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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-06 · 19 (6.5.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
19 (6.5.1892)
Date
1892-05-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 330 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 19 Es bestehen bekanntermaßen zwei große Börsengrnppen, eine Rothschild- und eine Gegengruppe, wovon erstere aus dem S. M. von R., der Bodencredit- und der österr. Credit-Anstalt besteht, letztere aus Länderbank, Bankverein u. s. w. Namenüich jetzt wo ein so großes „Geschäft" wie die Balutaregulirung bevorsteht, bekämpfen sich diese beiden Gruppen auf's furchtbarste. Und als solches „Kampfblatt" der Länderbankgruppe gegen Rothschild gilt nunmehr unser „Bolksblatt". Die vollkommen jüdische Länderstank bedient sich des „Volksblattes" und Vergani hat noch die Frechheit, sich resp. sein Blatt antisemitisch zu nennen. Vielleicht bieten Ihnen vorliegende Zeilen einiges Interesse. Meine Stellung rc. verbietet mir meinen Namen zu nennen, was ja diesfalls auch gar nicht nöthig ist. Mit unverfälscht deutschnationalem Gruß und Handschlag A. P. „Da uns der anonyme Briefschreiber nichts Näheres über dieses zwischen dem „Deutschen Volksblatt" und der Landerblink bestehende Verhältniß mittheilt, so bitten wir Gesinnungsgenossen, welche in der Lage wären uns diesbezüglich Aufschluß zu geben, um Mittheilungen." Soweit die neuesten Enunciationen des Herm Georg Schönerer über den „Anticorruptionisten" Ernst Vergani, *- wekhe dieser mit Schweigen beantwortet. Au» der deutschen Reichs- Hauptstadt. Groß' Leid ist den Antisemiten widerfahren. Sie rasen förmlich und wüthen. Zuerst hat der Professor Adolf Wagner den Herrschaften eine wahre Herzkränkung zugefügt. Besagter Professor stand eine Zeit lang mit den Antisemiten in Verbindung — „er ging mit ihnen," wie das Volk spricht, wmn es ein nicht ganz lauteres Verhältniß im Auge hat — und es hatte vorübergehend den Anschein, als ob der Einfluß des gelehrten, aber auch ehrgeizigen Volkswirthschasters im Stande ryäre, der antisemitischen Bewegung eine wissenschaftliche Vertiefung zu geben. Das war freilich ein großer Jrrthum. Ein echter teutscher Mann will nicht denken, sondern schimpfen. Und so kam es denn, daß das Verhältniß des Professors Wagner zu Stöcker und Consorten ohne Folgen blieb. An dem Herm Professor lag es freilich nicht. Er hatte sein ganzes Mannesvermögen aufgeboten, die jüngste politische Bewegung Deutschlands wissenschaftlich zu befruchten, aber erfolglos. Das geht oft so, wenn ein Mann sich mtt einer Dirne einläßt. Da ist Hopfen und Malz verloren. Schließlich ekett den Mann — selbst wenn er von Haus aus gar nichr einmal besonders feinfühlend ist — ein derartiges Verhältniß an. Dann kommt es zum Bruch. So, auch in unserem Falle. Professor Wagner hat der antisemitischen Dime den Laufpaß gegeben — ben Laufpaß und obendrein einen Fußtritt — ganz wie sich's gehörte. In öffentlicher Versammlung hat er es ausgesprochen, daß mit dem bloßen Schimpfen auf die Juden und mit der öden Deutschchümelei noch gar nichts gethan, daß es einer großen Nation unwürdig sei, einen verschwindend kleinen Bruchtheil der Bevölkemng verantwortlich zu machen für die sozialen Mißstände, die auf andere Ursachen zurückzuführen sind, als auf das Judenthum und die fogmannten geheimen Umtriebe der Alliance israßlite. Es ist in der That schmerzlich, wenn der antisemitische Professor bekmnen muß: „Wenn die Juden häufig weiter kommen, so müssen wir dabei anerkennen, daß sie sehr viel Intelligenz, sehr viel Fleiß, sehr viel Nachdenken und sehr viel Emsigkeit entwickeln. Es ist einfach nicht wahr, daß wenn die Juden hoch kommen, es wesentlich schlechte Mittel sind, die chnm dazu verhelfen." „Man wird mitden Juden rechnen müssen als mit einem Faktor unseres Volkslebens, den man nicht einfach auSscheiden kann, und wenn sich Mißstände