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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-06 · 19 (6.5.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
19 (6.5.1892)
Date
1892-05-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19 Oestrrrrichifchr Wochenschrift Seite 331 Vorgängen den Schluß zu ziehen, daß die antisemitische Bewegung im absteigenden Laufe dahin fließe. Das wäre eine schlimme Täuschung. Der Antisemitismus hat zwei Quellen, die noch immer reichlich sprudeln: die mangelhafte volkswirthschaftliche Einsicht breiter Volksschichten und die fortschreitende Verschlechterung der socialen Lage des werkthätigen Volkes. Diese beiden Factoren werden den Antisemitismus immer wieder neu gebären, da es für den beschränkten Menschen so überaus bequem ist, einen Sündenbock zu haben, dem er die Schuld aufladen kann an Allem, was ihm nicht gefällt, an Allem, was ihn bedrückt und plagt. Daher auch die großen Erfolge der antisemitischen Bewegung in den rein ländlichen Bezirken, wie in einem Theile von Hessen und anderwärts. Der biedere, des eignen Denkens gänzlich entwöhnte Bauer ist reif für den Antisemitismus, sobald er in wirthschastliche Bedrängniß gerathen ist. Er weiß Nichts von den nationalökonomischen Gesetzen, nach welchen die wirthschaftlichen Vorgänge sich regeln, er weiß nur, daß es ihm schlecht geht, daß er trotz angestrengter Arbeit nicht dasjenige verdient, dessen er bedarf, um sein Leben zu fristen, um den Hypothekenzins zu zahlen und den Steuerexecutor zu »befriedigen — er kann nicht inehr ankämpfen gegen die Concurrenz des nach großcapitalistischen Grundsätzen bewirthschafteten Latifundienbesitzes und da unter seinen Gläubigern sich Juden befinden, glaubt er nur allzu gerne, daß diese an seiner Nothlage die Schuld tragen. Ganz ebenso verhält es sich mit dem Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden, die in der gleichen wirthschaftlichen Nothlage sich befinden, und ebenfalls ihren Ruin vor Augen sehen. Anders in der Großstadt! Hier gibt es keine wirkungsvollere Bekämpfung des Antisemitismus, als wenn die Antisemiten untereinander sich die Hälse abschneiden; daß an dieser Todesart schließlich diese Bewegung ersterben wird, ist nicht unwahrscheinlich. Die Gemeinheit und die Verleumdung sind die Kampfesmittel des Antisemitismus; es wäre aber nicht die echte Gemeinheit, wenn diese Waffen nicht unbedenklich auch gegen die eigenen Parteigenossen geführt werden sollten, und so räumen die Herren untereinander in „arischer Tugend"'auf und können wenigstens nicht behaupten, daß sie von Juden oder Judengenossen zu Falle gebracht worden sind. Ein zwiefaches Gefecht spielt sich in diesem Augenblick ab. Hern' Hermann Lucko, welcher der „Chesredacteur des deutsch-socialen Parteiblattes", des „Leipziger Tagesanzeigers", gewesen ist, rechnet in einer kleinen Schrift ab mit jenen ehrenwerthen Männern, die hinter dieser führenden Antisemitenzeitung stehen, und Hern: Rechtsanwalt Stein, der Herrn Rector Ahlwardt vor Gericht vertheidigte und der von sich rühmt, daß „er Jahre lang wohl der einzige Anwalt war, der sich offen zum Antisemitismus bekannte", er setzt sich desgleichen in einer Broschüre mit seinem früheren Clienten auseinander. Herr Lucko macht sich den zoologisch-b ilderreichen Ausspruch Su eigen: »Ich war der Esel, der sich körperlich und financiell für diese Schakale des Schlachtfeldes ruinirt hat —" und Herr Stein wirft Herrn Ahlwardt „Betrug", „verleumderische Beleidigiurg" und einige andere antisemitisch hervorragende Eigenschaften gleicher Art vor, während Herr Ahlwardt aussprengt, daß der Herr Rechtsanwalt Gelder unterschlägt und bestochen sei, — Behauptungen, die Jener durch Einreichllng seiner Handacten bei der zuständigen Behörde entkräften mußte. „Dieser Dank meines früheren Mandaten ist jedenfalls echt arisch!" so sagt Herr Stein. Diese Episode ist sehr schmerzlich für Herrn Ahlwardt, aber es läßt sich nun einmal nicht ändern. Er wird auch das zu ertragen wissen. Aus Patriotismus nimmt er alles auf sich, selbst die schmutzigsten Arbeiten. Er lügt und verleumdet, daß es eine Art hat und wo immer er den Juden Etwas am Zeuge flicken kann, thut er es von Herzen gerne. Ein toller Kerl, dieser Herr