Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20 Vestrrrrichifche Wvchenschrifi. Seite 349 lehrern im Weichbilde unserer Stadt, welche Thatsache von Allen der jüdischen Wissenschaft treu ergebenen Glaubensgenossen gewis; mit a frichtiger Freude begrüßt werden wird. Diese Institution wird nicht allein unserer Gemeinde, sondern auch den Gemeinden der Gesammt- Monarchie von außerordentlichem Bortheile sein. Der aufrichtige Dank möge hier jenen ausgezeichneten Männern ausgesprochen werden, welche durch großartige Widmungen die Schaffung dieses segensreichen Institutes ermöglichten. Nicht minder gebührt auch jenen Männern unsere Anerkennung, welche durch ihren Einfluß und ihre wiederholten Bemühungen an dessen Zustandekommen mit- »virkten. Das Verhältniß unseres Vereines zur Repräsentanz dgr hiesigen Eultusgemeinde ist in ein Stadium getreten, welches unseren Tendenzen, den Frieden nach Außen und Innen zu erhalten, nicht besser entsprechen kann. Wir constatiren mit aufrichtiger Freude, daß die Vertreter unserer Repräsentanz unseren Bestrebungen lebhaftes Interesse entgegenbringen. Aus Anlaß der Feier des siebzigjährigen Geburtstages des hochverehrten Predigers Herrn Dr. Adolf Jellinek hat der Vorstand Ihres Vereines demselben eine Adresse überreicht, lind dadurch sich jener Reihe von Gratulanten angeschlossen, die dem berühmten Gelehrten und ausgezeichneten Kanzelredner ihre Hochachtung und Verehrung bezeigten. Dank der freundlichen Mitwirkung zahlreicher Bereinsmitglieder, waren wir auch heuer in der angenehmen Lage, arnren Schülern, die mit besonderer Liebe dem Studium jüdischer Wissenschaft oblagen, Handstipendien im Betrage von fl. 313 zu widmen. Die Anzahl unserer Mitglieder hat sich gegen das Vorjahr nicht geändert. Wie jedes Jahr, so sind wir auch heuer einer stattlichen Anzahl von Glaubensgenossen bei Bewerbung um Aufnahme in den Wiener Gcmeindeoerband unentgeltlich an die Hand gegangen. Noch wollen wir der freudigen Thalsache Erwähnung thun, daß in Folge der steten Berathungen und Debatten über die Verbesserung der Lage jüdischer Gewerbetreibender aus dem Schoße unseres Vereines ein Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien und dessen Vororte entstand, durch dessen Gründung einem dringenden Bedürfnisse der jüdischen Kleingewerbetreibenden entsprochen wurde. Meine Herren! Dank dem einmüthigen Zusammengehen aller fortschrittlich gesinnten Parteien und Elemente, Dank der geschlossenen Haltung der gesammten jüdischen Wählerschaft anläßlich der letzt stattgefundeiten Wahlen, können wir mit Beruhigung die Thatsache aussprechen, daß >vir die schiversten Zeiten des Antisemitismus überstanden haben. Der gütigen Vorsorge unseres erhabenen Monarchen zufolge soll der nothleidenden Bevölkerung für eine lange Reihe von Jahren wieder Aussicht auf Arbeit gegeben werdeit, und dies läßt uns mit Zitversicht die Erwarttmg hegen, daß jene Elemente, die durch ihre Arbeitslosigkeit bisher ein willfähriges Werkzeug in den fänden selbstsüchtiger Agitatoren geworden, sich von letzteren mit Abscheu abwenden und lvieder zn ihrer friedlichen Werkstätte zllrückkehren iverden. Wir aber werden nach wie vor allen kommenden Ereignissen mit größter Aufmerksamkeit folgen, wir werden, treu unserem Programme, der Hebung des Judenthumes nach Innen irnd Außen stets unser Bestes widmen! Der Rechenschaftsbericht tvurde mit lebhaftem Bcifalle ausgenommen und über Antrag des Herrn Armenrathes Leopold Fried dem Vorstande dieses Vereines, sowie dessen Secretär Josef Fuchs, der Dank der Versammlung einstimmig votirt. Nach Erstattung des Cassaberichres durch das Vorstandsmitglied Leopold Quittner wurde bei der hierauf vorgenommenen Neuwahl Herr Eultusvorsteher Dr. Josef Grün seid per Acclamation zum Präsidenten und die Herren Wilhelm Freiberg, Jakob Jeiteles, B. Kanitz, Ignaz Kantvr, Dr. F. Kohn, Dr. Max Landesbergcr, Leopold Q u i t t n e r, Ad. R o s e n b a n m und Dr. Marcus Spitzer zu Vorstands-Mitgliedern wiedergewählt. Öftfrrapmtdenzen. Wien. (Ahlwardt und Schneider.) Man kennt das herzliche, auf Gleichheit der Gesinnung und des Strebens basirte Freundschaftsverhältniß, welches dieses edle Dioskurenpaar des Antisemitismus verbindet. MaÄ erinnert sich, mit welcher Hingebung Schneider den großen Halunken Ahlwardt gelegentlich seines Aufenthaltes in Wien überall begleitete und man weiß auch, daß Ahlwardt diese Gastfreundschaft Herrn Schneider gegenüber in hohem Maße erwiderte, als der Letztere kürzlich in Berlin weilte. Wer Sinn für ideale Freundschaft hat, wird die Hoffnung nicht unterdrücken, daß der Lebensweg der Beiden auch in Zukunft viele Berührungspunkte haben werde. . . . Doch nicht eine Apotheose dieser Freundschaft zu dichten ist unsere Aufgabe, wir wollen heute eine positive gemeinsamst Leistung der beiden Herren ein wenig