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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-20 · 21 (20.5.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
21 (20.5.1892)
Date
1892-05-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 358 Oestrrrrktzisrhr Wochrnfchrtfk. Nr. 31 Missionäre, und mit ihrer tatkräftigen Hilfe^gelang es Mwanga, die Araber wieder zu vertreibm und die Zügel der Regierung wieder in die Hände zu bekommen." Die Engländer haben begreiflicher Weise diesem Treiben nicht ruhig und thatenlos zuschauen können, sie occupirten das ganze Gebiet, verjagten den famosen König Mwanga; die katholischen Missionäre wurden in Gefangenschaft gesetzt. „Der englische Capitän William ließ mit Maximkanonen ganze Haufen katholischer Frauen und Kinder zusammenschießen. Hunderte von katholischen Bugandas wurden von protestantischen Eingeborenen gefangengenommen und wurden als Sclaven behandelt." Von der Procuratur der „Weißen Väter" in Zansibar sind in Rom über diese Vorgänge Berichte eingelaufen, welche über die civilisatorischen Wirkungen des Christenthums zum Nachdenken Anlaß bieten. Ueber diese „Ritualmorde" in Uganda schweigen die antisemitischen Blätter, chre Aufmerksamkeit wird gefesielt von dem jüdischen Lumpensammler in Makriken, die vatikanischen Blätter chäten aber besser über die geheimen Ursachen der Ermordung des anglikanischen Bischofs Hannington die Welt aufzuklären, als „jüdische Ritualmorde" zu erdichten. Berliner Eindrücke. (Original-Coirespondenz der Oesterr. Wochenschrift.) Berlin, 15. Mai. Es ist die zehnte Abendstunde. „Unter den Linden" und durch die Friedrichsstraße braust und brandet der Strom der Weltstadt. Electrische Sonnen beleuchten taghell die Scenerie, aus den eleganten Läden fluthet das milde Glühlicht über das spiegelblanke Asphaltpflaster, auf dem sich eine lachende, plaudernde, witzelnde Menge'in geschäftiger Muße drängt. — Plötzlich dringt mißtöniges Geschrei aus heiseren Kehlen an unser Ohr; scharf und schneidig, wie die Klinge eines Messers ist jedes Wort und unsäglich roh der Grundton des Spottes und Hohnes, mit dem es gesprochen wird. Fünf, zehn, zwanzig Männer stehen an der Kreuzung der Friedrichsstraße und der „Linden" und in der Passage des Panoramas, und im Chaos rufen sie: „Die Jüdenflinten — schießen von vorn und ooch von hinten!" Es ist das neueste Erzeugniß der Ahlwardt'- schen Feder, das hier öffentlich feilgeboten wird. Mit ftechem Lachen drängen die Colporteure die Schmähschrift den Vorübergehenden auf; halbwüchsige Jungens, der Hefe der Bevölkerung angehörend, sammeln sich um sie und begleiten ihre Ausrufe mit Beschimpfungen gegen die Juden. Und noch weit hin, bis zur Ecke der Leipzigerstraße, in welcher die Gesetze zum Wohle des deutschen Volkes gemacht werden, tönt der Ruf durch die Helle Nacht: „Kauft Jüdenflinten — schießen von vorn und ooch von hinten!" — Das ist eine kleine Probe reichsdeutscher Freiheit. Die Colportage ist gesetzlich gestattet und das objective Verfahren, die Confiscation ohne persönliche Anklage, ist hier nicht in Uebung. Die neueste Broschüre des „Rectors aller Deutschen", in welcher der jüdischen Firma Ludwig Löwe vorgeworfen wird, daß sie der Kriegsverwaltung schlechte Gewehre geliefert und dafür einen exorbitant hohen Gewinn eingesackt habe, darf ohne wetters öffentlich feilgeboten werden. Wenn Herr Löwe sich in seiner Ehre verletzt fühlt, mag er den Angreifer gerichtlich verfolgen. Das ist in voller Ordnung, dagegen ist vom Standpunkte der bürgerlichen Freiheit nicht das Geringste einzuwenden. Die Art der Feilbietung aber ist ein unerhörter Skandal. Allabendlich spielen sich dabei die widerlichsten Straß-nscenen ab und die Ausrufe der Colporteure sind fütf den Mob das Stichwort zu den schamlosesten Hetzereien gegen die Juden. Diesem gröblichen Unfug könnte sehr wohl durch die Anwendung des bekannten Unfug-Paragraphen unseres Strafgesetzes gesteuert werden- Thatsächlich bedient sich die Polizei auch häufig dieses Paragraphen bei ähnlichen Anlässen, wenn es sich um irgend ein steisinniges, ihr unbequemes Preßerzeugniß handelt. Die Juden aber sind dem öffentlichen Hohne preisgegeben, zu ihren Gunsten ist der Unfug-Paragraph nicht vorhanden. So empfängt