Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 342 Vrprrrrtchlschr Wochenschrift. darob tadeln? Es ist eine offenkundige Thatsache, daß die Proßnitzer Deutschen nicht den Finger gerührt haben, um der von den dortigen Czechen geschürten, antisemitischen Bewegung entgegenzutreten. Hat es doch heißer Kämpfe bedurft, um nur einem einzigen Juden den Zutritt in die bisherige deutsche Gemeindevertretung zu ermöglichen. So wurde den Juden zugemuthet, daß sie ein doppeltes Martyrium auf sich nehmen, daß sie die Opfer des Deutschenhasses und des Judenhasses zugleich werden. Bei der vorletzten Gemeindewahl waren die Juden an Leib und Leben, an Hab und Gut bedroht, und es mußte bewaffnete Macht aufgeboten werden, um sie zu schützen. Eine solche zweifache Bedrohung ist für die Dauer nicht zu ertragen, und so tapfer und gesinnungstreu die Proßnitzer Juden auch sind und waren, das Hemd ist ihnen schließlich auch naher als der Rock und Memand könnte mit chnen darob ins Gericht gehen, wenn schließlich die Sorge um ihre physische und geschäftliche Existenz den Sieg davon getragen hätte. Das „Deutsche Blatt" in Brünn klagt die liberale Partei und den deutsch-liberalen Minister Grafen Kuenburg an, daß sie die Proßnitzer Wahl nicht verhindert haben. Das ist heuchlerisch und perfid zugleich. Wenn die Deutschen Proßnitz verloren haben, so ist das ausschließlich auf das Schuldconto der Deutschnationalen zu buchen, welche den antisemitischen Geist in allen Kronländern geschürt und derart zu einem Gewaltfactor erhoben haben, daß die Czechen mit seiner Hilfe in allen gemischtsprachigen Bezirken Mährens, wo die Deutschen mtt Hilfe der Juden Herrschaft übten, leicht bezwingen. Die Deutschnationalen jubelten über ihren Sieg in Troppau, wo sie sich selbst die bundesfreundliche Hilfe der Slaven und Clericalen gefallen ließen, nur um die „Judenliberalen" aus dem Felde zu schlagen; nun müssen sie sich auch die Konsequenzen dieses großen „Sieges" gefallen lassen. Wir vermuthen sogar, daß es bei Proßnitz allein nicht bleiben wird. Wie in Proßnitz, so ist es in anderen deutschen Städten Mährens, in Datschisch,, Jamnitz, Trebitsch, Groß-Meseritsch, Mährisch-Budwitz, Eibenschitz, Boskowitz, Gewitsck, Kremsier, Holleschau, Ung.-Hradisch, Ung.-Brod, Waüachisch-Meseritsch gegangen, so droht es noch weiteren Städten dieses Landes und Böhmens zu gehen! Wenn nun die Czechen sich dieser ihrer Erfolge rühmen; wmn sie heute über den Fall von Proßnitz, welches eine Art nationalen Vorwerkes von Olmütz bildete, Siegeslieder anstimmen; wenn sie schon nach dem Landtags-Mandate und selbst nach dem Reichsraths-Mandate des Bezirkes langen — so muß zugestanden werden, daß die Deutschnationalen in den österreichischen Krön-, ländern ihnen die Wege gebahnt, und Fingerzeige geboten, wie die Kraft des Deutschthums am leichtesten zu brechen, die der deutschen Sache treu an hängende jüdische Wählerschaft lahmzulegen. Daß es so gekommen, so kommen mußte, das ist die Frucht jener Theorie, die Herr Steinwender aufgestellt hat. Wenn sich die deutschen Arier kein Gewissen daraus machen, die Juden dort, wo sie sie nicht brauchen, zu vergewaltigen und zu beschimpfen, warum sollten sich die Juden ein Gewiffen daraus machen, bloß auf die eigene Sicherheit bedacht zu sein? Troppau und Proßnitz bezeichnen die beiden Pole der Steinwender'schen Opportunitätspolitik — Troppau den positiven, Proßnitz den negativen Pol. Wenn der Führer der deutschen Nationalpattei in Oesterreich die Felonie gegenüber den Juden zu einer politischen Tugend erhebt, dann darf sich Niemand darüber wundern, wenn die Juden den Derrtschen gegenüber nicht Wählerder politischen Selbstlosigkeit sind. Ein doppettes Martyrium auf sich zu nehnren, geht über die Kräfte dieser armen, gehetzten, mit Füßen getretenen Menschen. Vom antisemitischen Bruderkrieg. Wir haben schon ott Gelegenheit gehabt, darauf hinzuweisen, daß die echten consequenten Antisemiten einen oft da- Nr, 20 rüber in Zweifel lassen, was ihnen mehr Haß und Abneigung einstöße: Das Judenthum