Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 20 Vestrrrrtchifchr Wochenschrift. Sette 347 er die Wege des Maimonides. Die meisten aber, so namentlich R. Jomtob ben Abraham aus Sevilla, suchten in der ewigen, unfruchtbaren Casuistik und in dem noch so scharfsinnigen, aber ziel- und zwecklosen Pilpul sich gegenseitig zu übertreffen, und das Studium der profanen Wissenschaften lag demnach auch in Spanien ganz danieder. Diese Zustände mußten noch mehr an Stetigkeit gewinnen, seitdem der aus Deutschland vertriebene R. Jechiel ben Ascher (Ascheri) in Spanien einwanderte, Rabbiner einer der größten jüdischen Gemeinden Spaniens, in Toledo, wurde uud so der geistige Führer unter seinen Glaubensgenossen geworden war. Wie die Gelehrten seiner Heimath nichts weiter kannten, als das Studium des Talmuds, und jede philosophische Spekulation ihnen verhaßt war, so auch Ascheri. Er dankte seinem Schöpfer, sagte er, daß er sich mit Philosophie nie beschäftigt Hätte, wer einmal diesen Weg betreten, käme zum rechten Glauben nie zurück. Nebenbei bemerkt, war ungefähr über ein Jahrhundert später ein Deutscher, Luther, derselben Ansicht. „Er haßte", sagt Paulsen, (System der Ethik, Berlin 1889, S. 99), „die scholastische Theologie und Philosophie, weil sie mit dem christlichen Glauben die heidnische Weisheit des Aristoteles mische; er wollte jenen in seiner Reinheit wiederherstellen." Ich muß mirs aber versagen, den reichen Inhalt des Buches von Herrn Weiß in dieser Weise weiter zu skizziren, die über den Rahmen einer Besprechung weit hinausgehen dürfte: So die Zeit nach der Vertreibung der Juden aus Spanien, den Gang ihrer Studien in Algier und Italien einerseits, und in Deutschland und den slavischen Ländern andererseits; wie jene dort von Inquisition und christlichem Fanatismus unbelästigt, auf theologischem Gebiete und dem der profanen Wissenschaften Tüchtiges leisteten, geistig productiv waren, und dadurch auch einer freieren religiösen Richtung huldigten, denen in allem — mit einziger Ausnahme vielleicht in der Kabbala — Maimonides als geistiger Führer und Leiter diente, diese dagegen, die Deutschen, unter ständiger Bedrückung, von einem Lande ins andere verfolgt, heimath- und obdachlos, physisch und geistig verkümmerten; aus Furcht in der Frömmigkeit nicht genug zn thun, alles verboten, was ihre Borgäuger erlaubten, das Kleine und Unbedeutende, nichtssagenden, einmal eingebürgerten, Gott weiß rvoher rührenden Brauch als heiligste, gleich dem Mose auf dem Sinai gegebene Satzung erachteten — das alles und noch viel mehr kann ich hier nicht weiter ausführen, und muß ich den Leser bitten, in dem Buche von Herrn Weiß selbst nachzulesen, das noch den Vorzug hat, leicht und verständlich geschrieben zu sein, für den allerdings, der in dieser Literatur heimisch ist. Es wäre daher nur zu wünschen, daß Herr Lector Weiß noch lange körperlich und geistig frisch bleibe, damit er nicht, wie er es am Schluffe des 5. Theiles seines Werkes thut, nur Andeutungen macht über die auf das fünfzehnte Jahrhundert folgende Zeit, sondern eben so lebendige und anziehende Schilderungen uns gibt von dem Dulden und Leiden, d«n Mühen und Drangsalen und trotz alledem geistigem Schaffen der Juden in Polen in den letzten vier Jahrhunderten; Zeiten, die auf literarischem Gebiete, wie Kundige mir zugeben werden, keinen Fortschritt, sondern eher einen gewaltigen Rückschritt zeigen, in denen nur wenige Lichtpunkte sichtbar sind, die aber nur der zu schildern und darzustellen vermag, der, wie Herr Weiß, ein so feiner Kenner ist, nicht blos der „Rischonim" sondern auch der „Achronim." Zur Geschichte der Juden in Wien. Von G. Wolf. Durch die Gnade Sr. Majestät des Kaisers wurde der Geschichtsforschung neuerlich ein weites Gebiet eröffnet, das bisher ganz unzugänglich war. Der Kaiser gestattete nämlich, daß die Acten des ehemaligen Staatsrathes, der von der Kaiserin Maria Theresia begründet wurde, den Historikern zugänglich gemacht werden. Der Staatsrath war, wie bekannt, die oberste Behörde. Cr erhielt zur Begutachtung die Voten der obersten