Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 363 Oesterreichischr Wochrnschrifl. Nr. 31 Sabbathjahres Lev. 35,1 ff. zusammengestellt, aber weder findet sich hier diese Bezeichnung, noch ist von einem Sabbath des Landes die Rede, ebensowenig handelt es sich hier um ein zu ein- und derselben Zeit im ganzen Lande zu beobachtendes, sondem um ein bei den einzelnen Grundstücken in verschiedene Zeiten fallendes Brachjahr. Das Gesetz ist demnach analog dem eben erwähnten Sclavengesetz, bei welchem es sich zweifellos nicht um ein festes, für das ganze Volk giltiges Freijahr handelt, sondern um das für den einzelnen Israeliten nach sechsjährigem Dienst eintretende. So angesehen, ist das Gesetz keineswegs praktisch undurchführbar, vielmehr handelt es sich um eine für die Fruchtbarkeit des Landes zweckmäßige Einrichtung, wie sie ja auch bei uns bis vor nicht langer Zeit im landwirthschastlichen Betrieb üblich war, nur daß der Gesetzgeber nicht diese Seite heraushebt, sondern den humanen Gesichtspunkt: zu Gunsten der Äraren wird das Nutznießungsrecht des Besitzers beschränkt. Besonders erfolgreich sind diese Bestimmungen des Bundesbuchenicht gewesen, einerseits scheiterte ihre Durchführung an dem Egoismus der Besttzmden, wie das in Bezug auf das Sclavenrecht aus Jer. 34 wahrscheinlich wird, andererseits waren sie doch nicht ausreichend, um die vorhandenen socialen Schwierigkeiten zu heben; namentlich aus den Schriften der Propheten, welche ein offenes Auge für alle, auch die socialen Schäden ihrer Zeit hatten, erkennen wir deutlich den immer weiter um sich greifenden Zersetzungsproceß. Die Zeiten halten sich eben gewaltig geändert. War Israel früher ein um seine Existenz ringendes Volk, welches kein höheres Glück kannte, als im Frieden unter seinem Weinstock und Feigenbaum zu sitzen, so wird es jetzt häufig genug in politische Händel verwickelt, und seine Fürsten strebten bald danach, in Großmachtsdünkel es anderen orientalischen Herrschern gleichzuthun und auch deren Regierungsgrundsätze sich anzueignen. Die Größe dieser Mißwirthschaft mit ihren socialen Folgen können wir nicht nur aus den Ereigniffen, nach dem Tode Salomo's erschließen, wir haben auch höchst inftructive Documente, welche den gewaltige» Umschwung der Stimmung in gewissen Kreisen, besonders des nördlichen Reiches, dem Königthum gegenüber beweisen. Einst aus der Noth der Zeit herausgeboren und als letzter Rettungsanker in den Tagen politischer Ohnmacht und Zerklüftung mit Freuden begrüßt, ja selbst von einem Manne wie Samuel willkommen geheißen, wurde das Königthum jetzt als gegen Adonai's Willen verstoßend und aus leichffertiger Auflehnung gegen ihn hervorgegangen dargestellt, und was eine spätere Zeit an Vergewaltigung und Mißwirtschaft seitens der Fürsten erfahren, das wird dem Samuel in den Mund gelegt: „Eure Söhne wird er nehmen, um sie bei seinen Wagen und Rossen zu verwenden, und damit sie sein Ackerland pflügen und seine Ernte einbringen; eure Töchter wird er holen, damit sie ihm Salben bereiten, kochen und backen; von euren Feldern, Weinbergen und Qelpstanzungen wird er die besten nehmen und sie seinen Beamten geben" u. s. f. (1. Sam. 6,11 ff.) Es mag sein, daß der Schriftsteller hier absichtlich grau in Grau malt; daß die Farben zu diesem Bilde aber nicht lediglich der Phantasie entnommen sind, zeigen Züge wie die Vergewaltigung des Naboth durch Ahab (1. Reg. 21) und vor allem die Rehen der Propheten, welche in unbestechlichem Wahcheitssinne und voll unbeugsamem Wahrheitsmuth, ihrer Zeit -ein Spiegelbild ihres Thuns und Treibens vor Augen stellen. Ein Amos ruft die heidnischen Großen zu Zeugen des Frevels der Palastbewohner in Samaria auf, die das Recht nicht zu thun verstehen und Schätze des Frevels und der Gewaltthat in ihren Palästen aufhäufen, die auf dm Armen herumtreten und die Stillen im Lande zu vernichten trachten (3, 9. 10. vgl. 4, 1. 5. 11. 8, 4), und noch viel tiefer sind die Schatten in dem Bilde, das Hosea uns von den Großen des Reiches zeichnet (vgl. c. 7). Mer auch im Süden' gab es Zeiten, in denen es nicht viel besser aussah. Jesajah ruft sein Wche über Juda's Führer, die zu Verführern intb Diebsgenoffen geworden sind (1, 33. 