oder das — Christenthum? Wer die antichristlichen Ausführungen kennt, in welchen die Herren der Rassentheorie von Zeit zu Zeit ihrem gepreßten Herzen Luft machen, hat es begreiflich gefunden, daß hervorragende Kirchenfürsteu die Wühlarbeit der Antisemiten längst als eine die Grundfesten des Christenthumes bedrohliche gekennzeichnet haben. Wir brauchen, um ein glänzendes Beispiel für die Richtigkeit dieser Befürchtung anzuführen, nur an den biederen Mechaniker und Stampiglien-Fälscher Schneider zu erinnern, der mit einer Aufrichtigkeit, die er sonst selten zu bekunden pflegt, jüngst in öffentlicher Versammlung das Bekenntniß ablegte, er schenke dem Zeugniß des notorischen Schurken, Fälschers und Betrügers Brimanus mehr Glauben als den katholischen Bischöfen! Wenn es aber noch überzeugendere, überwältigendere Beweise dafür brauchte, daß der Antisemitismus wie er sich im Kopfe des Raffen-Antisemiten malt, im Christenthume seinen natürlichen Gegner sucht und bekämpft, der möge sich die Lectüre der letzten Nummer der „Judenfrage", eines in Steyr erscheinenden antisemitischen Organes vergönnen, welches mit einer geradezu verblüffenden Festigkeit dem Antagonismus gegen das Christenthum Ausdrrrck gibt, weil es mit dem Antisenritismus als unvereinbar gekennzeichnet wird. Dieses Blatt schreibt u. A.: „Allein arrf Eines müssen wir Hinweisen, daß wenn Juden und protestantische Pastoren das Judenthum als die Mutter des Christenthruus proclamiren und katholische Kirchenfürsten auf den Zusa in menhang des Juden t hu ms mit dem Chri st cnth umhin weisen, die christlichen Antisemiten ganz unhaltbar sind, sich eine Blöße nach der anderen geben u. s. w., u. s. w." Das seit XIII. Jahrgängen der Bekämpfung des Christenthums geweihte — Antisemitenorgan erläutert nun auf Grund dieser These seine Ansichten über Judenthum und Christenthum deratt, daß man mitunter sich veranlaßt fühlt, zn fragen, ob bei diesem Blatte auch der Judenhaß ein echter sei. Dieses Antisemitenblatt führt vor Allem aus, daß das Evangelium und der Apostel Paulus „ganz auf Seite der Juden sei". Vom Evangelium behauptet die „Judenfrage": „Es durchweht dasselbe von einem Ende bis zum anderen ein so ausgeprägt jüdisch-nationaler Zug, daß man denselben geradezu chauvinistisch nennen muß. Seine orientalische Gluth strömt Einem aus den Blättern des Buches entgegen, wie und ivo man es aufschlägt". Das Blatt wendet sich dann, um die Untrennbarkeit zwischen Judenthunr und Christenthuur zu deduciren, höhnisch gegen die Clericalen, denen es zuruft: „Die Clericalen werden doch hoffentlich den Apostel Paulus als Christen gelten lassen, denn gerade er ist ja der Apostel der Heiden und ohne ihn gäbe es ja heute keine Christen — daher auch keine Clericalen. Bekanntlich war Petms und die Uebrigen der Meinung, das Christenthum solle als Judensecte fortbestehen und daher waren sie gegen die Aufnahme von Heiden..." Diese theologisch-historischen Erörterungen dienen dem Antisemitenblatte in Steyr aber nur dazu, das Terrain für einen zweiten Artikel: „Wohin soll das führen?" zu ebnen, in welchem es mit einer an Naivetät grenzenden Ungenirtheit die Unvereinbarkeit des Christcnlhums mit der antisemitischen Propaganda verkündet. Fürst. Liechtenstein und Dr. Lueger, welche stets ihren christlichen Standpunkt betonen, werden von dem erleuchteten Antisemiten-Organe .in Steyr als die enragirtesten Schützer und Bundesgenossen der Juden und zugleich als die gefährlichsten Gegner des Antisemitismus denuncirt, deren Verschwinden von der Bildfläche des politischen Lebens als ein „ Ziel aufs Innigste zu wünschen" für jeden ehrlichen, echten unverfälschten Antisemiten erscheinen müßte. Es wird uns, aufrichtig gesagt, schwer, ein Lächeln der Schadenfteude zu unterdrücken, wenn wir lesen, daß „die jüdisch-liberale Pattei schon längst zusammengestürzt wäre, wenn sie sich nicht auf die clerical-feudale Partei hätte stützen können." Das ist doch eine hübsche Leistung! Sie wird aber völlig in Schatten gestellt durch lveitere zarte Bemerkungen