Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 346 Österreichische Wochenschrift Nr. 20 „Gesetz" ihre Begründung fand, während die eigentliche philosophische Literatur der Juden, die Logik, Metaphysik rc. von seiner Behandlung ausgeschloffen ist, denn, wie er sehr bescheiden in der Vorrede zum 5. Theile sich ausdrückt, sein einziger Zweck ist, diejenigen zu belehren über alle die Commentare und ihre Verfasser, die Fragesteller und ihre Unterweiser, die Decisoren und sonstigen Gesetzeslehrer, welchen die letzteren das tägliche Brot sind, und deren Leben oder Schicksale sie dennoch nnr wenig oder gar nicht kennen, also wenn ich so sagen darf, jene einseitigen Esoteriker, die sich blos um den Inhalt und nicht um die fata libfcUorum und ihre Verfasser kümmern. Daher auch in dem ganzen Buche von Weiß diese eingehenden Charakteristiken der letzteren, während ausführliche Inhaltsangaben der erwähnten Werke sich nur selten finden (so z. B. der „Jkarim" von R. Jos. Albo S. 217—223 oder über den Commentar zu Pirke Aboth von R. Simon ben Zemach Duran (Taschbezf S. 19 ff ), und nur kurze Andeutungen (in den Anmerkungen) gegeben werden in Betreff dieses oder jenes speciellen Falles, um dem es sich im Gutachten eines Autors handelt, und sich sein Scharfsinn oder Tüftelei in diesem oder jenem Commentare documentirt. Auf jeder Seite seines Buches' aber merkt man, daß Herr- Weiß nur aus den Quellen schöpft, sie genau kennt und mit ihnen vertraut ist, wie mit einem alten Jugendfreunde. Und wie reif, maßvoll und besonnen ist sein Urtheil! Was er bei so vielen Autoren der Zeit hervorhebt, die er behandelt, daß sie bei aller Achtung und Ehrfurcht vor ihren Vorgängern nicht einem blinden Autoritätsglauben huldigten, das gilt auch ganz von Herrn Weiß: Wo ihm eine Ansicht, ein Urtheil, eine Handlungsweise eines noch so hoch im Ansehen bei Mit- und Nachwelt stehenden Mannes nicht gefällt, da nimmt er, wie man zu sagen pflegt, kein Blatt vor den Mund, sucht nicht zu beschönigen, sondern sagt unumwunden seine Meinung. Schon die Art der Behandlung seines Gegenstandes ist, meiner Ansicht uach, eine sehr verständige, nämlich die Literaturgeschichte der Juden, oder, richtiger ausgedrückt, den schon charakterisirten Zweig derselben länderweise zu behandeln. Wenn ein derartiges Verfahren irgendwo gerechtfertigt ist, so ist es in diesem Falle, da trotz aller weit engeren Verbindung des gesammten mittelalterlichen Judenthums aller Länder, als sie heute ist, sein ganzes Leben, Denken und Trachten so sehr abhängig ist von seiner jeweiligen Umgebung nicht nur, sondern auch von der Art und Weise der Behandlung, die es von letzterer zu erfahren hatte. In anderen Bahnen bewegten sich Leben und Lernen der Juden in Spanien, Südfrankreich und Italien, als in Nordsrankreich, Deutschland und den Ländern slavischer Zunge. Wenn dort, namentlich in Spanien, bis zur Unterwerfung der Araber unter dem Einflüsse arabischer Cultur auch bei den Juden die Sonne der Wissenschaft hell erstrahlte, so herrschte hier unter unduldsamen, unwissenden und habgierigen Fürsten und ebensolchem Adel und Clerus völlige Nacht, die nur dann und wann ein Blitzstrahl erleuchtete. Auch das Talmudstudium war bei den Juden hier und dort ganz verschieden. In Spanien hatte man, wie Weiß (S. I ff) ausführt, in der Zeit vom 10. bis zum 12. Jahrhundert unserer Zettrechnung danach gestrebt, vas ordnungslose Chaos der talmudischen Casuistik systematisch zu ordnen. Namentlich war es Maimonides, wie schon vorher Alfasi und andere, der in seinem Hauptwerk, dem „Jad-ha-chesakah“, darauf ausging, eine streng nach Materialien geordnetes in der Sprache der Mischnah verfaßte Darstellung zu liefern, aller noch geltenden und früher Geltung habenden Gesetze, wie sie sich aus dem Kanon und der „mündlichen Tradition", d. h. dem Talmud eruiren ließen, mit Hinweglaffung aller Diskussionen, Einwürfe, Fragen und Antworten, wie sie sich dort auf jeder Sette nur zu häufig finden, und vor lauter Schale die Auffindung des Kernes erschweren. Mit einem Worte, jener, Maimonides, wollte seinen Glaubensgenossen einen vor Allem kurzen und bündigen „Gesetz-Codex" hinterlaffen, der das Studium seiner Quellen, aus denen er geflossen, überflüssig machte, damit man sich dann mit umso größerem Eifer dem Studium der Wissenschaften der Philosophie, Medicin, Grammatik, Astronomie rc. widmen könnte, ein Sweben, das die spanischen Juden, die, wie schon erwähnt, in Folge der äußereu Anregung wissenschaftlichen Studien ergeben waren, nur mit Freuden begrüßten. Anders aber waren die Berhälttnffe in Frankreich und Deutschland beschaffen, wo äußere Anregungen, profanen Wissenschaften obzuliegen, den Juden fehlten, und einzig und allein der Talmttd