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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-13 · 20 (13.5.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
20 (13.5.1892)
Date
1892-05-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 344 Orsterreichischr Wochenschrift Nr. 26 ein Jahrhundert zu früh; Chmielnicky mußte sich damit begnügen, Kiew und andere Städte an Rußland auszuliefern. Die Kosaken führten den Krieg als Räuber und sie betrachteten ihn als einen Knuzzug gegen Katholiken und Juden. War die Schlacht gewonnen, so ließ man allen Leidenschaften die Zügel schießen, man kannte kein Erbarmen, kein menschliches oder göttliches Gesetz. Durch den Branntwein versetzte sich das ganze Lager in einen halben Wahnssnnszustand. Man weidete sich an den Qualen Derjenigen, die man dem Tode geweiht hatte. Nicht nur den Juden, sondern auch den gefangenen Katholiken wurden bei lebendigem Leibe die Haut von den Beinen geschält. Die Kosaken wetteiferten in der Verhöhnung alles dessen, was anderen Menschen als heilig gilt. Sie hatten ein Vergnügen am sinnlosen Zerstören; bte Maaren, die sie auf ihren Wagen nicht fortschleppen konnten, wurden in jeder Weise vernichtet. Das Alles führen wir als Beweis dafür an, daß die kleine Erzählung durchaus nichts enthält, was unglaublich erscheinen könnte; vielmehr lagen solche Thaten in den täglichen Gewohnhetten der Chmielnicky'schen Kriegerschaaren. Sie führten nicht nur Krieg gegen den Staat, sondern gegen jeden einzelnen Juden und Kacholiken. Der Hetman, der diese Grausamkeiten verübt hat, wurde vor einigen Jahren durch Errichtung eines Denkmals geehrt, im Namen des Panslavismus und im Namen derer, welche die russische Kirche beherrschen. Es ist ein Denkmal der Unmenschlichkeit, ein Denkmal des Religionshaffes und ein Denkmal jener Bewegungen, welche die Zerstörung der Civilisation zum Ziele haben. Der Mond gießt sein blasses Licht über die Statue aus; unheimliche Schatten tanzen um das Denkmal. Sind es die Schatten der Gemordeten, sind es die Dämone, die sich ihres Triumphes freuen? Inschriften werden sichtbar, welche die Stifter des Denkmals nicht ersonnen haben, Inschriften, noch viel schrecklicher, als die wenigen von uns cittrten Zeilen. Das Denkmal redet, während die officielle Geschichte schweigt-, weil es sich doch auch um Inden handelt. Das ist mehr als die Vision eines Geisterspuks. Die Dämonen, die sich hier versammeln, haben Leben und Kraft. Sie ziehen hinaus, um den alten Kampf von Neuem zu beginnen. Die Welt spricht von Anttsemittsmus und Anarchismus. Das ist die Erbschaft ChmiÄnicch's. Die Kosaken, und zwar die bewährtesten Kosakenhorden hatten einen strengen Kommunismus, sie haßten,die Ehe und verachteten die friedliche Arbeit. Sie lebten größtentheils vom Raube, waren vollkommen gesetzlos und beobachteten nur jene Ordnung, ohne die auch eine Räuberbande nicht existiren kann. Das Denkmal von Kiew ist echt modern; es ist eine Verherrlichung des Anarchismus und Antisemitismus! Die Laster und Verbrechen der Gegenwart finden hier ihre Verewigung. Im siebzehnten Jahrhunderte hatte man noch nicht die neuen Explosivstoffe erfunden; das gibt den Unterschied. Die wenigen Zeilen im Judenbuche erinnern an die Verwandtschaft des Anarchismus mit dem Anttsemittsmus; siegeben Auffchüch über das Zusammentreffen dieser Erscheinungen in der Gegenwart und daher sind diese Zellen von mehr als historischer Bedeutung. Mag der einzelne Antisemit noch so fest in den Interessen der Bourgeoisie sitzen, mögen alle seine Gefühle sich dagegen empören, empören, daß Familie, Haus und Gut ihm nicht mehr gehören sollen, mag der einzelne Anarchist mit Recht dagegen protestiren, daß man ihn, der alle staatlichen und gesellschaftliches Institutionen vernichten will, speciell des Judenhasses beschuldige, die Vernichtung alles Edlen und Guten, der Haß gegen die Wahrheit, die Lossagung von den sittlichen Empfindungen, die Geringschätzung des Geistes uüd seiner Errungenschaften — das Alles bildet ein Band zwischen Anarchismus und Anttsemittsmus. Wenn derAnttsemittsmus die Beraubung derJuden anempfiehlt, so ist er eckinent anarchistisch und wenn der Anarchismus ohne Gewiffensskrupel den Mord als Waffe gebraucht, dann kämpft er gegen das Weltgrundgesetz semitischen Ursprungs, gegen die zehn Gebote. Wallfahrtet doch Ihr Anttsemiten zur Statue des Kosakenhetmans nach Kiew, kniet nieder und bringt dem Denkmal des Kindermordes Eure Huldigungen dar. Höher noch als der Anttsemittsmus stand den Kosaken der Anarchismus. Wenn der conservattve Adel Preußens bei der Vorbereitung eines neuen Parteipro grammes eigentlich nur darüber nachdenkt, wie weiter in der Aeußerung seines Anttsemittsmus gehen soll, so mögen die conservattve« Junker nur wissen, daß sie damit