niedriger hängen. Herr Ahlwardt, der seine freien Stunden vorläufig immer noch zur Hetze gegen die Juden benützt, hat vor Kurzem in Charlottenburg vor einer Versammlung einen Bortrag gehalten, in welchem er eine der schändlichsten Lügengeschichten, die je erdichtet wurden, vorbrachte. Er erzählte von einer angeblich im Jahre 1883 in Coblenz stattgehabten Sitzung der Centralleitung der Juden, welche die „Geschicke Europas" leitet, und er berichtet ferner, daß in dieser Sitzung ein „Schurkenstreich" ohne Gleichen gegen Deutschland geplant worden sei. Herr Ahlwardt versicherte seinen Hörern, daß er selbst Einsicht in die Protokolle dieser Versammlung genommen, denn der Abgeordnete Schneider habe ihm dies lben gegeben. Das ist doch eine hübsche Leistung! Schade, daß Herr Ahlwardt nichts Näheres über diese Protokolle mittheilt, so daß man im Zweifel bleibt, welchem Umstand diese ihre Ezistenz verdanken. Hat Herr Ahlwardt die Geschichte allein erlogen, hat er sie mit Herrn Schneider zusammen ausgedichtet, hat er die Protokolle nie gesehen, oder hat ihm der bewährte Mechaniker gefälschte Protokolle unterbreitet? . . . Wer kann das wissen? Vielleicht hat Herr Mechaniker Schneider die Güte Näheres hierüber zu erzählen. Wien. (Radetzky ein Antisemit?'» Nichts lächerlicher als behaupten zu wollen, der berühmte Feldmarschall sei ein Antisemit gewesen. Als Beleg führen wir nach G. Wolf's „Joief Wertheimer" S. 95 Folgendes an: Wie bekannt erschien am 2. Oktober 1853 die Verordnung, nach welcher den Juden die Realbesitzfähigkeii abgesprochen wurde. In Folge einer Anfrage sprach sich der Feldmarschall in einem ausführlichen Gutachten d für aus, diese Verordnung aufzuheben. Das Gutachten schließt mit folgenden Worten: „Ich kann übrigens nicht ohne die Bemerkung schließen, daß es in mohlverstandein m Interesse der Regierung liege, eine Elasse die durch Intelligenz und Besitz Einflttß genießt und sich mit der Elasse der Bevölkerung nicht amalgamirt, durch die angetragenen nicht erheblichen Eoncessionen für sich zu gewinnen? — So schreibt doch kein Antisemit. L. 35. Wien. p. Mathäus Kurz, Cvoperatvr in Lilienfeld nimmt den bekannten Absage-Artikel der „Nord. Aug. Ztg." zum Anlaß im „Bolksfreund" gegen die Juden in einer rüden, eines Stallknechtes würdigen Schreibweise herzufallen. P. Kurz meint, es bedürfe keiner Revolution in den gegenwärtigen, dem fortschrittlichen Zeitgeiste und den Humanitären Anforderungen der Jetztzeit angepaßten staatlichen Einrichtungen, um die Juden wieder aller bürgerlichen und politischen Rechte zu berauben, resp. verlustig zu erklären und sie wieder ins Ghetto zu treiben, wie in den Zeiten des Bormärz. Man brauchte nur, sagt P. Kurz, zu decretiren, daß die Juden täglich acht Stunden arbeiten müssen, und sie würden in 24 Stunden das Land verlassen. Wenn P. Kurz aus dem Gebiete der kirchlichen Wissenschaft so ignorant ist — und er scheint dies zu sein, sonst würde er in dem antisemitischen Heerbann nicht Trabantendienste leisten und marodiren — so müßte ihm bekannt sein, daß gerade dort, wo sie am meisten angefeindet werden, in Galizien, ausschließlich alle Handwerke von den Juden betrieben werden und bei diesen gilt der Spruch ora et labora, während P. Kurz, das labora nicht einmal den Namen nach zu kennen scheint. Es ist daher eine schändliche Niedertracht, den Juden Faulheit oder Arbeitsunlust vorzuwerfen. Das Pamphlet des P. Kurz, das sich durch einen cynischen, nichtswürdigen Ton auszeichnet, verdient niedriger, P. Kurz selbst dagegen höher ge—hängt zu werden, damit er seinen Collegen vom Priesterstande zum warnenden Beispiel dienen könne, aus welchem Tiesniveau sich dieser antisemitische Priester befindet. E. B. Wien. (Vom „philantropischen Verein" in Wien.) Der Jahresbericht des philantropischen Vereines in Wien weist Einnahmen von circa 80.000 Gulden auf. Nachdem die Spender namentlich benannt sind, so kann man leicht herausfinden, daß von diesem ansehnlichen Betrage über 90 Percent auf Spenden von Juden entfallen. Wir fteuen uns dessen vom Herzen und wünschen, daß sich das gute Herz der Juden auch weiterhin in 'Acten der Menschenliebe und des Wohlthuns bethätigen möge. Allein nicht nur bei dem philantropischen, auch bei andern Humanitären Vereinen betheiligen sich Juden mit den höchsten Percentsätzen. Wie sieht es aber mit den Spenden dieser Vereine an Juden aus. Da muß die Objektivität herhalten und nachdem die Juden nur 10 Percent der Bevölkerung Wiens ausmachen, dürfen nicht mehr, eher weniger — denn so verlangt es die Objektivität — Juden betheilt werden. Wie viel Noth und Elend könnte bei unfern hartbedrängten, von allen Seiten angeseindeten und in ihrem Erwerb behinderten Glaubensgenossen gemildert werden, wenn denselben auch nur annähernd die von den Juden gemachten Spenden j zufließen würden.