Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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I MMMß-JJB ■gpp Nr. S1 Vrstrrrrichifchr Wochrnschryt. Seite 359 erwiesen, die ihre Behauptungen Schritt für Schritt zurücknehmen mußten. Mit der Herrlichkeit der großen und der kleinen Ahlwardt's, der Spitzbuben jedes Calibers geht es zu Ende, auch ohne die polizeiliche Ausnutzung des Unfugparagraphen. Antisemitischer Thierschutz Die Spanier können in diesem Jahre nicht blos den vierhundertsten Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Columbus, sondern auch den der Vertreibung der Juden feiern. Es ist selbstverständlich, daß wir nicht ohne Schaudern und tiefes Mitleid an die Leiden der Vertriebenen denken und für die Austreiber keine Sympathie haben können. Und doch könnte man für letztere einige mildernde Umstände anführen. Bei Torquemada und anderen mittelalterlichen Judenverfolgern waren neben allerlei weltlichen Interessen und niedrigen Motiven auch echter religiöser Fanatismus wirksam. Ueberzeugt, daß alle Nichtchristen der ewigen Verdammniß verfallen seien, glaubten sie den Juden noch einen großen Dienst zu erweisen, wenn sie sie mit Feuer und Schwert, mit Qualen und Verfolgungen zur Annahme des Christenthums zu zwingen suchten. Man verbrannte die Körper der Juden, um Judenseelen vor dem ewigen Feuer zu retten. Man kann ein solches Verfahren selbst vom rein christlichen Standpunkte verdammen, aber man begreift es. Unbegreiflich ist es aber, wie eine christliche Negierung, welche die Juden nicht gewaltsam bekehren will, sie zwingen kann die Vorschriften ihrer Religion zu verletzen. Der fromme Christ ist überzeugt, daß man nur in seiner Religion seelig werden kann, der fromme Jude hat die gleiche Ueberzeugung von der seinigen und leidet seit mehr als zwei Jahrtausenden für diese Ueberzeugung. Das kleine Judenvolk hat seit dem Syrer Antiochus mehr Märtyrer gehabt als die vielen hundert Millionen Christen. Und alle diese Märtyrer fanden Muth und Trost in der Zuversicht auf den himmlischen Lohn. Wenn die fanatischen Verfolger im Mittelalter dem Juden diesen Trost nehmen wollten, so boten sie ihm dafür die Seeligkeit des christlichen Himmels; in unserem ungeheuer civilisirten, toleranten neunzehnten Jahrhundert will man dem Juden die christliche Seeligkeit nicht mehr aufzwingen, aber man zwingt ihn die Vorschriften seiner Religion zu übertreten. Der fromme Jude soll also auch auf. seinen jüdischen Himmel verzichten. Man will ihm nicht zum Christenthum, aber, beinahe hätte ich gesagt, zum Atheismus zwingen. Freilich greift man nicht gleich den Kern des Judenthums an, es sind nur rituelle Fragen, Kleinigkeiten nach Ansicht der Nichtjuden, zu deren Verletzung man zwingen will, aber wie kann denn Jemand entscheiden, was in einem fremden Glauben mehr oder minder wichtig ist. Hier handelt es sich nicht immer um bestimmte Vorschriften des strengen Gesetzes, sondern um durch Jahrhunderte lange Uebung lieb und beinahe heilig gewordene Riten und Gebräuche, deren Verletzung dem Frommen mitunter empfindlicher ist als die älteren und wichtigeren Vorschriften. Die Kirchenglocken sind gewiß kein integrirender Theil der christlichen Religion, sie sind erst im fünften Jahrhundert, in manchen Ländern viel später eingeführt worden und es galt doch als schwere Bedrückung der Christen, wenn ihnen deren Gebrauch in mohamedanischen Ländern nicht gestattet war. Und wenn es etwa dem Sultan jetzt einfiele das alte Verbot zu erneuern," in Anbetracht, daß das Glockengeklingel den Nerven seiner rechtgläubigen Unterthanen unerträglich sei, daß es die Kranken früh und spät im Schlafe störe, die frommen Ulema und Sophta bei ihren Studien belästige, in fernerer Erwägung, daß auch eine rituelle Gewohnheit keinen Anspruch auf Beachtung machen kann, wenn sie mit der auch den Schutz der Kranken und Studierenden umfassenden Moral im Widerspruch steht" das Läuten der Kirchenglocken zu verbieten — welch' einen Sturm würde das in ganz Europa erregen, wie würden die Botschafter aller Mächte den Sultan