einer Bewegung dienen, welche in den Spelunken von Paris ihre Vertreter hat, wie in den sibirischen Bergwerken. Diese Anarchisten kümmern sich nicht um die aristokrattsche Bundesgenossenschaft; ihnen ist es gleichgilttg, ob das Palais eines reichen Juden in die Lust geht oder das Schloß eines Aristokraten, dessen Ahnen schon im Mittelalter die Straßen unsicher gemacht haben. , Der feudalgesinnte Adel will aber den Anarchismus nur als Privilegium für seinen Stand haben; er will das Volk mißbrauchen, um den Rückbildungsprozeß, den Rückfall in die Barbarei so weit herbeizuführen, als es die Lebensansprüche des Adels gestatten. Der Antisemitismus soll ihm als Mittel dienen, um die Leidenschaften der Masse aufzustacheln. Daher ist in den fünf Punkten des neuen Programmes der conservativen Partei in Preußen von dem „übermächtigen Einflüsse der Juden" in öffentlichen Angelegenheiten die Rede und daher wird es als eine Nothwendigkeit hingestellt, diesen Einfluß auf dem Wege der Gesetzgebung zurückzudrängen. Wenn das Volk sich gegen die Gesetze auflehnt, so werde der Staat gezwungen sein, sich der conservativen Partei in die Arme zu werfen. Die anarchistischen Attentate aber sind eine Warnung, welche das Treiben der conservattven Partei in Preußen in seiner ganzen Unwürdige keit, Beschränktheit und Frivolität erscheinen läßt. Der Anarchismus aber erstrebt noch Anderes als nur die Zurückdrängung des „übermächtigen Einflusses der Juden." Darüber lacht der dümmste Anarchist; denn der Jude — von einem übermächtigen Einflüsse der Gemeinschaft des Judenthums kann überhaupt nicht die Rede sein — verfügt genau über jene Summe von Einfluß, welche jedem Staatsbürger gemäß der natürlichen Bertheilung des sozialen, wirthschaftlichen und polittschen Schwergewichts zufällt. Man muß da noch einen bedeutenden Perzentsatz in Abzug bringen, weil man an den Juden strengere Anforderungen stellt und ihm jene Rücksichten verweigert, die man den Nichtsemiten gewährt. Möge der antisemittsche Adel in seinem Kampfe gegen Staat, Gesellschaft und Gesetz es bedenken, daß er selber den Feind gegen die eigenen Schlösser aufreizt und daß diese Schlösser der Schauplatz von blutigen Orgien werden können, wie das Denkmal in Kiew sie verherrlicht. Vielleicht fragt dann ein Anarcbist höhnend wie jener Kosak: „Ist das Blut blau oder roth?" Mögen Antisemiten und Anarchisten beim Denkmale in Kiew sich ein Rendezvous geben; das ist der richtige Platz für gewisse Congresse. Anarchismus und Antisemitismus sind die Vollstrecker des Testaments des Kosakenhetmans. Wir wollen nicht dabei verweilen, daß die Dämonen Chmielnicky's sich von Rußland noch nicht hinlänglich bezahlt fühlen. Wo ist der Lohn für Kiew, wo der Lohn dafür, daß die Kosakenes unter das eiserne Joch Rußlands gebracht haben. Die Juden flüchten vor dem Antisemitismus; ist eine Flucht möglich vor dem Anarchismus? Nicht ungestraft errichtet man ein Denkmal, welches eine Verhöhnung ist aller Menschlichkeit. Und nun denken wir wieder an die erhabene menschliche Mission des Judenthums und wie Abraham in seiner Unterredung mit Gott sogar Gnade für Sodom und Gomorrha erflehte. Was verkündet diese Erzählung aus den Zeiten der Patriarchen, aus der Vorzeit des Judenthnms? Menschlichkeit für Alle. Mitleid auch für die Schuldigen, Sympathie auch für Diejenigen, die andern Stammes sind, Sympathie auch für die Heiden und für Diejenigen, die nicht an einen Gott glauben. Das ist der Grundzug des Judenthums geblieben bis auf unsere Tage und so hat das Judenthum das Gesetz der allgemeinen Menschenliebe verkündigt und die Grundlagen einer reinen Sittlichkeit geschaffen. Die ganze Geschichte des Judenthums ist ein Kampf gegen unmenschliche Verirrungen, ein Kampf gegen Moloch und Astarte. Und der Dank ist die Blutlüge, ist das Denkmal von Kiew. Wieder tteten uns die wenigen Zeilen aus dem jüdischen Buche vor's Auge und sie sagen uns, daß der Kindermord im Antisemitenlager verübt wurde, im Antisemitenlager Chmielnicky's. Im Antisemitenlager wurden Kinder rituell geschlachtet, hat, wie der unsterbliche Papst Ganganelli meldet, der Vater sein eigenes Kind grausam gemordet, blos um den Juden einen Mord andichten zu können! Ist das Ihr Antisemiten koscher oder ttefah? Den Anttsemiten ist Alles koscher. Die kleine Er» zählung aus dem siebzehnten Jahrhundert sagt uns aber noch viel mehr, mehr als wir aussprechen können, sie erweckt die Frage an die ewige Gerechttgkeit, welche aus den Jahrtausenden zu uns herüber schallt. Dyr neue Erzbischof von Westminffer und die englischen Inden. An Stelle des unvergeßlichen CardinalsManning, eines der erleuchtetsten Fürsten der kathol. Kirche, hat Papst Leo XIII. die Wahl des Herbert V a u g h a n, bis-

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