ihre geistige Nahrung war. Er wurde aber nicht, wie es noch bei Raschi der Fall war, schlicht commenttrt und textlich corrigirt, sondern er mußte dazu herhalten, als Tummelnnd Kampfplatz ihres Scharfsinnes zu dienen: da werden Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten gehäuft, Widersprüche hervorgehoben und beseitigt, Fragen aufgeworfen und widerlegt, kurz, es wird ganz so verfahren, wie die Amoräer und Saboräer im Talmud verfahren sind. Diese Methode des talmudischen Studiums, wenn man sie so nennen darf, drang in Folge verschiedener Umstände im Laufe des 13. Jahrhunderts zuerst nach der Provence und von da auch nach Spanien. Namentlich war es R. Mose ben Nachman (Nachmainides), der vor allen als Hauptvertreter der nordfranzösischen Studienrichtung genannt werden muß. Aber auch auf einem anderen Gebiete muß er als Führer bezeichnet werden, nämlich auf dem der Kabbala. Unter dem Einfluß desParsismus in älterer, babylonischer Zeit und unter dem des Christenthums in spätererZeit gab es auch schon vor Nachmainides unter den Juden Mysttker, Kabbalisten, Traum¬ und Buchstabendeuter, Besprecher aller Krankheiten und Gebresten, aber die Blüthezeit der Kabbala beginnt unter den Juden erst seit jenem. Mochte seiner Zeit Maimonides die eben bezeichneten Menschenklaffen für geradezu psy'chisch alterirt erklären, eine Generation nach Nachmainides stand die Kabbala bereits in höchstem Flor, war das Hauptwerk kabbalisttscher Literatur, eine wahre Ausgeburt wahnwitzigster Phantasie, der Sohar, in den Händen aller Lernenden und Lehrenden der jüdischen Diaspora, war ihr ganzes Leben, ihr Stehen und Gehen, ihr Sinnen und Trachten, eingeengt und eingeschnürt von jenen mysttschen Hirngespinsten, die ihnen das irdische Dasein erschwerten und es so fteudlos wie möglich gestalteten. Ja, man ging soweit, daß man den Glauben an die leibliche Gestalt Gottes, die Maimonides als höchst verwerflich perhorrescirte, als unumstößliches, für jeden Juden bindendes Dogma hinstellte. Natürlich wurde durch einen derartigen, dem des Maimonides völlig entgegengesetzten, Standpunkt die Stimmung gegen ihn noch gereizter und feindseliger, als sie schon ohnehin war, bei den allen, nicht theologischen Studien, Abholden in Folge der Art und Weise, wie jener, wie schon gezeigt, seinen „Gesetzescodex" abgefaßt hatte. Und so tobte der Sturm, man darf wohl sagen, Jahrhunderte lang: dem einen war jede Beschäftigung mit profanen Wissenschaften, namentlich der Philosophie, ein Dorn im Auge; alles, was im Talmud steht, galt ihnen als unumstößlicher Glaubenssatz. Andere dagegen waren nur der griechischen Philosophie abgeneigt, hatten aber nichts gegen reliaionsphilosophische Studien, soweit sie sich innerhalb des Rahmens des Judenthums bewegten, ohne daß ihre Adepten bei Plato und Aristoteles sich Raths holten und durch sie die jüdischen Satzungen deuteten, noch öfter aber umstießen und so den Boden unter den Füßen schwanken sahen. Diese vermittelnde Richtung bettachtete in Folge dessen den agadischen Theil des Talmuds, soweit er dem gesunden Menschenverstände widersprach, als keineswegs bindende Norm. Ein Beispiel der erstgenannten Kategorie war R. Salomon ben Adereth. Wie sein Lehrer Nachmainides, war auch er in jeder Beziehung ein Gegner Maimunis, sowohl in Betteff der Art des Talmudstudiums, der Beschäftigung mit der Philosophie, als auch der Kabbala. Ja, er ging in seinem Haß gegen jede Wissenschaft einerseits und in der Liebe zur Mystik andererseits soweit, daß er z. B. diejenigen in den Bann that, die die biblischen Abraham und Sarah als „Geist" und „Materie" auffaßten, während er gar nichts dagegen hatte, wenn die Kabbalisten in der bekannten Stelle, die, nebenbei bemerkt, schon Jbn Esra an diesem Platze etwas fragwürdig fand, (I B. M. 36. 31 ff) „das sind die Könige, die in Edom regierten, bevor es noch Könige in Israel gab" — mit der Mehetabel am Schluß der Aufzählung, — die zehn „Sephiroth" " erkannten. Die Folge eines derarttgen Vorgehens war, daß bei dem hohen Ansehen des R. Salomon ben Aderath einerseits das Studium der Halacha auch in Spanien ganz im Geiste der nordftanzösischen und deusschen Juden betrieben wurde, andererseits die Kabbala die weiteste Verbreitung fand. So ist ihr in dem Commentar seines Schülers R. Bechaji ben Ascher zum Pentateuch schon ein weiter Spielraum gegeben, wenn jener auch der Philosophie nicht abhold ist, die er, wie schon vorher Maimonides es gethan hat, gleichsam zur Entschuldigung gegen die Gegner derselben, ursprünglich den Juden vindicirt, denen die Griechen sie entlehnt hätten. Ein anderer Schüler des ben Adereth, R. Schemtob ben Abraham ttat zwar in der Kabbala! in die Fußtapfe» seines Lehrers, in der Halacha dagegen ging