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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-13 · 20 (13.5.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
20 (13.5.1892)
Date
1892-05-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Hr. 26 Oestrrrrichtfche Wochenschrift Zeite 353 ' Proßnitz. (Bücherschau.) Von Fräulein Sophie H'o.fs, Tochter des Bezirksräbbiners und Predigers Herrn Tr. Hoff in Proßnitz ist unter dem Titel „Gesammelte Novellen und Erzählungen" ein Büchlein (Prag, 1892) erschienen, dessen Lectüre Allen zn empfehlen ist, welche sich an natürlichen, klaren, urwüchsigen Schilderungen von Menschen. Land und Sitten erfreuen. Fräul. Hoff hat ihr jüngstes schriftstellerisches Product der Frau Nina Singer, Ehrenpräsidentin des israelitischen Frauen-Wohlthätigkeits-Vereines hier und Mutter unseres verdienstvollen Cultusvorstehers Hern: Josef Singer, gewidmet. Proßnitz. (Wohlthätigkeitsact.) Frau Nanette Kussner, eine geborene Proßnitzerin, Witwe nach dem verewigten Brauhausbesitzer I. Kuffner in Ottakring, spendete in pietätvoller Erinnerung an dem Sterbetage ihres Gatten den ansehnlichen Betrag von 100 Gulden für Arme der israel. Gemeinde Proßnitz. Berlin 4. Mai. Bor einem zahlreichen Publikum hielt gestern Frau Nahida Remy den bereits angekündigten zweiten Bortrag über das „Gebet im Talmud". Waren es an und für sich schon interessante Culturbilder, die sie aus der Talmndwelt vorführte, so bildete der ganze Zuhörerkreis ein Culturbild inimce. Eine christliche Frau hält vor einem jüdischen Publicum (Professoren und Rabbiner) eine Borlesung über den Talmud. Das allein verdient schon in einem jüdischen Blatte registrirt zu werden. Paris Eine interessante Thatsache ist einem Berichte des „Matin" zu entnehmen, über einen Vertrag, der von einem französischen Forschungsreisenden M. Viard mit dem Könige der Egbas am mittleren Niger abgeschlossen wurde. Einer der Zeugen, welche bei Fertigung des Vertrages zugegen waren, heißt Jsak Nathan und bezeichnet sich selbst als Schulmeister zu Aberkonta. Feuilleton. Ein deutsch-nationaler Skudentenstreich. Ich erdichte nichts, ich übertreibe nichts; so hat es sich zugeiragen, wie ich es hier erzähle. Ein jüdisches Mädchen — sie hatte nichts Jüdisches im Namen, denn sie hieß Maria, und auch nichts Jüdisches in ihrer Physiognomie, aber man erkannte sie doch gleich als Jüdin an dem Ernst auf ihrem Gesichte — wohnte in einem Hoscabinete im vierten Stock eines großen Hauses in unserem Studentenviertel. Sie miethete sich hier ein, um nahe ihren Kunden zu sein, denn ihre Beschäftigung bestand im Kunststicken und sie hatte immer nur mit eleganten Damen zu thun, die in den Palais der Ringstraße zu Hause sind. Sv brauchte sie nicht halbe Tage zu versäumen, um neue Arbeit zu holen, oder die fertige abznliefern, wie dies der Fall gewesen wäre, meint sie in einem-der ärmeren und kuttcgeneren Viertel gewohnt hätte. Dieses Haus war antisemitisch verseucht, denn es war gespickt mit deutsch-nationalen Studenten, und das Jndenmädchen in diesem Hause wurde von allen Bewohnern desselben scheel angesehen. Insbesondere waren die Studenten ihr aufsässig, denn sie sah sich auf Niemanden um, sie arbeitete von früh bis spät und verließ mir selten ihr Kämmerchen Maria gehörte zu jenen unglücklichen Geschöpfen, die man früher int Judenlhume nicht kannte — sie war ein verblühtes Mädchen. Die jüdische Cardinaltugend, arme Mädchen unter die Haube zu bringen, ist vergessen, in Wien allein befinden sich nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung bei fiinfzehnhundert