mit ihren Noten und Depeschen überlaufen! Gäbe er nicht nach, so würde wahrscheinlich eine russisch-französische Flotte vor Constantinopel erscheinen und mit dem Frieden Europas wäre es auf lange vorbei. Glücklicherweise ist der Sultan zu klug und zu tolerant, um solche Verbote zu erlassen und in der Türkei gibt es auch keine Amichristen oder Antiarier, welche zu dergleichen Maßregeln antreiben könnten. Aber das Königreich Sachsen gehört nicht zur Türkei und hat keine Demonstration der jüdischen Flotte vor der „großen Seestadt Leipzig" zu befürchten, aus bekannten Gründen. — So konnte denn die königlich sächsische Regierung einen Erlaß, beinahe hätte ich gesagt einen Ukas, herausgeben, demzufolge vom 1. October dieses Jahres an die Betäubung aller Schlachtthiere vor der Blutentziehung ohne Ausnahme stattfinden muß. Einer Vorstellung der israelitischen Gemeinden, welche von der Beobachtung dieser Verordnung bezüglich der zum Schächten bestimmten Thiere entbunden sein wollten, wurde von der Regierung nicht stattgegeben, da sowohl die Commission für das Veterinärwesen wie die Bezirksausschüsie und der Landesculturrath und unter anderen zu Gutachten aufgeforderten Körperschaften auch die Fleischerinnungen lebhaft gegen eine solche Ausnahmestellung der israelitischen Schächter protestirt hatten. Was der Landesculturrath und die christlichen Fleischer mit den jüdischen Religionsvorschriften zu thun haben, ist schwer erfindlich. Aber vielleicht holt die sächsische Regierung einmal auch ein Gutachten der Rabbiner ein, wenn es sich um Bekämpfung der Reblaus und des Borkenkäfers oder um ein neues Jagdgesetz handelt. Wie dem auch sei, sie lehnte die Vorstellung der jüdischen Gemeinden, ab mit der Motivirung, „daß auch eine rituelle Vorschrift oder eine rituelle Gewohnheit dann keinen Anspruch auf Beachtung machen kann, wenn sie mit der auch den Thierschutz umfassenden Moral im Widerspruch steht." Selbst nach dem Toleranzedicte des Kaiser Joseph H. vom Jahre 1781 war es den Protestanten in Oesterreich nicht gestattet bei ihren „Bethäuserii" Glocken, Thürme und öffentlichen Eingang von der Straße zu haben. Dieses Verbot ist in unserem Jahrhundert aufgehoben worden und die österreichische Regierung geht jetzt in der Schonung der religiösen Gefühle auch von Nichtchristen so weit, daß sie den mohamedanischen Soldaten des bosnischen Contingents die Kost nach den rituellen Vorschriften des Islam zubereiten läßt. In Sachsen geht man vor lauter Fortschritt um ein Jahrhundert zurück; vielleicht kommt man noch dazu die von Napoleon beim Posener Frieden vom 11. December 1806 (Art. 5) erzwungene Emancipation der Katholiken wieder aufzuheben (*). Doch ich thue den sächsischen Fortschritts- und Thierfreunden vielleicht Unrecht. Der Beamte, der das die Schlachtung bettestende Gutachten verfaßte, bekennt sich vielleicht zu dem neueftens Mode gewordenen Buddhismus und glaubt mit dem großen Philosophen Schopenhauer an die Seelenwanderung. Da mag er vielleicht fürchten bei seiner nächsten Wiedergeburt als Ochse auf Erden zu wandern und will sich einen schmerzlosen (?) Tod sichern. Nun, wenn er wirklich als Rindvieh wiedergeboren wird, kann es ihm gelingen, selbst wenn er das Unglück haben sollte, in die Hände eines Mischen Schächters zu gerathen und anstatt von guten christlichen Ariern, horribile dictu von Semiten verspeist zu werden. ’) L’exercice du culte catholique sera, dans la totalit6 du royanme de Laxe, pleinememt asaimilg & l’exercice du culte lutherien, et les sujets des deux rdligions jouiront, saus restriction, des m&nes droits civils et politiques, S. M. l’empereur et roi faisant une condition particuliäre de cet objet. |Trait6 de paix entre 8. M. l’empereur des Francais roi d’Italie et 8. A. 8. l’electeur de Laxe; sign6 ä Posen le llt Decembre 1806.) Auch den Juden Hai die französische Herrschaft in Deutschland manche Erleichterung gebracht, die aber nach Wiederherstellung der früheren Regierungen zum Theil wieder verloren ging, während den Katholiken in Sachsen die Gleichstellung erhalten blieb.