach in meisterhafter, gediegener Rede über das Psalmwort: „Ich danke dir Gott, das du mich gedemüthigt hast". Er habe, sagte der Redner, Maiblüthen gepflückt auf den Ruinen des Brandes, die er seiner Gemeinde zum Dufte heute anbiete. Gottes Deinüthigung habe diese Blüthen groß gezogen, das Unglück lehrt nämlich beten'und Gott anrufen. Ferner predigte es Liebe in ganz Europa und weckte Empfindung der Hilfebedürftigkeit und Milde der Menschen. Das Feuer zersetze, aber es verbinde auch. Dann aber lehrte die Deinüthigung Hamburg auch die S e l b sthülfe durch Fleiß und Arbeit und endlich folgte dem Unglück eine Verfassung der Gerechtigkeit und Humanität, der Gleichberechtigung cüler Confessionen. An der Weisheit und Gerechtigkeit des hiesigen Senats und dem gesunden Sinn der hamburgischen Bevölkerung pralle ab der giftige Pfeil der „Schmach des Jahrhunderts", wie Kaiser Friedrich den Antisemitismus genannt habe. Nach einem Appell an den Patriotismus seiner Glaubensgenossen folgte ein in Form und Inhalt classisches Gebet für Kaiser und Reich, Hamburg, seinen hohen Senat und Bürgerschaft, worauf alle Vorsteher und Ehrengäste sich zur Loge des Festredners begaben, um ihn beglückwünschend, zu danken für den außerordentlichen Eindruck seiner hinreißenden Worte, welche, wie wir hören, demnächst auf Wunsch in Druck erscheinen sollen. Paris, 16. Mai. Marquis Mores und Schriftsteller D r u m o n t veranstalteten Samstag Abends ein Protest- Meeting gegen die Bangue de France. Beide hielte» Reden, worin sie die jüdischen Bankiers angriffen und verlangtet!, daß Baron Rothschild seiner Functionen als Bankregent enthoben werde. Municipalrath Rouanet erklärte hierauf, das hat mit der Religion nichts zu thun. Wenn ich gegen das Monopol der Rothschild bin, bin ich auch gegen das Grundbesitzmonopol der Herzogin d'Uzes. Diese Worte riefen in der Versammlung, wo das boulangistische Element zahlreich vertreten war, einen unbeschreiblichen Lärm hervor. Rouanet wollte tveitersprechen, wurde aber beschimpft, worauf er rief: „Ich sprach ohne Parteinahme; befinde ich mich Franzosen gegenüber?" Der Redner, der bisher unbeweglich auf der Tribüne stand, wurde nunmehr thätlich bedroht und mußte sich unter dem Schutze Einiger, die für ihn intervenirten, zurückziehen. Die Versammlung nahm hieraus eine Tagesordnung gegen das Bankprivilegium an. Vmmjsclrtes. Wien. (Trauungen.) Am 15. Mai wurden im israel. Tempel der Leopoldstadt nachstehende Paare getraut: Herr Alfred Frankl mit Frl. Jenny Pappenheim; Herr Dr. Emanuel Werner mit Frl. Jenny Breitner; Herr Guido Kantor mit Frl. Jenny Kohn; Herr Emanuel Deiches mit Frl. Amalia Mahler; Herr Adolf Mahler mit Frl. Gusti Deiches; Herr Dr. Wladimir Elbogen mit Frl. Rosa Bauer; Herr Moritz Heinrich Grün mit Frl. Ernestine Friedmann; Herr Benjamin Wolf Schlesinger mit Frl. Klara Tumim; Herr Wilhelm Ellbogen mit Frl. Gisela Recht. Im Tempel der Seitenstettengaffe wurden getraut: Herr Isidor Neubauer mit Frl. Mathilde Spitzer; Herr^Dr. Franz Schmitz mit Frl. Charlotte Nassau; Herr Albert Stein mit Frl. Helene Weiß; Herr Adolf Reicht mit Frl. Fried. Strauß; Herr Moritz Heller mit Frl. Henriette Jaiteles. Am 10. Mai hat die Trauung des Herrn Emil^Dub mit Frl. Cornelia Zweig, und am 12. die deS Herrn Adolf Fürth mit Frl. Helene Dub stattgefunden. Wien. (Gastpredigt). Samstag, den 21. d. M. wird Dr. Goitein, Rabbiner in Nachod, 9 Uhr Vormittags im Tempel der Leopold stad t und um 3 Uhr Nachmittags im Tempel der inneren Stadt eine Gastpredigt halten. Herr Dr. Zimmel» hat aus Rücksicht für seine Gemeinde die Einladung abgelehnt. Wien. Der Cnltusvorstand hat dem Buchhalter Herrn Josef Schiff den Titel „Oberbuchhalter" verliehen. Wien. (Schlaganfall.) Samstag am 14. Mai l. I. ist hier in Wien der Schriftsteller Arthur S. Weißmann