Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ar. 20 Wien. 13. Mai 1883. IX. Jahrs» ug Centrslorgan Kr die gestimmten Interessen des Iudenthums. R. k. Pofifxsrrsssensml Clraringverkrtzr Nr. 810.976. Lrdsrtiorr u. Administration: Wien 1. Lothrnthurmstratzr 39. — Eigenthümer: Reichsraths-Adgeordnetrr Dr. -- Erscheint leben Freitag. Man abomrirt bei allen ji Pvstanfislten!> de» In- und Auslandes. i! Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. : Einzelexemplare 25 Ir.!j Anzeigen: Die 4mal gespaltete! Petitzeile 12 kr.!> ts - £ Inhalt: Lei tartikek: Troppau und Proßnitz. — Vom antisemitischen Bruderkrieg. — Das Denkmal des Kindermordes. — Der neue Erzbischof von Westminster und die englischen Juden. — I. H. Weis;: Zur Geschichte der jüdischen Tradition. — Zur Geschichte der Juden in Wien. — General-Versammlung der„Oesterreichisch-Jsraelitischen Union". — Correspondenzen: Wien, 82. 6. W.SRiiab, Berlin, Karlsruhe, Paris, Dortmund, Warschau, Odessa, Moskau — Vermischtes: Wien, Brünn, Prag, Budapest, Galgoez, 82. G. W. Raab, Bozen,Proßnitz,Berlin, Paris.—Feuilleton: Ein deutsch nationaler Studentenstreich. — Literatur. — Wochenkalender. — Pnblicationen der israelitischen Cultusgemeinde. — Inserate. Troppau und Protznitz. Der Antisemitismus ist die logische und praktische Fortentwicklung des extremen Nationalismus. Bedürfte es nach den tausendfachen Erfahrungen des letzten Dezenniums noch eines Beweises für diesen Satz, so wäre ein solcher in dem bekannten Ausspruche des Abgeordneten Dr. Steinwender gegeben, daß der Antisemitismus zwar im Allgemeinen berechtigt sei, daß aber diese Waffe von den Deutschen in Oesterreich nicht überall in der gleichen Weise angewendet werden dürfe. Der Abgeordnete Steinwender hat den Weg vom Nationalismus zum Antisemitismus ebenso durchmessen, wie seinerzeit Herr Schönerer; nur ist der Elftere noch für gewisse taktische Einschränkungen und politische Vorbehalte, weil in ihm das nationale Gefühl dem Judenhasse noch die Waage hält. Deshalb tritt Herr Steinwender in Wien und in Niederösterreich, in Steiermark und Schlesien, kurz in allen jenen Ländern, wo die Deutschen auf die Mithilfe der Juden verzichten zu können meinen, offen für den Antisemitismus ein, während er von dem Gebrauche dieser Waffe in Mähren warnt, weil dort die Juden unentbehrliche Bundesgenossen der Deutschen im Kampfe gegen das slavische Element sind. Diese sonderbare Theorie des Abgeordneten Steinwender, welche die „deutsche Treu' und Redlichkeit" gar seltsam illustrirt, hat soeben bei den Gemeindewahlen in Troppau und in Proßnitz eine interessante Beleuchtung erfahren. In Troppau wie in ganz Westschlesien haben sich die Deutschnationalen längst an die Anweisung des Herrn Dr. Steinwender gehalten. Dort wurde der deutsche Liberalismus schon seit Jahren mit dem Antisemitismus auszutreiben gesucht. Schon vor zehn Jahren hat der Troppauer Advocat Dr. Hornig an der Spitze des dortigen deutschen Vereines die Fahne Schönerers erhoben und das Schlagwort vom „Jude nliberalismus" ausgegeben, während in ganz Westschlesien die Herren Türk und Kaiser die Judenhetze als Sturmbock gegen das liberale Regiment benutzten. L>o erlebte denn schließlich Herr Steinwender den Triumph, daß ein Gesinnungsgenosse das Reichsrathsmandat der Stadt Troppau, seine Parteigänger Dr. Rochowansky und Dr. Krommer das Amt eines Bürgerweisters und Vicebürgermeisters der schlesischen Landeshauptstadt erlangten. In Proßnitz aber hat sich die Kehrseite der Medaille gezeigt. Diese bedeutende mährische Stadt galt bisher als ein Bollwerk des Deutschthums, sie ist nach vierunddreißig Jahren deutscher Verwaltung wieder in den Händen der Tschechen. Allerdings ist die Bevölkerung dieser Stadt zu zwei Dritttheilen tschechisch und nur zu einem Theile deutsch; aber dieser eine Theil umfaßt die Besitzenden der Stadt und die ganze Entwicklung derselben, wie anderer Städte inmitten einer tschechischen Landbevölkerung war, durchaus eine deutsche. Bon Jahr zu Jahr wuchs daselbst die slavische Fluch, die Deutschen aber hielten mit zäher Ausdauer ihre Position fest und die zahlreichen jüdischen Wähler von Proßnitz standen mit seltener Selbstverleugnung und Aufopferung treu zu den Deutschen. Ja, mit Selbstverleugnung und Aufopferung, denn unter den leidenschaftlichen nationalen Kämpfen litten chre ge, chäftlichen Interessen in hohem Maße. Wer da weiß, wie sehr in unseren gemischtsprachigen Ländern der nationale Kampf sich auch auf das winhschaftliche Gebiet hinüberspielt, wie da langjährige Beziehungen gelöst, intime geschäftliche Verbindungen unterbrochen werden, wird die Gesinnungstüchtigkeit der Proßnitzer jüdischen Wähler erst nach ihrem vollen Werthe bemessen können. Die deutschen Arier in Proßnitz hielten sich nun freilich an die Theorie des Herrn Steinwender, sie unterdrückten aus politischer Klugheit etwaige antisemitische Neigungen. Diese Theorie aber gleicht einer Bombe, die mit Dynamit gefüllt ist und bei der cs gleichgiltig ist, wer die Zündschnur in Brand steckt. Der weise Herr Steinwender hat vergessen, daß eines Tages auch die Czechen sich dieser Bombe im Kampfe gegen das Deutschthum bedienen könnten. Wenn es den Troppauer deutschen C h auv ini ste n möglich war, mit Hilfe des Antisemitismus das deutsch-liberale Regiment in Schlesien in die Luft zu sprengen, warum sollte es den czechischen Chauvinisten in Proßnitz nicht möglich sein, denselben Effekt mit dem gleichen Sprengmittel zu erzielen? Die Wirkung des antisemitischen Dynamits bedeutet Vernichtung des Deutschthums in slavischen Gauen. Der kostbare Lehrsatz des Herrn Steinwender ist auch von den Czechen begriffen und verstanden worden. Dort, ivo sie die Juden brauchen, also in Prag, in Kolin, in Tabor, sind sie judenfreundlich, dort aber', wo ihnen die Juden als nationale Gegner gegenüberstanden, haben sie den Antisemitismus, als Sprengmaschine, als Dynamirbombe importier. Das„Deutsche Volksblatt" beschuldigt die Proßnitzer Juden, daß durch ihren Abfall die deutsche Sache unterlegen sei. Das ist nicht wahr; nicht die Juden haben die Deutschen, sondern die Deutschen haben die Juden im Stiche gelassen, indem sie beschlossen, sich der Wahl im ersten und zweiten Wahlkörper zu enthalten. Wäre aber auch die Behauptung des „Deutschen Volksblatt" richtig, wer könnte die Juden