jüdische Mädchen über fünfundzwanzig Jahre. Fünfzehnhundert jüdische Mädchen führen ein zweckloses Dasein und ertragen ein Martyrium, wie es nicht grausamer sein kann, denn sie müssen alle Regungen des Herzens und die natürlichsten Triebe unterdrücken. Arme Christenmädchen, die nicht heirathen können, helfen sich — sie gehen eine wilde Ehe ein, leben mit ihren Geliebten im Concubinatc. Unter Juden gibt's keine wilden Ehen, keine Concubinate; wenn jüdische Mädchen nicht auf legalem Weg zu einem Manne kommen, ist ihr Loos Entsagung, sterben sie für die Welt und ihre Genüße. Maria war nicht häßlich, aber sie war eine Waise und ohne Verwandte und arm, daß sie von Jugend auf dienen mußte, um nur das nackte Leben zu fristen. Sie war noch glücklich, daß ihr auf einem Dienstplatze die Gelegenheit geboten wurde, etwas zu lernen; aber so viel zu erwerben, um, wenn auch nur eine kleine Mitgift zusammenzubringen, war sie nicht im Stande. So wurde sie vierundzwanzig Jahre alt und sah nun hoffnungslos auf eine Zukunft, wie sie der Bestimmung des Weibes angemessen. Sie gewöhnte sich allmälkg daran, nichts mehr zu wünschen, nichts mehr zu hoffen. Und gegenwärtig gab sie schon etwas darauf, sich selber ihre ganze Existenz zu verdanken. Ihr Gemüth war ruhig und sie gedachte kaum noch der flüchtigen Versuchungen von ehemals. Eines Tages saß Maria wie gewöhnlich an ihrem offenen Fenster und arbeitete eifriq, ohne an irgend etwas zu denken. Da gewahrte sie plötzlich, als sie den Blick durch's Fenster schweifen ließ, einen jungen Mann, der sich an eines der Fenster in dem gegenüberliegenden Hostract des Hauses lehnte. Sie hatte das Gefühl, als ob er sie betrachtete. Sie achtete aber nicht auf ihn und arbeitete mit doppeltem Eifer weiter. Als der Abend hereinbrach, schloß sie ihr Fenster, ohne einen Blick nach draußen zu werfen, und legte sich, nachdem sie ihr höchst bescheidenes Abendbrot verzehrt hatte, zu Bette. Aber sie konnte nicht einschlafen. Biel deutlicher als vorher, sah sie jetzt ihr Gegenüber vor sich, er war elegant gekleidet, blond, mit einem feinen Schnurbärtchen. Und doch schien es ihr. als ob er sie beobachtet hätte. Sie mußte hellauf in ihr Kopfkipen bei dem Gedanken lachen, es könne sich irgend Jemand mit ihr beschäftigt haben; dann aber wieder hätte sie am liebsten weinen mögen. Was war denn nun mit ihr vorgcgangen? Sie wollte jetzt schlafen, schloß die Augen fest und nahm sich vor, sich nicht mehr zu rühren. Sie schlief denn auch ruhig; aber beim Erwachen fühlte sie sich noch müder, als nach e'.ter langen dnrchgearbeileten Nacht. Uebrigens dachte Maria gar nicht mehr an den jungen Mann von gestern, wie sie sich wenigstens einredete; sie saß heute nicht mehr so dicht am Fenster wie sonst, arbeitete noch fleißiger und schneller als gewöhnlich und schlief am Abend ohne alle dummen Gedanken ein. Am falzenden Morgen jedoch konnte sie sich nicht länger halten, nach dem Frühstück schaute sie zum Fenster hinaus — und erblickte wieder den hübschen jungen Mann. Diesmal glaubte sie aber wirklich, ihren Sinnen nicht trauen zu dürfen, denn er warf ihr Küffe zu. Jetzt fielen ihr nicht nur ihre 24 Jahre und ihr verblühtes Gesicht, sondern auch ihre Religion ein. „Der ist doch wahrscheinlich ein Christ, denn ich habe noch keinen Juden in diesem Hause gesehen. Wozu also dieses hoffnungslose Spiel?" Und sie flüchtete dann noch weiter vom Fenster iveg nnd zeigte, daß sie es verschmähte, den anzublicken. der so zärtlich und so beharrlich zu ihr herüberschante. Am Nachmittage wagte sie aber doch wieder, zum Fenster hinauszufehen und zu ihrer