einem Schlaganfall erlegen. Der Verstorbene hat sich in verschiedenen Arten der Schriftstellerei versucht, leider nie in der besten. Er redigirte nach einander eine „Wissenschaftliche Monatsschrift", dann ein Blatt „Der Beobachter" und wem je diese Preßerzeugnisse zu Gesicht gekommen, der wird begreifen, daß Weißmann schließlich von allen Seiten gemieden wurde. Er war indessen nicht so schlecht, als die gewünscht haben, denen er als Werkzeug hatte dienen sollen. Die letzten Monate verbrachte er in großer Armuth, er litt oft Hunger und es heißt, daß er in Folge davon dm Schlaganfall erlitt. Wien. (B e r t ef> t i g lt u g). Qtt'terreichisch-israAitische Union. In unserem Berichte über die am 26 April d. I. stattgefundene Generalversammlung dieses Vereines wurde bei Anführung derjenigen Herren, die im abgelaufeueu Bereinsjahr Vorträge hielten^ der Name des Cultusvorstehers, Architekten Max Fleischer übersehen. Wir bedauern dies um so mehr, als der formvollendete Vortrag dieses hervorragenden Fachmannes sich des lebhaften Beifalles seitens der zahlreichen Versammlung erfreute. Wien (Ein nachahmenswertstes Testament). Vor etwa einer Woche starb hier der Besitzer der bekannten Gnmnifabrik in der Dreilaufergasse, Herr Wilhelm Nagel. Der Verstorbene hat in überaus fürsorglicher Weise seiner Arbeiterschaft gedacht. In seinem letzten Willen verfügte er, daß jeder seiner Arbeiterinnen, etwa vierzig an der Zahl, nach seinem Tode der vierfache Wochenlohn ausbezahlt werde. Ueberdies soll jeder Arbeiterin der Stoff zu einem schwarzen Kleide gegeben werden. Die Testamentsvollstrecker haben selbstverständlich den Willen des verstorbenen edelmüthigen Fabriksherrn geehrt und erhielt jede Arbeiterin am letzten Samstage den Betrag von 30 Gulden ausbezahlt. Erwähnt soll noch werden, daß die Arbeiter des großherzigen Testators ausschließlich Christen sind. Wien. Der jüdische Wohlthätigkeitssinn ist erfinderisch in neuen Quellen für seine Zwecke. So hat das Curatoriuin des israelitischen Blinden-Jnstitutes in Wien eine Einführung gesoffen, die ganz geeignet ist, diesem Institute jährlich «ine hübsche Summe als außerordentliche Einnahme zuzuführen. Es ist dies die Einführung der Sparkörbchen in den Häusern, wodurch die Kinder zum Wohlthun angeregt werden. Der uns vorliegende Bericht über die durch Sparkörbchen _ erzielten Einnahmen im Jahre 1891 weist eine Summe von fl. 5607 31 auf. Es gebührt dafür in erster Linie der Dank den Damen im Curatorium: Cäcilie Adler, Fanny Bacher und Amalie Benedikt, dann aber auch allen jenen Damen, welche sich der Mühe unterzogen haben, persönlich Sparkörbchen zu vertheilen und deren Inhalt einzukaffiren. Möge das „goldene Herz" der Wiener jüdischen Frauen, also der Güte in ^er dritten Potenz, dieses Blinden-Jnstitutes stets in warmer Theilnahme gedenken, um den Aermsten der Armen, den Blinden, eine lichte Zukunft zu bereiten. E. B. Wien (Internationale Musik- und Theater« Ausstellung.). Anläßlich des am 16. d. M. erfolgten Besuches Ihrer Majestät der Kaiserin in der Internationalen Musik- und Theater-Ausstellung wurde die Allerhöchste Frau vom Chef- Architekten Marmore! ehrerbietigst empfangen und vom Letzteren durch die Ausstellungsräume nahezu durch 2 Stunden geleitet. Ihre Majestät äußerte den Wunsch, unerkannt zu bleiben, um Ihre Muß? ganz der Besichtigung und dem Studium der Ausstellungsobjecte widmen zu können. Thatsächlich konnte das Jncognito auch gewahr; werden und das anwesend gewesene zahlreiche Publikum wurde erst Tags darauf aus den Zeitungen gewahr, welch' illustren Gast die Ausstellung beherbergte. Ihre Majestät d mkH Herrn Marmorek beim Berlasien der Ausstellung in huldvollster Weise und sprach sich über das Gesehene in anerkennendsten Worten aus. E. B. Wien. (Ein freiherrlicher Antisemit.) Ab-