zeigen, wird man sie mit allgemeinen Gesetzen bekämpfen müssen." Eine besondere Gelehrsamkeit gehört nun gerade nicht dazu, um hinter diese Wahrheit zu kommen. Aber es macht doch mehr Eindruck, wenn ein studirter Mann uns versichert, daß zwei mal zwei vier ist, als wenn der erste beste Tropf diese Behauptung aufftellt. Ueber deffen Ausspruch mußten sie sich wenigstens ärgern, das erforderte schon der bloße Anstand — d. h. jener geringe Rest von Anstandsgefühl, dessen ein waschechter Antisemit überhaupt noch fähig ist. In der antisemitischen Presse, deren Macher, soweit sie ehrlich sind, sich über die brutalen Instinkte und beschränkten Anschauungen 8er hinter ihnen stehenden „Massen" in keiner Weise erheben, in dieser merkwürdig niedrig stehenden Presse kommt der Aerger der Antisemiten über das Vorgehen des Prof. Wagner klar zum Ausdruck. Aber auch Diejenigen unter den Antisemiten, welche über ein größeres Ausmaß von Intelligenz und Bildung verfügen, als dasjenige ist, dessen der Redacteur eines antisemitischen Hetzblättchens zu seiner volksbeglückenden Thätigkeit bedarf — auch sie sind mit Professor Wagner durchaus unzufrieden. Die Leutchen kennen nämlich den Herrn Professor und wissen, daß derselbe nimmer die Vermessenheit haben würde, so überraschend plötzlich die Behauptung aufzustellen, daß zwei mal zwei vier oder daß der Antisemitismus verächtlich und eines deutschen Mannes unwürdig sei,' wenn er nicht ganz genau wüßte, daß diese Wahrheiten an ausschlaggebender Stelle gebilligt würden. Nach seinem Vorgehen war daher zu erwarten, daß binnen Kurzem noch andere Leute den Antisemiten ihre Absage schreiben würden. Diese Befürchtung, der sich die wenigen hellen Köpfe in der antisemitischen Partei schon damals Hingaben, hat inzwischen ihre Verwirklichung erfahren. Nach dem Professor Wagner kam die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", welche wieder Regierungsorgan geworden ist. Auch sie jft von dem Antisemitismus, dem sie früher mehr oder weniger offenkundig gehuldigt hat, zur Zeit nicht sonderlich erbaut. Besonders bezeichnend ist der Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen". Der Chefredacteur dieses Blattes, der ehemalige Jnsurgentenhäuptling Herr Pindter, hat sich bekanntlich zur Zeit des Fürsten Bismarck, unter den bildenden Einwirkungen der aus der Futterkrippe des Welfenfonds geschöpften „besseren Ueberzeugung", als hervorragender staatserhaltender Factor bestens bewährt; später aber, als den Händen seines früheren Futtermeisters die G walt und der Dispositionssond entfielen, hat derselbe Herr Pindter dem Fürsten nicht nur den Gehorsam verweigert, sondern ihn gelegentlich sogar in die Waden gebissen. Daß dieser hochachtbare Vertreter des deutschen Preßwesens auch dem Antisemitismus vorübergehend eine gute Seite abzugewinnen wußte, solange wenigstens, als es den Anschein hatte, als ob einer seiner Hauptvertreter bei Hofe wohlgelitten sei, ist leicht erklärlich. Und wenn nun auch Herr Pindter, dem man nachsagt, daß er stets ganz genau wisse, aus welchem Loche der Wind pfeift, wenn auch er nunmehr von dem Wechselbalg Antisemitismus sich mit Ekel abwendet, so ist das gewiß recht bezeichnend. Die Absage hatte Hand und Fuß. Zähneknirschend haben die beiden führenden Organe des Antisemitismus, die „Staatsbürger-Zeitung" in Berlin und die „Neue Deutsche Zeitung" in Leipzig öffentlich über die heilsame Züchtigung quittirt, die ihnen da zutheil geworden. In der Provinz hat es ebenfalls, nachdem die „Norddeutsche Allgemeineu Zeitung" den ersten Anstoß zur Verleugnung des antisemitischen Treibens gegeben, an Zeitungen konservativer Richtung nicht gefehlt, welche sich beeilten, auch chrerseits mit einer Lehre zu brechen, die an der ausschlaggebenden Stelle nicht mehr beliebt zu sein scheint. Ueberschwängliche Optimisten könnten sich versucht fühlen, aus diesen

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