Ahlwardt. Er erzählt dem deutschen Volke gar schauerlich-schöne Märchen, bei denen die großen arischen Kinder das Gruseln lernen. Herr Ahlwardt spricht und schreibt den politischen Schauerroman. Er weiß Wunderdinge zu erzählen von der geheimnißvollen Macht des internationalen Judenthums. Dieses Judenthum strebt seine weltverderbenden Ziele mit der äußersten Rücksichtslosigkeit an. In Ahlwardt haßt es mit leidenschaftlichem Ungestüm seinen thatkräftigsten Gegner. Es haben sich Geheimkomites gebildet zur Bekämpfung der Ahlwärdt'schen Umtriebe. Diese Comites halten des Nachts (um die Geisterstunde?) in entlegenen Stadttheilen Berlins ihre Sitzungen ab. Dort werden Beschlüße gefaßt, von denen nie ein Sterbenswörtchen in die Qeffentlichkeit dringt. An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen — die vermaledeiten Juden nämlich, die den Herrn Rector, den teutfchesten aller teutschen Männer, unschädlich machen wollen. Die Zeugen, auf welche Ahlwardt sich zum Beweis für die Richtigkeit seiner schwerwiegenden Beschuldigungen wider das Judenthum zu berufen gedenkt, sterben alle eines gcheimnißvollen Todes. Dr. von Kalkstein — stürzt in einen Abgrund, der Portier des Herrn von Bleichröder stirbt am Schlagfluß — und so geht es weiter mit Grazie. Herr Ahlwardt legt uns die Bermuthung nahe, daß es bei diesen und anderen plötzlichen Todesfällen nicht niit natürlichen Dingen zugegangen sei. Denn groß ist die Macht und ungeheuerlich die Gewissenlosigkeit des internationalen Judenringes. Doch Ahlwardt wacht. Er schläft nie, er steht immer auf den Schanzen. Ueber eine Viertelmillion haben ihm die Juden (das Bankhaus Pariser, wie er sagt, obwohl es ein Bankhaus dieses Namens gar nicht gibt) . . . über eine Viertelmillion hat man ihm geboten, damit er seine Enthüllungen über Herrn von Bleichröder nicht veröffentliche — Ahlwardt aber, der getreue Ekkehard des deutschen Volkes, hat dm schnöden Mammon mit Entrüstung von sich gewiesen. Denn Ahlwardt ist ein Ehrenmann. Ern um so größerer Ehrenmann, als er das Geld sehr gut hätte gebrauchen können. Und zwar nicht nur zum Bezahlen seiner Schulden, sondern auch zum Einlösen der Wechsel, die er den ihm unterstelltm Lehrern und Lehrerinnen an Geldes statt zu geben pflegte, wenn er vorher in deren Namm ihr Viereljahresgehalt bei der städtischen Kasse erhobm hatte. Mit denselben Mitteln wie Ahlwardt arbeitet auch Karl Paasch. Auch er weiß ungeheuerliche Dinge zu enthüllen, bei denen den Antisemiten der Verstand stille stehen müßte, wenn sie als hfscheidene Leute sich diesm Luxus nicht gänzlich versagten. Auch ihm haben die Juden schon in lebensgefährlicher Weise nachgestellt — in China haben sie ihn sogar vergiften wollen, weil er mit Enthüllungen drohte über das Gebühren des dortigen deutschen Gesandten Herrn von Brandt, den er als Judensprößling in einem dickleibigen, der Confiscation anheimgefallenen Buche brandmarkte. Herr Karl Paasch, ein Mann, der über reichliche Geldmittel verfügt, war für die Antisemiten ein willkommener Helfershelfer. Nicht nur Ahlwardt braucht Geld, sondern auch die gesammte antisemitische Bewegung bedarf sehr eines Mannes, der sie finanzirt. Dieser „opferwillige" Mann scheint Herr Paasch zu sein. Seit er in die Bewegung eingetreten, raucht der Schornstein wieder. Vielleicht ist er der große Unbekannte, dessen Lob seinerzeit Herr Liebermann von Sonnenberg in einer Berliner Versammlung gesungen hat, indem er die erfteuliche Thatsache constatirte, daß sich ein wohlhabender Gönner geflinden habe, der ausreichende Geldmittel für die Partei zur Verfügung stelle. Und Karl Paasch ist nicht Hermann Ahlwardt. Er legt bei der Agitation Geld zu, während bei Ahlwardt der Krieg den Krieg ernähren muß. Der ehemalige Rector ist in die Harlekinsjacke des Generals Boulanger geschlüpft. Er machte so lange von sich reden, bis schließlich sein Name in aller Leute Mund war. Nun kam der Erfolg. Seine Schriften gingen in großen Auftagen ab und brachten ihm bedeutende Honorare ein. Die Herausgeber von Schauerromanen machen mitunter glänzende Geschäfte. Doch die Geriebenheit Ahlwardt's blieb hierbei nicht stehen. Er betonte bei jeder passenden und nicht passenden Ge-

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