größten Ueberrafchung glaubte sie in dem gegenüberliegenden Eabinet des jungen Mannes einen älteren Inden in polnischer Tracht wahrzunehmen, der ganz heimisch aufnnd abgehe. — Jetzt stand es bei ihr fest, der junge Mann sei der Sohn desselben, sei ein Jude. Und daraufhin empfand sie eine Aufregung, deren bloße Möglichkeit sie nie geahnt. Wie, träumte sie denn wirklich nicht? Jener schöne, elegante Herr lieble sie? Siedendheiß stieg es ihr vom Herzen zum Kopfe empor und alle die zarten Gefühle und Leidenschaften, welche sie bis jetzt gewaltsam zurückgedrängt und in sich verschlossen hatte, kamen nun init unwiderstehlicher Elementargewalt über sie. Sie verstand sich selber nicht mehr und versuchte es auch nicht. Sie fühlte sich gleichzeitig glückselig und von Angst durchschauert. Sie schlug die Hände vors Gesicht und erleichterte ihr von dieser süßen Qual bedrängtes Herz in einem Strome von Thränen. Keinen Augenblick kam ihr der Gedanke, jener junge Mann, der doch ein Jude ist, könnte mit ihr ein Spiel treiben, sich über sie lustig machen wollen. Sie stürzte zu ihrem Spiegel hin und fand sich zwischen Weinen und Lachen iu dieser unbeschreiblichen Aufregung doch noch immer schön. Bon diesem Augenblicke an war ihr Dasein nur noch ein Rausch. An dem Fenster ihres Cabinets sitzend, sah sie täglich den jungen Unbekannten, der ihr znlächelte, durch seine Blicke zn ihr sprach und durch stumme Bewegungen der Lippen ihr alles das gestand, was sein Herz für sie empfand. Sie fühlte sich angebetet, wie jemals ein Weib. Hie und da sah sie auch den Schatten des polnischen Juden und sie fühlte eine Verehrung für diesen, wie für einen Patriarchen. Eines Tages bat der junge Mann mit einer so zärtlichen Geberde, einer so selbstvergessenen Hingebung, ob er nicht zu ihr kommen dürfe, daß sie sich schwach werden fühlte und sich nicht enthalten konnte, ihm durch ein Zeichen zu antworten, welches bedeutete: „Komm?" Und nun wartete sie. einer Ohnmacht nahe, während sie sich an die Wand halten mußte, um nicht zu Boden zu sinken Der Augenblick, in dem er nun erscheinen sollte, um sie in seine Arme zu schließen und sie auf die Lippen zn küssen, schien ihr, obwohl er ja unmittelbar bevorstand, doch so weit entfernt, als handle es sich um einen aus Verlangen und Furcht gemischten Wahn. Sie wartete noch immer. Run aber sollte er ja kommen, denn einige Treppen hinabsteigen, über den Hof zu eilen und wieder vier Stöcke hoch zu steigen, dazu gehörte ja doch nicht so viel Zeit. Nun aber stutzte sie, was war denn nur geschehen? Sie ging bis zur Treppe und horchte; aber nichts war zu hören, Niemand stieg auf derselben herauf. Sie lief in ihr Cabinet zurück und eitle nach dem offen n Fenster; vielleicht hatte er das Zeichen nicht verstanden, das sie ihm gemacht! Aber das Fenster war drüben geschlossen: er mußte also von seinem Cabinete schon weggegangen sein. Wo bleibt er also, warum zeigte er sich nicht? O, wie sie sich nach ihm sehnte, verschwunden war alle Scheu nnd Furcht, nur das Verlangen des liebenden Weibes durchglühte sie. Vielleicht kam er aber jetzt gerade unten über den Hof, um sich zu ihr zu begeben? Sie beugte sich, so weit sie nur konnte, mit dem ganzen Oberkörper aus ihrem Fenster, um nach Unten zu schauen. Unter dem Fenster befand sich nämlich ein mit Zink bekleideter Gefims- Vorsprung, der ihr den Hof verdeckte. Deshalb beugte sich sich immer noch weiter vor, stieß aber plötzlich einen Schrei der Wuth aus, denn der, den sie erwartet hatte, stand wirklich schon unten, umgeben von

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