9, 15), die frevelnd Urtheil sprechen und ungerechte Beschlüsse fassen, um die Armen vom Gericht zu verdrängen, und den Leidenden im Volk das Recht zu rauben, 10, 1.3, die das Gute böse und das Böse gut nennen, die den Gerechten ihr Recht entziehen, den Gottlosen aber gegen Lohn lossprechm, 5, 20. 33, und in dem Bilde der Vollendungszeit eines ungenannten Propheten findet sich, offenbar als Gegensatz zu seiner Gegenwart, der charakteristische Zug: „Dann wird man den Gottlosm nicht mehr einen Edelmann und den Ränkeschmied nicht mehr einen Vornehmen nennen" (Jes. 32,5), und in ganz ähnlicher Art, offenbar unter dem Einstuß derselben Verhältnisse, schreibt ein anderer Prophet: „wer in Gerechtigkeit wandelt und redet was recht ist, wer Unrechten Gewinn verschmäht, wessen Hand sich wehret, Bestechung zu nehmen, wer sein Ohr verstopft, nicht den Blutrath zu hören, wer seine Augen verschließt, nicht das Unrecht zu schauen, der wohnet auf Höhen, Felsenburgen sind sein Schutz" (Jes. 33, 15 f.). r . crji Ci Nicht weniger als diese orientalische Palastwirthschast, die auch in Israel allmälig üblich wurde, trugen freilich auch die veränderten Lebensbedingungen des Volkes zu dieser socialen Umwälzung bei. In alter Zeit war Israel, wie gesagt, ausschließlich auf Ackerbau und Viehzucht angewiesen, der Handel aber lag völlig in den Händen der Kanaaniter, so daß der Name „Kanaaniter" geradezu zur Bezeichnung des Händlers wurde, daher waren auch die Kanaaniter in ihren Städten m Bezug aus Ueppigkeit des Lebensgenusses und Reichthum den Israeliten überlegen, die sich mit dem begnügen mußt n, was die eigene Scholle ihnen trug. Das änderte sich in demselben Maße, als die in den Städten sitzenden Kanaaniter von den Israeliten allmälig absorbirt wurden, und als die Israeliten in Concurrenz mit den an der Küste sitzenden Kanaamtern sich am gewinnreichen Handel beteiligten. Schon Salomo hatte damit begonnen, indem er in Gemeinschaft mit Hwam von Tyrus feine Schiffe nach Ophir sandte (1. Reg. 10, 11. 22) Josaphat hatte später diese Versuche erneuert (1. Reg. 22, 49), und selbst als durch den Verlust der Hafenstadt Elath Israel vom Meere abgeschnitten. war, hörte er doch nicht auf, am Handel sich zu betheiligen. Die Propheten erkannten bald die bedenklichen Folgen und beklagten sie: „Israel, Adonai Volk, ist zum Kenaan, zum Krämewolk geworden, das da spricht- Bin ich doch reich geworden, habe Wohlstand erlangt, alle meine Erwerbungen werden mir zu keiner Verschuldung gereichen, die Verbrechen waren", so ruft .Hosea (12. 8 f.) und ein Jesajah führt unter den Gründen, daß Jahve fern Volk verstoßen, neben den verschiedenen Formen des Götzendienstes auch den an. daß Juda's Land voll ist von Silber und Gold und kein Ende seiner Schätze (2, 6 f.), d. h. mit anderen Worten, daß das Geld allmälig zu einer Bedeutung gekommen ist, von der man bis dahin keine Ahnung hatte. Aus Stellen wie Am. 5, 11. 8. 4 erkennen wir, daß nicht nur der Land einwärts gehende Karawanenhandel es war, an dem Israel sich betheiligte, sondern daß sich auch ein Handel mit den eigenen Landesproducten bildete und sich namentlich Kornwucher entwickelte. Die kleinen Leute wurden abhängig von den Großhändlern, die oft in unbarmherziger Strenge die Schuldgesetze zur Anwendung brachten, die Zahl der Besitzlosen, ja der Schuldsklaven mehrte sich, jetzt traten die großen Latifundienbesitzer hervor, über die Jesajah sein Wche ries: „wche über die, die Haus an Haus reihen, Feld zu Feld schlagen, bis kein Raum mehr da ist, so daß ihr allein wohnen bleibet inmitten des Landes" (6, 6) und ganz ähnlich äußert'sich sein Zeitgenosse Mischa (2, 1 f). Hand in Hand mit dieser Verschiebung des Besitzes zu Gunsten Einzelner, mit dieser immer mehr zur Geltung kommenden Macht des Geldes, mit dem steigenden Einfluß der Städte gieng auch die Steigerung der Lebensgenüsse, ein Umsichgreifen von Ueppigkeit in den Kreisen der oberen Zehntausend, deren Gefahr für die Gesundheit des Volkes von den Propheten schnell erkannt und die als Bruch mit der Vergangenheit aufs energischste bekämpft wurde. Man baute sich jetzt Paläste aus Quadersteinen (Am. 5, 11, Jes. 9, 9), die innen mit Elfenbein getäfelt waren (Am. 3, 11. 1. Reg. 22, 39 Ps. 45. 9); kunstvoll gearbeitete (Hlm. 6, 4,) mit kostbaren 1