denn der Fremde, der Nachts durch die vornehmsten Stadttheile wandelt, einen ganz eigenartigen Begriff von der Cultur der Spree-Athener und des deutschen Volles. Die Colporteure aber sprechen in ihrem brutalen Witz nur allzu wahr. Ja, Ahlwardt's „Judenflinten" schießen nicht nur nach vorn auf die Juden, sie schießen auch nach hinten auf das deutsche Volk und auf die Regierung des deutschen Reiches. Und die Schüsse nach hinten richten eine viel größere Verheerung an, als jene nach vorne. — Ehren-Ahlwardt macht übrigens nur noch auf der Straße Sensation; in den Vereinen und Versammlungen hat er seine Rolle ausgespielt und wie welkes Herbstlaub fallen seine Anhänger von ihm ab. Der Antisemitismus der deutschen Reichshauptstadt rekrutirt sich aus ganz anderen Elementen als jener in Wien. Dort verfolgt er als eine Hilfsströmung des Clericalismus zum großen Theile politische Ziele, hier bei uns ist er nichts anderes als die letzte Zuflucht des gesellschaftlichen Auswurfes, eine Zuchtanstalt für die gefährlichsten Verbrecher gegen das Eigenthum, das hat der Fall des antisemitischen Rechtsanwaltes Dr. Stein wieder einmal mit aller Klarheit bewiesen. Dr. Stein war lange Zeit ein hervorragender Führer der antisemitischen Bewegung. Die schlaue Berechnung aber, daß er sich als solcher eine lucrative Clientel werde verschaffen können, schlug fehl. In eingeweihten Kreisen munkelte man schon längst von bedenklichen Geschäften und Transactionen, die von der Kanzlei des genannten Rechtsanwalts durchgesührt wurden und von verzweifelten Versuchen desselben, der seit Langen! drohenden kriminalcn Verfolgung zu entrinnen. Vor einigen Wochen nahm Dr. Stein an sich eine Operation auf Leben und Tod vor. Er veröffentlichte eine geharnischte Absage an seine bisherigen Gesinnungsgenossen, deren schmachvolle Buschklepperei er offen aufdeckt. Die Flugschrift Dr. Steins hat die Berliner Antisemiten als eine Bande räuberischer Strolche gebrandmarkt, dem Ueberläufer aber ist der erhoffte Lohn nicht zutheil geworden. Dr. Stein hatte erwartet, daß die liberale Partei ihvl zum Danke für seinen Venath dem Zuchlhause entteissen werde; diese aber hat wohl daran gethan, den Ehrenmann seinem verdienten Schicksale zu überlassen. So ist denn der Rechtsanwalt Dr. Stein vor einigen Tagen wegen Vertrauensmißbrauches,d.h. wegen Unterschlagung anvertrauterDepotsund anderer niedlichen Verbrechen verhaftet worden. Wieder Einer! Der Fall ist typisch für die ganze lärmende Koiybantenschaar. Die letzte Station ist immer und immer wieder das Zuchthaus. Unter solchen Umständen ist es wohl erklärlich, daß auch bei uns der conservativcn Partei, selbst dem Flügel der „Kreuzzeitung", vor der aufgezwungencn Bundesgenossenschaft dieses Gesindels bange zu werden beginnt und daß sie bestrebt ist, dasselbe von sich abzuschütteln. Ob ihr das gelingen wird, bleibt abzuwarten. Im Herbste soll ein neues Blatt konservativer Richtung erscheinen, das die „Kreuzzettung" bekämpfen und gegen den Antisemitismus Stellung nehmen will. Es wird in diesem Bestreben vom Staatsanwalte eiftigst unterstützt, der wohl oder übel fürchterliche Mustenmg unter den Wortführern des Antisemitismus halten muß. Er ist dabei glücklicher als in dem Proceß Polke, der mit einem großen Mißerfolge der Anklagebehörde enden wird. Polke war ein jüdischer Börsenmakler, der den kleinen Rentiers in der Provinz im Briefkasten seines Blattes mehr oder minder begründete Rathschläge zu Speculationszwecken ertheilte. In manchen Fällen ttafcn seine Vorhersagungen zu, in vielen dagegen verloren die Leute ihr Geld und die Staatsbehörde klagte auf Grund mehrerer Anzeigen den Mann des Bettuges an. Die antisemitische Hetzpresse hat sich selbstverständlich des Falles mit Feuereifer bemächtigt. Die Ergebnisse der Verhandlung aber zwangen den Staatsanwalt zum Rückzuge, denn es stellte sich heraus, daß Polke für den Erfolg seiner Rathschläge Niemanden gegenüber Gewähr geleistet hatte. Herr Polke ist freilich nicht das Muster eines reinlichen Menschen, die Zeugen aber, deren ursprüngliche Aussage für seine Verhaftung maßgebend war und die dabei antisemitischen Einflüsterungen gefolgt waren, haben sich als vollendete Gauner

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