Centralstellen und gab dessen Meinung in der Regel den Ausschlag. Diese Acten enthalten auch viel und wichtiges Material in Betreff der Juden im Allgemeinen sowie in Specialfragen, welche einzelne Juden betreffen. In unserem jüngst erschienenen Buche: „Kleine historische Schriften" haben wir auf Grund dieser Acten den Essay die Lichterzündesteuer re. veröffentlicht. Wir wollen hier zunächst einiges zur Geschichte der Inden in Wien miltheilen. Kaiser Franz hatte 1803 und dann wiederholt 1803 seinen Willen kundgegcben, daß die Zahl der tolerirten Familien in Wien nicht vermehrt werde. Nun war schon in den 8Oziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts Salomon Herz, der ein angesehenes Bankhaus in Hamburg führte, nach Wien gezogen und trat als Compagnon in das Bankhaus Nathan Arnstein (nachmals Freiherr v.) ein. Er erhielt hierauf die Toleranz. In Folge der Verdienste, die er sich um den Staat erworben hatte, wurde er im Jahre 1795 in den österreichischen Adelstand erhoben. Hierauf schritt er wiederholt, zuletzt im Jahre 1804, um die lebenslängliche Toleranz für seine sämmtlichen Kinder (4 Sühne und 2 Töchter) ein. Die Regierung (jetzt Statthalterei) jedoch trug auf die Abweisung dieses Gesuches an und zwar aus folgenden Gründen: Herz sei für die Dienste, die er als Gesellschafter des Hauses Arnstein dem Staate geleistet hat, dadurch belohnt worden, daß er unentgeltlich in den Adelstand erhoben wurde. Ferner sei hervorzuheben, daß Herz 4 Söhne und 2 Töchter hat. Von den 4 Söhnen dienen 3 beim Militär und einer ist Großhändler. Diese drei haben ohnedies die Toleranz und würde man daher gegen die allerhöchsten Vorschriften verstoßen, wenn man auch dem vierten Sohne und den beiden Töchtern die Toleranz ertheilen wollte und dadurch drei neue jüdische Familien in Wien begründen würde. Diese Bitte Herz's wurde im Laufe der Zeit gegenstandslos. Die Töchter heiratheten und zwei seiner Söhne (nämlich der vierte und einer der beim Militär war) starben. Im Jahre 1810 bat Herz um Verleihung des Rechtes der Besitzfähigkeit bürgerlicher und Rusticalrealitäten für sich und seinen Sohn Leopold, der bei ihm im Geschäfte thätig war. Als Gründe gab er an: 1. Daß diese Begünstigung schon mehreren seiner Glaubensgenossen zutheil geworden sei. 3. Daß er einen großen The'l seines Vermögens von Hamburg nach Wien gebracht habe. 3. Zur Zeit, als er Compagnon Nathan Arnstein's war (er hatte inzwischen selbstständig ein Bankhaus errichtet) hatte er Antheil an jenen Verdiensten, die sich dieses Haus bei allen Geschäften des Hofes erworben hat. 4. Sei die Solidität und der Ruf seines Hauffs bekannt. 5. Habe er mehreremale und insbesondere im Jahre 1807 durch die vortheilhafteste Uebernahme des galizischen Salzbergverschleißes dem Staate genützt. 6. Wurden ihm während der letzten feindlichen Invasion Staatsgelder anvertraut.und selbe dadurch gerettet. 7. Machte er bei mehreren Gelegenheiten dem Staate auf die uneigennützigste Weise beträchtliche Geldvorschüsse. 8. Wurde das hiesige Judenspital von ihm errichtet. 9. Haben sich seine vier Söhne im letzten Kriege Verdienste erworben und zwar der ältere Leopold als Großhändler und Deputirter seines Gremiums, sowol bei der Errichtung der Bankolotterie wie bei der Qrganistrung des Bürgercorps und bei der Einrichtung der Landwehr und der jüngere als Militärhauptmann. 10. Wurde sein« und seines Sohnes patriotisches Benehmen im letzten Krieg durch das von dem damaligen Hof- Commiffär Grafen Wrbna erhaltene Belobungsdecret bekräftigt. Diese vorgebrachten Momente wurden hierauf auf ihre Richtigkeit geprüft. Die Stadthauptmannschaft versicherte, daß der Bittsteller und sein Sohn Leopold bekannte, verdienstvolle und rechtschaffene Männer seien und daß die Zustandebringung des ersten Wiener Landwehrbataillons vorzüglich der Mitwirkung des Leopold Herz zu danken sei und verdiene derselbe ebenso wie der Vorsteher des bürgerlichen Handelsstandes, Erggelt, der die goldene Verdienstmedaille erhalten hat, in gleicher Weise eine Belohnung. j Die Regierung (jetzt Slatthalterci) stellte die Verdienste